Sterne, Zimt und Winterträume

Winterknistern 3
 
 
BookRix (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 19. November 2019
  • |
  • 299 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7487-2116-1 (ISBN)
 
Nach einem Schicksalsschlag ist Johanna mit ihrem kleinen Sohn Oskar auf sich gestellt. Besonders der Wiedereinstieg in den Job macht ihr zu schaffen, und auch Oskar wehrt sich beharrlich gegen die Veränderung. Als Johanna in der Vorweihnachtszeit den Astrophysiker Nick kennenlernt, spürt sie sofort eine Verbindung zu ihm. Vielleicht, weil er ihr die Sterne nahebringt und damit ungewollt ihren verstorbenen Mann. Oder weil er insgeheim mindestens genauso einsam zu sein scheint wie sie. Dabei könnten der rationale Denker und die chaotische Träumerin nicht verschiedener sein. Wie gut, dass beide nur eine Freundschaft wollen. Doch dann verrät Nick Johanna seinen sehnlichsten Weihnachtswunsch ... Eine winterliche Romanze voller Sternenglanz. Dies ist der dritte Teil der WINTERknistern-Reihe. Alle Romane können unabhängig voneinander gelesen werden. Es erhöht jedoch das Lesevergnügen, mit dem ersten Band zu beginnen. Die WINTERknistern-Reihenfolge: Plätzchen, Tee und Winterwünsche Misteln, Schnee und Winterwunder Sterne, Zimt und Winterträume ***************************************************** Außerdem von Stina Jensen: Die INSELfarben- und GIPFELfarben-Reihe. Die Romane sind in sich abgeschlossen und können völlig unabhängig voneinander gelesen werden. Da immer eine Nebenfigur im nächsten Roman zur Hauptfigur wird, erhöht es das Lesevergnügen, mit Folge 1 zu starten. Oder man sucht sich das Reiseziel aus, nach dem man sich am meisten sehnt. Die chronologische Reihenfolge der Romane: Inselblau (Svea, Langeoog und Mallorca) Inselgrün (Wiebke, Irland) Inselgelb (Claire, Island) Inselpink (Ida, Mallorca) Inselgold (Amanda, Rügen) Gipfelblau (Annika, Zermatt) Gipfelgold (Mona, Bad Gastein) Gipfelrot (Valerie, Schottland) Inseltürkis (Terry, Sardinien)
  • Deutsch
  • 0,48 MB
978-3-7487-2116-1 (9783748721161)

2


Acht Monate später


Mit einem Schreck fuhr ich aus dem Schlaf. Mein Großvater hatte die Tür des Gästezimmers mit einem Knarzen geöffnet. »Guten Morgen, ihr zwei, Zeit zum Aufstehen«, brummte Papu. »Es ist schon halb acht.«

Einen Protest murmelnd zog ich die Bettdecke enger um mich. Warum musste er Oskar und mich immer so früh wecken? Und mich damit aus diesem Traum holen, in dem ich fast mit Rahul geredet hätte.

Seit Monaten träumte ich das Gleiche. Entweder stand mein Mann inmitten einer Menschenmenge, so wie heute, und ich kam nicht an ihn heran. Oder er rief von der Spitze eines Berges nach mir, dessen Höhe unüberwindbar erschien. Manchmal standen wir auch in tiefem Morast, in dem wir zu versinken drohten. Und jedes Mal weckte mich irgendetwas anderes. Es kam einfach nicht dazu, dass Rahul und ich uns aussprachen!

Ich schaute zur Seite. Mein siebzehn Monate alter Sohn lag in seinem Gitterbettchen und rührte sich nicht. Seit ich vor acht Monaten bei Papu eingezogen war, erstaunte es mich jeden Tag aufs Neue, dass dieses Baby nach dem Tod seines Vaters begonnen hatte, durchzuschlafen. Als hätte es gespürt, dass es mir neben meiner Trauer nicht eine einzige schlaflose Nacht mehr zumuten könnte. Dafür liebte ich unser Kind nur noch mehr.

Gerade zog Papu die Vorhänge beiseite und ließ Licht ins Zimmer, brachte damit die Rumpelkammer zum Vorschein, in der Oskar und ich schliefen. Mein ehemaliges Kinderzimmer in der Wohnung meiner Großeltern in der Leopoldstraße in München hatte sich nach meinem Auszug vor ein paar Jahren zur Abstellkammer entwickelt. Hier hatten ausrangierte Möbelstücke und abgelegte Klamotten Platz gefunden. Dazwischen tummelten sich eine halb verwelkte Yuccapalme, eine brüchige Küchenlampe aus Korb und drei Kisten voller Bücher.

