Positive Therapie

Grundlagen und psychologische Praxis
 
 
Klett-Cotta (Verlag)
1. Auflage | erschienen am 1. Oktober 2011 | 215 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-608-10204-8 (ISBN)
 
Niemand ist ausschließlich krank. Jeder Klient in der Psychotherapie hat seine Stärken, verfügt auch über positive Erfahrungen und Ressourcen. Diese aufzuspüren, systematisch zu fördern und weiterzuentwickeln, ist Ziel der Positiven Therapie. Indem positive Erfahrungen und Selbstzuschreibungen gestärkt und gefestigt werden, können Symptome und Störungen zurücktreten und werden im besten Fall überflüssig.

Dieses innovative Buch
- zeigt, was die theoretischen Erkenntisse aus der Positiven Psychologie für die konkrete Praxisarbeit bedeuten;
- informiert über alle Indikationen und Anwendungsmöglichkeiten, auch bei traumatisierten Patienten;
- macht durch Beispiele plausibel, wie sich Therapien mit dem neuen Ansatz verkürzen können.

Die Positive Therapie bereichert und ergänzt jede Therapieform.
Neurowissenschaftliche Forschungen belegen den Nutzen der Positiven Therapie.

Zielgruppe:

- PsychotherapeutInnen aller Schulen
- beratende PsychologInnen
- SozialarbeiterInnen
- Coaches
weitere Ausgaben werden ermittelt
Stephen Joseph ist Professor für Psychologie an der Universität von Nottingham, England. Sein Forschungsschwerpunkt: Die Verarbeitungsmöglichkeiten von traumatischen Erfahrungen.
P. Alex Linley ist Dozent im Fach Psychologie an der Universität von Leicester, England.

Prof. Dr. med. Luise Reddemann ist Nervenärztin und Psychoanalytikerin.
Seit gut 30 Jahren beschäftigt sie sich intensiv mit Trauma und Traumafolgestörungen. Von 1985 bis 2003 war sie Leiterin der Klinik für Psychotherapie und psychosomatische Medizin des Ev. Johannes-Krankenhauses in Bielefeld und entwickelte dort ein Konzept zur Behandlung von Menschen mit komplexen Traumafolgestörungen, die 'Psychodynamisch imaginative Traumatherapie' (PITT).
Luise Reddemann führt zahlreiche Fort- und Weiterbildungsveranstaltungen durch. Im Rahmen ihrer Honorarprofessur an der Universität Klagenfurt für medizinische Psychologie und Psychotraumatologie widmet sie sich den Arbeitsschwerpunkten Resilienz sowie Folgen von kollektiven Traumatisierungen.
Luise Reddemann war Mitglied im Weiterbildungsausschuss der Deutschen Akademie für Psychotraumatologie, im Wissenschaftlichen Beirat der Lindauer Psychotherapiewochen und in der wissenschaftlichen Leitung der Psychotherapietage NRW.
Luise Reddemanns Bücher und CDs im Verlag Klett-Cotta haben auch bei Betroffenen weite Verbreitung gefunden und vielen Menschen geholfen, mit einer traumatischen Erfahrung besser fertig zu werden.
Inhalt
Vorwort zur deutschen Ausgabe von Luise Reddemann.   9

Vorwort 11

Dank. 12

1. Einführung: Die Bewegung der Positiven Psychologie 13

Eine kurze Geschichte der Positiven Psychologie   13

Was ist Positive Psychologie?  . 17

Angewandte Positive Psychologie  . 19

Der Aufbau dieses Buches. 21 Unser persönlicher Blickwinkel 27

2. Vorannahmen und Wertvorstellungen der Positiven Psychologie 30

Therapie als Kunst und als Wissenschaft 32

Grundannahmen   33

Martin Seligman und die Positive Psychologie 37

Karen Horney und das sittliche Erfordernis der Evolution. 39

Carl Rogers und die Aktualisierungstendenz   40

Das Konzept der Aktualisierungstendenz als   Grundannahme zum Wesen des Menschen    43

Der Klient als bester Experte in eigener Sache 44

Kritik am medizinischen Krankheitsmodell   46

Was ist Wohlbefinden?   48

Praktische Folgerungen aus der Unterscheidung von subjektivem und psychischem Wohlbefinden 51

Die Positive Psychologie und das Wesen der Erkenntnis. 55

Zusammenfassung. 57

3. Organismischer Bewertungsprozess und personzentrierte Theorien 59

Carl Rogers und der personzentrierte Ansatz 60

Die personzentrierte Persönlichkeitstheorie 63

Der organismische Bewertungsprozess 72

Der personzentrierte Ansatz heute   74

Empirische Befunde der Positiven Psychologie. 75

Affinitäten zwischen Positiver Psychologie und dem personzentrierten Ansatz. 78

Kritik am personzentrierten Ansatz   83

Zusammenfassung. 86

4. Klientenzentrierte Therapie und Positive Therapie 88

Sechs notwendige und hinreichende Bedingungen 89

Die Evidenzbasis. 94

Klientenzentrierte Therapie und Positive Psychologie. 97

Die Familie der personzentrierten Therapien  . 102

Positive Therapien   104

Existenzielle Psychotherapie. 105

Zusammenfassung. 107

5.    Therapeutischer Prozess und Techniken der Positiven Psychologie 109

Die Verwendung von Tests und Messverfahren. 110

Prozessorientierung 116

Zusammenfassung. 130

6.    Der Weg von der Psychopathologie zum Wohlbefinden   133

Integration von positiven und negativen Aspekten   134

Ein personzentriertes Modell der Psychopathologie. 135

Psychopathologie neu definieren: Eine Positive Psychologie

der psychischen Gesundheit. 139

Positive Therapie und positive klinische Psychologie 143

Der Anwendungsbereich des Ansatzes einer

Positiven Therapie 148

Forschung   150

Wohlbefinden messen 153

Zusammenfassung. 156

7. Verarbeitung bedrohlicher Situationen: Ein Modell aus Sicht der Positiven Psychologie 158

Inneres Wachstum nach traumatischen Erfahrungen und in widrigen Umständen 159

Organismischer Bewertungsprozess und Wachstum an Diskrepanzen 167

Drei kognitive Resultate 171

Förderung des Wachstums durch Diskrepanz 172

Zusammenfassung. 177

8. Folgerungen: Reflexion, politischer Kontext, Ausblick 179

Transformation der Person versus soziale Anpassung. 180

Politisierung der Psychotherapie. 182

Kultur und Materialismus. 186

Therapie und Moral 187

Reflexion der Praxis 189

Zusammenfassung. 190

Literatur 192
Vorwort zur deutschen Ausgabe

Luise Reddemann

Stichworte wie Positive Psychologie und Positive Therapie sind
Reizworte, da sie häufig mit dem Begriff Positives Denken vermischt
werden. Die Positive Psychologieforschung bemüht sich mit
wissenschaftlichen Mitteln zu zeigen, dass Menschen nach persönlicher
Zufriedenheit und nach Glück streben und auch in der Lage sind, dies zu
erreichen. Das Streben nach Glück ist in der amerikanischen Verfassung
als sinnvoller Wert verankert. Bei diesem Bemühen geht es nicht nur, wie
Freud meinte, um Arbeit und Liebe und Akzeptanz 'allgemeinen Elends',
sondern um das Erkennen dessen, was bereits geholfen hat, ein 'gutes
Leben' zu führen. Menschen streben nach dem Verständnis der Positiven
Psychologie ganz im Sinne von Aristoteles nach Glück, welches durch
Pflege von 'Tugenden' erreicht werden könne. Auch bei diesem Gedanken
steht Aristoteles Pate.

