Die Insel der Wünsche - Gezeiten des Glücks

Roman - Die Helgoland-Saga 2
 
 
Goldmann (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 14. Juni 2021
  • |
  • 576 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-25809-2 (ISBN)
 

Helgoland 1899. Nach dem Tod ihres Mannes und dem Bankrott seines Hotels steht Tine Tiedkens vor dem Nichts. Nur ihre Tochter Henriette hindert sie daran, den letzten Schritt zu tun. Langsam findet sie wieder ins Leben zurück, züchtet im Garten der Pastorei, wo sie Zuflucht gefunden hat, Blumen für die prächtigen Hotels der Insel.

Ein unerwartetes Angebot lässt sie schließlich Hoffnung auf ein neues Glück schöpfen: Man trägt ihr die Stelle als Hausdame im eleganten "Imperial" an - dem Hotel, das einst ihrem Mann gehörte und das ihr Lebensmittelpunkt war. Doch dann ziehen dunkle Wolken am Horizont auf. Helgoland wird immer mehr zu einer militärischen Festung ausgebaut, und die illustren Sommergäste vom Festland bleiben aus. Tines Träume welken - und schon bald steht sie vor einer Entscheidung, die nicht nur ihr Leben für immer zu verändern droht.

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
Goldmann
  • 1,68 MB
978-3-641-25809-2 (9783641258092)
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Anna Jessen liebt die Nordsee seit der Kindheit. Daher ist jede mögliche Reise dorthin eine willkommene Gelegenheit, sich den Wind um die Nase wehen zu lassen, Feuersteine zu sammeln und auf der Düne den Gedanken nachzuhängen. Helgoland ist für Anna Jessen die "Insel der Wünsche", faszinierend durch die einzigartige Natur, die liebenswerten Menschen und nicht zuletzt durch die besondere Geschichte, die dieser Fels erlebt hat. Neben dem Reisen gilt die ausgesprochene Leidenschaft Anna Jessens dem Schreiben, der Musik und der Arbeit im Buchhandel.

Erstes Kapitel

Es war eine raue Nacht. Tine konnte deutlich fühlen, dass sich ein Sturm ankündigte. Doch noch war der Himmel klar, und die Sterne glitzerten über der See. Rings um die Insel lagen Schiffe und Boote in einigem Abstand, um das neue Jahr - und das neue Jahrhundert! - mit ihren Leuchtfeuern zu begrüßen. Es würde nicht mehr lange dauern, aber Tine würde nicht hier warten. Sie würde zurückgehen in die Pastorei, um mit Pfarrer Thevessen und seiner Frau den Jahreswechsel zu begehen.

Eben hatte sie noch ein paar Blumen auf das Grab ihres verstorbenen Mannes gelegt, Veilchen von der Fensterbank ihres Zimmers, denn im Moment wuchs ja nichts im Freien. Sie hatte an Henry gedacht und an die kurze, wunderschöne Zeit mit ihm. An seine blitzenden Augen, seinen Optimismus, seine sanfte Stimme, alles, was sie so an ihm geliebt hatte - und an seinen viel zu frühen und sinnlosen Tod. Von dieser Klippe hatte er sich gestürzt, nachdem sein Lebenswerk zerbrochen war und er befürchtet hatte, seine junge Familie mit dem bevorstehenden Konkurs in den Abgrund zu reißen. Dabei war es sein Tod gewesen, der Tine und ihr Kind in den Abgrund gerissen hatte. Und die Thevessens waren es - einmal mehr - gewesen, die die junge Frau gerettet hatten. Niemals würde Tine die Schuld begleichen können, in der sie dem Pastorenpaar gegenüberstand.

