Fischfang. Liebesgeschichten

 
 
konkursbuch (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen im August 2013
  • |
  • 320 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Adobe DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-88769-983-3 (ISBN)
 
Geschichten über junge Großstadtmenschen, die miteinander in Beziehung stehen, sexuell, in Liebe, in Abhängigkeit. Sie sind lesbisch, hetero oder bisexuell, in einigen Geschichten erleben Frauen, die in heterosexuellen Beziehungen stecken, das erste Mal Sex mit anderen Frauen. Sie lieben eine/n oder lieben viele, streiten sich, schlafen miteinander. Teils spielen die Erzählungen im Fantasyambiente, so treiben auch Nixen und Vampirinnen ihr Unwesen. Sie können die Dramen des Begehrens verschärft und mörderischer ausspielen.
Jönsson schreibt hart, schonungslos und unbarmherzig, manchmal wirken ihre Sätze wie atemlose Spoken-Word Performances.
Doch unter der Härte der Sprache, hinter den manches Mal brutalen Handllungssträngen ist immer wieder eins zu erahnen: die Liebe. Sie zeigt sich in vielen Varianten, im Scheitern, im Glück, in ihrer Zartheit und Verletzlichkeit, selbst in einer schmierigen Bahnhofskneipe morgens um fünf, nach durchwachter Nacht und endlosem Streit.
  • Deutsch
  • 0,38 MB
978-3-88769-983-3 (9783887699833)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Cornelia Jönsson,1980 in Lörrach geboren, studierte Theaterwissenschaften und Philosophie, später noch Psychologie, arbeitete als Regieassistentin und Dramaturgin in verschiedenen Theatern und als freie Autorin für Zeitungen, zur Zeit arbeitet sie in einem Wohnprojekt für Menschen aus dem Maßregelvollzug. Buchveröffentlichungen: ein Theaterstück, eine Serie von drei Romanen und Sachbücher. Verschiedene Auszeichnungen.

Eva


Es sind vier Tage vergangen. Ich verlasse zum ersten Mal das Bett. Ich setze mich in der Küche auf das sonnenbeschienene Fensterbrett und schaue hinunter auf mein Stück Stadt, mein Stück Straße. Ich weiß, dass sie aus kleinen Pflastersteinen besteht, doch von hier oben kann ich es nicht erkennen. Zu weit weg die Steine, mindestens zehn Meter. Ich könnte die Zehen ein wenig bewegen, dann würden meine Sandalen hinunterfallen, vielleicht auf einen Kopf, vielleicht auch nur auf die Straße. Ich könnte mich auf meine Arme stützen, das Becken nach vorne drücken und mich fallen lassen. Vielleicht auf einen Kopf, vielleicht auch nur auf die Straße. Es ginge ganz leicht, es bräuchte nur ein kleines bisschen Muskelkraft und eine Sekunde Zeit. Es gäbe kaum Einfacheres jetzt.

Trotzdem klettere ich von dem Fensterbrett zurück in die Küche, obwohl es der mühsamere Weg ist und der mir weniger einleuchtende. Ich gehe zum Waschbecken oder meine Beine tragen mich dorthin und ich sträube mich nicht.

Als es gerade anfing, warm zu werden. Als ich das erste Mal in Rock und Sandalen zur Arbeit ging. An einem Sonntagvormittag, an dem die Menschen zu zweit oder zu mehreren auf einen Kaffee zu uns kamen und gingen, ohne die Zeitung gelesen zu haben, hin zu irgendeinem See, einem Wald, einer Fahrradtour. Da kam auch Eva und war schön, mit rotem, dicken Pferdeschwanz und schwarzem Hemd über schwarzen Jeans. Eva zeichnete irgendetwas und mir war unwohl, als ich ihr ihren Espresso brachte. Wie sie mich ansah. Aus grauen Augen, Fältchen in den Winkeln – dieser fordernde Zug.

Eva war zu schnell für mich. Eva dringt nicht allmählich durch, sie schlägt ein. Ich stellte ihre Tasse neben ihre Zeichnungen mit gesenktem Blick und spürte ihre kühle Hand auf meinem heißen Kopf, während sie fragte:

»Darf ich mal?«

Ich hatte plötzlich Nerven in den Haaren. In der Strähne, die sie sich um den Finger wickelte. »Dein Haar sieht schon von Weitem so weich aus.«

Eva erklärte nichts. Sie informierte.