Glücksempfinden wird als authentisch angesehen und nicht nur als Abwehr.

Das Credo der Positiven Psychologie ist nicht neu. Linley und Joseph
stellen in ihrem Buch vor allem Verbindungen zu Carl Rogers her, zu
dessen grundsätzlichen Zielen es gehörte, Menschen dabei behilflich zu
sein, ein 'gutes Leben' zu führen. Dies gelinge nicht in erster Linie
durch die Beschäftigung mit Problemen, sondern dadurch, dass bereits
vorhandene Möglichkeiten, u. a. auch Charakterstärken,   erkannt werden.


Der Ansatz der Positiven Psychologie wird häufig deshalb angegriffen,
weil dort angeblich das Schwere und Leidvolle ausgeklammert bleibe.
Manch amerikanischer Autor mag zu diesem Missverständnis beigetragen
haben, für Joseph und Linley, beide Engländer, gilt das keinesfalls. Sie
werden nicht müde hervorzuheben, dass es ihnen sowohl um die
Anerkennung des Leidens der Klienten geht wie auch um die Suche nach
deren Stärken und deren Wachstumspotential.

Die beiden Autoren beziehen sich auf frühe Quellen einer
wachstumsorientierten Psychotherapie, vor allem eben Carl Rogers - ein
Autor, der in den deutschen mainstream-Richtungen sicher sträflich
übersehen wurde.

Patienten bringen in die Therapie immer auch Stärken mit, meint Bruce
Wampold (2010). Sie haben zwar in manchen Bereichen Schwierigkeiten,
sind aber durchaus auf anderen Gebieten erfolgreich. 'Sogar die
Klienten, die am meisten belastet und benachteiligt sind, nutzen ihre
Stärken, um ihr Leben zu managen, obwohl sie unter Bedingungen leben,
über die die meisten von uns erschrecken würden.' Und Wampold fährt
fort, es scheine ihm, dass die Kräfte der psychiatrischen Einrichtungen
konspirativ zusammenarbeiten würden, um die Stärken der Klienten in der
Therapie nicht zu nutzen. Er fordert eine 'Neuorientierung der
Therapeuten weg von der Fokussierung auf Symptome und Belastungen hin zu
den Stärken der Klienten'. (Übersetzung L. R.)

Joseph und Linley gehen davon aus, dass eine wesentliche
therapeutische Aufgabe darin besteht, Klienten (wieder) in Verbindung
mit ihrem Selbstwirksamkeitsgefühl, ihren Stärken und ihrer inneren
Weisheit zu bringen. Eine Voraussetzung dafür ist, dass wir unser
Menschenbild überprüfen. Gehen wir von einem Menschenbild aus, das uns
erlaubt, auch beschädigte Menschen als im Wesenskern unbeschädigt sehen
zu können, ausgestattet mit Stärken und einem Willen zu wachsen,
verfügen wir über eine Grundlage, uns für Ressourcen zu interessieren
und uns nicht als einzige Experten des Therapieprozesses zu sehen.

Man kann also die Erkundung von Resilienz und Ressourcen nutzen, um
hieraus (noch mehr) Kräfte für die Überwindung von Schwierigkeiten zu
gewinnen.

Den Autoren geht es um die Förderung persönlichen Wachstums und nicht um
die Förderung sozialer Anpassung. Dazu setzen sie das aus altem Eisen
neu geschmiedete Instrument der Positiven Psychologie ein. Da die
Positive Psychologie forschungsbasiert ist, erscheint es mir als Gewinn,
diesen Ansatz neben anderen therapeutisch zu nutzen.

Vorwort

Die Positive Psychologie ist eine neue Bewegung innerhalb der
Psychologie, die den Blick auf die positiven Seiten der menschlichen
Erfahrung lenkt und zu verstehen versucht, was das Leben lebenswert
macht und wie sich seine dunklen Aspekte von Psychopathologie und
psychischem Leid lindern und beheben lassen. Wir haben uns in diesem
Buch zum Ziel gesetzt, die Relevanz der Positiven Psychologie für die
Psychotherapie zu erkunden. Wir wollen wissen, was die Positive
Psychologie zu der Vorstellung beizutragen hat, die wir uns von unserer
psychotherapeutischen Arbeit machen. Die Idee einer Positiven Therapie
ist für alle von Interesse, die im Berufsfeld der Psychologie tätig
sind, ob nun in der klinischen Psychologie, in der Psychotherapie, in
der psychologischen Beratung, im Coaching, in der Gesundheitspsychologie
und anderen Sektoren des Gesundheitswesens oder in der Sozialarbeit.
Unser Buch richtet sich an alle, die Menschen psychologische
Unterstützung anbieten. Bislang haben wir nur einige kurze Beiträge zum
Thema Positive Therapie veröffentlicht. Die Einladung, dieses Buch zu
schreiben, gibt uns nun die Möglichkeit, unsere Ideen detaillierter
auszuarbeiten und sie in ausführlicherer Form vorzustellen. Die Gedanken
dieses Buchs sind unsere Leidenschaft, und wir hoffen, dass auch Sie
sich dafür begeistern können.

Stephen Joseph

P. Alex Linley Warwick, August 2005

Dank

Unser Dank gilt Carol Kauffman und Richard Worsley für ihre
Unterstützung und ihre hilfreichen Ratschläge und Hinweise. Auch die
Gespräche mit Tom Patterson über die Theorie der personzentrierten
Therapie und der Positiven Psychologie waren uns eine große Hilfe. Wir
danken Joanne Forshaw vom Verlag Routledge für die Begeisterung, mit der
sie sich für das Projekt einsetzte, und Claire Lipscomb, Dawn Harris
und Helen Baxter, die es in seinen späteren Phasen betreut haben.

1.    Einführung: Die Bewegung derPositiven Psychologie

Was ist Positive Psychologie? Welche Folgerungen sind aus der
Positiven Psychologie für die angewandte Psychologie zu ziehen? Welche
Konsequenzen hat sie für die Psychotherapie? In diesem Kapitel wollen
wir die erste dieser Fragen beantworten, indem wir die Anfänge der
Positiven Psychologie schildern und den Begriff zu definieren versuchen.
Wir werden auch kurz auf die zweite Frage eingehen und den Blick auf
einige praktische Konsequenzen der Positiven Psychologie richten. In den
weiteren Kapiteln werden wir dann genauer untersuchen, was die Positive
Psychologie uns zur Psychotherapie zu sagen hat, und nach und nach
herausarbeiten, was wir unter 'Positiver   Therapie' verstehen.

