Irgendwo für immer

Roman
 
 
Diana Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 25. Juli 2011
  • |
  • 352 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-06598-0 (ISBN)
 
Eine junge Frau, die glaubt, alles verloren zu haben. Ein geheimnisvolles altes Tagebuch. Und eine Liebe, die alles überdauert

Emily Wilsons perfektes Leben zerbricht, als Joel sie nach sechs Jahren für eine andere Frau verlässt. In der Hoffnung, dass das Meer ihren Schmerz hinfortspülen wird, reist sie zu ihrer Großtante Bee nach Bainbridge Island, um dort auf der malerischen Insel vor Seattle einen Neuanfang zu wagen. Als sie in der Strandvilla ein altes Tagebuch aus dem Jahr 1943 findet, ahnt sie noch nicht, dass dieser Fund ihr Leben von Grund auf verändern soll .

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
Diana
  • 0,41 MB
978-3-641-06598-0 (9783641065980)
3641065984 (3641065984)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Sarah Jio ist New-York-Times-Bestsellerautorin, Journalistin und Kolumnistin. Ihre Romane werden in über 30 Ländern veröffentlicht. Sie lebt mit ihren drei Söhnen und ihrem Golden Retriever in Seattle, USA.

2


1. März


Die Insel kann ihre Schönheit einfach nicht verleugnen, nicht einmal im Schutz der Dunkelheit. Ich stand am Fenster, als die Fähre in den Hafen einlief, und betrachtete die Kiesstrände und die Holzhäuser, die sich tapfer an die Hänge klammerten. In den Fenstern schimmerte verlockendes gelbes Licht, als machten die Bewohner gerade Platz für einen zusätzlichen Gast, während sie sich vor dem Kamin versammelten, um ein Glas Wein oder eine heiße Schokolade zu trinken.

Die Inselbewohner sind ein bunt gemischtes Völkchen: Volvo-fahrende Mütter, deren spitzenverdienende Ehemänner morgens mit der Fähre nach Seattle zur Arbeit fahren, ein paar öffentlichkeitsscheue Künstler und Dichter und eine Handvoll Berühmtheiten. Es ging das Gerücht, Jennifer Aniston und Brad Pitt hätten vor ihrer Scheidung an der Westküste der Insel ein dreieinhalb Hektar großes Grundstück gekauft, und jeder weiß, dass mehrere Darsteller des alten Sitcom-Klassikers Gilligans Insel hier wohnen. Auf jeden Fall ist sie ein guter Ort, um eine Weile von der Bildfläche zu verschwinden, und genau das hatte ich vor.

Von Norden nach Süden ist die Insel nicht einmal zwanzig Kilometer lang, aber sie kommt einem vor wie ein eigener Kontinent. Sie verfügt über große und kleine Buchten. Bei Ebbe zieht sich das Wasser zurück, und das Watt kommt zum Vorschein. Es gibt eine Weinkellerei, einen Beerenhof, eine Lamazucht, sechzehn Restaurants, ein Café, wo selbst gebackene Zimtschnecken und der beste Kaffee serviert werden, den ich je getrunken habe, und ein Lebensmittelgeschäft, wo man unter anderem auf der Insel hergestellten Himbeerwein erstehen kann sowie biologisch angebauten Mangold, der nur wenige Stunden vor Geschäftsöffnung geerntet wird.

Ich holte tief Luft und betrachtete mein Gesicht, das sich in der Fensterscheibe spiegelte. Eine müde, ernste Frau schaute mich an, die kaum Ähnlichkeit hatte mit dem Mädchen, das vor so vielen Jahren zum ersten Mal auf die Insel gefahren war. Ich spürte einen Stich bei dem Gedanken an eine Bemerkung, die Joel vor ein paar Monaten gemacht hatte. Wir machten uns gerade zum Ausgehen fertig, weil wir mit Freunden verabredet waren. »Em«, sagte er, während er mich kritisch musterte, »hast du vergessen, dich zu schminken?«

Doch, ich hatte mich geschminkt, danke für die Blumen, aber im Flurspiegel sah ich schrecklich blass aus. Die hohen Wangenknochen, die außer mir niemand in der Familie hatte und von denen meine Tante immer behauptete, ich müsste sie vom Milchmann haben, die Wangenknochen, die alle so bezaubernd fanden, sahen einfach unpassend aus. Ich sah unpassend aus.

