Ein Sommer in Augustenbad

Roman
 
 
Insel (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 15. April 2013
  • |
  • 269 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-458-73204-4 (ISBN)
 
Elegant gekleidete Menschen wandeln durch den Park, huschen zum Rendezvous und verlieren sich in magischen Sommernächten: der schwedische Kurort Augustenbad zu Beginn der 1890er Jahre. Hierher verschlägt es den selbst ernannten Poeten Andreas Öman, der sich bald in einem kleinen Drama wiederfindet, das um Selbstbetrug, Enttäuschungen und verbotene Liebe kreist.
Andreas Öman ist gegen seinen Willen nach Augustenbad gereist, seine wohlhabende Ehefrau hat ihn zu dem Aufenthalt verdonnert: Er soll mit der Trinkerei aufhören. Dabei ist ein leichter Rausch für ihn als Inspirationsquelle unentbehrlich. Wann immer möglich, entflieht er dem reglementierten Kuralltag. Dabei trifft er nachts im Park auf die geheimnisvolle Amanda, die sich nur bei Dunkelheit zeigt. Ihre Klugheit und von der »französischen Krankheit« zerstörte Schönheit faszinieren Andreas, aber auch die junge Glanzplätterin Maria mit dem wachen Blick lässt ihn nicht mehr los ...
Anneli Jordahl schildert einen Sommer voller Sehnsüchte und verborgener Begierden, einen Sommer, der für manche Beteiligte zum Schicksal wird. Eine herrliche, leicht nostalgische Lektüre mit Tiefgang.
1. Auflage
  • Deutsch
  • Berlin
  • |
  • Deutschland
  • 2,96 MB
978-3-458-73204-4 (9783458732044)
weitere Ausgaben werden ermittelt

Anneli Jordahl, geboren 1960, lebt bei Katrineholm. Sie ist Literaturkritikerin, Herausgeberin und Autorin. Sie hat in Schweden zahlreiche gesellschaftskritische Sachbücher veröffentlicht. Ihr erster Roman Jag skulle vara din hund (om jag bara fi nge vara i din närhet) befasst sich mit dem Leben der Frauenrechtlerin Ellen Key. Ein Sommer in Augustenbad ist ihr zweiter Roman.

Alle redeten nur noch von der Hitze. Jeder ersann seine eigene Strategie, um ächzend die heißesten Stunden des Tages zu überstehen – eine Woche verging so in sonnenflimmerndem, drückendem Dunst.

An diesem Morgen war es bereits zum Frühstück heiß. Danach, im Schatten einer Eiche auf der Bank sitzend, betrachtete Andreas die üppige Vegetation des Parks und zählte von Läusen und Larven zerfressene Rosenblätter. In diesem Park wucherte alles wie in einem Dschungel. Natürlich musste es so sprießen, bei dem vielen Wasser, das hier unter dem Boden dahinströmte.

Mit dem Schreibheft in der Hand sah er jedes Mal auf, wenn ein Dienstmädchen vorüberging. Es schien, als ob alle Wasserträgerinnen, Dienstmägde, Aufwartefrauen, Wäscherinnen und Badewärterinnen von Augustenbad an ihm vorbeikamen, nur sie mit ihren Siebenmeilenschritten nicht. Seit Mittsommer schon – und das war mittlerweile Ewigkeiten her – hatte er sie nicht mehr zu Gesicht bekommen. Ob sie krank war? Eine unbestimmte Angst ergriff ihn und machte sich in Gestalt eines vagen Bauchzwickens bemerkbar.

Das Gras gelb und trocken, stellenweise versengt, aber rings um die Quellen morastiger Boden. Wiesenkerbel und rote Lichtnelken am Kneippbad; Mückenschwärme mit einem ewigen Summen, das einem auf die Nerven ging. Die Mückenstiche wie harter Wundschorf an den Fußknöcheln, als ob die Hitze den Mücken ein stärkeres Gift in den Rüsseln beschert hätte.

Er hatte es gründlich satt, in so unmittelbarer Nähe zu der sich ihm aufdrängenden Natur zu leben – Fliegen, Bienen, Mücken, Mäuse, Vögel gönnten ihm keine Ruhe. Bis auf – ja, bis auf die Schmetterlinge. Die störten niemanden. Wer schlug schon einen Zitronenfalter tot?

Zur Mittagszeit brannte die Sonne so heiß, dass die Rosenblätter schrumpelig wurden. Die vielen Rosen des Parks zu pflegen war eine mühsame Aufgabe für den Herrn Gärtnermeister. Die Badegäste krochen mit schleppenden Bewegungen vorwärts und trachteten nach Schatten; Stock folgte auf Krücke, Krücke auf Stock. Ein älterer, schwergewichtiger Mann, der so gebeugt wie eine Wünschelrute ging, die Wasser ausfindig gemacht hatte, kippte auf dem Weg zur Insel der Glückseligkeit um. Liljedahl wurde herbeigerufen – da war schon der röchelnde Atem des Doktors zu hören. Zwei Heizer schleiften den besinnungslosen Mann in das Bäderkontor.