Mamu hätte wahrscheinlich darauf bestanden, alles zu beseitigen und Platz zu schaffen. Doch sie war Anfang des Jahres verstorben. Der Verlust meiner Großmutter nagte auch an mir, obwohl es irgendwann absehbar gewesen war, dass es mit ihr zu Ende ging. Auf den Punkt gebracht: Es war ein beschissenes Jahr. Und es konnte nur besser werden.

Nach Kavyas E-Mail vor acht Monaten hatte ich stundenlang fassungslos auf ihre Worte gestarrt. Las die Nachricht wieder und wieder, in der irrsinnigen Hoffnung, ich könnte mich täuschen. Oder träumen. Und irgendwann aufwachen. Doch das war nicht geschehen.

In meinem Schock rief ich als erstes Papu an und sagte ihm, dass ich mit Oskar zu ihm kommen würde. Und dann schrieb ich Kavya, dass sie und ihre Eltern Rahul seinem Wunsch gemäß in seinem Heimatland bestatten sollten. Ohne mein Beisein.

Wie hätte ich an der Zeremonie teilnehmen können? Mir fehlte zu alledem die Kraft. und ich hatte ein Baby. Besonders die Nachricht, die Rahul mir so kurz vor seinem Tod geschickt hatte, lähmte mich.

Kavya und ihre Eltern hatten Bilder von Rahuls Beisetzung geschickt. Oder besser gesagt, von der Verbrennung seiner menschlichen Überreste. Und davon, wie sie die Asche über den örtlichen Fluss hinweg in alle Winde verstreut hatten. Damit seine Seele, wenn sie wiedergeboren wurde, nicht an einen festen Ort gebunden war.

Der Gedanke an Wiedergeburt war wenig tröstlich für mich. Es würde mir nichts nützen, wenn Rahul an irgendeinem anderen Ort dieser Welt je wiedergeboren werden sollte. Außerdem hatte er ja ohnehin nicht mehr bei mir sein wollen!

Als ich mit Oskar von Frankfurt hierher geflüchtet war, hatte Papu uns stumm in die Arme geschlossen, und ich hatte mich kurz darauf auf das Bett in meinem alten Zimmer fallen lassen. Drei Tage und Nächte hatte es gedauert, ehe ich wenigstens wieder in der Lage war, mich meinen alltäglichen Aufgaben als Mutter zu stellen. Der Abschied von Rahul und der einstigen Hoffnung, dass doch noch alles gut werden könnte und wir trotz unserer Krise den Rest unseres Lebens miteinander verbringen würden, verlangte mir alles ab. Es ist schlimm, einen geliebten Menschen zu verlieren. Aber es ist noch schlimmer, einen geliebten Menschen zu verlieren, von dem man weiß, dass er einen eigentlich nicht mehr wollte.

Dass dies so war, wusste nur ich. Bisher war ich noch nicht in der Lage gewesen, auch nur mit einer Menschenseele über Rahuls Trennungsabsichten zu sprechen.

Auch Papu hatte mächtig damit zu kämpfen, dass Mamu und dann auch noch mein Mann gestorben waren. Meinen Schmerz zu erleben machte es für ihn nicht leichter - stehen wir uns doch sehr nah, denn als Kleinkind hatte ich meine Eltern verloren und war bei meinen Großeltern aufgewachsen. Irgendwie schien sich dieses Schicksal von Verlusten durch mein Leben zu ziehen. Wusste der Teufel, warum.

Papu warf mir von der Zimmertür einen mahnenden Blick zu. »Komm dann bitte, ja? Frühstück ist fertig.« Damit verließ er den Raum.

Mein Großvater klammerte sich an einen normalen Tagesablauf, und dazu gehörte, dass wir mit ihm frühstückten. Da ließ er nicht mit sich verhandeln. Wenn er nicht gewesen wäre, wäre ich wahrscheinlich schon verhungert. Noch immer bekam ich kaum etwas hinunter. Und wenn, dann knabberte ich so lange an einer Scheibe Brot, bis er die Geduld verlor und den Tisch abräumte. Am liebsten hätte er es gesehen, wenn ich mindestens einmal pro Woche ein Steak verdrückt hätte, so wie er es tat. Einmal hatte er Essen bei einem indischen Restaurant bestellt, aber allein der Geruch nach Curry, Koriander und Zimt hatte mir die Kehle zugeschnürt.

Ich richtete mich auf und spähte wieder hinüber zu Oskar, der sich zu räkeln begann.

