Nordwesttod

 
 
HarperCollins (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 16. Februar 2021
  • |
  • 416 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7499-5004-1 (ISBN)
 
Mord an der idyllischen Nordseeküste? Der erste Fall für die Soko St. Peter-Ording Aus der Landeshauptstadt Bayerns ins ferne Kiel: Kommissarin Anna Wagner braucht nach ihrer Scheidung einen Tapetenwechsel. Sie zieht in den Norden, um im Landeskriminalamt Schleswig-Holstein eine Stelle aufzubauen, die auf Vermisstenfälle spezialisiert ist. Gleich ihr erster Fall führt sie nach St. Peter-Ording an die Nordseeküste: Nina Brechtmann, eine junge Umweltaktivistin aus einer einflussreichen Hoteliersfamilie, wird vermisst. Hat ihr Verschwinden etwas mit den aggressiven Expansionsplänen ihrer Familie zu tun, wurde sie vielleicht entführt? Oder hütete die junge Frau ein Geheimnis? Anna Wagner und der örtliche Dienststellenleiter Hendrik Norberg ermitteln unter Hochdruck, denn niemand weiß, wann genau Nina Brechtmann verschwunden ist ... und jede Minute zählt.
weitere Ausgaben werden ermittelt
Svea Jensen ist das Pseudonym einer erfolgreichen Krimiautorin. Sie ist in Hamburg aufgewachsen und dem Norden stets treugeblieben: Nach vielen Jahren beim Norddeutschen Rundfunk lebt sie heute in Schleswig-Holstein, wo sie sich mittlerweile ganz dem Schreiben widmet. Während sie Verbrechen für ihre nächsten Bücher plottet, lässt sie sich am liebsten eine Nordseebrise um die Nase wehen. Svea Jensen ist Mitglied im »Syndikat« und bei den »Mörderischen Schwestern«.

Eine Woche später

Sonnabend, 27. Juni

Mit dem Setzen des Grabsteins würde es wohl noch ein bisschen länger dauern als ursprünglich erwartet, hatte der Steinmetz gerade am Telefon gesagt. Er hätte sich das Grab gestern angeschaut und dabei festgestellt, dass die Erde noch längst nicht so verdichtet sei, wie er gehofft habe. Und man wolle ja nicht, dass der Stein in eine Schieflage geriete oder womöglich sogar umfiele. Dann lieber noch ein, zwei weitere Monate warten.

Hendrik Norberg hatte sich diese Aussage zunächst kommentarlos angehört, dann brach es aus ihm heraus.

»Die Beerdigung meiner Frau liegt jetzt drei Monate zurück, und Sie hatten mir seinerzeit versichert, dass bei einem Sandboden innerhalb von sechs Monaten der Stein gesetzt werden kann. Und jetzt gilt das auf einmal nicht mehr?« Seine Stimme war laut geworden, die linke Hand zur Faust geballt.

»Ja, nun«, erwiderte der Steinmetz, »davon war ich auch ausgegangen, aber man steckt halt nicht drin.«

Norberg sparte sich eine Antwort, denn was hätte sie gebracht? Er beendete das Gespräch und feuerte das Smartphone in die Sofaecke.

Er musste hier raus. Noch eine Sekunde länger in dem Haus, das ihm so viele Jahre Geborgenheit gegeben hatte, und er würde durchdrehen. Zum Deich war es nicht weit, dann runter durch die Salzwiesen an den Strand, wo selbst jetzt in der Hochsaison nie so viel los war wie an den Stränden in Bad oder Ording.

Das Joggen strengte ihn an. Er war aus der Übung und wechselte in einen schnellen Schritt. Trotzdem war er vollkommen erschöpft, als er den Südstrand erreichte und die Stufen zum Pfahlbaurestaurant Strandhütte erklomm. Er hatte Glück und ergatterte einen Platz im Außenbereich, wo sich gerade ein Pärchen von einem Zweiertisch erhob. Hoffentlich würde der Stuhl neben ihm frei bleiben, ihm stand nämlich nicht der Sinn nach Gesprächen, die einem Touris, erst recht solche, die allein unterwegs waren, häufig aufzudrängen versuchten.

Das erste Glas Wasser leerte er in einem Zug, vorsichtshalber hatte er eine Flasche bestellt, um den Flüssigkeitsverlust wieder auszugleichen. Er lehnte sich im Stuhl zurück und streckte die Beine aus.

Die Angelegenheit mit dem Grabstein setzte ihm zu, und der Anpfiff, den er dem Steinmetz verpasst hatte, zeigte deutlich, dass seine Nerven noch immer blank lagen. Der Mann konnte ja nichts für die Umstände, aber, verdammt noch mal, Norberg wollte, dass Kathrins Grab endlich in Ordnung kam und mit den Blumen bepflanzt werden konnte, die sie geliebt hatte. Er sehnte sich verzweifelt nach einem Ort, an dem er trauern konnte. War das denn zu viel verlangt?

