Die Melodie der Träume

Roman
 
 
Lübbe (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 22. Juli 2011
  • |
  • 500 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8387-0490-6 (ISBN)
 
Frankreich, 1848: Die junge Engländerin Joanne gerät in die Wirren der Februarrevolution und verliebt sich in einen Grafen. Unmittelbar vor der Heirat jedoch wird die junge Frau von einem Aufständischen entführt und quer durch Frankreich zu einer Zigeunerfamilie verschleppt. Das Schicksal aber führt sie weiter. Als Krankenschwester hilft sie an den Schauplätzen des Krimkriegs, sie lernt die charismatische Florence Nightingale kennen und trifft schließlich wieder auf den jungen Arzt aus Paris, der ihr am Ende die Augen öffnet. Eine fesselnde Geschichte vor dem Hintergrund einer turbulenten Epoche, die den Leser eintauchen lässt in diese aufregende Zeit voller Macht, Abenteuer und Liebe.
1. Aufl. 2011.
  • Deutsch
  • 0,50 MB
978-3-8387-0490-6 (9783838704906)
3838704908 (3838704908)
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Kapitel Eins


Einen Monat später und weit entfernt von Whitehall blies Sir David Byngham die Wangen auf wie ein Vogel, der sich in der Kälte aufplustert. In der Wohnung brannte ein Meer von Kerzen. Es sah aus wie in einer russisch-orthodoxen Kirche und war so warm, dass Sir David sich kaum gewundert hätte, wenn Weihrauchduft durch die Zimmer geschwebt wäre. Er fühlte sich ein wenig schuldbewusst.

Er wandte dem knisternden Kaminfeuer im anmutigen Salon seiner Wohnung in der Rue Royale in Paris den Rücken zu, rieb sich die kalten Hände und dankte seinem Schöpfer, dass er seinen Platz nicht mit Jules tauschen musste. Jules war Drehorgelspieler und stand auch heute, wie so oft, in Erwartung großzügiger Almosen der Reichen mit seiner Orgel und dem Kapuzineräffchen Coco vor dem Haus. Wann immer Jules mit seiner Orgel vor der Wohnung in der Rue Royale auftauchte, gab Sir David ihm Geld.

»Soll ich uns Tee bestellen, Papa?«

Joanne betrat den Salon, nachdem sie sich im eiskalten Vestibül hastig ihrer Pelze entledigt hatte. Ihr junges Gesicht glühte. Der Wind draußen pfiff so schneidend kalt, dass sie trotz ihrer dicken Kleidung bis ins Mark durchgefroren war. Sir David betrachtete seine Tochter. Mit ihrem üppigen, bronzegoldenen Haar und ihren bernsteinfarbenen Augen erinnerte sie an ein seltenes, katzenähnliches Lebewesen. Sie war ihrer Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten.

Sir David stieß einen wehmütigen Seufzer aus.

»Ja bitte, mein Liebes.«

Nachdem Joanne dem Dienstmädchen Bescheid gesagt hatte und in den Salon zurückgekehrt war, blickte Sir David seine einzige Tochter mit einer Mischung aus Trauer und Melancholie an. Welch schönes Kind! Welch hübsches Mädchen! Joannes Erscheinung zog alle Blicke auf sich, wohin sie auch kam.

Eigentlich wäre es Sir David lieber gewesen, Joanne im heimatlichen Irland zurückzulassen, doch seine Tochter hatte ihn wortreich davon überzeugt, dass es sich unter der Aufsicht einiger Bediensteter in Byngham House im wilden County Wicklow auch nicht sicherer lebte als in Paris. Die Anwesenheit ihres Vaters, so argumentierte sie, war verlässlicher als die jedes anderen Menschen. Und es war wie immer: Wenn Joanne einmal einen Entschluss gefasst hatte, wusste Sir David ihr nichts mehr entgegenzusetzen. Er selbst aber wusste, wie verwundbar sie in dieser aufgewühlten, unruhigen Stadt war!