»Ma-ma!« Er reckte im Gitterbettchen die Arme nach mir. Das feuerrote Haar stand ihm vom Köpfchen ab, seine schwarzen Augen funkelten erwartungsfroh. Er sah so süß aus. Mein Herz zog sich zusammen.

Ich schob die Beine aus dem Bett und schlang mir die Haare im Nacken zusammen, tappte hinüber zu meinem Söhnchen, der auf seinen kurzen Beinen aufgeregt auf und ab wippte. Er konnte noch nicht lange laufen. Doch seit er es vor zwei Monaten endlich gelernt hatte, war er nicht mehr zu stoppen. Nichts konnte man schnell genug vor ihm in Sicherheit bringen.

Ich hob meinen Kleinen aus dem Bett und gab ihm einen zärtlichen Kuss. »Na, gut geschlafen?«, murmelte ich in sein Haar.

»Pa!«, rief Oskar und zeigte zur Zimmertür. Damit meinte er seinen Uropa.

Ich selbst hatte meine Großeltern nie Oma und Opa genannt. Bei meiner Geburt waren sie erst knapp über vierzig gewesen und fühlten sich viel zu jung, um so gerufen zu werden.

Nach dem Wickeln zog ich Oskar eine Latzhose und den senfgelben Pulli mit Eisbäraufdruck an, den Doris, Papus Haushaltshilfe, ihm mitgebracht hatte. Sie kam zweimal pro Woche, und das schon seit Jahren, auch als Mamu noch gelebt hatte. Manchmal passte sie auf Oskar auf, wenn Papu mich dazu überreden konnte, mit ihm ins Theater zu gehen. »Irgendetwas muss ich doch davon haben, dass du hier bist«, sagte er dann, und ich konnte ihm den Wunsch nicht abschlagen, machte mich sogar ein wenig schick. Doch heute schlüpfte ich in mein bequemes Joggingoutfit wie nahezu jeden Tag, an dem ich nicht das Haus verließ. An manchen Tagen war es auch der abgelegte Trainingsanzug von Rahul, den ich bei meiner Abfahrt getragen hatte. Ich hatte bei aller Ambivalenz meiner Gefühle etwas dabeihaben wollen, das nach ihm roch. Um mich dann und wann der Illusion hinzugeben, dass er noch da wäre.

In der Küche hielt Papu den Kopf über die Tageszeitung gebeugt und schlürfte geräuschvoll den Kaffee aus seiner Tasse.

»Na endlich«, brummte er und tippte auf die Überschrift eines Artikels. »Die Krippenplätze sind knapp«, las er und sah auf. »Du hast aber eine feste Zusage, oder?«

Ich setzte Oskar in den Hochstuhl und gab ihm ein Butterhörnchen in die Hand, in das er augenblicklich hineinbiss.

Ich hockte mich im Schneidersitz auf die Küchenbank und goss mir einen Kaffee ein. »Klar. Das weißt du doch. Es ist eine private Einrichtung. Nichts Staatliches.«

Papus Bemerkung erinnerte mich schmerzlich daran, dass ich demnächst nach Frankfurt zurückkehren musste. Meine Elternzeit war bald vorüber. Am zweiten Dezember erwartete man mich an meinem alten Arbeitsplatz in einer renommierten Rechtsanwaltskanzlei zurück, wo ich zuletzt als Partnersekretärin gearbeitet hatte. Der Gedanke daran versetzte mich in Unruhe. Nicht nur aufgrund der Tatsache, dass ich mit Oskar in die Wohnung würde zurückkehren müssen, in der wir zuletzt zu dritt gelebt hatten. Sondern auch, weil ich meinen Sohn mehrere Stunden am Tag in fremde Obhut würde geben müssen. Zwei Wochen Eingewöhnung wären besser gewesen, das hatte auch die Leiterin der Krippe gesagt. Ich hatte der Dame meine Situation erklärt, und sie hatten eine Ausnahme gemacht.

Dabei hatte Oskar in den letzten Monaten kaum andere Menschen als Papu und mich um sich gehabt - wenn man von Ulli, Papus bestem Freund, oder Doris einmal absah. Außer bei den Skype-Sessions mit meinen Frankfurter Freundinnen Milla und Sina hatte ich kaum Kontakt zur Außenwelt. Die Zwillingsschwestern waren derzeit der einzige Lichtblick, wenn ich an meine Rückkehr nach Frankfurt dachte.

Bei einem dieser virtuellen Treffen vor ein paar Wochen hatte ich Sina darum gebeten, meine Wohnung umzugestalten, um mir den Schmerz zu ersparen, alles so vorzufinden, wie es zuletzt...

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