Der erste Stein

Roman
 
 
Albrecht Knaus Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 13. März 2017
  • |
  • 640 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-20558-4 (ISBN)
 
Im Herz der Finsternis - Der große Antikriegsroman von einem der schärfsten Gegner des militärischen Engagements des Westens in AfghanistanIn einem Militärcamp in Afghanistan trifft ein Zug dänischer Soldaten ein, 24 Männer und die Soldatin Hannah unter Führung des charismatischen Rasmus Schrøder. Alle sind hochmotiviert, hervorragend ausgebildet und abenteuerhungrig. Doch die Tage fließen monoton dahin, bis durch eine Landmine zwei Männer sterben und eine sich immer schneller drehende Spirale der Gewalt in Gang setzt. Als schließlich Schrøder die Truppe verrät, gerät alles außer Kontrolle."Der erste Stein" ist ein großes Epos über Menschen in den Fängen des Krieges und über Freundschaft, Liebe, Verrat und den Tod.
  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
Knaus
  • 1
  • |
  • 1 s/w Abbildung
  • |
  • 1 schwarz-weiße Abbildungen
  • 1,94 MB
978-3-641-20558-4 (9783641205584)
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Carsten Jensen, geboren 1952, wuchs in Marstal auf der dänischen Insel Æro auf. Er studierte in Kopenhagen Literaturwissenschaft und arbeitet seither als Journalist und Kritiker. Er gilt als einer der profiliertesten Essayisten Dänemarks. Sein literarisches Schaffen begann er Mitte der neunziger Jahre. Mit "Wir Ertrunkenen", seinem dritten Roman, gelang ihm ein internationaler Bestseller. Carsten Jensen wurde 2009 mit dem Olof Palme Preis ausgezeichnet.

1

Hannah trägt ein militärgrünes Tanktop, die Oberkörper aller anderen Soldaten im 3. Zug sind nackt. Zu Hause in Dänemark haben sie den ganzen Sommer über an ihrer Bräune gearbeitet, die weißglühende Sonne von Helmand stört sie nicht. Einige Körper sind über und über tätowiert. Andere haben noch freie Flächen am Rücken, dem Rumpf und den Armen, die darauf warten, mit Kreuzen, Dannebrog-Flaggen, Totenköpfen oder Liebeserklärungen an die Kameradschaft und abstrakten Prinzipien auf Latein bedeckt zu werden - gern in verschlungenen Buchstaben. Die leeren Flächen werden gebraucht für Treueeide an das Absolute oder entsprechende Symbole. Sie sind eine Gemäldegalerie auf dem Marsch, Leinwände, die auf einen Pinsel warten.

Sie alle sind Sieger. So denken sie über sich, nicht weil sie davon ausgehen, einen Krieg zu gewinnen, der bereits seit vielen Jahren geführt wird. Sie sind Sieger, weil sie so weit gekommen sind. Sie haben die Ausbildung überstanden. Sie sind gut genug. Verloren haben die, die unterwegs aufgeben mussten, weil sie nicht die nötige Ausdauer hatten. Oder die Disziplin einfach nicht begriffen haben. Möglicherweise konnten sie gut mit einem automatischen Gewehr umgehen, doch wenn es darauf ankommt, reicht das nicht, dann muss man wissen, dass man auch die Verantwortung für den Mann neben sich trägt.

Der 3. Zug hat Camp Bastion hinter sich gelassen und gewöhnt sich an das neue Lager, Forward Operation Base Price, das wie so viele andere Camps nach einem gefallenen Soldaten benannt worden ist. In den Zelten und Containern von Camp Price gibt es Platz für fünfhundert Männer. Dreihundertfünfzig Dänen, der Rest sind Briten. Mitten im Lager ist hinter einer Einzäunung eine Gruppe amerikanischer Spezialtruppen stationiert. Es kommt vor, dass die Amerikaner im cookhouse auftauchen, umgekehrt finden keine Besuche statt. Es ist verboten, sich in Klein-Amerika aufzuhalten. Die Ausnahme ist der Wachturm, der mit Aussicht auf ferne Bergketten zwischen den Zelten der Spezialtruppe emporragt. Camp Bastions Baracken sind abgelöst durch geräumige dunkelbraune Zelte, ausgerüstet mit Klimaanlagen und untereinander verbunden durch schwarze Kunststoffgitter, die als Wege auf den Schotter gelegt wurden.

Sie waren auf ihrer ersten Patrouille, aber noch nicht im Kampf. Die Landschaft ist eintönig, mit Ausnahme der Flussufer, wo sich die dicht bevölkerte greenzone befindet, der Kampfplatz mit den von Mauern umsäumten Höfen, den Maisfeldern und Schutzhecken; ein lehmverputztes Labyrinth voller Möglichkeiten für einen Hinterhalt. Mündungsfeuer gehört zu dieser abweisenden Eisenzeit-Architektur, Schusssalven sind ein ebenso fester Bestandteil der Lautkulisse wie das Meckern der Ziegen und das Geschrei der Kinder. Sie haben sich daran gewöhnt. Der Lärm des Krieges ist ein Lebenszeichen.