Ich verließ die Fähre über die Rampe und ging zum Kai, wo Bee in ihrem grünen VW Käfer, Baujahr 1963, auf mich warten würde. Die Luft roch nach Meerwasser, Dieselabgasen, verfaulenden Muscheln und Kiefern, genauso wie sie gerochen hatte, als ich zehn war.

»Man müsste ihn in Flaschen abfüllen«, sagte ein Mann hinter mir.

Er war mindestens achtzig und trug einen braunen Cordanzug. Mit der Hornbrille, die an seinem Hals baumelte, wirkte er wie ein Professor - oder wie eine Art gut aussehender Teddybär. Erst als er weitersprach, wurde mir klar, dass er mit mir redete. »Diesen Geruch, meine ich«, sagte er mit einem Augenzwinkern. »Den müsste man in Flaschen abfüllen.«

»Ja.« Ich nickte. Ich wusste genau, was er meinte. »Ich bin seit zehn Jahren nicht mehr hier gewesen. Ich hatte ganz vergessen, wie sehr er mir gefehlt hat.«

»Ach, Sie sind nicht von hier?«

»Nein«, sagte ich. »Ich bin nur für einen Monat zu Besuch. «

»Na dann, herzlich willkommen«, sagte der Mann. »Wen besuchen Sie denn? Oder sind Sie Touristin?«

»Ich besuche meine Großtante Bee.«

Er machte große Augen. »Bee Larson?«

Ich musste grinsen. Als gäbe es noch eine Bee auf der Insel. »Ja«, sagte ich. »Kennen Sie sie?«

»Ja, natürlich«, sagte er, als müsste ich das wissen. »Sie ist meine Nachbarin.«

Ich lächelte. Wir hatten den Kai erreicht, aber ich konnte Bees Käfer nirgendwo entdecken.

»Wissen Sie«, fuhr der Mann fort, »ich hatte gleich das Gefühl, dass Sie mir irgendwie bekannt vorkamen, als ich Sie auf der Fähre gesehen habe, und ich .«

Wir blickten beide auf, als wir das unverkennbare Geräusch des Käfermotors hörten. Bee fuhr viel zu schnell für ihr Alter - für jedes Alter. Von einer Fünfundachtzigjährigen würde man eigentlich erwarten, dass sie das Gaspedal fürchtete oder zumindest Respekt davor hatte. Bee nicht. Sie hielt mit quietschenden Reifen wenige Zentimeter vor unseren Füßen.

»Emily!«, rief sie, als sie aus dem Auto sprang und die Arme ausbreitete. Sie trug dunkle Jeans mit Schlag und eine hellgrüne Tunika. Bee war die einzige Frau von Mitte achtzig, die sich kleidete, als wäre sie immer noch Mitte zwanzig, das heißt, wie eine junge Frau aus den Sechzigerjahren. Ihre Tunika war mit einem Paisleymuster bedruckt.

Ich hatte einen Kloß im Hals, als sie mich umarmte. Keine Tränen, nur ein Kloß im Hals.

»Ich habe gerade deinen Nachbarn .« Ich brach ab, als mir bewusst wurde, dass ich seinen Namen gar nicht kannte.

»Henry«, sagte er lächelnd und streckte mir seine Hand hin.

»Freut mich, Sie kennenzulernen, Henry. Ich bin Emily. « Auch er kam mir vage bekannt vor. »Moment mal, wir sind uns doch schon begegnet, oder?«

Er nickte. »Ja, aber da waren Sie noch klein.« Er schüttelte den Kopf und sah Bee verwundert an.

»Wir sollten uns auf den Heimweg machen, Liebes«, sagte Bee und schob sich hastig an Henry vorbei. »In New York ist es inzwischen mindestens zwei Uhr nachts.«

Trotz meiner Müdigkeit erinnerte ich mich noch, dass der Kofferraum beim Käfer vorne ist, und verstaute mein Gepäck. Bee ließ den Motor aufheulen. Ich drehte mich um, um Henry zum Abschied zu winken, aber er war verschwunden. Es wunderte mich, dass Bee ihrem Nachbarn nicht angeboten hatte, ihn im Auto mitzunehmen.