Eine kurze Geschichte der Positiven Psychologie

Als Initialzündung der 'Positiven Psychologie', wie wir sie heute
kennen, kann die Rede gelten, die Martin E. P. Seligman 1998 als
Präsident der American Psychological Association (APA) hielt (Seligman,
1999). Durch ein Aha-Erlebnis, das er bei der Gartenarbeit mit seiner
kleinen Tochter Nikki hatte (Seligman & Csikszentmihalyi, 2000),
wurde ihm klar, dass die Psychologie zwei der drei großen Ziele, die sie
sich vor dem Zweiten Weltkrieg gesetzt hatte, mittlerweile weitgehend
vernachlässigte. Diese Ziele waren: psychische Krankheiten heilen,
Menschen zu einem produktiveren und erfüllteren Leben verhelfen,
Hochbegabung entdecken und fördern. Durch die Gründung einer
psychologischen Abteilung des US-Kriegsveteranenministeriums (im Jahr
1946) und des National Institute of Mental Health (1949) war die
Psychologie zu einer Disziplin geworden, die sich vorwiegend mit der
Heilung psychischer 'Erkrankungen' befasste und von einem ideologischen
Krankheits- und Störungsmodell bestimmt war (siehe auch Maddux, Snyder
& Lopez, 2004 b). Seitdem hat man sehr viel Zeit und Geld darauf
verwendet, die verschiedenen Formen psychischen Leidens zu
dokumentieren, beispielsweise in dem von der American Psychiatric
Association erstellten Diagnostischen und statistischen Manual psychischer Störungen
(1980, 1994, 2000). Doch wurde nicht annähernd so viel Energie darauf
verwendet, zu ergründen, was das Leben lebenswert macht und mit Freude
und Sinn erfüllt. Seligman fasste aufgrund dieser Einsicht den
Entschluss, seine APA-Präsidentschaft dafür zu nutzen, in der
Psychologie eine Verschiebung hin zu einer stärkeren Ausrichtung auf das
Positive in Gang zu setzen (Seligman, 1999).

Der APA-Präsident brachte seine Initiative auf den Weg, indem er
seine Ideen bei einer Reihe von Konferenzen Nachwuchswissenschaftlern
und etablierten Kollegen vorstellte, die in den folgenden Jahren zu
führenden Köpfen in der neuen Bewegung der Positiven Psychologie wurden
und sich daran machten, ein Forschungsprogramm der Positiven Psychologie
zu entwerfen. Bald darauf, im Januar 2000, erschien eine Sondernummer
des American Psychologist zur Positiven Psychologie (Seligman
& Csikszentmihalyi, 2000), die sich als äußerst ein flussreich
erweisen sollte. Dieses 'Sonderheft zu Glück, Exzellenz und optimalem
psychischem Funktionsniveau des Menschen' enthielt Artikel zu den Themen
Lebensglück, Entwicklung des Individuums, sub jek tives Wohlbefinden,
Optimismus, Selbstbestimmungstheorie der Motivation, psychische
Anpassungsmechanismen, Emotion und Gesundheit, Weisheit, Exzellenz,
Kreativität, Begabung und positive Entwicklungsfaktoren bei Jugendlichen
und bot somit einen breit gefächerten Überblick über Themen, die man
der Positiven Psychologie zurechnete.

Seit diesen Anfängen hat die Positive Psychologie einen ungeheuren
Aufschwung erlebt, der sich unter anderem an der Veröffentlichung von
drei großen Handbüchern (Linley & Joseph, 2004 a; Peterson &
Selig-man, 2004; Snyder & Lopez, 2002), von vier einführenden Texten
(Bolt, 2004; Carr, 2003; Compton, 2004; Snyder & Lopez, 2006), von
mehreren Sammelbänden zu verschiedenen Themen der Positiven Psychologie
(z. B. Aspinwall & Staudinger, 2003; Cameron, Dutton & Quinn,
2003; Keyer & Haidt, 2002; Lopez & Snyder, 2003) und von mehr
als 15 Sondernummern oder Schwerpunktthemen von Zeitschriften sowie an
der Gründung des Journal of Positive Psychology ablesen lässt
(einen Gesamtüberblick über die Publikationen findet sich in Linley,
Joseph, Harrington & Wood, 2006). Ab 1999 fand jedes Jahr der
International Positive Psychology Summit in Washington, D. C. (ab 2007
unter dem Namen Global Well-Being Summit) und alle zwei Jahre eine
Konferenz des European Network for Positive Psychology statt. Zudem
waren viele weitere Tagungen und Tagungsschwerpunkte der Positiven
Psychologie gewidmet.

Die Positive Psychologie hat in den letzten Jahren also eine
vielversprechende Entwicklung genommen, doch macht ein kurzer Blick auf
die Forschungsliteratur auch deutlich, dass der 'Ursprung' der Positiven
Psychologie nicht erst im Jahr 1997, 1998, 1999 oder 2000 anzusetzen
ist. Zu den Themen der Positiven Psychologie wird schon seit Jahrzehnten
geforscht. Wenn man will, kann man hier sogar bis zu den Anfängen der
Psychologie selbst zurückgehen, etwa zu den Ausführungen von William
James zu 'geistigem Gesundsein' ('healthy mindedness', James, 1902; dt.
1997, S. 119). Außerdem haben die Positive Psychologie und Teile der
humanistischen Psychologie, allgemein gesprochen, gemeinsame Wurzeln.
Shlien schrieb im Jahr 1956:

In der Vergangenheit begriff man psychische Gesundheit als ein
'Residuum' - als die Abwesenheit von Krankheit. Wir müssen darüber
hinausgehen, eine Besserung etwa nur als eine 'Angstreduktion' zu
beschreiben. Wir müssen sagen, wozu die Person in der Lage ist ,
wenn sich Gesundheit einstellt. In jüngerer Zeit wurden, da sich der
Blick nicht mehr so sehr auf die Pathologie verengt, einige Anläufe
unternommen, psychische Gesundheit positiv zu definieren. Zu nennen sind
hier insbesondere Carl Rogers' Konzept der 'psychisch völlig gesunden
Person' ['Fully Functioning Person'] und A. Maslows Idee 'sich selbst
verwirklichender Personen' ['Self-Realizing Persons'].

(Shlien, 1956/2003 a, S. 17)

Auch Maslow, einer der Begründer der humanistischen Psychologie,
entwarf eine 'Positive Psychologie' und plädierte dafür, die
Aufmerksamkeit nicht nur auf die negativen, sondern auch auf die
positiven Aspekte des menschlichen Erlebens zu richten:

Bei negativen Aspekten war die Wissenschaft der Psychologie bislang
wesentlich erfolgreicher als bei positiven. Sie hat uns viele Einsichten
in die Unzulänglichkeiten des Menschen, seine Krankheiten und seine
Verfehlungen eröffnet, aber wenig über seine Potenziale, seine Tugenden,
die hohen Ziele, die für ihn erreichbar sind, und seine voll
entwickelte psychische Statur gelehrt. Es ist, als habe sich die
Psychologie freiwillig auf die Hälfte ihres rechtmäßigen
Zuständigkeitsbereichs beschränkt, und zwar auf die dunklere,
armseligere Hälfte. (Maslow, 1954, S. 354; das Zitat stammt aus Kapitel
18, 'Toward a Positive Psychology', das in der zweiten, ins Deutsche
übersetzten Ausgabe des Buchs von 1970 nicht mehr enthalten ist.)

