Das Glück von Frau Pfeiffer

Roman
 
 
Piper (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 1. August 2018
  • |
  • 212 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-492-99024-0 (ISBN)
 
Lee und Bruno werden erwartet. Sie sind auf dem Weg zu Frau Pfeiffer: Lee, die frisch geschiedene Amateur-Anthropologin, und Bruno mit seiner Zeichenmappe unter dem Arm. Nach Jahren der Funkstille haben sich die zwei einst unzertrennlichen Freunde in London wiedergetroffen. Und nun hat Frau Pfeiffer ein abenteuerliches Anliegen, dem sich die beiden nicht verschließen können.
Warmherzig, skurril und eigensinnig - ein großartiger Roman über sechs Großstadtneurotiker, eine uralte Dame und zwei Leichen im Keller.
  • Deutsch
  • München
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  • Deutschland
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  • 0,73 MB
978-3-492-99024-0 (9783492990240)
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Husch Josten, geboren 1969, studierte Geschichte und Staatsrecht in Köln und Paris. Sie volontierte und arbeitete als Journalistin in beiden Städten, bis sie Mitte der 2000er-Jahre nach London zog, wo sie als Autorin für Tageszeitungen und Magazine tätig war. 2011 debütierte sie mit dem Roman »In Sachen Joseph«, der für den Aspekte-Literaturpreis nominiert wurde. 2012 legte sie den vielgelobten Nachfolger »Das Glück von Frau Pfeiffer« vor und 2013 den Geschichtenband »Fragen Sie nach Fritz«. 2014 erschien »Der tadellose Herr Taft« sowie zuletzt die Romane »Hier sind Drachen« (2017) und »Land sehen« (August 2018) im Berlin Verlag. Husch Josten lebt heute wieder in Köln.

1

Lee hörte mit. Wann sie genug davon haben würde, konnte sie nicht sagen. Wenn es soweit war, würde das Wissen darum so unerwartet vor ihr stehen wie zwei Wochen zuvor die Gewissheit, dass sie den Telefongesprächen der Passanten zuhören, nein: dass sie sie genau anhören und mitschreiben, dass sie sie verstehen musste. Ein Viertel des Notizbuchs war bereits gefüllt, wenn auch die letzte Seite beschrieben war, dann - vielleicht - würde es reichen, wäre genug gehört. Hiernach würde sie das Babel an Themen und Stimmen, Gesprächsfetzen und Notationen - gleichsam alles -, zu einem einzigen, gewaltigen, irrwitzigen Straßengespräch zusammenfügen. Zu einer Denkschrift dramaturgischer Einseitigkeit, zu einer Geschichte ohne Gegenseite, zum ersten wirklichen TelefonBuch, entstanden einer beiläufigen Radiomeldung wegen, die für Lee buchstäblich der Tropfen auf den heißen Stein gewesen war: Hunderttausende uralter, bedeutender Felsbilder in Australien seien aufgrund neuer Erdgasfunde in Gefahr, hatte der BBC-Reporter erklärt. Verschiedene Energieunternehmen hätten sich daran gemacht, die Petroglyphen von Murujuga, auch Bibel der Aborigines genannt, zu zerstören. Sicher ., schlug der Reporter nachfolgend einen erstaunlichen Haken, die Welt brauche Energie, schließlich wolle niemand auf seine Heizung verzichten. Man denke nur an den steigenden Bedarf in Asien und die unzuverlässige Lage im Nahen Osten. Doch wir müssen unsere Gewohnheiten überdenken. Der lapidare Schluss hatte den Ausschlag gegeben: So konnte es nicht weitergehen, erkannte Lee. Nicht mit Murujuga in Australien. Nicht mit Reportern und ihren Allgemeinplätzen. Nicht mit den Menschen und ihren Gewohnheiten. Nicht mit den vielen alltäglichen, kaum bedachten Geschehnissen, die eben doch bedenkenswert waren, wenn man erst anfing, sich wirklich mit ihnen zu beschäftigen.