Erste Feuer wurden draußen entzündet. Die Boote hatten Holzhaufen auf kleinen Flößen zu Wasser gelassen. Nun entzündeten sie diese schwimmenden Fackeln nach und nach. Ein Feuerring würde Helgoland umgeben, wie damals, als die Insel an das Deutsche Reich gefallen war. Tine war zu der Zeit noch sehr neu gewesen auf Helgoland - und eine junge, schwer verliebte Ehefrau. Nun war sie immer noch keine dreißig Jahre alt, aber sie fühlte sich, als wäre sie schon seit Ewigkeiten Insulanerin und vor allem: als wäre ihr Leben im Großen und Ganzen vorbei. Denn auch wenn es immer wieder Angebote gegeben hatte, mehr oder weniger offene - sich wieder zu verlieben war ihr nicht geglückt. Zu groß war der Schmerz über Henrys Verlust gewesen, zu tief saßen die Sorgen um ihre Zukunft - und um die ihrer Tochter. Denn Jette war ihr Ein und Alles. Ihretwegen hatte Tine einen Weg zurück ins Leben gesucht, nachdem sie die erste Zeit der Trauer überstanden hatte. Wäre Jette nicht gewesen, Tine wäre ihrem Mann gefolgt. Dank Jette hatte sie ihre Verzweiflung jedoch überwunden und sich schließlich an die Reste dessen geklammert, was ihr noch Kraft gab. Und diese Kraft gab sie weiter an ihre Tochter, die zu einem fröhlichen Wesen herangewachsen war. Blondgelockt wie Tine als Kind, mit strahlendem Lachen und großen, blitzenden Augen. Eine Schönheit würde sie einst werden. »Ich werde gut aufpassen müssen, Henry«, erklärte Tine lächelnd. Sie war fest davon überzeugt, dass er in jeder Sekunde bei ihr war und jedes ihrer Worte hörte. »Sie wird umworben sein wie ein Rosenbusch von den Frühlingsbienen.« Hoffentlich würde auch Jette einen Mann finden wie einst Tine - und hoffentlich würde ihr Glück dann länger währen als das ihrer Eltern, denen keine zwei Jahre beschieden gewesen waren.

Immer mehr Feuer entflammten am unsichtbaren Horizont. Zwischen den im Mondlicht glitzernden Wellenkämmen loderten goldene Signale. Bald würde es so weit sein. Um Mitternacht würde der Pastor die Kirchenglocken von St. Nicolai läuten, und in den Häusern würden stille und laute Gebete gesprochen werden, auf dass das neue Jahr ein gutes würde: eines, in dem die Insel vor schweren Unwettern verschont blieb, in dem die Gäste zahlreich und die Erträge prächtig wären, ein Jahr voller reichhaltiger Fischgründe und wenig Not. Not gab es immer. In den letzten Jahren vor allem bei den alteingesessenen Familien, die noch ihrem traditionellen Handwerk nachgingen. Doch mit Bootsbau und Netzknüpferei war wenig Geld zu verdienen, während die Kosten auf der Insel immer weiter anstiegen! Die Kurgäste brachten nicht nur viel Geld nach Helgoland, sie bewirkten im Gegenzug auch, dass alles immer teurer wurde. Besonders für die Einheimischen. Immer öfter klopfte jemand an die Tür der Pastorei und bat um eine milde Gabe, um Hilfe in der Not, weil das Geld ausgegangen war und die Familie Hunger litt.

Mit Gottes Segen würde das neue Jahrhundert ein gutes werden, für die Insel und für die Menschen. Vielleicht sogar für Tine. Unbedingt aber sollte es ein glückliches für Jette werden, das war alles, was sich Tine Heesters in dieser Nacht auf den Klippen von Helgoland wünschte, während die Feuer beinah schon die ganze Insel umringten.

Frau Thevessen hatte Kerzen in die Fenster gestellt, wo sie warmes Licht verbreiteten. Das Haus war noch weihnachtlich geschmückt, sogar einen Adventskranz gab es, auf dem noch die kurzen Stummel der beinahe ganz heruntergebrannten Kerzen staken. Der Duft von Bratäpfeln erfüllte die Küche, und in der Stube nebenan hatte der Pastor ein Tablett mit gefüllten Gläsern platziert: Zum Jahreswechsel hatte er einen seiner kostbarsten Sherrys geöffnet, ein Geschenk, das ihm einst der von den Helgoländern so verehrte Gouverneur Barkly gemacht hatte. »So, liebe Tine«, sagte Frau Thevessen und wischte sich die Hände an der Schürze trocken, ehe sie sie abnahm und an den Haken hinter der Küchentür hängte, »nun geht also dieses Jahr und dieses alte Jahrhundert zu Ende. Es hat uns allerlei gebracht. Gutes. Und weniger Gutes, fürchte ich.«

Tine nickte. Sie wusste nicht, worauf sie vor allem zurückblickte. Auf die schönsten Stunden ihres Lebens mit Henry und Jette? Oder auf die dunkelsten, als sie sich plötzlich ganz verloren in der Welt gefühlt hatte? Die Pastorengattin wusste um ihre Stimmung und drückte ihr die Hand. »Nun lass uns in die gute Stube gehen, es ist bald so weit.«