Sind sie unterwegs zu einer Patrouille, fahren sie in der Mitte des Highway 1. Alle anderen Fahrzeuge müssen am Straßenrand halten. Sonst werden erst Leuchtraketen abgefeuert, dann Warnschüsse. In ihren gepanzerten Mannschaftswagen dröhnen sie durch zwei Reihen haltender Fahrzeuge. Die Angst vor Auto- und Straßenminen bestimmt ihre Vorgehensweise.

»Im Irak konnten wir den Verkehr nicht zum Stehenbleiben zwingen«, erzählt Robert, einer der drei Unteroffiziere des Zugs. Er war im Irak, aber nicht in den Sandkästen im Süden, Camp Eden oder Camp Danevang, Robert war Angestellter einer amerikanischen Sicherheitsfirma in Bagdad. Leibwache, Eskorte, Transporte, diese Art von Arbeit. Darksky heißt die Firma. Keiner der anderen hat je von ihr gehört. »Contractor«, nennt er es selbst. »Söldner«, sagt Schrøder.

Im Irak fuhren sie in ihren silberglänzenden Mitsubishi Pajeros auf der Überholspur. Die Angriffe kamen stets von hinten, der Fahrer war der verwundbare Punkt. Angreifer wurden daher auf die Beifahrerseite gezwungen. Die Heckklappe stand offen, dort hielt sich ein Maschinengewehrschütze bereit.

»Menschliche Schutzschilde«, sagt Robert, der schon bald den Spitznamen Irak-Robert bekommt. Sein Ton signalisiert Erfahrung. »Alle haben menschliche Schutzschilde benutzt. Wir auch. Wenn wir uns einer Kreuzung näherten, von der wir wussten, dass es dort einen Hinterhalt oder eine Straßenmine geben könnte, winkten wir immer den Verkehr durch. Autos, in denen Familien saßen, Frauen, Kinder, alles. Dann bekamen die den Mist ab. Das war die Standardprozedur. Es geht ums Überleben. Sei ein Schwein oder stirb.«

Roberts Gesichtsausdruck hätte hart sein können, wäre da nicht dieser leicht schielende, nicht zu fokussierende Blick, der ihn verletzlich erscheinen lässt. Wenn er sich konzentriert, verschärft sich das Schielen. »Ich bin zumindest ein ehrliches Schwein.« Er fährt sich mit der Hand über das Kinn mit den stachligen Bartstoppeln.

»Das machen wir hier nicht.« So hat Schrøder reagiert, als er Robert zum ersten Mal über den Krieg im Irak erzählen hörte.

»Weiß ich doch«, erwiderte Irak-Robert. »Afghanistan ist der gute Krieg.«

Es sind die Menschen in der Landschaft, an die sie sich nicht gewöhnen können. Düstere Gesichter mit hervorstechenden Nasen, gewaltigen Bärten und tiefliegenden Augen, die sie zu ignorieren und gleichzeitig zu verurteilen scheinen. Faltenreiche Kleidung, Turbane, Kaftane, Schals, weite Hosen, meterweise Stoff, der ihre Träger verbirgt und ihnen doch ein Gewicht verleiht, als würden sie wie Feldfrüchte aus der Landschaft herauswachsen. Dishdash heißt diese Tracht, meinen sie. Doch so werden die knöchellangen Gewänder in Saudi-Arabien genannt. »Salwar kamiz«, korrigiert Schrøder. Es gibt kein dänisches Wort für die befestigten Höfe, sie benutzen das englische compounds. »Qalat«, sagt Schrøder, der auch Sprachoffizier ist und Paschtu spricht. »Es heißt Qalat.« Zwei weitere wichtige Wörter sind badal, Rache und nang, Ehre. Werden sie es je lernen?

Die Menschen stehen regungslos in der Landschaft. Sie müssen diese Worte auch nicht aussprechen. Sie strahlen sie aus. Sie sehen biblisch aus, Überlebende eines anderen Zeitalters mit einer Beharrlichkeit, die nur schwer von Feindseligkeit zu unterscheiden ist. Dass sie hinter dem Steuer von verbeulten, weiß lackierten Toyota Corollas sitzen oder ein Mobiltelefon am Ohr haben, lässt sie nicht weniger fremdartig erscheinen. Die Dänen rauchen eine Zigarette mit ihnen. Man hat ihnen ein Wörterbuch mit einhundert Wörtern und Ausdrücken ausgehändigt. Wie geht's? Mir geht es gut. Hast du Waffen? Öffne den Kofferraum. Hände hoch. Leg dich auf den Bauch. Ergebt euch.

Die Briten nennen die Taliban ragheads oder shitheads. Die Dänen sagen Lappenkopp oder Tali-Bob. Die örtliche Bevölkerung heißt nur LN, eine Abkürzung für local nationals. Sie selbst werden als ferangi bezeichnet, als die aus dem Westen. Sie reden nie mit Afghanen, ohne das Gewicht ihres automatischen Gewehrs in der Hand zu spüren. Noch gibt es niemanden im Zug, der einen bestätigten Treffer vorweisen kann.

