Giftglobuli

 
 
Gmeiner-Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 12. August 2020
  • |
  • 281 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8392-6594-9 (ISBN)
 
Eine Chemieprofessorin und fanatische Homöopathiegegnerin wird in Wien tot aufgefunden. Alles spricht dafür, dass sie an einer Tollkirschenvergiftung gestorben ist. Doch wie ist das Gift in ihren Körper gelangt? Die Journalistin Elvira Sommerauer beginnt, zusammen mit dem desillusionierten Kommissar Manfred Zapletal, zu ermitteln. Schnell gerät sie in die Kampfzone zwischen Homöopathen und deren Gegnern. Ist der Professorin ihr Hass gegen die umstrittene Heilmethode zum Verhängnis geworden?
weitere Ausgaben werden ermittelt
Wolfgang Jezek wurde in Wien geboren und ist ein kritischer Liebhaber dieser Stadt. Er hat - abgesehen von einem dreijährigen Intermezzo in der Schweiz - immer dort gelebt. Seit 20 Jahren arbeitet er als niedergelassener Psychiater und Homöopath. Seine heimliche Liebe gilt seit seiner Jugend dem Schreiben, vor allem von Lyrik und Prosatexten. Vor einigen Jahren hat sich Wolfgang Jezek dem Krimigenre zugewandt. Im Jahr 2017 ist sein literarischer Kärnten-Krimi "Rachemond" im Gmeiner-Verlag erschienen.
Wolfgang Jezek ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder. In seiner spärlichen Freizeit hält er sich gern in der "Kaiserstadt" Bad Ischl im Salzkammergut auf, geht in die Natur, beschäftigt sich mit Spiritualität und Bogenschießen.

Prolog
(Leipzig, 1821)


Aude Sapere1

(Horaz)

Das Königlich-Sächsische Gericht in Leipzig. Auf der Anklagebank sitzt Doctor Samuel Hahnemann, Arzt, Arzneimittelhersteller und Schriftsteller. Hahnemann ist 66 Jahre alt, trägt einen schäbigen Gehrock und Glatze, ist von vitaler und hitziger Konstitution. Auf der Zeugenbank haben Doctor Eugenius Hüllmeyer, Vertreter der Leipziger Ärzteschaft, und Magister Lambertus Primus, Vertreter der Apotheker Leipzigs, Platz genommen. Hüllmeyer trägt feines Tuch und eine ungerührte Miene zur Schau, ist dabei aber sichtlich erregt. Bei besonderer Anspannung verstärkt sich ein Tic, der seine linke Gesichtshälfte zucken lässt. Primus ist ein kleines Männchen mit hoher Stimme, auch in feines Tuch gekleidet. Er ist ebenso aufgebracht, nimmt öfter eine Prise Schnupftabak, welches ihn zu lautem und heftigem Niesen nötigt. Zwischen Hahnemann und seinen Kontrahenten sitzt etwas erhöht Richter Matthäus Altglauber, sichtlich enerviert von der bisherigen Sitzung. Die Flöhe unter seiner weißen Perücke lassen ihn immer wieder verzweifelt sein Haupt kratzen. Im Gerichtssaal herrscht große Unruhe, welche sich von stetigem Murmeln bis zu lautem Schreien steigern kann.

Altglauber: Ruhe im Gerichtssaal, Ruhe! (schlägt mit seinem Hammer auf eine ambossähnliche lederne Fläche auf dem Pult vor ihm). Wenn keine Ruh hier herrscht, kann man nichts aushandeln! Also, Doctor Hahnemann, erklär Er nochmals Seine Method, sodass ein jeder es versteht, sollt er auch kein Medicus seyn!

Hahnemann: Euer Ehren, habs schon probirt, aber kein passend Gehör gefunden. Also nochmals, der erste Grundsatz lauthet: Des Artztes höchster und einziger Beruf ist, kranke Menschen gesund zu machen, was man Heilen nennt2.

Altglauber: Aber was ist da dran neu an der Lehr? Was Er da vermeldt, versteht sich doch von selbst!

Hahnemann: Gantz und gar nicht, Euer Ehren! Ich versuch, die Menschen zu heilen, indess die andern Ärtzt versuchet, sie z' Grund zu richten!

Hüllmeyer (bekommt einen Wutausbruch, starke Zuckungen im Gesicht): Selb ist doch der Gipfel der Impertinenz, Euer Ehren! Was erdreistet sich der Kerle da, der Hahnemann!

Altglauber (kratzt sich am Kopf, dann zu Hüllmeyer): Mäßig Er sich, Er scheint ja dem Apoplex3 schon nahe! Jetzt ist der Hahnemann am Wort! Er bekommt noch sein Glegenheit sich zu explizirn! (Zu diesem): Nun setz Er fort, auf dass man Ihm folgen könnt!

