FROST

Thriller
 
 
btb (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 9. November 2021
  • |
  • 304 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-27498-6 (ISBN)
 

Ein altes Sanatorium. Ein entschlossener Ermittler. Ein ungelöstes Rätsel.

Die Fortsetzung der großen HULDA-Trilogie von Ragnar Jónasson, in der der junge Kommissar Helgi Reykdal in den Fokus rückt - jener junge Mann, für den Kommissarin Hulda Hermannsdóttir in "DUNKEL" ihren Schreibtisch räumen musste.

Helgi untersucht eines der größten Rätsel der isländischen Kriminalgeschichte, einen Cold Case: die Todesfälle im Tuberkulose-Sanatorium. 1983 waren dort, im eisigen Norden Islands, eine Krankenschwester und der Chefarzt umgekommen.

Was ist 1983 wirklich geschehen? Und wurde die damalige Ermittlerin Hulda zum Schweigen gebracht?

 

Die Hulda-Trilogie:

  • Dunkel
  • Insel
  • Nebel



  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
btb
  • 1,75 MB
978-3-641-27498-6 (9783641274986)
weitere Ausgaben werden ermittelt

Ragnar Jónasson, 1976 in Reykjavík geboren, ist Mitglied der britischen Crime Writers' Association und Mitbegründer des "Iceland Noir", dem Reykjavík International Crime Writing Festival. Seine Bücher werden in 21 Sprachen in über 30 Ländern veröffentlicht und von Zeitungen wie der "New York Times" und "Washington Post" gefeiert.

Ragnar Jónasson lebt und arbeitet als Schriftsteller und Investmentbanker in der isländischen Hauptstadt. An der Universität Reykjavík lehrt er außerdem Rechtswissenschaften. Die preisgekrönte "Hulda-Trilogie" erscheint bei btb erstmals auf Deutsch.

2012
Helgi

Die bedrückende Stille wurde zerrissen.

Jemand stand vor der Tür und klopfte, ziemlich energisch, nachdem er sicher schon zigmal auf die Türklingel gedrückt hatte, aber die war kaputt.

Helgi stand auf.

Er hatte mit einem Krimi auf dem Sofa gesessen, hatte sich vor dem Schlafengehen wieder einigermaßen fangen wollen, indem er in die Romanwelt abtauchte, aber so wurde das nichts.

Bergþóra und er wohnten zur Miete in der Kellerwohnung eines alten Hauses im Reykjavíker Stadtteil Laugardalur. Auch das restliche Haus war vermietet, über ihnen wohnte ein Ehepaar mit zwei Kindern. Der Eigentümer lebte wahrscheinlich irgendwo im Ausland.

Zu den Leuten von oben hatte Helgi keinen guten Draht, sie waren meist unfreundlich und mischten sich in alles ein, als hätten sie mehr zu sagen, weil sie den größeren Teil des Hauses bewohnten. Der Kontakt zwischen ihnen war daher auf ein Minimum reduziert und ziemlich unterkühlt.

Helgi ahnte, dass ebendieser Nachbar vor der Tür stand und sich mal wieder wichtigmachen wollte. Aber es gab noch eine andere, deutlich schlimmere Möglichkeit.

Langsam trat er in die Diele. Das Wohnzimmer war richtig gemütlich, alle Wände voller Bücher - seiner Bücher -, vor den Regalen stand ein bequemer Sessel und zum Fernsehen gab es ein passables Sofa. Auf dem Couchtisch standen Duftkerzen, die Helgi aber nicht angezündet hatte. Heute nicht. Dafür hatte er eine Platte aufgelegt, eine echte Schallplatte. Der Plattenspieler war neu und an das Soundsystem im Wohnzimmer angeschlossen, darauf spielte er die alten Jazz-Platten seines Vaters. Das Hämmern an der Tür durchbrach die warmen Jazz-Töne, zerriss die Ruhe, die in der Wohnung eingekehrt war.

Verdammt, dachte Helgi.

Als er die Tür fast erreicht hatte, wurde das Klopfen noch lauter und eindringlicher. Er schnappte nach Luft, legte die Hand auf die Türklinke und wartete, nur einen kurzen Moment. Dann öffnete er die Tür.

