Verscharrt

Thriller
 
 
Heyne (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 12. August 2013
  • |
  • 448 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-10287-6 (ISBN)
 
New York/Alphabet City: ein demenzkranker Zeuge, ein grausamer Leichenfund und Spuren, die bis in die schäbigsten Ecken Floridas führen ...

Ein siebzehn Jahre altes Verbrechen stellt Detective Darlene O'Hara, alleinerziehende Mutter und Ermittlerin des NYPD, vor ein Rätsel: Denn die menschlichen Überreste, die sie in einem Stadtgarten exhumiert hat, stammen nicht, wie erwartet, von einem ermordeten Farbigen, sondern von einem weißen Jungen, der über viele Stunden hinweg langsam verblutet ist. O'Haras Ermittlungen führen sie zu einer Gruppe Roma, und erst nach und nach begreift sie, was es bedeuten kann, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein ...

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
Heyne
  • 0,94 MB
978-3-641-10287-6 (9783641102876)
weitere Ausgaben werden ermittelt

KAPITEL 3

Homicide South liegt versteckt in einem Labyrinth aus fensterlosen Räumen im dritten Stock der Hausnummer 13. Direkt neben dem Fahrstuhl befindet sich ein einsames Kabuff.

»Morgen, Ray. Liegt was an?«

»Draußen vor Rocco's auf der Delancey ist ein Junge angestochen worden«, sagt Hickey und reicht O'Hara einen Ausdruck. »Sie haben ihn ins St. Vincent's gefahren. Zustand kritisch.«

Hickey ist für die Nachtschicht von eins bis neun eingeteilt, eine unrühmliche Aufgabe. Wenn plötzlich der Teufel los ist, ruft er Kelso an, den Lieutenant, und weckt ihn. Ist es weniger dringend, wie zum Beispiel bei einem Überfall, der möglicherweise zum Tötungsdelikt wird, möglicherweise aber auch nicht, füllt er ein Formular aus und gibt es den Detectives am Morgen, wenn sie ihren Dienst antreten. Wer die Nachtschicht bekommt, hat was ausgefressen. In Hickeys Fall war es Fahrerflucht - die Freundin eines Radfahrers, den Hickey auf dem Radweg umgefahren hatte, fotografierte ihn mit dem Handy, als er sich von der Unfallstelle entfernen wollte. Jetzt hat er die unbeliebteste Schicht am Hals, die ihn wie ein riesiger Felsbrocken runterzieht.

Mit dem Formular in der Hand geht O'Hara in den Einsatzraum und setzt sich neben ihren Partner, Augustus Jandorek, an ihren Schreibtisch. Jandorek ist Mitte fünfzig, schlank und immer gut gekleidet, mit kurz geschorenem grauen Haar und Bart. Als Detective ist er ein Späteinsteiger, hält sich aber für den Prince of the City. Sein feiner grauer Anzug passt wie angegossen. Ein goldenes Armkettchen baumelt an seinem Handgelenk.

»Es ging um Chiliflocken«, sagt Jandorek. Obwohl er eine Kopie der Unterlagen auf dem Schreibtisch liegen hat, schaut er auf seinen Computerbildschirm.

»Um vier Uhr morgens betreten zwei Männer Rocco's Pizzeria. Der eine ist ein Kerl wie ein Kühlschrank, eins sechsundneunzig, hundertdreißig Kilo. Der andere eher eine Minibar, ein Meter siebzig, siebzig Kilo. Der Kleinere greift nach dem Chilipulver, was drauf schließen lässt, dass er schon mal bei Rocco's gegessen hat, weil man da immer nachwürzen muss, wobei der Kerl hinterm Tresen schwört, dass er ihn nie da gesehen hat. Als er nach dem Streuer greift, stößt er dem Großen versehentlich gegen die Schulter. Der Kleine entschuldigt sich, bietet sogar an, ihn auf ein zweites Stück Pizza einzuladen, aber der Kühlschrank lässt nicht locker. Anscheinend hat er Emily Post verschlungen und ist jetzt ein entschiedener Verfechter von Tischmanieren.«