»Ja, gerne.« Sie traten ein, und der Pastor nickte ihnen zu. »Du bist sicher, dass du Jette nicht wecken willst?«

»Ganz sicher, Herr Pastor«, erwiderte Tine. Silvesternächte hatten stets etwas Melancholisches an sich. Man blickte zurück und trauerte still. Selbst in den zwei glücklichen Jahren mit Henry hatte Tine zum Jahreswechsel die Tränen nicht zurückhalten können, hatte sich an all jene erinnert, die sie zurückgelassen hatte, an alle, die den Jahreswechsel nicht miterleben durften. Ja selbst an die schönen Stunden hatte sie gedacht, die nun seltsamerweise endgültig vorüber zu sein schienen. Jette sollte das neue Jahrhundert morgen früh im hellen Licht des Tages begrüßen.

»Dann lasst uns gemeinsam noch ein Gebet sprechen«, erklärte der Pastor und griff nach den Händen der beiden Frauen. So standen sie zu dritt in der Stube des Pfarrhauses und stimmten gemeinsam ein Vaterunser an, dieses älteste Gebet der Christenheit, über das Tine jedes Mal, wenn sie es sprach, aufs Neue nachdenken musste. Es kam so einfach, so selbstverständlich über die Lippen. Und doch: . wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. Tat sie das? Vergab sie all jenen, die in ihrer Schuld standen? Gab es überhaupt jemanden? . denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit. Ja, das war wohl wahr. Denn alles war ja des Herrn. Sein Reich war allumfassend, es war überall. Und als hätte Pastor Thevessen ihre Gedanken gelesen, sprach er es aus: »Das Reich Gottes ist überall«, sagte er leise, kaum dass man seine Stimme hören konnte. »Es ist im Diesseits und im Jenseits. Und wir sind seine Kinder, jede und jeder von uns. Er liebt uns wie ein Vater, er leitet uns und hilft uns, wo immer wir seiner Hilfe bedürfen. Dafür danken wir Dir, Herr.

Du hast, Herr, Deine Töchter und Söhne vielfach geprüft, auch dafür danken wir Dir, selbst wenn es oft schwere Stunden waren, die Du uns auferlegt hast. Unserer Schwester Tine Heesters hast Du den geliebten Mann genommen - aber Du hast ihr ein gesundes Kind geschenkt, das ihr täglich Freude bereitet. Hab Dank, o Herr.«

»Hab Dank, o Herr«, murmelten Tine und Frau Thevessen.

»Meinem Weib hast Du eigene Kinder verwehrt. Dafür hast Du sie mit einem leidlich zulänglichen Mann versehen, der sich bemühen will, ihr jeden Tag ein gutes und frommes Leben zu sichern. Auch dafür sei Dir Dank, o Herr.«

»Dank, o Herr.«

»Mir selbst führst Du täglich vor Augen, wie unzulänglich ich bin. Aber zugleich gibst Du mir jeden Tag aufs Neue die Möglichkeit, mich aus tiefstem Herzen unter Dein Werk zu stellen und es zu preisen. Hab Dank, o Herr.«

Tine blickte verstohlen zur Pastorengattin hin und entdeckte, dass diese ihr zuzwinkerte. Die beiden Frauen hatten Mühe, ein Grinsen zu unterdrücken, als der Pfarrer kurz zögerte, es dann dabei beließ und mit einem »Wir bitten Dich, uns in eine Zeit von Liebe und Gottesfurcht zu führen. Wir bitten um Deinen Segen für die Zeit, die vor uns liegt. Amen.«

»Amen.«

Der Pastor ließ die Hände der beiden Frauen los und nickte. »Nun, dann wollen wir die Fenster öffnen und das neue Jahr begrüßen.« Er blickte zur Uhr. »Höchste Zeit, die Glocken zu läuten!« Rasch griff er nach seinem Mantel und lief hinüber zu St. Nicolai, während Tine und Frau Thevessen die Fenster öffneten und kalte Nachtluft ins Zimmer ließen. Auch auf der Düne drüben brannten nun etliche Feuer, die man von hier aus sehen konnte. »Sollen wir nach oben gehen?«, fragte die Pastorengattin.

Tine schüttelte den Kopf. »Ich finde es gut hier«, sagte sie. »Es ist ein Ort der Geborgenheit. Der Dankbarkeit. Für mich.«

»Das hast du schön gesagt, Tine. Für mich auch.« Und so blieben die beiden Frauen in der Stube und lauschten auf den Schlag der Glocken, die nun zu hören...

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