Die Kunst des Sterbens

Thriller
 
 
Heyne (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 9. Dezember 2013
  • |
  • 480 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-11763-4 (ISBN)
 
Jedes Leben hat seinen Preis ...

Ben Webster, der für eine Sicherheitsfirma arbeitet, steht vor dem ungewöhnlichsten Auftrag seines Lebens. Der iranische Billionär Darius Qazai beauftragt Webster, gegen ihn zu ermitteln. Auf diese Weise will der charismatische Geschäftsmann und Kunstsammler seine reine Weste beweisen. Aber Websters faszinierenden Auftraggeber umgibt ein finsteres Geheimnis. In Marrakesch spitzen sich die Ereignisse dramatisch zu. Immer mehr Tote kreuzen Websters Weg, und schnell wird ihm klar, dass mächtige Feinde aus Politik und Hochfinanz auch sein Leben bedrohen ...

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
Heyne
  • 0,92 MB
978-3-641-11763-4 (9783641117634)
weitere Ausgaben werden ermittelt

2

Als Junge war Webster bis zum Stimmbruch Chorknabe gewesen, und er wusste noch, was für eine Wirkung die kirchlichen Rituale auf ihn gehabt hatten, auch wenn die kirchliche Lehre vor langer Zeit ihren Einfluss auf ihn verloren hatte. Einige der Geschichten von damals waren ihm im Gedächtnis hängen geblieben; an die Handlung konnte er sich zwar nur vage erinnern, aber die Atmosphäre – die lichte, unerschütterliche Klarheit des Alten und Neuen Testaments – war ihm nach wie vor präsent, und er konnte sich gut daran erinnern, welche Gefühle sie in ihm ausgelöst hatte: Schmerz, Schuld und Mitleid, eins mit allen Sündern der Welt. Im Alter von zwölf Jahren hatte man ihn gebeten, am Karfreitag als Messdiener zu assistieren, was eine große Ehre war, und während er dem Pfarrer von einer Station des Kreuzwegs zur nächsten folgte, musste er sich immer wieder in die zarte Haut seines Oberarms kneifen, damit ihm nicht die Tränen kamen.

Zwischen ihm und dieser gläubigeren und womöglich besseren Inkarnation seiner selbst lagen fünfundzwanzig Jahre. Und zehn Jahre waren es, seit er Russland verlassen hatte und die letzten Spuren seines Glaubens erloschen waren. In dieser Zeit hatte er sich mit seiner Frau ein glückliches, ausgefülltes Leben aufgebaut, für das er sich jeden Tag bedankte. Bei niemand Bestimmtem, einfach so, und bis zu diesem Jahr hatte er sich kaum je Gedanken gemacht, an wen sein Dank eigentlich gerichtet war. Seit Locks Beerdigung jedoch geisterten immer wieder Szenen aus seiner frühen Kindheit durch seinen Kopf, sodass er sich fragte, ob es sich dabei um eine Botschaft handelte oder um einen Akt der Gnade; ob sie ihm irgendetwas mitteilen oder seinem Unterbewusstsein nur auf geheimnisvolle Weise Trost spenden wollten.

Lock war kurz vor Weihnachten gestorben. Die Beerdigung, der Webster heimlich beigewohnt hatte, war am Heiligabend gewesen, und für den Rest des Winters und den ganzen Frühling über hatte sein Tod Webster unaufhörlich beschäftigt. Die Deutschen wollten, dass er zurückkam, damit sie ihn erneut befragen konnten und damit er im Zuge der gerichtlichen Untersuchung als Zeuge aussagte – die erwartungsgemäß zu dem Ergebnis kam, Lock sei in Berlin von »finsteren Mächten« umgebracht worden, die eigentlich seinen Klienten, Konstantin Malin, hatten ermorden wollen. Obwohl es nicht im Bericht stand, das wusste Webster, war eine der wenigen Schlussfolgerungen, die man aus dem ganzen Vorfall ziehen konnte: Ohne seine Einmischung wäre Lock noch am Leben.