Hahnemann (mit einem giftigen Blick zu Hüllmeyer): Nun, was ich mein, ist dies: Die Cur sollt so beschaffen seyn, dass sie dem Kranken mehr nutzt als schadt. So selbstredend ist das nicht. Die Ärtzt von der alten Schul setzet Artzneyn ein, die mehr von Schaden als von Nutzen seyn. So werdet bei manch Gebrechen heftige Purgantien4 verwendt, die eher für ein Ross als für ein Menschen passend seyn. Aber das Ross scheißt ganz von allein .

(Laute Rufe im Saal, Gelächter. Richter Altglauber versucht, wieder Ruhe herzustellen): Mäßig auch Er sich, Hahnemann! Ihr seynd doch Ärtzt, und redt wie die Fuhrknecht!

Hahnemann: Die starken Purgantien also, die bringet d' Leut um, wenn sie ohnedies schon schwach von Konstitution seyn! Das Purgans verbringt den Kranken erst ins Purgatorium5, dann geradewegs in d' Höll!

(Wieder Tumult im Gerichtssaal, der Richter zunehmend verzweifelt): Dies seyn aber schwere Gschütz, mit denen Er auffahret, Hahnemann! Will Er sich denn alle Ärtzt der Stadt zum Feind machen? Hat Er noch nicht Feind gnug?

Hahnemann (wird immer lauter und leidenschaftlicher): Oder die Aderläss, Euer Ehren! Hab schon abglassen zu zählen, wie viel Leut mit Aderläss das Lebenslicht ausglöscht worden ist! Anno Domini 1792 hab ich zu Wien practicirt, da ist der Kaiser Leopoldus von seine Leibärtzt mit Aderläss zu Thode curirt worden. Mal um Mal haben sie ihn zur Ader glassen, obwohl die Lebenskräft des Monarchen schon ganz und gar dahin gschwunden seyn . Wenn die Lebenskraft dahinschwindt, muss ich sie stärken und darf ihr doch nicht mit ärtztlicher Hülf - so man selbige auf diese Weis benennen wollt - weiter zum Schwinden Anlass geben!

Altglauber: Und wie curirt Er die Kranken, was ist anders bei seiner Lehr?

Hahnemann: Durch kleine Gaben der Artzneyn, Euer Ehren! Und indess ich das Gleiche mit Gleichem curir. Similia similibus curentur6! Findt Er also beschriben in mein größten Werk, dem Organon!

Hüllmeyer (kann nicht mehr an sich halten): Das ist doch der allergrößt Galimathias, Euer Ehren! Das ist doch widrig jedem wohlbeschaffnen Menschenverstand! Verbiet Er doch dem Hahnemann, solchen Unsinn zu distribuirn7! Und der Mensch da redt von sein größten Werk! Ein Machwerk ist selbiges, ein Machwerk. Mag der Leibhaftige es holen!

Altglauber (kratzt sich am Kopf, schlägt verzweifelt auf das Leder): Mäßig Er sich doch, mäßig Er sich! Und bericht Er nun in wohlgesetzter Weis, was Er gen den Hahnemann vorzubringen hätt!

Hüllmeyer (ringt um Contenance): Euer Ehren, selten noch musst ich mich wegen der Impertinenz von einer Person derart echauffirn8! Er hat selbig ghört, dass der Hahnemann uns Ärtzt vorwirft, wir bringet d' Leut um! Und er selber ist der ärgst Quacksalber unter Gottes erhabner Sonn! Per exemplum Seine Durchlaucht, der allgerühmt Generalfeldmarschall Fürst von Schwarzenberg, Überwinder des Diktators Napoleon bei der allhiesigen Völkerschlacht .

Altglauber (unterbricht ihn): Wir all wisseten, wer der Schwarzenberg gwest ist!

Hüllmeyer: Also, Seine Durchlaucht Fürst von Schwarzenberg, hat sich zur Cur zum Hahnemann begeben. Man beacht auch die Impertinenz: Nicht der Artzt geht zum Fürst, sondern der Fürst musst sich beim Artzt zur Cur einfinden .

Altglauber (ungeduldig): So komm Er doch zur Sach!

Hüllmeyer (ungeduldig): Also, der Fürst von Schwarzenberg ergibt sich dem Hahnemann voll Gottvertraun zur Cur, und was passirt: Er muss viel Monat leydn und stirbt erst recht an den Artzneyn!

Hahnemann (unterbricht): Weil seine Durchlaucht, der Fürst, nicht dem Branntwein entsagen wollt! Sein Leber war ruinirt und hat zuletzt den Dinst versagt .

Hüllmeyer (wird laut): Was für ein unverschämte Person er doch ist, der Hahnemann! Solch Lügen über Sein Durchlaucht zu explizirn! Wohlgemerkt redt da eine Person von niedrem Stand über ein Fürsten!

Hahnemann (mit geschwollener Zornesader an der Schläfe): Mein Herr Vatter ist ein wohlangsehner Porzellanmaler zu Meissen gwen! Und woher will Er wissen, dass meine Wort Lügen seyn? Bei wem war der Schwarzenberg zur Cur, bei Ihm oder bei mir?!?