Draußen stand ein uniformierter Polizist, ein junger Mann, vielleicht fünfundzwanzig Jahre alt, gedrungen und mit ausdrucksstarkem Gesicht. Er stand im Schein der Außenlampe, hell erleuchtet in der Dunkelheit, und wirkte konzentriert, als erwartete er einen Konflikt. Helgi kannte den Mann nicht. In seinem Schatten stand ein weiterer Polizist, der Helgi etwas entspannter vorkam, obwohl er sein Gesicht nicht sehen konnte.

»Guten Abend«, sagte der Polizist, der im Licht stand. Er klang nicht so ernst, wie Helgi erwartet hatte, seine Stimme zitterte sogar leicht. Wahrscheinlich wirkte der Mann nur so konzentriert, weil er seine Unsicherheit überspielen wollte. Vielleicht war das sein erster Einsatz. »Helgi? Helgi Reykdal?«

Helgi war nicht viel älter als sein Gegenüber, gut dreißig, aber er fühlte sich dem jungen Polizisten überlegen.

»Ja, Helgi Reykdal. Was gibt's?«, fragte er mit fester Stimme. Rückte die Machtverhältnisse zurecht. Das hier war sein Zuhause, und sie störten ihn spät am Abend.

»Es ist, wie soll ich sagen .« Der Polizist zögerte, was Helgi nicht überraschte. »Es ist eine Beschwerde eingegangen .«

Helgi fiel ihm ins Wort.

»Eine Beschwerde? Von wem?« Helgi würde sich nicht aus der Ruhe bringen lassen.

»Tja, wir . das dürfen wir Ihnen nicht sagen.«

»Mein Nachbar da oben, stimmt's?«, sagte Helgi und lächelte. »Dieser Hund, der beschwert sich ständig über irgendetwas. Ich glaube, er ist unglücklich in seiner Ehe. Man darf nicht die Stimme erheben, noch nicht einmal den Fernseher aufdrehen, schon hämmert er mit dem Besenstiel auf den Boden. Und wie ich sehe, hat er jetzt sogar die Polizei gerufen.«

»Er hat einen lauten Streit gehört .« Der Polizist hielt mitten im Satz inne, als er merkte, dass er zu viel verraten hatte. »Also, ja, es ist eine Beschwerde eingegangen .«

»Das haben Sie bereits gesagt«, sagte Helgi bestimmt.

»Eine Beschwerde, dass es laut geworden ist. Es wurden Streit und Schreie gehört. Mehr als bei einer normalen Auseinandersetzung.«

Jetzt trat der andere Polizist aus dem Schatten heraus, machte einen Schritt auf Helgi zu und sah ihm in die Augen.

»Tatsächlich! Ich wusste doch, dass mir der Name bekannt vorkam«, sagte er zu Helgi.

Auch Helgi erinnerte sich sofort, als er den Mann sah. Sie hatten im vergangenen Jahr hin und wieder gemeinsame Schichten bei der Reykjavíker Polizei gehabt. Aber sie kannten sich nur flüchtig.

»Reimar«, stellte der Polizist sich vor. »Du warst doch letzten Sommer bei uns, oder?«

»Ja, ein Sommerjob nach der Ausbildung. Danach habe ich studiert, Kriminologie«, antwortete Helgi.

»Ja, stimmt, ich erinnere mich, das hat mir jemand erzählt. In Großbritannien, oder? Mit dem Gedanken habe ich auch oft gespielt, mich noch weiterzubilden«, sagte Reimar.

Helgi nickte. Er stand immer noch in der Tür und demonstrierte, dass er hier der Hausherr war. »Das stimmt. Streng genommen bin ich immer noch Student, ich schreibe gerade meine Abschlussarbeit. Aber wir sind schon zurück nach Island gezogen, weil meine Frau hier einen guten Job gekriegt hat.« Helgi lächelte.

»Schön, dich wiederzusehen«, sagte Reimar. »Tja, vielleicht nicht unter den erfreulichsten Umständen. Es gibt Probleme mit dem Nachbarn, sagst du?«

»Ja, das kann man wohl sagen. Dieser Idiot. Aber das ist zum Glück nur eine Mietwohnung, früher oder später ziehen wir hier sowieso aus.«

»Er sagt, er hat Lärm gehört«, schaltete sich der andere Polizist wieder ein. Jetzt klang er deutlich ruhiger.

»Das stimmt schon, es gab eine kleine Auseinandersetzung zwischen mir und meiner Frau. Aber nichts, weshalb man die Polizei rufen müsste. Wie gesagt, man muss nur den Fernseher mal ein bisschen lauter drehen, schon steht der Kerl auf der Matte. Diese alten Häuser sind so verdammt hellhörig.«

»Da sagst du was. Ich wohne auch in so einem Haus in der Weststadt«, sagte Reimar.