Darum war es vielleicht nicht verwunderlich, dass seine Seele nach Trost suchte. Schön, er konnte nichts dagegen tun. Aber er wollte nicht getröstet werden. Er wollte nichts weiter als arbeiten, sich konzentrieren und ein guter Vater sein – und die Zeit und das Schicksal entscheiden lassen, ob er das Richtige tat oder nicht.

Drei Tage vor Mehrs Gedenkgottesdienst, an einem dunklen, regnerischen Nachmittag Anfang Mai, der eher an einen Wintertag als ans Frühlingsende erinnerte, hatte Webster in einem Konferenzraum in der Nähe der St Paul’s Cathedral gesessen und einem Private-Equity-Unternehmen seine Ermittlungsergebnisse präsentiert. Durch die Glasfront, die über eine Seite des Gebäudes verlief, konnte er auf der Treppe der Kathedrale ein paar vereinzelte Touristen erkennen und die frisch geputzten Steine der Fassade, die im Regen glänzten, darüber die riesige Kuppel, und jenseits des Flusses durchschnitt der mattbraune Bankside Tower die grauen Umrisse der fünfzehn Kilometer entfernten Sydenham Hills. Es war eine großartige Aussicht, selbst in der Dämmerung, und ein großartiger Hintergrund für zwei junge Männer in Anzügen, von denen einer sich Notizen machte, während der andere einen Handtrainer bearbeitete (er hatte erklärt, das sei Teil seiner Therapie nach einem Boxunfall). Offensichtlich waren sie genauso begeistert wie Webster, hier zu sein.

Vier Wochen zuvor hatten sie ihm einen Routineauftrag erteilt: Er sollte klären, ob ein Mann namens Richard Clifford, mit dessen Firma sie an die Börse gehen wollten, sauber sei. Sie sollte nächsten Monat zugelassen werden, und da der Markt gerade ruhig war und die Firma bekannt, würde, so hatte man Webster erklärt, alle Welt genau hinsehen.

Clifford hatte einen unbescholtenen Ruf, und sein offizieller Lebenslauf war, wie man so sagt, blütenweiß: keine Skandale, keine Gerichtsverfahren, keine Insolvenz. Doch ein besonders redseliger ehemaliger Kunde hatte »diese Geschichte in der Zeitung« erwähnt – beinahe ausgelassen hatte er gewitzelt, dass man so etwas heute ernster nehmen würde –, doch auf Nachfrage hatte er dichtgemacht und erklärt, das sei lange her, mehr wolle er nicht sagen. Nach einem Tag in der Bibliothek war Websters Rechercheur auf zwei Zeitungsartikel gestoßen, beide aus den späten 1980ern, in denen mit typischer Offenheit beschrieben wurde, wie die News of the World Clifford eine Falle gestellt und dabei erwischt hatte, Geld für Sex mit einer minderjährigen Prostituierten bezahlt zu haben. Ein Bild zeigte, wie er, bärtig und jung, einunddreißig Jahre alt, sein Gesicht vor dem Fotografen abschirmte, der ihm morgens an der Haustür aufgelauert hatte.

»Sie machen Witze«, sagte der Mann mit der verletzten Hand und beugte sich auf dem Tisch zwischen ihm und Webster nach vorne; sein Hemd schien zu klein für die kräftigen Schultern darunter zu sein. Er hatte ein straffes, breites Gesicht, das von schütterem, hellem Haar umrahmt war und von dem unablässigen Stirnrunzeln wichtiger Männer geziert wurde. Sein Kollege notierte sich etwas, schüttelte nur den Kopf und atmete langsam aus.

»Nein«, sagte Webster.

»Wie ist es ihm gelungen, das zu verheimlichen?«

»Er wurde wegen Zuhälterei angeklagt, doch die Sache ging nie vor Gericht.«

»Warum nicht?«

»Keine Ahnung. Ich vermute, sein Anwalt hat sich darauf berufen, dass man ihm eine Falle gestellt hat, und die Staatsanwaltschaft kriegte kalte Füße.«

»Schwachsinn.«

Webster verzog das Gesicht.