Der Speisesaal – wie leergefegt. Andreas' Appetit entsprach dem eines frisch Verschiedenen. Also wieder hinaus in den Schatten der Pappeln. Kreisende, jäh hinabstürzende Schwalben.

Wasser, Wasser, Wasser.

Nicht zum ersten Mal sah er dem Bad in sechs Grad kaltem Wasser mit Freude entgegen – empfand es als eine Linderung. Doch wandte er den Blick ab, als er Frau Björks sorgenvolle Miene und ihre traurigen, müden Augen sah. Hoffte, dass sie von sich aus etwas über die Befindlichkeit ihrer Tochter äußern würde, aber sie verrichtete ihre Arbeit stillschweigend, ja, fast ein kleines bisschen mechanisch. Er schwieg. Es war eine Feuerprobe – sich das Reden zu verkneifen.

 

Tage wie im Nebel, ein harter Druck hinter der Stirn. Schweiß rann ihm in kitzelnden Bächen von den Schläfen den Hals hinab und weiter über die Brust. Noch immer keine Spur von ihr, doch was blieb ihm übrig, als darüber zu schweigen?

Vor dem Kneippbad eine Schlange, aber er hatte es sich für diesen frühen Morgen vorgenommen und harrte aus, bis die Reihe an ihn kam. Herumstapfen in kaltem, zwischen den Zehen hervorsickerndem Schlamm, gefolgt von ausgelassenem Umherspringen in taufeuchtem Gras. Ein Zucken fuhr ihm in die Glieder, das einen von der Hitze Zusammengestauchten wie ihn dazu brachte, sich wie ein Bajonett zu strecken.

Was sollte er mit diesem Tag anfangen? Er musste sich vom Schreiben erholen; ewig still zu sitzen und in sich hineinzuhorchen bereitete ihm Schädelbrummen und einen krummen Rücken. Mittlerweile hätte er eigentlich schon eine halbe Gedichtsammlung fertig geschrieben haben müssen. An manchen Tagen fiel es ihm schwer, sich mit den Arbeitsvoraussetzungen eines Dichters – Geduld – auszusöhnen. Die Ungeduld trieb ihn fortwährend um. Ob man sich in Geduld und in der Beharrlichkeit, bewusst zu sehen und selbst die allerkleinsten Details zu bezeichnen, üben konnte? Das Auge der Ameise zum Beispiel. Er entschloss sich, das Desinteresse, das er den Tieren und Pflanzen des Parks entgegenbrachte, zu bezwingen und einen langen Spaziergang zu unternehmen, um verschiedene Arten von Gräsern zu sammeln, um sich dann ihre Namen unter Zuhilfenahme der Flora einzuprägen. Anschließend würde er jedem einzelnen Halm ein Gedicht widmen.

Äußerst zufrieden mit seinem brillanten Einfall setzte er den Strohhut auf und steckte eine Schere in die Brusttasche seines Jacketts. Er ging und ging, sah aber vor allem Brennnesseln. Ihm wurde klar, dass er sich hinunterbeugen musste, nahe herangehen musste, um zu sehen. Stundenlang lief er umher, bis er einen Strauß mit etwa zehn verschiedenen Gräsern gesammelt hatte.

Jetzt war er nahe daran, die Flora in den Kachelofen zu pfeffern! Wie, bitte schön, sollte man alle Halme in der Familie der Riedgräser unterscheiden können?! Oder Schmielen? Knaulgras? Gar nicht zu reden von Rispengras. Aber jetzt, ja jetzt hatte er sie alle gefunden:

 

Schmalblättriges Wollgras (mit seinen rasigen Halmen)

Gemeines Knaulgras (hoch, mit dichten Rispen)

Waldflattergras (mit seinen ausgebreiteten Rispen)

Gemeiner Schafschwingel (mit seinen fädlichen Blättern, die Borsten bilden)

Jähriges Rispengras (das übliche am Gehweg)

Gemeines Straußgras (sehr feine, kleine Ährchen)

Wiesenfuchsschwanz (länglich, weiche Rispe)

Wiesenlieschgras (länglich, raue Rispe)

Duftendes Mariengras (einen halben Meter hoch, jedes Ährchen trägt Blüten)

Zittergras (wunderbare, herzförmige Ährchen)

 

Wie viele Stunden Schlaf hatte er eigentlich gefunden in den letzten tropisch heißen Nächten, in denen die Bäume lautlos verharrten und sich danach sehnten, mit dem Wind zu spielen? Er wurde immer wieder wach und lauschte den Schnarchlauten aus dem Nachbarzimmer. Auf der Treppe erklang geräuschvolles Trampeln und im Korridor weithin hörbares Gerede. Er würde darauf wetten, dass sie zusammengesessen und Grog gebechert hatten, ja, hatte selbst ganz deutlich den Geschmack von Grog im Mund, schmeckte, wie sich die ersten guten Schlucke anfühlten, fühlte, wie seine Beinmuskeln erschlafften.

Würde ihm nichts anderes übrigbleiben, als heimlich zu Chloral zu greifen? Warum sollte er sich eigentlich für den eitlen Doktor hergeben, der nur auf seinen eigenen Ruf bedacht war? Und Ende August als ein Geschwächter, seiner Manneskraft Beraubter zu ihr heimkehren? Ob sie ihn mit offenen Armen empfangen würde?