Seine heutige Begegnung mit Jules kam ihm in den Sinn. Welke Blätter waren wie besessene Derwische über den Bürgersteig getanzt und hatten sich in den Toreinfahrten mit menschlichen Hinterlassenschaften und Müll vermischt. Jules' Lachen hatte gebrochen und hohl geklungen, sein weit geöffneter, zahnloser Mund verzerrte sein Gesicht zur Grimasse. Sir David erinnerte sich, wie missbilligend Jules seine Tochter angesehen hatte, als sie ihre zarte weiße Hand aus dem Muff gezogen und dem Äffchen eine Münze in die ausgestreckte Pfote gelegt hatte.

Coco biss mit seinen scharfen spitzen Zähnen auf den Rand der Münze, um sie auf Echtheit zu prüfen. Für Jules stellten die beiden Ausländer nichts anderes dar als die Aussicht auf einen warmen Geldsegen. Und Sir David hatte die Gereiztheit des alten Mannes bemerkt. Hinter der vorgeschützten Biederkeit des braunhäutigen, alten Mannes spürte Sir David eine unterschwellige Feindseligkeit. Jules gehörte der untersten sozialen Schicht an. Sein Gesicht spiegelte die Enttäuschungen seines Lebens wider. Alle Unbilden der Witterung hatten sich tief eingegraben, Regen und Frost hatten es verhärtet, und der stetig wechselnde Wind des Schicksals hatte Spuren hinterlassen wie in hartem Felsgestein. Jules war zu einem Symbol der Ärmsten und Ausgestoßenen von Paris geworden, denen reiche Briten zuwider waren. Dabei spielte es keine Rolle, dass sie sich mit ein paar Münzen freikauften, ehe sie weiterschlenderten und den menschlichen Abschaum schnell wieder vergaßen.

»Oho, Jules! Sie tun dem armen Chopin aber heute wieder Gewalt an«, hatte Sir David den alten Drehorgelspieler jovial begrüßt. Dabei wollte er durchaus nicht herablassend klingen, sondern einfach nur freundlich. Er kannte Jules seit vielen Jahren. Der Alte hatte bereits Drehorgel gespielt, als Sir David Joannes Mutter Jacqui, einer gebürtigen Pariserin, den Hof machte. »Hier, kaufen Sie sich eine Flasche Absinth, und verschwinden Sie aus dieser Kälte. Das Wetter ist Gift für jemanden, der es auf der Brust hat.«

»Ich gehe bestimmt bald nach Hause, Monsieur. Aber ich kaufe keinen Absinth, sondern Medizin.« Jules war von einem Fuß auf den anderen getreten und hatte seine nackten, blau gefrorenen Hände gerieben. »Meine Frau ist sehr krank. Sie hustet und spuckt Blut.«

David wollte gerade eine weitere Münze in Jules' Kappe legen, als er angerempelt wurde und die Münze in die Gosse rollte. Der kleine Affe sprang hinterher, holte sie aus dem Schmutz und zeigte dem fremden Rempler laut schnatternd seine spitzen Zähne.

Der Fremde trug eine schmutzige Stoffkappe, einen billigen Mantel und abgetragene Schuhe. Auf seiner linken Wange trat deutlich eine tiefe Narbe hervor, die vom Ohrläppchen bis zum Mundwinkel verlief. Sie bewirkte, dass der Mann ständig zu grinsen schien, als mache er sich über die Hoffnungslosigkeit des Lebens auf ironische Weise lustig. Abgesehen von dem tiefen Wundmal war das Gesicht des Mannes von Pockennarben gezeichnet - ein Gesicht, wie man es nur bei den Armen sah.

»Oh ja, Jules sorgt immer noch für Ohrenschmerzen«, sagte er hämisch.

Er streifte den Engländer mit einem Blick und ließ seine dunklen Augen dann auf Joannes gepflegtem Äußeren verweilen. Ohne die Augen von dem jungen Mädchen zu wenden, sagte er zu dem Drehorgelspieler: »Wenn ich du wäre, ginge ich jetzt schleunigst in die Markthallen. Du hast genug Geld in der Kappe. Der Brotpreis steigt ins Unermessliche. Und dabei ist es nur Schwarzbrot! Schwarzbrot liegt schwer im Magen, nicht wahr, Sir David?«

Er feixte und sah dem Engländer und seiner Tochter frech ins Gesicht. Sowohl Sir David als auch Joanne sprachen fließend Französisch und verstanden jedes Wort.