»Es tut mir leid, dass ihr wegen so etwas ausrücken musstet«, sagte Helgi und fügte nach einer kurzen Pause hinzu: »Wollt ihr mit meiner Frau sprechen? Euch vergewissern, dass alles in Ordnung ist? Sie schläft, aber ich kann sie natürlich wecken.«

Reimar lächelte. »Nicht nötig.«

Sein Kollege schien etwas einwenden zu wollen. Helgi sah ihn an, und es war, als verschluckte das Schweigen seine Einwände.

Schließlich ergriff Reimar wieder das Wort: »Entschuldige die Störung, Helgi. Ich hoffe, wir haben dich nicht geweckt.«

»Schon gut, ich habe noch gelesen.«

»Kommst du nach dem Studium denn wieder zu uns?«

»Ich arbeite daran. Bin gerade in Gesprächen mit der Reykjavíker Polizei, dass ich vielleicht im Frühjahr einsteige. Das wäre schon ein Traumjob.«

»Sehr schön, dann sehen wir uns sicher bald wieder.« Er streckte die Hand aus. Helgi verabschiedete sich per Handschlag und schloss die Tür.

Er atmete tief durch. Das war ja noch mal gut gegangen. Er hätte nicht gedacht, dass der Idiot da oben tatsächlich die Polizei rufen würde, obwohl er es zu einem gewissen Grad verstehen konnte, denn es war wirklich ganz schön laut geworden.

Sein Herz klopfte unangenehm schnell, aber er war zufrieden, dass er den Polizisten gegenüber so besonnen aufgetreten war. Da half die Erfahrung, die er bei der Polizei gesammelt hatte.

Er setzte keine großen Hoffnungen in einen zweiten Anlauf mit dem Krimi, aber versuchen wollte er es trotzdem noch einmal. Wollte sich von dem blöden Nachbarn nicht auch noch den Rest des Abends versauen lassen. Er arbeitete unter Hochdruck an seiner Abschlussarbeit und musste aufpassen, dass er sich zwischendurch genügend Verschnaufpausen gönnte. Am allerbesten schaffte er das bei einem guten Buch auf dem Sofa.

Sein Vater war Antiquar im Norden Islands gewesen, mit einem besonderen Faible für übersetzte Kriminalliteratur, die er mit Eifer gesammelt hatte. Auch seinen Sohn hatte er bereits in jungen Jahren mit dem Krimi-Virus infiziert. Nach dem Tod des Vaters hatte Helgi die Sammlung geerbt und hielt sie seitdem in Ehren. Einen großen Teil der Bücher kannte er bereits, aber noch nicht alle, das holte er jetzt nach, aber er genoss es auch, Bücher noch einmal zu lesen, die er als Jugendlicher verschlungen hatte.

Er ließ sich aufs Sofa fallen und schlug den Krimi auf. Mord im Irrenhaus von Patrick Quentin, eine alte, zerfledderte Ausgabe. Der erste Roman mit Detektiv Duluth, zu dem es im isländischen Radio ein Hörspiel gegeben hatte, ziemlich gut gemacht, wenigstens hatte er das als Jugendlicher so empfunden. Daraufhin hatte Helgi den Roman auf Englisch gelesen. Es ging um Morde in einer Nervenheilanstalt, in der Duluth wegen seines Alkoholismus behandelt wurde. Ein ziemlich ungewöhnliches Thema, dafür, dass der Roman in den 1930ern, im goldenen Krimizeitalter, erschienen war. An dieses Buch hatte Helgi in letzter Zeit häufiger gedacht, wegen seiner Abschlussarbeit. Todesfälle in einem Krankenhaus .

Helgi las ein paar Seiten, doch er konnte sich nicht richtig konzentrieren. Vielleicht lag es an der Qualität des Buchs, aber er glaubte eher, dass die Polizei - oder vielmehr: der Nachbar von oben - schuld daran war. Dieser Besuch hatte ihn aus der Bahn geworfen. Vielleicht hob er sich das Buch besser fürs Wochenende auf und ging jetzt schlafen. Er würde auf dem Sofa schlafen, wie immer nach solchen Auseinandersetzungen. Wie immer war er derjenige, der sich opferte.

Vorsichtig...

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