Er mied Doktor Liljedahl, blieb den vereinbarten wöchentlichen Treffen fern, nahm nicht an den Verdauungsspaziergängen mit ihm an der Spitze teil. Die Begegnung mit ihm nach Mittsommer war so fürchterlich erniedrigend gewesen! Und Liljedahl würde Aline alles über seinen Rückfall berichten. Sie wollte erfahren, wie die Kur anschlug, das hatte sie verlangt, und das zu fordern war ihr gutes Recht, war es doch ihre Familie, die seinen Aufenthalt hier finanzierte.

Er hatte es auch noch nicht über sich gebracht, sich bei dem Doktor nach Amandas Befinden zu erkundigen; die Ungewissheit quälte ihn. Liljedahl seinerseits hatte sein Ausbleiben bisher nicht moniert, womöglich fand er es erholsam, sich nicht mit diesem undankbaren Sünder herumschlagen zu müssen – dem Stinker. So nannten sie im Dorf Leute wie ihn – Leute, die Branntwein wie Wasser soffen und ihr eigenes und das Leben anderer beschmutzten. Oder aber der Doktor war erschöpft, ja, tatsächlich wirkte er sehr angegriffen. Dreihundert Gäste in einem einzigen Sommer … es war ein hartes Stück Arbeit, die Last – von den Schmerzen, Wunden und der Todesangst – so vieler Menschen auf seinen Schultern zu tragen.

Verwelkte braune Pflanzen im Laubengang; hohe Disteln mit lilafarbenen Blüten, stachelig gezähnt – die einzige Farbenpracht. Das mittlere Grün der Vegetation war in ein sattes Dunkelgrün übergegangen.

Nun, Mitte Juli, zeigte sich die Natur ebenso trist wie an einem schneeweißen Wintertag. Konnte man sich an der Farbe Grün sattsehen? Konnte man genug von üppig wucherndem Pflanzengrün bekommen?

 

Beim Lazarett, dort, wo der Weg nach rechts bog, lag frischer schwarzer Pferdemist, übersät von kleinen Fliegen, die sich daran gütlich taten; ein durchdringendes, dumpfes Surren lag in der Luft. Auf der Höhe der Kegelbahn knackte es im Gebüsch, ein Rehkitz sprang auf seinen dünnen Beinen in den Wald.

Vor ihm, wo der Weg in gleißendes Sonnenlicht getaucht war, sonnte sich eine Ringelnatter.

Diesen Sommer schien es wieder viele Schlangen zu geben.

 

Über hundert Gäste reisten nach der ersten Sommerhälfte ab, neue trafen ein und stiegen mühsam mit Stöcken und Krücken aus den Equipagen, andere sprangen geschmeidig aus ihren Droschken. Sie freuten sich auf müßige Tage in angenehmer Gesellschaft. Wie viele Fragen es zu beantworten gab, während die mitgebrachten Möpse einander ankläfften und das Kurorchester die ersten Töne anstimmte. Für die Kinder gab es an der Quelle Pfefferkuchen.

Über einen zunächst verheißungsvollen, angenehm kühlen Morgen gewann mittags wieder die Hitze die Oberhand. Eine sonderbare Stille, ja, eine große Leere herrschte, nachdem die Vögel zu singen aufgehört hatten, und ebenda, in dieser Monotonie geschah es –...

Dateiformat: EPUB
Kopierschutz: Wasserzeichen-DRM (Digital Rights Management)

Systemvoraussetzungen:

Computer (Windows; MacOS X; Linux): Verwenden Sie eine Lese-Software, die das Dateiformat EPUB verarbeiten kann: z.B. Adobe Digital Editions oder FBReader - beide kostenlos (siehe E-Book Hilfe).

Tablet/Smartphone (Android; iOS): Installieren Sie bereits vor dem Download die kostenlose App Adobe Digital Editions (siehe E-Book Hilfe).

E-Book-Reader: Bookeen, Kobo, Pocketbook, Sony, Tolino u.v.a.m. (nicht Kindle)

Das Dateiformat EPUB ist sehr gut für Romane und Sachbücher geeignet - also für "fließenden" Text ohne komplexes Layout. Bei E-Readern oder Smartphones passt sich der Zeilen- und Seitenumbruch automatisch den kleinen Displays an. Mit Wasserzeichen-DRM wird hier ein "weicher" Kopierschutz verwendet. Daher ist technisch zwar alles möglich - sogar eine unzulässige Weitergabe. Aber an sichtbaren und unsichtbaren Stellen wird der Käufer des E-Books als Wasserzeichen hinterlegt, sodass im Falle eines Missbrauchs die Spur zurückverfolgt werden kann.

Weitere Informationen finden Sie in unserer E-Book Hilfe.


Download (sofort verfügbar)

15,99 €
inkl. 19% MwSt.
Download / Einzel-Lizenz
ePUB mit Wasserzeichen-DRM
siehe Systemvoraussetzungen
E-Book bestellen