»Ich wüsste gerne, wie du sonst aussiehst. Ich bin Fotografin. Ich möchte dich fotografieren. Schau.«

Sie zeigte mir eine Mappe mit Fotos. Eine Frau im Militärlook stand in einem See, zwischen Fischen und Gewehren. Eine Frau in schwarz-weiß rasierte sich die Achselhöhlen. Eine Frau in Farbe schälte einen Granatapfel. Eine Hand in einer Granatapfelkernschale. Eine Zunge, an der ein Paar Kirschen hing. Darunter, an den Brüsten, hingen auch welche.

»Wir würden gerne etwas trinken«, rief jemand und ich verließ das Rote-Früchte-Land.

Eva zahlte am Tresen. Und gab mir ihre Karte.

»Du kannst morgen ab zwei vorbeikommen. Ich freue mich.«

Meine Hand dreht jetzt doch den Wasserhahn zu und lässt das volle Glas im Becken stehen. Meine Beine laufen ins Bad. Ich starre in den Spiegel, durch ein Gesicht hindurch, dass es meiner Ansicht nach nicht mehr geben müsste.

Ich dachte nicht über ihr Anliegen nach. Nicht einmal über Eva selbst dachte ich nach. Ich dachte eigentlich gar nicht, fühlte mich nur anders. Ich hatte plötzlich loderndes Haar und stand unter ständiger Beobachtung durch graue Augen – dieser fordernde Zug.

Ich lernte abends nach der Arbeit und legte mich früh ins Bett, ohne viel zu schlafen.

Am nächsten Tag verließ ich die Bibliothek um halb zwei. Ich ging nicht zum gemeinsamen AG-Essen in die Mensa. Ich nahm die Verwunderung der anderen zur Kenntnis und verbot mir selbst, mich zu wundern. Ich hatte das ganze letzte Jahr diszipliniert gearbeitet. Die Welt würde nicht untergehen wegen dieser paar versäumten Lernstunden am zweiten Sommertag. Das erste Reißausnehmen seit einer Ewigkeit.

Ihr Atelier war hell und chaotisch. Es gab einen großen Raum, in dem sie arbeitete und manchmal schlief, außerdem eine Küche, ein Klo. Und es gab Eva. Eva in schwarzer Lederhose mit schwarzen Pumps. Ich trug Bluejeans und Sandalen. An Evas Hals und ihren Armen hingen schwere Silberketten. Ich hatte Perlenstecker in den Ohrläppchen und einen schmalen goldenen Ring an der rechten Hand von meinem Freund. Wir tun beide so, als wäre es kein Verlobungsring.

Eva lachte, als ich kam. Sie reichte mir ein Glas selbst gemachter Limonade. Sie wollte, dass ich mir das Atelier ansähe, die Bilder, die Zettel, die Bücher, das Geschirr und das Bett. Sie fotografierte mich dabei. Ich wusste nicht, was ich mit meinen Armen machen und nicht, wo ich hinsehen sollte.

»Vergiss einfach, dass die Kamera da ist.«

»Das kann ich nicht.«

»Ich weiß. Mich interessiert, wie du es versuchst.«

Ich trank mein Glas leer und gab mir Mühe, mir von dem ständigen Klicken nicht den Atem nehmen zu lassen.

»Ich würde mich freuen, wenn du dich ausziehst.«

Sagte Eva. Ich sagte nichts. Ich starrte. Vor mich auf den Boden. Auf ihre rot lackierten Zehen – sie fotografierte barfuß –, auf ein Staubknäuel unter dem Sofa. Ich hatte dieses leere Limonadenglas in der Hand und wusste nicht, wohin damit.

Es sei ihr noch nicht klar, was sie mit den Bildern machen werde. Wenn ich es nicht wollte, werde mein Gesicht nicht zu erkennen sein. Wenn ich es nicht wollte, werde sie gar nichts mit den Fotografien anfangen. Wir könnten sie zusammen ansehen und zusammen vernichten, was ich nicht wollte.

Ich zog mein weißes T-Shirt aus und meinen Sport-BH. Meine Sandalen, meine Hose, meinen Slip. Die Hose hatte einen roten Abdruck auf meinem Bauch hinterlassen, der BH unter meinem Busen. Ich hatte mich noch nie ausgezogen, während jemand zusah, der sich nicht auszog.

Eva sagte: »Du bist schön.«

Ich sollte durch das Atelier gehen wie zuvor, sie fotografierte. Mein Körper war plötzlich für mich so präsent wie lange nicht mehr, nicht mehr, seit ich vor vier Jahren in Südfrankreich am Strand eingeschlafen war und den gesamten Urlaub mit Florian krebsrot unter langen Pullovern und Hosen verbracht hatte. Ich registrierte jetzt alles. Jedes Dehnen der Bänder. Jedes Muskelzucken. Jeden Lufthauch.