Zumindest in ihren Anfängen hat die Positive Psychologie ihre Wurzeln
in der humanistischen Psychologie möglicherweise nicht hinreichend
gewürdigt, was ihr einige Kritik von dieser Seite eintrug (Taylor,
2001). Die Situation hat sich aber mittlerweile gewandelt, weil die
Gemeinsamkeiten zwischen beiden Strömungen zunehmend Beachtung finden.
In unseren Publikationen (unter anderem Joseph & Linley, 2004, 2005
a) haben wir zu zeigen versucht, dass die Positive Psychologie aus
Theorie, Forschung und Praxis der humanistischen Psychologie vieles
lernen kann. Umgekehrt wird nach unserem Eindruck auch immer mehr zur
Kenntnis genommen, dass die Forschung zur Positiven Psychologie
empirische Daten liefert, die humanistische Ideen aus früheren
Jahrzehnten stützen (Patterson & Joseph, 2007; Sheldon & Kasser,
2001). Bei der Anwendung von Erkenntnissen der Positiven Psychologie
auf die Therapie kann, wie wir zeigen wollen, der Rückgriff auf die
personzentrierte Theorie von Carl Rogers sehr hilfreich sein. Aus der
Kombination von Rogers' theoretischen Konzepten mit neueren
Forschungsergebnissen der Positiven Psychologie lässt sich ein
überzeugendes Modell ableiten, das beschreibt, wie wir am besten mit
Menschen arbeiten können, um sowohl ihr Leid zu lindern als auch ihre
Entfaltung zu fördern (siehe auch Joseph & Worsley, 2005 a). Dies
ist unsere Auffassung von Rolle und Auftrag der Positiven Therapie, die
wir im weiteren Verlauf des Buches wesentlich eingehender darlegen
möchten. Zuvor ist es jedoch sicherlich sinnvoll, dass wir zunächst die
Frage 'Was ist Positive Psychologie?' zu klären versuchen.

Was ist Positive Psychologie?

Lassen Sie uns die folgenden Definitionen des Begriffs Positive
Psychologie betrachten. Alle stammen aus maßgeblichen Texten zum Thema:

Auf der subjektiven Ebene geht es in der Positiven Psychologie um
Erfahrungen, die für das Subjekt eine hohe Wertigkeit haben:
Wohlbefinden, Zufriedenheit und Erfüllung von Bedürfnissen (in der
Vergangenheit); Hoffnung und Optimismus (beim Blick in die Zukunft);
Flow-Erleben und Glück (in der Gegenwart). Auf der individuellen Ebene
handelt sie von positiven Eigenschaften des Individuums: von der
Fähigkeit zu Liebe und Hingabe, von Mut, zwischenmenschlichen
Fertigkeiten, ästhetischem Empfindungsvermögen, Beharrlichkeit,
Vergebenkönnen, Originalität, Zukunftsorientierung, Spiritualität,
Hochbegabung und Weisheit. Auf der Ebene der Gruppe geht es um die
Bürgertugenden und um die Institutionen, die Individuen dazu bewegen,
sich mehr für das Kollektiv einzusetzen: Verantwortungsbewusstsein,
Fürsorglichkeit, Altruismus, Anstand, Mäßigung, Toleranz und
Arbeitsethos. (Seligman & Csikszentmihalyi, 2000, S. 5)

Was ist Positive Psychologie? Nichts weniger als die
wissenschaftliche Untersuchung gewöhnlicher menschlicher Stärken und
Tugenden. Die Positive Psychologie wirft einen neuen Blick auf den
'Durchschnittsmenschen' und will herausfinden, was funktioniert, was
richtig ist und was sich verbessert. (Sheldon & King, 2001, S. 216)

Positive Psychologie ist die Untersuchung der Rahmenbedingungen und
Prozesse, die zum guten Gedeihen oder optimalen Funktionieren von
Menschen, Gruppen und Institutionen beitragen.
(Gable & Haidt, 2005, S. 104)

In diesen Definitionen lassen sich zweifellos Kernthemen und
weitgehende Überschneidungen ausmachen. Alle heben auf die Untersuchung
positiver Erfahrungen ab. Es sind aber durchaus auch Unterschiede in
Akzentsetzung und Perspektive zu erkennen. Man könnte die Definitionen
dahingehend missverstehen, dass die Positive Psychologie sich
ausschließlich mit positiven Erfahrungen befasse. Doch wenn hier Wert
auf ein tieferes Verständnis des Positiven gelegt wird, muss das nicht
bedeuten, dass das Negative zu wenig Beachtung findet.

Ziel der Positiven Psychologie ist, eine Verschiebung im Fokus der
Psychologie in Gang zu setzen, damit sie sich nicht nur damit
beschäftigt, die schlimmsten Dinge im Leben wieder in Ordnung zu
bringen, sondern auch mit dem Aufbau positiver Qualitäten. (Seligman
& Csikszentmihalyi, 2000, S. 5)

Aus Sicht der Positiven Psychologie sollte daher in der psychologischen
Forschung der Schwerpunkt des Interesses darauf liegen, die gesamte
Bandbreite des menschlichen Erlebens zu erfassen, von Verlust, Leiden,
Krankheit und Verzweiflung bis hin zu Zusammengehörigkeit, Erfüllung,
Gesundheit und Wohlbefinden. Dies ist insbesondere für therapeutische
Kontexte bedeutsam. Als Anhänger der Positiven Psychologie vertreten wir
die Auffassung, dass die Rolle des Therapeuten oder der Therapeutin
sich nicht einfach darin erschöpfen kann, Leid zu lindern und den
Klienten von seiner Symptomatik zu befreien, sondern auch das Bemühen
einschließen sollte, Wohlbefinden und Erfüllung zu fördern. Diese
Vorgehensweise ist nicht nur ein in sich lohnenswertes Ziel, sondern hat
auch, als Puffer gegen künftige psychopathologische Entwicklungen, eine
vorbeugende Funktion und kann zudem die Genesung von Krankheiten
ermöglichen (siehe z. B. Fredrickson, 1998, 2001; Fredrickson &
Levenson, 1998).

Laut einem gängigen Missverständnis - das sich in ungerechtfertigten
Einwänden äußert - betont die Positive Psychologie das 'Positive' auf
Kosten des 'Negativen' (Held, 2002; Lazarus, 2003). Diese
Gegenüberstellung mag zwar naheliegen (zumal an den Begriff Positive
Psychologie wertende Konnotationen geknüpft sind), doch wir halten sie
für verfehlt. In unseren Veröffentlichungen haben wir uns sehr darum
bemüht, deutlich zu machen, dass die Positive Psychologie negative
Erfahrungen ebenso berücksichtigt wie Positive (z. B. Joseph &
Worsley, 2005 a; Linley & Joseph, 2003, 2004 b). Wichtig ist, sich
klarzumachen, dass die Positive Psychologie sich für eine
ganzheitlichere psychologische Perspektive einsetzt, die sowohl positive
als auch negative Erfahrungen einbezieht, sodass der Begriff Positive
Psychologie, falls diese Bewegung Erfolg hat, am Ende einfach
überflüssig sein wird, weil sich die gesamte Disziplin der Psychologie
gewandelt hat. Deshalb wollen wir hervorheben, dass Ansätze der
Positiven Psychologie nicht nur zu Aspekten wie Erfüllung und Glück
etwas zu sagen haben, sondern auch zu Trauma und Leid (siehe z. B.
Harvey, 2001; Joseph & Linley, 2005 b; Linley, 2003; Tedeschi &
Calhoun, 2004) sowie zu existenzpsychologischen Themen (Bretherton &
Ørner, 2004). Auf diese Weise ist der etwa von Lazarus (2003)
vorgebrachte Einwand zu entkräften, die Theorie der Positiven
Psychologie stehe im Zeichen eines naiv gutherzigen Optimismus. Auf
diesen Punkt wollen wir in Kapitel 7 noch wesentlich ausführlicher
eingehen.