»Er gibt keine Ruhe.«

»Ganz genau, Dar. Wenn einer keine Ruhe gibt, dann er. Er fordert den anderen auf, mit ihm nach draußen zu gehen, und als der sich wenig begeistert zeigt, besteht er drauf. Kaum sind sie draußen, rammt der Kleine dem Großen, Ted McBeth, ein Messer in den Bauch. McBeth liegt im St. Vincent's. Der Täter befindet sich noch auf freiem Fuß.«

»So viel zu Tischmanieren«, sagt O'Hara. Obwohl ihr Tag alles andere als aussichtsreich begann, schöpft O'Hara neuen Mut angesichts der Möglichkeit, ein Tötungsdelikt aufzuklären, was bei Homicide South aufgrund des geringen Fallaufkommens nur sehr selten vorkommt. An der Wand ganz hinten hängt eine Tafel, auf der die Namen der elf Personen aufgelistet sind, die das Pech hatten, sich 2007 südlich der Fifty-Ninth Street ermorden zu lassen, zehn von ihnen sind blau durchgestrichen. Der einzige Name, der noch übrig ist, gehört einem Mann, der im April an einem Hotdog erstickte. Als der Gerichtsmediziner feststellte, dass das Ersticken auf eine Verletzung der Speiseröhre zurückging, die er sich fünfzehn Jahre vor seiner letzten Mahlzeit bei einer Schlägerei zugezogen hatte, war sein Tod nicht mehr nur ein tragischer Fall von schlecht gekautem Essen, sondern ein Tötungsdelikt. Für Kelso, der ständig nur an die Aufklärungsquote seiner Abteilung denkt, wurde der Fall zum unauslöschlichen Makel, und jedes Mal, wenn er einen Blick auf die Tafel wirft, hat er das Gefühl, auch ihm würde ein Würstchen im Hals stecken bleiben.

Detectives in der Bronx, in Brooklyn oder auch in Manhattan North können über elf Morde in sieben Monaten nur lachen - ein Umstand, der Manhattan South den Spitznamen Manhattan Soft eingetragen hat. Das Tempo ist hier vergleichsweise gemächlich, und nicht lange nach O'Haras Versetzung rief Kelso, der ihre Unruhe spürte, sie zu einem Gespräch unter vier Augen.

»Mag sein, dass das Fallaufkommen in Manhattan South relativ gering ist«, sagte er, »aber das hat auch eine Kehrseite. Wenn hier jemand getötet wird, stürzen sich die Leute, sprich die Medien und die Regierung, sofort darauf, und deshalb bekommen wir hier die besten Detectives zugeteilt.« Kelsos Büro liegt direkt hinter Hickeys Kabuff, und dass sie es von dort aus über Kelsos Schulter hinweg sehen konnte, kam O'Hara vor wie eine Warnung. »Unsere Aufklärungsrate ist jetzt seit fünf Jahren die höchste der Stadt. In drei der vergangenen vier Jahre war sie sogar lückenlos, verdammt noch mal, und hätte dieser verfluchte Wichser nicht das Kauen vergessen, hätten wir auch in diesem Jahr wieder hundert Prozent. Es geht nicht um Quantität, sondern um Qualität. Die Detectives bei Homicide South sind die letzten Erwachsenen beim NYPD, und so lange Sie hier sind, wird ein entsprechendes Verhalten auch von Ihnen erwartet.«

O'Hara hatte die Botschaft verstanden, und Hickeys Kabuff, das leer noch abschreckender wirkte, verlieh ihr Nachdruck. Mit der Zeit begriff O'Hara allerdings auch, dass erwachsen bei der Mordkommission ein Synonym für alt war. Alle Detectives ihrer Abteilung, mit Ausnahme ihrer selbst, haben bereits zwanzig oder sogar fünfundzwanzig Jahre auf dem Buckel. Und nach so langer Zeit ist der Job nur noch Fahrstuhlmusik: Sie spielt im Hintergrund, während man an etwas ganz anderes denkt.