Die Oktobersonne schien fahl und wärmte ihre Füße, dort, auf der Terrasse von Tom's Deli, wo Lee seit vierzehn Tagen nach Redaktionsschluss saß und zuhörte. Das Cafe lag an der Westbourne Grove, in ihrer Nachbarschaft, und war zu jeder Tageszeit gut besucht. Morgens gab es englisches Frühstück mit Pfannkuchen, Würstchen und Red Beans. Mittags Pizza, Cottage Pie und Quiches. Nachmittags neben dreißig verschiedenen Teesorten Kressesandwiches, Tartes und warmen Schokoladenpudding. In dem kaum acht Quadratmeter großen Eingangs- und Verkaufsraum mit Stuckdecke, schwerer Eichenholztheke und Deckenventilator, erkannten die Kellnerinnen ohne weiteres, wer einen der zehn Tische im Hinterzimmer oder lediglich Kuchen zum Mitnehmen wünschte. Sie balancierten schaumweiße Milchkaffees, verteilten gestreifte Lutscher an wartende Kinder und stießen sich regelmäßig die Hüften an den roten Kunstlederbänken, die Tom, nach dem das Cafe benannt war und den es nicht gab, Jahre zuvor am anderen Ende der Stadt aus alten U-Bahnbeständen ersteigert hatte. Wie immer trank Lee schwarzen Kaffee und aß nichts. Ihr Notizbuch lag vor ihr auf dem blauen Keramiktisch, offen, bereit, damit ihr nichts entging von dem, was die Menschen auf der Straße in ihre Telefone sprachen. Sie schrieb alles mit, blendete nichts aus, versäumte nichts, seit mit der Murujuga-Geschichte im Radio - Wir müssen unsere Gewohnheiten überdenken - das Gerede furchterregend wie ein Fallbeil in ihr Bewusstsein gestürzt und nun nicht mehr zu ignorieren war. Worte. Überall Worte. Phrasen. Bekenntnisse. Offenbarungen. Informationsaustausch. Ich bin's an jeder zweiten Straßenecke. Aber wer wusste schon noch, wer er war, wenn er redete und redete und sich nicht mehr die Zeit nahm, darüber nachzudenken, was ohnehin schon als Lebensaufgabe bezeichnet werden musste? Das Projekt, an dem Lee jetzt arbeitete, hatte im Moment des fallenden Beils deutlich vor ihrem geistigen Auge gestanden; in diesem seltenen, kostbaren Moment von bestechender Klarheit und Sehkraft. Es musste dokumentiert werden. Alles. So wenig der Reporter im Radio und seine Zuhörer tatsächlich Gewohnheiten überdenken würden, so schlicht würde Lee Gewohnheiten festhalten, bleibend, fassbar machen.

Sie schrieb die Sätze so achtlos hintereinander wie sie fielen, so schnell sie gesagt waren und ungeachtet der Menschen, die sie sprachen. Sie schaute kaum mehr auf dabei, weil es zu sehr ablenkte, registrierte lieber Stimmlage und Lautstärke und beschäftigte sich intensiver nur mit ihren ahnungslosen Probanden - fünf Stammgästen bei Tom's, die sich durch besonders beträchtliches Mobilgesprächsvolumen für ihr Projekt qualifiziert hatten. Einer von ihnen lehnte am Tresen: Miles Costello. Er war jeden Tag da, immer allein, sprach nur mit den Kellnerinnen und telefonierte ansonsten mit temperamentloser, halbdunkler Stimme. Hör zu, Eve, wiederholte er in seinen Apparat. Er trug Jeans und gelbe Turnschuhe, einen schwarzen Rollkragenpullover und, wie gewöhnlich, Hut und Sonnenbrille, hinter der die Haut seiner linken Gesichtshälfte vernarbt und fleischig lila war. Hör zu, Eve, hör doch zu. Weiter sagte er nichts. Eve wollte offenbar auch heute nicht zuhören, und Lee malte sich aus, wie er reagieren würde, spränge sie auf, um ihm sein Telefon vom Ohr zu reißen und ihm zu sagen, dass womöglich er endlich zuhören solle. Stattdessen klappte sie ihr Notizbuch zu und packte es in die Handtasche. Siebenundfünfzig Seiten waren es inzwischen. Siebenundfünfzig Seiten Alles und Nichts. Die Passanten schmissen Lee ihre Leben vor die Füße. Name, Adresse, Familienstand, Pläne, Liebesleben, Arbeitsverhältnis, Kontobewegungen, Gesundheitszustand. Sie ließen nichts aus. Sie nahmen nicht wahr, dass ihnen zugehört wurde. Sie vertrauten auf die Diskretion der Masse.