Angewandte Positive Psychologie

Ein großer Teil des Potenzials, das die Positive Psychologie erkennen
lässt, betrifft ihre praktische Anwendung. Deshalb konzentriert sich
die Aufmerksamkeit derzeit auf die Frage, wo und wie sich die Ideen der
Positiven Psychologie praktisch umsetzen lassen (siehe z. B. Linley
& Joseph, 2004 a; Peterson & Seligman, 2004, Kap. 28; Seligman,
Steen, Park & Peterson, 2005). In einem anderen Zusammenhang haben
wir die angewandte Positive Psychologie als 'Umsetzung von
Forschungsergebnissen der Positiven Psychologie im Dienste der Förderung
eines optimalen psychischen Funktionsniveaus' definiert (Linley &
Joseph, 2004 b, S. 4) und außerdem andernorts die Fragen, Probleme und
Chancen erörtert, die mit der konkreten Umsetzung der Positiven
Psychologie verknüpft sind (Linley & Joseph, 2003, 2004 c).

Nach unserer Auffassung ist eine der wichtigsten Entwicklungen, welche
die Positive Psychologie in Gang gebracht hat, dass die für den
Praktiker wesentlichen Fragen in einem neuen Licht erscheinen. Aus Sicht
der Positiven Psychologie kann sich die Rolle des Therapeuten nicht
darin erschöpfen, innere Not zu lindern, krankhafte Entwicklungen zu
behandeln und Schwachpunkte zu beheben, sondern er sollte auch
Wohlbefinden, psychische Gesundheit und persönliche Stärken fördern. In
diesem Zusammenhang sind zum Beispiel folgende Themenbereiche zu nennen:

Lebensglück als Ziel der Politik (Veenhoven, 2004); der Nutzen
nationaler Kennwerte für subjektives Wohlbefinden (Diener &
Seligman, 2004; Pavot & Diener, 2004); die Notwendigkeit, behinderte
Menschen nicht allein unter dem Aspekt ihrer Behinderung zu sehen,
sondern auch das mögliche Optimum ihrer Erfahrungen zu erfassen (Delle
Fave & Massimini, 2004); mit Straffälligen in einer Weise arbeiten,
die ihren Bedürfnissen und persönlichen Zielen Raum gibt, um so die
Rückfallquote deutlich zu senken (Ward & Mann, 2004); das Bestreben,
die Ansprüche von Individuum und Gemeinwesen so auszubalancieren, dass
ein gutes Leben für alle möglich wird (Myers, 2004); die Chance, mit
populationsgestützten Modellen Störungen vorzubeugen und Wohlbefinden zu
fördern (Huppert, 2004), so wie das Gesundheitspsychologen und
-psychologinnen heute mit ihren populationsgestützten Methoden zu
Übergewicht und Rauchen praktizieren. Ansätze dieser Art könnten die
Basis für eine Gesellschaft legen, die sich von unserer jetzigen ganz
wesentlich unterscheidet, und stimmen darin überein, dass sie das
jeweilige Problem aus der Perspektive der Positiven Psychologie angehen.


Der hier angedeutete Themenkatalog ist wesentlich breiter als der,
mit dem Therapeuten und Therapeutinnen sich traditionellerweise befasst
haben, und wirft einige bedeutsame Fragen auf. Welchen Wertestandpunkt
nehmen wir ein, und wer hat die Entscheidung für diese Haltung
getroffen? Haben wir sie selbst und aus freien Stücken gewählt, haben
wir sie passiv hingenommen, 'weil die Dinge nun einmal so sind', oder
wurde sie uns von einer äußeren Instanz aufgezwungen? Was ist unser
Auftrag als Praktiker, und wer entscheidet über diesen Auftrag? Wenn wir
als Betriebspsychologe oder -psychologin für ein Unternehmen tätig
sind, gibt es uns vor, was unser Auftrag ist. Dabei ist durchaus
denkbar, dass das Unternehmen Ressourcen nur in das Beheben von
Defiziten, nicht aber in den Aufbau persönlicher Stärken investieren
will. Für die Angehörigen des Unternehmens ist unter Umständen nicht
einsichtig, dass Aspekte wie Lebenszufriedenheit, Wohlbefinden oder
persönliche Stärken für ihre Arbeit eine Rolle spielen oder dass die
Frage 'Was hat das mit mir zu tun?' überhaupt von Belang sein könnte.

Aus der traditionellen Perspektive des Betriebspsychologen mag die
Antwort auf diese Frage lauten: 'Wenn überhaupt etwas, dann nicht allzu
viel.' Wenn man sich aber die Sichtweise der Positiven Psychologie zu
eigen macht, derzufolge es nicht nur um die Abwesenheit von Krankheit,
sondern auch um optimale Gesundheit, nicht nur um Behandlung und
Abmildern von Verletzlichkeit, sondern auch um Vorbeugung und Aufbau von
Pufferzonen geht, erscheint die Frage 'Was hat das mit mir zu tun?' in
einem ganz anderen Licht. Organisationen verändern sich meist nur
langsam. Dieser Wandel kann sich auf zwei Wegen vollziehen. Erstens kann
er 'top-down', also von oben nach unten, erfolgen, wenn
Führungspersönlichkeiten anderen eine neue, bestechende Vision der
Zukunft vor Augen halten und damit entsprechende Veränderungen anstoßen.
Zweitens kann sich der Wandel 'bottom-up', das heißt von unten nach
oben, vollziehen, wenn sich an der Basis Auffassungen und Zielsetzungen
allmählich verschieben, in eine neue Richtung entwickeln und so eine
Veränderung in der gesamten Ausrichtung der jeweiligen Organisation
herbeiführen. Dieser zweite Prozess erfordert viel Zeit und hängt
zweifellos auch davon ab, welche Grundhaltung sich ein
Betriebspsychologe im Verlauf seiner Ausbildung angeeignet hat.

Wenn die Bewegung der Positiven Psychologie immer weitere Kreise
zieht und wächst und gedeiht, wird dies, so hoffen wir, dazu führen,
dass die Bewegung verschwindet, weil sie einfach nicht länger notwendig
ist. Denn dann werden alle Psychologen und Psychologinnen
wissenschaftlich und praktisch-therapeutisch im Sinne der Positiven
Psychologie arbeiten und ihren Blickwinkel erweitern, sodass er das
gesamte Spektrum unseres Erlebens und unserer Entwicklungsmöglichkeiten
umfasst, sowohl innere Not und Funktionsstörungen als auch Wohlbefinden
und Erfüllung.