»Fahren wir ins St. Vincent's?«

»Hast du's eilig, dich mit SARS, Ebola oder dem West-Nil-Virus zu infizieren? Du hast wohl schon lange nicht mehr das Wartezimmer dort gesehen. Ich hab angerufen. McBeth wird noch operiert. Kann Stunden dauern, bis wir mit ihm sprechen dürfen.«

»Wir könnten uns mit den Schwestern unterhalten. Vielleicht hat er was gesagt, als er eingeliefert wurde.«

»Möglich«, sagt Jandorek und starrt auf seinen Bildschirm, »aber lass uns erst mal abwarten. Außerdem wollte ich dich was fragen. Es geht um einen jungen Mann, wahrscheinlich der beste Softballspieler im Polizeidienst landesweit. Ich bin auf seine Facebookseite gegangen, und er hat ein zehnminütiges Video von sich da reingestellt, das ihn beim Training zeigt. Hältst du das für schwul?«

»Ja.«

»Ich auch. Aber mein Kumpel, der ihn kennt, ist sich sicher, dass er's nicht ist, und er schwört, der schleppt mehr Frauen ab als alle anderen.«

»Na, dann. Vielleicht irre ich mich. Vielleicht ist er ja nur ein bisschen daneben. Vielleicht ist er Scientologe.«

Jandorek blickt von seinem Bildschirm auf und wirft O'Hara einen fragenden Blick zu. O'Hara weiß, dass sie vorsichtig sein muss. Jandorek hat nur Cops im Kopf, den Zusammenhalt der Gemeinschaft - weshalb er sich im Netz auch lieber das Softball-Team des NYPD ansieht als die Yankees oder die Mets -, und die Frage, ob der beste Polizist und Softballspieler des Landes schwul ist oder nicht, darf nicht auf die leichte Schulter genommen werden.

»Ich glaube nicht, dass du dich irrst, Dar.«

»Ich glaub's auch nicht. Aber ich will dich was fragen: Wieso interessiert dich das?«

»Das ist eine sehr gute Frage. Allerdings eine ganz andere als die, mit der ich mich gerade beschäftige. Übrigens solltest du dir vielleicht mal die Zähne putzen.«

»So schlimm?«

»Ja.«

Als O'Hara in ihrer Schublade nach einer Zahnbürste kramt, tritt Lauricella, der Desk-Sergeant vom Empfang unten, in Begleitung einer großen schwarzen Frau Mitte fünfzig an ihren Schreibtisch.

»Paulette Williamson«, sagt er, »das ist Detective Darlene O'Hara. Ms. Williamson möchte einen möglichen Mord melden. Sie hat darum gebeten, mit einer Frau sprechen zu dürfen.«

Zwei potenzielle Tötungsdelikte an einem Vormittag, denkt O'Hara. Bei Homicide Soft. Was zum Teufel ist bloß los?

»Bitte«, sagt O'Hara und zeigt auf einen Stuhl.

»Ich bin ambulante Krankenpflegerin«, erklärt Williamson. »Ich kümmere mich um einen alten Mann namens Gus Henderson in der East Third. Vor zwei Wochen hatte er eine Grippe, und ein paar Tage lang stand es sehr schlecht um ihn.« Williamson ist ungefähr fünfzig, hübsch und wortgewandt, mit leicht karibischem Einschlag in der Satzmelodie. Sie strahlt die Geduld aus, die in ihrem Beruf dringend nötig ist.

»Wir dachten, er würde sterben, und ich glaube, ihm ging es ähnlich, denn eines Abends bat er mich, die Rollläden...

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