»Erzähl mir von dir«, sagte Eva.

Da gab es nicht viel zu erzählen. Ich setzte mich auf einen Stuhl. Kalt das Holz unter meiner nackten Haut. Jurastudentin im ersten Staatsexamen. Die Klausuren schon vorbei, die mündliche Prüfung demnächst. Lernmarathon.

»Und was willst du machen, wenn du fertig bist?«

Was für eine Frage. Nicht meine Frage. Kein Gedanke an Wollen. Ich sah eine taillierte schwarze Samtjacke auf dem Fensterbrett liegen. Große orangene Blumen in einer Vase daneben. Sahen aus wie Sonnenblumen. Keine Ahnung, wie die heißen. Wenn ich fertig bin.

»Mal sehen, erst mal überhaupt fertig werden.«

Und dann funktionieren. Sich eingliedern. In neun bis zehn Stunden Arbeit, fünf Tage die Woche und Beziehung am Abend, manchmal Kino mit Freundinnen. Ab und zu auch am Wochenende arbeiten, zwanzig bis dreißig Tage Urlaub.

Mag sein, mag kommen – jetzt gliederte ich mich gerade aus. Jetzt verließ ich alles, in dem ich je gewesen war, und betrat diesen grauen Blick.

Ihr Objektiv marschiert durch verriegelte Türen, ihr Finger am Abzug sprengt Mauern. Sie fotografiert klar, strukturiert. Saubere Linien, saubere Flächen. Nur meine Verwirrung pulsierte chaotisch in all der rechteckigen Ordnung.

Überall lauern ihre Fotografien von mir. Im Bad hängen sie am Spiegelrand und auf der Innenseite der Schranktürchen. Keine Wand, Schublade, Ablagefläche in dieser Wohnung ohne Evas Bilder. Ich könnte ihre Fotos essen und Spiritus hinterherkippen, ein Streichholzfeuer einwerfen.

Florian kommt nach Hause. Florian ruft mich und sucht mich schon dabei. Florian legt seine Arme um mich. Er setzt sein zufrieden-mattes Feierabend-Gesicht neben meines in den Spiegel. Er platziert einen Kuss auf meiner Wange. Fragt, wie es mir geht, und weiß es doch längst. Ich gebe mein Körpergewicht an ihn ab und lasse meine Tränen in sein Hemd sickern.

Florian hatte ich abends von den Fotos erzählt und von der Frau, die fast meine Mutter sein könnte.

Ich hatte Florian nicht in meine Entscheidung mit einbezogen. Es gab ja auch keine Entscheidung. Es gab Eva.

Florian fand das gut. Fotos von seiner nackten Freundin. Florian glaubte, das könnte mich entspannen. Florian fand sowieso, ich müsste lockerer werden. Florian empfahl:

»Geh wieder hin.«

Er hätte das nicht sagen brauchen.

Es folgte eine Woche seltsamer Entrückung. Ich schlief wenig, aß kaum, war entweder unruhig oder apathisch und immer hellwach. Was ich auch tat, ich stellte mir vor, es nackt zu tun. Manchmal sah ich irgendwo eine rothaarige Frau und zuckte zusammen. Wenn Florian mich küsste und mehr, sah ich ihre grauen Augen, die Fältchen, den fordernden Zug. Ich bewegte mich mit Florian für ihr Objektiv.

Dann besuchte ich sie wieder in ihrem Atelier.

»Komm nächste Woche, wann immer du willst.«

Dienstag kam ich.

Sie kochte Milchkaffee für mich. Ich stellte mich an das große Fenster, nackt, die Tasse schützend, wärmend an die Brust gedrückt. Den Blick durch die Scheibe auf den Horizont gerichtet. Hinter mir klickte es. Einmal sagte Eva: »Simone?«

Ich drehte mich um, sie drückte ab und lachte dabei.

Sie kam immer näher mit ihrer Kamera. Sie erforschte mich, mit Sucher und ohne. Evas Augen sind Laserstrahlen. Als sie ganz dicht bei mir war, legte sie die Kamera aufs Fensterbrett und sagte:

»Ich würde dich jetzt gerne küssen, ja?«

Ich gab keine Antwort, ich hatte keine. Ich hatte diese Milchkaffeetasse in der Hand. Sie lachte und kam näher. Ihre Lippen waren enorm weich auf meinen, kein Vergleich zu Männerlippen. Lange nichts. Nur ihre Lippen auf meinen. Dann ihre Zunge auf meinem...

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