Der Aufbau dieses Buches

In Kapitel 2 werden wir die aus unserer Sicht grundlegende Annahme
der Positiven Psychologie umreißen. Die Bewegung der Positiven
Psychologie gab uns den Impuls, genauer zu prüfen, welche elementaren
Vorstellungen der psychologischen Praxis zugrunde liegen. Unsere
Annahmen zum Wesen des Menschen lassen sich im Wesentlichen zwei Lagern
zuordnen. Entweder gehen wir davon aus, dass der Mensch von Natur aus
von destruktiven Impulsen angetrieben wird, oder wir glauben, dass er
von konstruktiven Impulsen motiviert ist. Wir sprechen hier von tief
sitzenden Überzeugungen, die uns nicht immer vollends bewusst sein
müssen. Stellen wir uns zwei Therapeutinnen vor, die beide jeweils einer
Klientin zuhören, die über sich spricht und von dem berichtet, was in
ihrem Leben nicht gut gelaufen ist. Auf den ersten Blick mag es so
aussehen, als täten beide Therapeutinnen genau dasselbe. Wenn wir aber
genauer hinschauen, erweist sich die Ähnlichkeit als oberflächlich: Die
eine Therapeutin geht beim Zuhören von der tief verwurzelten Vorstellung
aus, Menschen seien von Natur aus destruktiv, und dieser Wesenszug
müsse in irgendeiner Weise unter Kontrolle gehalten werden. Die andere
Therapeutin orientiert sich beim Zuhören an ihrer Überzeugung, das Wesen
des Menschen sei von Grund auf konstruktiv und man müsse es fördern,
damit es zur freien Ent faltung kommen kann. Wie ein Therapeut das, was
sein Gegenüber sagt, auffasst und verarbeitet, hängt demnach
unweigerlich von seinen Grundüberzeugungen ab. Die Unterteilung in zwei
Lager ist natürlich eine grobe Vereinfachung, mit der wir aus Gründen
der besseren Darstellbarkeit ein wesentlich komplexeres Gefüge von
Abstufungen auf zwei Pole reduzieren.

In Kapitel 3 soll es darum gehen, wie sich diese Grundannahmen in der
konkreten therapeutischen Arbeit niederschlagen. Wir wollen nicht etwa
neue therapeutische Methoden vorstellen, sondern vielmehr überlegen, wie
die praktische Arbeit aussieht, wenn ein Therapeut oder eine
Therapeutin sich auf das Denkmodell der Positiven Psychologie stützt.
Wir befassen uns mit der personzentrierten Theorie von Carl Rogers und
beschreiben sie als eine Option, einen Beratungs- und Behandlungsansatz
zu entwickeln, der ganz auf der Linie der Positiven Psychologie liegt.

In Kapitel 4 gehen wir der Frage nach, ob es bereits Therapieformen
gibt, auf die sich der Begriff Positive Therapie anwenden lässt. Unsere
Antwort ist Ja. Die größte Übereinstimmung mit den Forschungsergebnissen
der heutigen Positiven Psychologie weisen Therapien auf, die von der
theoretischen Prämisse ausgehen, dass in uns ein organismischer
Bewertungsprozess und eine Aktualisierungstendenz wirksam sind. Als
Beispiel ziehen wir die klientenzentrierte Therapieschule heran. Aus
Sicht der modernen Positiven Psychologie ist der von Carl Rogers
begründete klientenzentrierte Ansatz eine revolutionäre und radikale
Form der therapeutischen Arbeit. Mittlerweile liegt eine Vielzahl von
Forschungsbefunden vor, die belegen, wie wichtig die Selbstbestimmung
des Klienten ist und dass letztlich nicht die Technik des Therapeuten,
sondern die Beziehung zum Klienten den Ausschlag gibt.

In Kapitel 5 erörtern wir, auf welche der bereits existierenden the
rapeutischen Ansätze der Begriff Positive Therapie im eigentlichen Sinne
zutrifft. Wir machen deutlich, dass unsere Annahmen zum Wesen des
Menschen eine Plattform für ein breites Spektrum von Therapien bieten,
und gehen auf diejenigen Therapieformen, die nach unserer Ansicht
weitgehend mit dem Konzept des organismischen Bewertungsprozesses
vereinbar sind oder Techniken anbieten, die für prozessorientierte
Therapeuten von Interesse sein könnten.

In Kapitel 6 diskutieren wir die Folgerungen, die sich aus dem Modell
einer Positiven Therapie für das Verständnis psychopathologischer
Prozesse ergeben. Unser eigener Ansatz entspricht den Grundgedanken der
Positiven Psychologie, da er sowohl die negativen als auch die positiven
Aspekte menschlichen Erlebens einbezieht. Wir machen deutlich, dass die
von uns skizzierte Metatheorie mit dem medizinischen Denkmodell
unvereinbar ist. Dies hat unter anderem zur Folge, dass wir das
medizinische Modell psychischer Störungen ablehnen und stattdessen einen
auf der personzentrierten Persönlichkeitstheorie basierenden Ansatz
vertreten, der Wohlbefinden als ein Kontinuum beschreibt. Laut der
personzentrierten Theorie hängt das Wohlbefinden einer Person davon ab,
inwieweit ihre intrinsische Aktualisierungstendenz mit ihrer faktischen
Selbstaktualisierung kongruent ist. Ein höherer Grad an Kongruenz
schlägt sich in einer Steigerung des Wohlbefindens nieder, ein niedriger
in psychopathologischen Prozessen. Laut diesem Modell befindet sich
also jeder Mensch an irgendeinem Punkt des Kontinuums zwischen
gravierender Psychopathologie und vollständiger Selbstentfaltung.
Außerdem wollen wir zeigen, dass eine Metatheorie der Psychopathologie
und des Wohlbefindens, die auf dem Begriff der Aktualisierungstendenz
gründet, die Auseinandersetzung mit Fragen erlaubt, die sich dem
medizinischen Modell entziehen.

In Kapitel 7 wollen wir die Grundgedanken der Positiven Therapie an
unserer eigenen Arbeit im Bereich von posttraumatischer Belastung und
posttraumatischem Wachstum veranschaulichen. Wir stellen unsere Theorie
des Wachstums an Diskrepanzen im organismischen Bewertungsprozess vor.
Sie beschreibt, wie eine positiv verlaufende Anpassung an bedrohliche
Ereignisse und Situationen zu den Prozessen der Intrusion (Wiedererleben
des Traumas) und Vermeidung führt, die zu den typischen Reaktionen der
Traumaverarbeitung gehören. Wir zeigen dann, dass sich das
'Schließungs-' oder 'Vervollständigungsprinzip', das in den meisten
Theorien der Traumaverarbeitung enthalten ist, als ein Aspekt der
umfassenderen Aktualisierungstendenz begreifen lässt und dass die
Aktualisierungstendenz, wenn sie zum Tragen kommt, eine Steigerung des
psychischen Wohlbefindens bewirkt und eine Entwicklung hin zu innerem
Wachstum und einem höheren psychischen Funktionsniveau in Gang setzt.

Im Schlusskapitel wird es darum gehen, wie die Positive Therapie
unsere Aufmerksamkeit auf den gesellschaftlichen und politischen Kontext
der therapeutischen Arbeit lenkt. Einfach gesagt, stehen wir als
therapeutisch oder beratend tätige Psychologen und Psychologinnen vor
der Wahl, entweder das persönliche Wachstum eines Klienten oder seine
Anpassung an das gesellschaftliche Umfeld zu fördern. Manchmal sind
beide Ziele ohne Weiteres vereinbar, doch nach unserer Erfahrung liegen
sie meistens im Widerstreit miteinander, sodass wir uns als Therapeuten
entscheiden müssen: Sollen wir unsere Klienten und Klientinnen in ihrem
inneren Wachstum unterstützen oder auf eine Anpassung an ihr soziales
Umfeld hinwirken? In der Positiven Therapie, wie wir sie uns vorstellen,
steht das innere Wachstum letztlich immer an erster Stelle. Wir
glauben, dass in der heutigen Gesellschaft viele Schwierigkeiten, die im
Leben der Individuen entstehen, auf gesellschaftlichen Faktoren beruhen
und auf den Anforderungen, die das Leben in einer materialistischen
Kultur stellt. Deshalb liegt es nicht immer im Interesse unserer
Klienten und Klientinnen, dass wir sie in ihrer Anpassung an
gesellschaftliche Bedingungen unterstützen. Das folgende Beispiel soll
dies veranschaulichen:

John, Anfang vierzig, begab sich in Therapie, weil er am Arbeitsplatz
mehr Selbstsicherheit entwickeln wollte. Er kam beruflich nicht
vorwärts, sagte er, weil er beispielsweise Hemmungen hatte, sich in
Besprechungen zu Wort zu melden. In der Therapie begann er auch davon zu
sprechen, was ihn an seiner Arbeit störte. Ihm wurde klar, dass das
Berufsfeld, in dem er gelandet war, finanziell gesehen zwar durchaus
vielversprechend war, ihm aber wenig Freude bereitete und ihm nicht das
Gefühl gab, dass er mit seinem Leben etwas Sinnvolles anfing. Kurz
gesagt, die Arbeit machte ihm keinen Spaß. Nach dem Studium hatte sich
der berufliche Weg, den er eingeschlagen hatte, irgendwie von selbst
ergeben. Seine Studienfächer Management und Rechnungswesen hatte er auf
Anraten seiner Eltern gewählt, ohne dass sie ihn wirklich interessiert
hätten. Eigentlich hätte er an der Universität lieber kreatives
Schreiben oder Literatur studiert, weil er immer davon geträumt hatte,
sich als Schriftsteller zu versuchen. Er fragte sich, wie sein Leben
wohl verlaufen wäre, wenn er diesen Weg genommen hätte. Mit der Zeit
entwickelte John nicht nur mehr Selbstbewusstsein, sondern beschäftigte
sich auch zunehmend mit der Frage, was für ihn wirklich wichtig war. Er
begann darüber nachzudenken, wie er seine Fähigkeiten als Autor
entfalten und einsetzen könnte, belegte einen Abendkurs für kreatives
Schreiben, machte sich daran, seine Ideen konkret umzusetzen, und
reichte eine der Geschichten, die dabei entstanden, bei einem Wettbewerb
ein.

Wie dieses Beispiel zeigt, liegt dem Ansatz einer Positiven Therapie,
wie wir ihn vertreten, die Vorstellung zugrunde, dass der Impuls zur
Veränderung nicht vom Therapeuten, sondern vom Klienten kommt. Die
Zielvorstellung Johns war zu Beginn, dass er ein stärkeres
Selbstbewusstsein entwickeln wollte, um beruflich voranzukommen, doch im
Lauf der Zeit brachte er in der Therapie andere Themen zur Sprache, die
mit früheren Entscheidungen in seinem Leben und mit seinem Wunsch, sich
im Schreiben zu erproben, zu tun hatten. Der Therapeut sah seine
Aufgabe darin, innerhalb von Johns gedanklichem Bezugssystem zu bleiben
und sich mit den Themen und Fragen zu befassen, die John selbst aufwarf.
Dies war ohne Weiteres möglich, weil der Therapeut in privater Praxis
arbeitete. John sah es als ein Zeichen des Erfolgs an, dass er begonnen
hatte, 'zu sich selbst zu finden'.

Dagegen stehen etwa angestellte Betriebspsychologen oft im Konflikt
zwischen den Interessen ihres Klienten oder ihrer Klientin und denen
ihres Arbeitgebers. Beispielsweise sieht sich eine Betriebspsychologin
möglicherweise in der Pflicht, dem Klienten zu helfen, mit Problemen am
Arbeitsplatz besser zurechtzukommen, selbst wenn ihm andere Probleme
viel mehr zu schaffen machen. Unter diesen Umständen kann es geschehen,
dass die Psychologin, ohne dass ihr dies bewusst wird, einen Klienten
wie John von dem Bestreben abzubringen versucht, 'zu sich selbst zu
finden', damit er sozusagen beim Thema bleibt und sich damit
beschäftigt, was er für sein berufliches Fortkommen tun kann.

Eine ähnliche Situation, die vielleicht noch offenkundiger ist,
findet sich im öffentlichen Gesundheitswesen. Psychologen und
Psychologinnen, die etwa im britischen National Health Service (NHS)
tätig sind, stehen unter einem starken Druck, bei ihrer therapeutischen
Arbeit die Form von Effizienz zu zeigen, die von der Verwaltungsebene
gewünscht wird, auch wenn dies keineswegs immer im besten Interesse
ihrer Klienten und Klientinnen ist. Beispielsweise sollen
NHS-Therapeuten die Zahl der Sitzungen meist so niedrig wie möglich
halten, weil die Wartelisten lang sind und weil die Politik bestimmte
Zielvorgaben gesetzt hat. Dieser Erwartungsdruck kann dazu führen, dass
Therapeuten eine Behandlung dann als Erfolg werten, wenn das Verhalten
des Klienten im Privat- und Berufsleben ihm selbst und anderen keine
Unannehmlichkeiten und Probleme mehr zu bereiten scheint, und nicht etwa
dann, wenn er über beste Voraussetzungen verfügt, ein erfülltes Leben
zu führen. Eine vom staatlichen Gesundheitssystem abgedeckte Behandlung
kann also damit enden, dass der Betreffende, obwohl er hinterher besser
'funktioniert', noch immer bekümmert und zutiefst unglücklich ist. Aus
Sicht des NHS besteht therapeutischer Erfolg lediglich darin, dass
Klienten und Klientinnen weniger unter ihren Störungssymptomen leiden
und sie besser im Griff haben. Im NHS tätige Therapeuten können sich
schlicht und einfach nicht zum Ziel setzen, dass ihre Klienten zu einem
glücklicheren und erfüllteren Leben finden. Manche Kritiker sind sogar
der Ansicht, dass für den NHS tätige klinische Psychologen den Status
quo einer dysfunktionalen materialistischen Gesellschaft erhalten
helfen, in der man Menschen nur insoweit einen Wert zuerkennt, wie sie
als Arbeitskräfte ihren Beitrag zu einer materialistischen Kultur
leisten.

Nach unserer Meinung kehren Psychologen diese Interessenskonflikte
allzu oft unter den Teppich, sodass sie gar nicht erst bemerkt oder aber
geflissentlich übergangen werden. Wir glauben, dass beratend und
therapeutisch tätige Psychologen und Psychologinnen nicht als der
verlängerte Arm einer gesellschaftlichen Kontrolle fungieren, sondern
sich für persönliches Wachstum und gesellschaftlichen Wandel einsetzen
sollten. Die Positive Psychologie fordert uns dazu heraus, unsere eigene
Position zu diesen Themen zu überdenken. Sie ist implizit politisch,
weil sie die Frage stellt, wie wir eine Welt schaffen können, in der
Menschen gesünder, glücklicher und erfüllter leben können.

Unser persönlicher Blickwinkel

Für viele Leserinnen und Leser ist das, was wir zu sagen haben,
nichts Neues: Psychologen und Berater, die nach den Prinzipien der
Existenzpsychologie oder der humanistischen Psychologie arbeiten, und
Vertreter der Kritischen Psychologie sind mit Ideen wie den von uns
vorgetragenen wohlvertraut (siehe z. B. Proctor, 2005; Sanders, 2005).
Wir hoffen, dass die Positive Psychologie diesen Strömungen neuen
Auftrieb zu geben vermag, damit wir gemeinsam der Disziplin der
Psychologie als ganzer neues Leben einhauchen können.