»Schon möglich«, antwortete Sir David und legte den Arm um Joanne. »Komm jetzt nach oben, Liebes. Es ist wirklich lausig kalt.«

»Bei den Preisen ruiniert man sich nicht nur den Magen, sondern auch die Geldbörse. Eine schlimme Kränkung, n'est-ce pas? Aber was sollen wir armen Leute essen, wenn der Hektoliter Weizen neunundvierzig Francs kostet? Am besten, man legt sich still in die Gosse und hofft auf einen schnellen Tod. Und das gilt auch für unsere Kinder, Sir David!«

Sir David hatte Joanne eilig ins Haus geschoben.

»Wer war denn dieser schreckliche Kerl, Papa?«, fragte Joanne, sobald sie im Vestibül standen.

»Soviel ich weiß, heißt er Cabet. Allerdings habe ich keine Ahnung, was er macht.«

»Dann kennen Sie ihn also, Papa?«

»Sagen wir lieber, ich habe von ihm gehört.«

»Und was wissen Sie über ihn?«

»Auf jeden Fall scheint er ein Agent provocateur zu sein, ein Aufwiegler. Ein unangenehmer Zeitgenosse.«

Sir David wusste sehr genau, wie heftig es in Paris gärte und brodelte. Er wusste auch, dass der keimende Hass sich eher früher denn später Bahn brechen würde. Und nicht nur deshalb war er der Meinung, dass die Stadt nicht der richtige Ort für seine geliebte Tochter war. Er würde darüber nachdenken müssen, wie er sie zu ihrer Tante nach London schicken konnte, ohne erneut ihrer weiblichen Überredungskunst zu erliegen.

»Mrs O'Grady«, wandte er sich jetzt an die irische Haushälterin, die zusammen mit dem russischen Dienstmädchen Natascha den Tee servierte, »woher kommen diese vielen Kerzen? Ich dachte, es wäre heutzutage schwierig, Wachs oder Talg zu bekommen.«

»Mit dieser Frage müssen Sie sich bitte an Natascha wenden. Das Mädchen kann keine Dunkelheit mehr ertragen, seit Napoleon in ihr geliebtes Moskau einmarschiert ist.«

Überrascht registrierte Sir David, dass Mrs O'Grady, die angeblich kein Wort des russischen Dienstmädchens verstand, so viel über deren Innenleben zu wissen schien.

»Nun«, wandte er sich scherzhaft in fließendem Russisch an die Haushaltshilfe, »hat Ihnen etwa der Papst all diese Kerzen in seinem Testament hinterlassen?«

»Ich nicht kennen Papst, Sir David«, gab Natascha ernsthaft und in gebrochenem Englisch zurück. »Ich nur kennen Pope. Er ist auch in Paris, weil Zar in Russland verfolgt unser Religion. Aber Pope hat mir nichts gegeben. Nur vergibt Sünden. Bitte nicht fragen, woher Kerzen. Ich wissen, aber nicht sagen. Aber bitte, Sir David, Natascha ist kein Diebin.«

Natascha schaute ihm offen und ehrlich ins Gesicht, und Joanne verbarg ein Lächeln.

Sir David seufzte. Schließlich wandte er sich mit ernster Miene an seine Tochter.

»Mein Liebes, es behagt mir nicht, dass du dich hier in Paris aufhältst. Du solltest umgehend zu deiner Tante Hester nach London abreisen. Hier in Paris wird es allmählich zu gefährlich.«

»Um Himmels willen, Vater - nein, bitte nicht!« Joannes Entsetzen wurde schon dadurch deutlich, dass sie ihn »Vater« nannte. Normalerweise sagte sie »Papa«.

Sir David seufzte. Er sehnte sich nach seiner Frau, die sicher besser mit dem halsstarrigen Mädchen zurechtgekommen wäre. Jacqui jedoch war in Joannes dreizehntem Lebensjahr am Hungerfieber gestorben. Während der großen Hungersnot war sie täglich unterwegs gewesen, um sich um erkrankte Bauern auf ihrem Besitz in Irland zu kümmern, und hatte sich trotz aller Vorsichtmaßnahmen angesteckt.

»Ich mag Tante Hester nicht, das wissen Sie ganz genau. Und sie mag mich auch nicht. Ich stelle es mir schrecklich vor, bei ihr zu wohnen. Das reinste...

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