Der Abend schimmerte, zog die Menschen auf die Straßen und trug den Geruch des Winters in sich. Zwei Jahre war Bruno fort gewesen, so lang wie nie zuvor. Dass er gerade jetzt anreiste, war nur ein Zufall - er hielt nichts von großen Gesten. Trotzdem war Lee gerade jetzt für sein Kommen besonders dankbar. Es war Zeit, aufzubrechen und ihn abzuholen. Sie zog den Schal enger um ihre Schultern, suchte das Portemonnaie in ihrer Tasche. Da hörte sie plötzlich eine ungewöhnliche, eine alte, behäbige, raue Stimme. Sie blickte auf und legte sogleich, möglichst unauffällig, statt des Geldes Stift und Notizbuch wieder auf den Tisch. »Ich bin's.« Vor ihr auf dem Bürgersteig, so nah, dass sie ihre Tischplatte hätte berühren können, stand eine dicke Frau um die sechzig mit grauem, zum Knoten aufgestecktem Haar und derbem Gesicht. Sie trug ein hellblaues Kleid mit tiefroten Blumen, ein Basttäschchen aus einer lange vergangenen Ära über ihrem fleischigen Handgelenk, dunkle, ausgetretene Gesundheitsschuhe und an ihrem Ohr einen neuglänzenden Apparat, der dünn wie Esspapier in ihrer Hand lag. »Genau. Ich bin's«, sagte sie mürrisch, »Emma. Ich habe es mir überlegt: Ich mache es. (.) Nein, nein. Du hast schon Recht. Ich packe nachher meine Tasche und dann gehe ich. Frau Fizer wird es vermutlich nicht bemerken. Sie liegt im Bett wie immer und wird irgendwann nach mir schreien wie immer. (.) Ja, das ist korrekt. Siebenundfünfzig Jahre sind wahrhaftig genug. Ich habe auch noch den Rest von meinem Leben, und sie wird mit ihren hundert Jahren schon irgendwie zurechtkommen. (.) Ach, nein, mach dir keine Mühe. Ich werde höchstens zwei, drei Tage bei dir bleiben. Dann reise ich weiter, danke.« Damit verschwand sie um die Ecke. Und Minuten später, Zeit, in der Lee überlegte und rechnete, was siebenundfünfzig Jahre bedeuteten, verstand sie, was sie da eigentlich gehört hatte.

Bruno kam mit dem Heathrow Express an der Paddington Station an. Dort, auf dem Bahnsteig, kam es ihm vor, als hätte er Lee am Vortag statt zwei Jahre zuvor zuletzt gesehen. Ihr Gesicht warm, ausgewogen, verlässlich, während sie winkte und ihm entgegenlief. Sie war nicht schön auf den ersten Blick, mehr bewegend. Jemand, den man gern betrachtete, was derjenige auch tun mochte, in dessen Zügen es immer Neues zu entdecken gab. Die weit auseinander stehenden Augen, Brauen, die nicht ganz auf einer Höhe lagen, die Unebenheit auf dem Nasenrücken, winzig, merkwürdig. Ihre langen, dunkelbraunen Haare waren in unerklärlicher Weise, jedenfalls ohne erkennbare Klammern, aufgesteckt. Die Gestalt hager und gehüllt in ein knielanges, raffiniert gewickeltes Kleid aus hellgrauem Jerseystoff, darüber ein schwarzer Schal. Dann stand sie vor ihm. Ihre Augen tiefbraun, aufmerksam und noch unerlöster als früher. Ihre Haut so lächerlich makellos, dass er sich zwanzig Jahre zurück nach Kent ins Sommercamp versetzt fühlte. »Du denkst zu viel«, hatte er sie damals nach dem Mittagessen angesprochen - sie, das einzig vernünftige weibliche Wesen dieser Altersklasse. »Geht das?« hatte sie mit Verachtung entgegnet und ihn stehen lassen. Sie waren beide fünfzehn Jahre alt gewesen, es war der dritte Tag ihrer Ferien; von da an hatten sie die Tennisturniere, Theaterabende und Kunst-Workshops den anderen überlassen, am See gesessen und geredet. Über Sex in erster Linie; ihn hatte die weibliche Perspektive interessiert. Über ihre Mitschüler, die ihn derweil in allen Variationen im nahe gelegenen Wald praktizierten. Über Brunos esoterische Adoptiveltern Hope und Carl Hornyak, Psychotherapeuten in London mit einer amüsanten Kolumne im Tatler-Magazine und einer Menge prominenter Kunden. Über Lees funktionstüchtige, aus Amerika eingewanderte Familie, die Curtins, für die die Welt so lange in Ordnung war, wie sie an ihr verdienen konnte oder von ihr gebraucht wurde - in beiden Fällen ging es darum, über eben diese Welt nicht nachdenken zu müssen....

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