Richter (kratzt sich am Kopf, lässt wieder den Hammer niedersausen): Schluss, vermaledeit noch mal, Schluss damit! Kennet Ihr Ärzt denn gar kein Disciplin vor Gericht? (an Magister Primus gewandt): Was hat denn Er, Primus, Magister der Pharmazie, gegen den Hahnemann vorzubringen?

Primus (nimmt, bevor er antwortet, noch eine Prise Schnupftabak, niest dann kräftig): Euer Ehren, der Doctor Hahnemann vermeint, er hätt die Heilkunst völlig neu invenirt! Hör Er sich an, was in sein Pamphlet, dem Organon, gschrieben steht. (Zieht theatralisch ein Buch aus seinem Umhang hervor, hält es voll sichtlicher Abscheu in der Hand) Lass Er mich zitirn: Soviel warne ich im Voraus, dass Indolenz, Gemächlichkeit und Starrsinn vom Dienst am Altare der Wahrheit ausschließt, und nur Unbefangenheit und unermüdeter Eifer zur heiligsten aller menschlichen Arbeiten fähigt, zur Ausübung der wahren Heilkunde. Der Heilkünstler in diesem Geiste aber schließt sich unmittelbar an die Gottheit, an den Weltschöpfer an, dessen Menschen er erhalten hilft und dessen Beifall sein Herz dreimal beseligt. (Er lässt das Buch theatralisch sinken.) Hier erhebt sich der Sohn von ein Porzellanmaler zum Herrgott. Welchene Hybris ist nicht das!

Altglauber: Mag der Doctor Hahnemann auch ein sich selbst überhebender und schlecht verträglicher Mensch sein. Aber das ist nichts, was nach der Justitia verlangt. Was für eine Klag führt Er gegen ihn? Was will Er vom Hohen Gericht?

Primus: Der Hahnemann ist Artzt und erdreist sich, Artzneyn herzustelln und an die Kranken zu distribuirn. Das ist Sach der Apotheker und nicht der Ärtzt. Hahnemann maßt sich ungenirt an, was ihm nicht gebürt.

Altglauber (zu Hahnemann): Hat Er das Fabrizirn von Artzneyn denn studirt, dass Er sie distribuirt?

Hahnemann: Viel Jahr lang und mit größter Obacht, Euer Ehren! Viel Kranke hab ich auf die Weis curirt, der Geheilten Schar ist groß!

Primus: Er, Hahnemann, verletzt das Gsetz, dass das Fabrizirn und Distribuirn von Artzneyn Sach der Apotheker ist! Kennt Er das Gsetz oder nicht?

Hahnemann: Wohl, ich kenns! Aber kein Gsetz der Welt kann mich obstruirn, die einzig wahre Heilmethod zum Sieg zu führn!

Primus (aufgeregt, mit sehr dünner Stimme): So hat Er denn die Veritas9 mit güldnem Löffel in sich inkorporirt? Glaubt Er denn, dass Er alle Freiheit dieser Welt bsitzt wie unser allmächtger Herr Jesus Christ?

Altglauber (schlägt wieder heftig mit dem Hammer auf die Unterlage): So mäßig Er sich auch! Möcht wer glauben, dass hier Studirte versammelt seyn? Mit manch Fuhrwerkern oder Dirnen ist leichter die Verhandlung zu führn als mit Euch! (wieder zu Hahnemann): Was kann Er zu seiner Defensio10 vortragen, wenn Er...

Dateiformat: ePUB
Kopierschutz: Wasserzeichen-DRM (Digital Rights Management)

Systemvoraussetzungen:

Computer (Windows; MacOS X; Linux): Verwenden Sie eine Lese-Software, die das Dateiformat EPUB verarbeiten kann: z.B. Adobe Digital Editions oder FBReader - beide kostenlos (siehe E-Book Hilfe).

Tablet/Smartphone (Android; iOS): Installieren Sie bereits vor dem Download die kostenlose App Adobe Digital Editions (siehe E-Book Hilfe).

E-Book-Reader: Bookeen, Kobo, Pocketbook, Sony, Tolino u.v.a.m. (nicht Kindle)

Das Dateiformat ePUB ist sehr gut für Romane und Sachbücher geeignet - also für "fließenden" Text ohne komplexes Layout. Bei E-Readern oder Smartphones passt sich der Zeilen- und Seitenumbruch automatisch den kleinen Displays an. Mit Wasserzeichen-DRM wird hier ein "weicher" Kopierschutz verwendet. Daher ist technisch zwar alles möglich - sogar eine unzulässige Weitergabe. Aber an sichtbaren und unsichtbaren Stellen wird der Käufer des E-Books als Wasserzeichen hinterlegt, sodass im Falle eines Missbrauchs die Spur zurückverfolgt werden kann.

Weitere Informationen finden Sie in unserer E-Book Hilfe.


Download (sofort verfügbar)

9,99 €
inkl. 5% MwSt.
Download / Einzel-Lizenz
ePUB mit Wasserzeichen-DRM
siehe Systemvoraussetzungen
E-Book bestellen