»Schrøder, sag die Wahrheit. Warum bist du hier?«

Jakobs Tonfall ist frotzelnd. So redet man nicht mit einem Vorgesetzten. Aber die Soldaten sind sich in den acht Monaten ihrer Ausbildung sehr nahegekommen und glauben, sie wüssten alles über ihren Zugführer. Er hat eine Karriere in der Armee hinter sich, die nicht sonderlich von der üblichen Laufbahn abweicht, obwohl sie auch nicht ganz wie im Lehrbuch verlaufen ist. Er ist mit anderen Einheiten schon früher in Afghanistan gewesen. Aber sie interessiert sein Beruf im zivilen Leben.

Jakob ist der Jüngste des Zugs, neunzehn Jahre alt. Die anderen ziehen ihn mit seinem Alter auf. Jakob sagt laut, was er denkt, außerdem ist er hemmungslos neugierig. Er ist rothaarig und hat Sommersprossen auf der Nase. Als Einziger von ihnen sitzt er im Hemd in der auch jetzt Mitte September noch immer kräftigen Sonne. Er hat sich den Nacken und die Arme verbrannt. Sein Gesicht liegt im Schatten einer knallroten Baseballkappe.

»Haben sie dich gefeuert? Hast du in die Kasse gegriffen?« Jakob hört mit seiner Frotzelei nicht auf.

»Ich bin hier, um etwas zu verändern.« Schrøders Stimme trieft vor Ironie, von vornherein ist klar, dass sie ausgerechnet diese Antwort nicht ernst nehmen sollen.

»Das nehmen wir dir nicht ab.« Michael ist vier, fünf Jahre älter als Jakob, ein Gewehrschütze, Mitte zwanzig und eine Art großer Bruder für Jakob. Immer nimmt er Jakob in Schutz und sorgt dafür, dass die Hänseleien der anderen nicht ausarten. Er grinst Jakob aufmunternd an, der mit seinem Gewehr im Schoß auf einem Stuhl sitzt. Sie bereiten ihre Ausrüstung vor. Michaels rechte Schulter bedeckt ein Leopard mit gefletschten Zähnen. In Omnia Paratus steht darunter. Zu allem bereit.

»Okay«, sagt Schrøder. »Die Erde unter den Nägeln spüren. Etwas bewirken. Deshalb bin ich hier.« Er zögert einen Moment. »Inspiration.«

Schrøder hat im zivilen Leben an Videospielen gearbeitet. Sie kennen mehrere Spiele, deren Design er mitentwickelt hat. Meist geht es um kahlgeschorene Auftragskiller mit einem tätowierten Code im Nacken und einem Gesicht, das ebenso viele Ausdrucksformen kennt wie die Kuppe eines Daumens. Deshalb gehört Schrøder zu den beliebtesten Gesprächsthemen unter den Männern des Zugs. Sie haben es wieder und wieder diskutiert. »Wenn du Schrøder wärst, hättest du dann getauscht und wärst hierhergekommen? Stell dir vor, du sitzt vor einem Bildschirm, spielst den ganzen Tag die geilsten Spiele und wirst dafür auch noch...

»Der wüstentrockene, unerbittlich reportagehafte Stil, die trotz ihrer Vielzahl großartig gezeichneten Figuren, die Kenntnis der Lage - all das macht 'Der erste Stein' zu einem herausragenden Buch.«
 
»In fettloser Prosa, mit genauer Lagekenntnis, reißt Jensen uns in einen Malstrom aus Krieg und Kriegsverbrechen.«
 
»Ihm ist ein brillanter Polit-Thriller gelungen, ein so aktueller, vielschichtiger und unvorhersehbarer Roman, wie man ihn sich nur wünschen kann.«
 
»Ein Polit-Thriller ohne Genre-Klischees und sicher eine neue Qualität von Polit-Thriller, die Maßstäbe setzen sollte. Ein Meisterwerk.«
 
»Er kann Menschen und Landschaften beschreiben und gibt Einblicke in ein Land, das viele nur aus Nachrichten kennen. Das macht das Buch so lesenswert.«
 
»Wer unbewegt aus diesem Roman herauskommt, ist schon tot.«
 
»Ohne wenn und aber: Ein wirkliches Meisterwerk.«
 
»Beängstigend gut!«
 
»Ein fulminanter Antikriegsroman in der Tradition von 'Im Westen nichts Neues.'«
 
»Was ihn jedoch auszeichnet, ist eine schnörkellose, erfolgreich auf dem Grat zwischen Eindringlichkeit und Gewaltpornografie balancierende Sprache - und bisweilen ein überraschender Hang zu unverhohlenem Zynismus.«
 
»Ein sprachgewaltiger, schockierend großartiger Roman! Die Sinnlosigkeit und den Irrsinn des Krieges zeigt der Däne Carsten Jensen in "Der erste Stein" auf eindringliche Weise.«

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