»Er konnte nicht wissen, dass sie minderjährig war.«

»Er wusste es.« Aus der Tasche mit Unterlagen vor sich zog Webster ein großes geknicktes Blatt Papier und schob es über den Tisch. »Sie haben die Annonce, die sie benutzt haben, daneben abgedruckt.«

Der Boxer entfaltete den Artikel, betrachtete ihn für etwa zehn Sekunden, und als er ihn seinem Kollegen reichte, starrte er Webster eine Weile lang an, als könnte er ihn so dazu bringen, mit diesem Schwachsinn aufzuhören und endlich die Wahrheit zu sagen. Sein Stirnrunzeln war jetzt nicht mehr ernst, sondern ungläubig. Webster wusste, was er dachte: Das war’s dann wohl mit meinem verdammten Deal.

»Ist das Ihre einzige Quelle? Die News of the World

Webster nickte.

»Tja, kaum verwunderlich, dass die Sache nie vor Gericht kam, oder?«

»Die News of the World hat sich das nicht ausgedacht. So lief das nicht. Nicht damals.«

»Natürlich nicht.«

»Sie hatte mehr Anwälte als irgendeine andere Londoner Zeitung. Ich habe mit der Journalistin gesprochen. Eigentlich waren es zwei, ihr Kollege ist gestorben. Die Aktion gehörte zu einer Serie von Undercovergeschichten, und als Köder hatten sie in einem niederländischen Kontaktmagazin Anzeigen geschaltet. Cliffords Brief war der erste, der bei ihnen einging.«

»Scheiße, Mann. Haben Sie sich das ausgedacht?« Kopfschüttelnd zog er sein Handy aus der Tasche und verließ das Zimmer.

Für einen Moment sahen Webster und der Kollege des Boxers einander an.

»Wie schlimm ist die Sache?«, fragte der Kollege schließlich.

»Was er getan hat, oder welche Konsequenzen es hat?« Webster verlor langsam die Geduld.

»Sie wissen schon.«

»Das bedeutet, dass Ihr Mann früher mal ein Widerling war. Vielleicht ist er das noch immer. Und wenn ich es weiß, wissen es auch andere.«

Der Klient nickte einmal und seufzte. »Herrgott.« Er schrieb etwas in sein Notizbuch. »Wer noch?«

»Die Journalistin. Sie ist inzwischen im Ruhestand. Ihr Redakteur, falls er sich daran erinnert. Und: Damals lag die Auflage bei ungefähr drei Millionen.«

In diesem Moment kehrte der Boxer ins Zimmer zurück und blieb am Ende des Konferenztisches stehen.

»Nein – nein. Ich sag’s ihm … Scheiße, keine Ahnung.« Er legte auf und schaute zu Webster. »Haben Sie das schriftlich festgehalten?«

Sein Kollege hörte auf zu schreiben. Webster seufzte. »Das hier«, er zog eine schmale Akte aus der Kunststoffmappe vor sich, »ist ein vorläufiger Bericht. Über alles, was ich zusammengetragen habe.«

»Nehmen Sie ihn wieder mit. Und jagen Sie ihn durch den Schredder. Und sollte die scheiß Presse über die Geschichte berichten, dann weiß ich, woher es kommt.«

Webster starrte ihn an. »Bitte?«

Der Boxer erwiderte seinen Blick. »Das hier macht Ihnen Spaß, was? Haben Sie auch nur die geringste Ahnung, wie viel Arbeit wir investiert haben?«

Webster klaubte seine Unterlagen zusammen und stand auf. »Morgen früh haben Sie meine Rechnung. Ich an Ihrer Stelle würde mir ernsthaft überlegen, Mr. Clifford still und leise zu verabschieden. Allermindestens.«

Er wollte das Zimmer verlassen, doch der Boxer, der am Ende des Tisches neben der Tür stand, versperrte ihm den Weg.

»Zwei Jahre«, sagte er. »Zwei Jahre meiner Zeit, seiner Zeit. Das halbe Büro hat daran gearbeitet.«

Webster musterte ihn einen Moment lang; sein Haaransatz war verschwitzt, und sein Hals drückte gegen den...

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