»Wie schön, dass du da bist, Liebes«, sagte Bee, als sie mit Vollgas losfuhr. Die Sicherheitsgurte in ihrem Wagen funktionierten nicht, aber das war mir egal. Hier bei Bee auf der Insel fühlte ich mich sicher.

Ich schaute in den von Sternen gesprenkelten Winterhimmel, während Bee die Straße entlangraste. Die Hidden Cove Road wand sich in Haarnadelkurven zur Küste hinunter, die mich an die Lombard Street in San Francisco erinnerten. Die Bäume standen so dicht, dass Bees Haus erst zum Vorschein kam, wenn man den Strand erreichte. Selbst wenn man es Tag für Tag sähe, wäre es immer wieder ein atemberaubender Anblick, dieses weitläufige, weiße Haus im Kolonialstil mit dem von Säulen flankierten Eingang und den schwarzen Fensterläden. Onkel Bill hatte sie immer gedrängt, die Läden grün zu streichen. Meine Mutter war der Meinung, sie sollten blau sein. Aber Bee hatte darauf beharrt, dass zu einem weißen Haus schwarze Fensterläden gehörten.

Ich konnte nicht sehen, ob der Flieder blühte, ob die Rhododendronsträucher so üppig waren, wie ich sie in Erinnerung hatte, oder ob Ebbe oder Flut herrschte. Aber selbst im Dunkeln schien das Haus zu strahlen und zu vibrieren, unberührt von der Zeit. »So, da wären wir«, verkündete Bee und trat so heftig auf die Bremse, dass ich mich festhalten musste. »Weißt du, was du als Erstes tun solltest?«

Mir war klar, was jetzt kommen würde.

»Du solltest ein bisschen durchs Wasser waten«, sagte sie und zeigte zum Strand. »Es würde dir guttun.«

»Morgen«, antwortete ich lächelnd. »Jetzt will ich nur ins Haus und mich aufs Sofa fallen lassen.«

»Also gut, Liebes«, sagte sie und schob mir eine blonde Strähne hinters Ohr. »Wie du willst. Du hast mir gefehlt. «

»Du mir auch«, sagte ich und drückte ihre Hand.

Ich nahm mein Gepäck aus dem Kofferraum und folgte ihr über den mit Backsteinen gepflasterten Weg, der zum Haus führte. Bee hatte hier schon gewohnt, lange bevor sie Onkel Bill heiratete. Ihre Eltern waren bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen, als sie noch aufs College ging, und hatten ihrer einzigen Tochter ein Vermögen hinterlassen, das sie in ein einziges Objekt investierte: Keystone Mansion, die Elfzimmervilla, die seit Jahren leer gestanden hatte. Seit den Vierzigerjahren debattierte man auf der Insel darüber, was verrückter gewesen war: das riesige Haus zu kaufen oder es komplett umzugestalten, von innen und außen.

Fast von jedem Zimmer aus hatte man durch große, doppelflüglige Fenster, die nachts klapperten, einen guten Blick auf die Bucht. Meine Mutter hatte immer gesagt, das Haus sei viel zu groß für eine kinderlose Frau. Aber ich glaube, sie war einfach nur neidisch. Sie wohnte in einem Häuschen mit vier Zimmern.

Die große Eingangstür quietschte, als Bee und ich eintraten. »Komm«, sagte sie. »Ich mache ein Feuer, und dann mixe ich uns einen Cocktail.«

Ich sah zu, wie Bee Scheite im Kamin stapelte. Eigentlich sollte ich ihr die Arbeit abnehmen, dachte ich. Aber ich fühlte mich zu erschöpft, um mich zu bewegen. Mir taten die Beine weh. Alles tat mir weh.

»Komisch«, sagte ich kopfschüttelnd. »Jetzt wohne ich schon so lange in New York und habe dich die ganze Zeit nicht ein einziges Mal besucht. Ich bin eine treulose Nichte.«

»Du warst mit anderen Dingen beschäftigt«, sagte sie. »Und das Schicksal führt uns früher oder später doch zurück an die Orte unserer Vergangenheit.«

Ich musste an ihre Postkarte denken. Was Bee für Schicksal hielt, kam mir eher vor wie mein persönliches Versagen, aber sie meinte es lieb.

Ich sah mich im Wohnzimmer um und...

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