Wir wünschen uns, dass die Positive Psychologie in der Psychologie
zum bestimmenden Denkmodell wird, damit sich alle Psychologen und
Psychologinnen ihre Grundideen zu eigen machen und sich der Vorannahmen
und Wertvorstellungen bewusst werden, die dem eigenen Tun zugrunde
liegen. Da wir uns dafür aussprechen, persönliche Wertvorstellungen
offenzulegen - die wissenschaftliche Praxis der Psychologie, wie wir sie
verstehen, kann niemals wertneutral sein -, möchten wir unsere eigene
berufliche Orientierung kurz darstellen und erläutern, woher unser
Interesse an Forschung und Praxis der Positiven Psychologie rührt.

Stephen Joseph ist als approbierter Gesundheitspsychologe tätig und
gehört als Senior Practitioner der Gruppe der auf Psychotherapie
spezialisierten Mitglieder in der British Psychological Society an.
Stephen interessiert sich insbesondere für die Anwendung von Ideen der
Positiven Psychologie in den Themenbereichen Gesundheit und
Gesellschaft. Alex Linley arbeitet auf dem Feld der angewandten
Psychologie mit den Schwerpunkten Förderung psychischer Stärken und
Coaching. Wir sind außerdem beide in der universitären Forschung, Lehre
und Beratung tätig. Wir glauben, dass uns mit der personzentrierten
Persönlichkeitstheorie von Carl Rogers ein ganzheitliches Paradigma zur
Verfügung steht, das die negativen wie auch die positiven Aspekte
menschlichen Erlebens berücksichtigt und somit den Zielsetzungen der
neuen Bewegung der Positiven Psychologie entspricht. Die beruflichen
Interessen und therapeutischen Herangehensweisen von uns beiden
überschneiden sich weitgehend - doch es gibt auch Unterschiede, auf die
wir in diesem Buch hin und wieder eingehen werden.

Wir glauben nicht, dass es eine in sich geschlossene Therapieform
gibt, die man Positive Therapie nennen könnte. Mit dem Begriff Positive
Therapie meinen wir vielmehr eine Gruppe von therapeutischen Ansätzen,
die bestimmte Grundmerkmale gemeinsam haben, insbesondere die Annahme,
dass der Klient der beste Experte in eigener Sache ist und die für sein
persönliches Wachstum und seine Weiterentwicklung nötigen Ressourcen in
sich trägt. Dies ist eine Vorstellung, die wir beide teilen; wir
betrachten die personzentrierte Persönlichkeitstheorie als Grundlage
unserer Arbeit.

Uns ist bewusst, dass der Begriff personzentriert häufig
missverstanden wird, vor allem in den USA, wo viele Psychologen die
lange Wirkungsgeschichte dieses Ansatzes nicht kennen, ihn für
oberflächlich halten und sich nicht vorstellen können, dass er von
bleibendem Wert ist. Ihr Interesse an diesem Buch erlischt vielleicht,
sobald sie mitbekommen, dass wir uns auf dieses Denkmodell beziehen. Wir
möchten freilich betonen, dass wir dieses Buch auch hätten schreiben
können, ohne Carl Rogers und den personzentrierten Ansatz jemals zu
erwähnen - denn wie wir zeigen werden, gibt es auch andere
beachtenswerte Theorien und Forschungsrichtungen, die unsere Thesen
stützen. Würden wir nur diese anführen, könnten die Skeptiker vielleicht
mehr Gefallen an unseren Ideen finden. Doch die Anfänge der Positiven
Psychologie liegen nun einmal in der humanistischen Psychologie.

Wir betrachten also beide die personzentrierte Persönlichkeitstheorie
als unser methodisches Grundgerüst, doch was die praktische
therapeutische Arbeit angeht, gibt es doch einige Unterschiede zwischen
uns. Positive Therapie ist für uns ein Oberbegriff, unter dem sich
vielfältige therapeutische Vorgehensweisen zusammenfassen lassen. Als
Psychotherapeut neigt Stephen dem klassischen Ansatz der
klientenzentrierten Therapie zu, in dem der Therapeut-Klient-Beziehung
zentrale Bedeutung zukommt, während sich Alex, da er als Coach arbeitet,
stärker für integrative Ansätze, die auf anderen Aspekten von
Psychologie und Psychotherapie aufbauen, und für Beurteilungs- und
Interventionstechniken interessiert.

Unser theoretisches Modell einer Positiven Therapie gründet also
weitgehend in der personzentrierten Persönlichkeitstheorie, doch in der
praktischen Arbeit sind wir offen für eine große Bandbreite von
Herangehensweisen. Die Positive Therapie, wie wir sie verstehen, reicht
von der klassischen klientenzentrierten Therapie über existenz- und
erfahrungspsychologische Ansätze bis hin zu Strategien, in die Techniken
der kognitiven Verhaltenstherapie und neuere Entwicklungen der
angewandten Positiven Psychologie und des Coaching einfließen. Wie wir
zeigen wollen, kommt es nicht darauf an, was wir tun, sondern darauf, wie wir es tun.

Aufgabe des Therapeuten ist es, stets eine Haltung der Achtung vor
der Selbststeuerung und Selbstbestimmung des Klienten zu wahren (Grant,
2004; Levitt, 2005 a). Zur Positiven Therapie sind aus unserer Sicht
diejenigen Ansätze zu rechnen, die von der Grundannahme ausgehen, dass
der Klient die Lösungen für seine Probleme in sich selbst trägt und dass
er, wenn er seine innere Stimme klarer vernehmen lernt, einen Weg
finden wird, auf dem er sich weiterentwickeln und größeres Wohlbefinden
erreichen kann. Dies ist keine neue Idee, doch wir sind der Meinung,
dass sie vom psychologischen Mainstream bislang vernachlässigt und
missverstanden wurde. Alle therapeutischen Ansätze, auf die wir näher
eingehen werden, bieten Formen therapeutischen Arbeitens an, die sich
innerhalb des metatheoretischen Bezugsrahmens der Positiven Psychologie
einsetzen lassen.

Uns ist also sehr wohl bewusst, dass wir hier kein unbekanntes
Terrain betreten. Die allgemeinen Prinzipien der Positiven Psychologie,
die darauf zielen, die Entfaltung von Potenzialen, persönliche
Erfüllung, Wachstum, Weiterentwicklung und so weiter zu fördern, sind
nicht neu. Dies sind Kernthemen der humanistischen Psychologie, auch
wenn das Verhältnis zwischen ihr und der Positiven Psychologie mitunter
kontrovers diskutiert worden ist (siehe Greening, 2001; Taylor, 2001).
Die humanistische Psychologie ist ein Dach, unter dem viele Ansätze
Platz finden. Einige davon lassen sich in unseren Augen nicht der
Positiven Psychologie zurechnen. Dennoch gebührt den Ideen von Carl
Rogers und anderen bedeutenden Vertretern der humanistischen Psychologie
eine zentrale Stellung in der Positiven Psychologie (siehe Joseph &
Worsley, 2005 a; Sheldon & Kasser, 2001).

Wir wollen in diesem Buch einen integrativen Therapieansatz
entwerfen, der eine Brücke zwischen der Tradition der humanistischen
Psychologie und der neuen und faszinierenden Bewegung der Positiven
Psychologie schlägt.

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