»Hendrik!«

Norberg war so in seine Gedanken vertieft, dass er zusammenschrak, als er die Stimme neben sich vernahm. Sobald er aufblickte und sah, wer dort stand und ihn mit leichter Verunsicherung anschaute, überfiel ihn das schlechte Gewissen mit Macht.

»Philipp.« Norberg erhob sich, zögerte einen Augenblick und drückte den langjährigen Freund dann etwas ungelenk. Er deutete auf den freien Stuhl, obwohl ihm auch nicht nach einem Gespräch mit Philipp war. Aber er konnte ihn nicht länger abwimmeln. »Setz dich doch.«

Philipp Hartwigsen kam der Aufforderung nach. »Wie geht es dir?«, fragte er, als sich das Schweigen dehnte und unangenehm zu werden drohte.

»Geht so.«

»Ich hab gehört, dass du ab nächster Woche in unserer Polizeistation arbeitest.«

Falsches Thema. »Hat sich das schon rumgesprochen?« Als Norberg sich des verständnislosen Ausdrucks in Hartwigsens Gesicht gewahr wurde, hob er die Hand in einer entschuldigenden Geste. »Sorry, Philipp, ich wollte dich nicht anraunzen . Es ist nur .« Er brach ab, weil sich wieder dieser elende Kloß in seiner Kehle formte, der seit Kathrins Tod nahezu jedes Gespräch im Keim erstickte.

»Ich weiß nicht mehr weiter, Hendrik«, sagte Hartwigsen, nachdem ein Kellner ihm einen Kaffee gebracht hatte. In seinen dunklen Augen stand die pure Hilflosigkeit. »Seit Kathrins Tod schottest du dich ab und gibst keinem deiner Freunde eine Möglichkeit, dir beizustehen. Das kann doch nicht ewig so weitergehen.«

»Es tut mir leid«, stieß Norberg hervor, und er meinte es auch so. Aber es gelang ihm einfach nicht, über seinen Schatten zu springen. »Woher weißt du es?«, brachte er schließlich heraus.

»Finn hat es Daniel erzählt. Dein Sohn scheint vor Stolz zu platzen, dass du bald in Uniform rumläufst und er mit dir angeben kann.« Hartwigsen schmunzelte. »Ein Polizist in Zivil scheint für ihn kein echter Bulle zu sein.«

Norberg bemühte sich, das Lächeln zu erwidern, aber der Versuch misslang kläglich. Vom erfolgreichen Mordermittler zum Schupo, was für ein Abstieg! Er hielt nach wie vor die größten Stücke auf die Kollegen der Schutzpolizei und hatte sie nie als Zuarbeiter der Kripo gesehen, wie andere es taten. Schließlich hatte er vor seinem Wechsel zur Kripo ja auch einmal zu ihnen gehört. Trotzdem machte es ihn fertig, dass er ab Montag wieder in Uniform herumlaufen würde. »Dann gefällt es ja wenigstens einem in der Familie.«

»Du hast es wegen der Jungs gemacht, oder?«

Norberg starrte auf das Wattenmeer, das glitzernde Wasser der Nordsee in der Ferne. Es war Ebbe, da musste man ein ganzes Stück laufen, bis man das Wasser erreichte. »Ich wollte den beiden keinen Ortswechsel zumuten. Kathrins Tod setzt ihnen schwer zu, da sollen sie wenigstens in ihrer vertrauten Umgebung bleiben.« Ihm wurde bewusst, dass er bisher mit keinem seiner wenigen Freunde über den beruflichen Wechsel gesprochen hatte. Wie bei so vielem hatte er auch diese Angelegenheit wieder mit sich allein ausgemacht. Eine Angewohnheit, mit der Kathrin häufig nicht glücklich gewesen war.

»Es ist die richtige Entscheidung, Hendrik. Solange Kathrin noch lebte, war es nicht so schlimm, wenn du unter der Woche aufgrund der Arbeit mal nicht nach Hause kommen konntest. Aber jetzt brauchen die Jungs dich mehr denn je. Das können Kathrins Eltern nicht auffangen.«

Norberg nickte. Das alles war ihm vollkommen klar, aber trotzdem würde er noch lange mit dieser Entscheidung hadern. In einem Monat hätte er zum Leiter der Itzehoer Mordkommission ernannt werden sollen, ein Posten, auf den er lange hingearbeitet hatte. Alles für die Katz, stattdessen würde er jetzt die Polizeidienststelle in St. Peter-Ording leiten, wo ihn fünf Kollegen erwarteten, die er während der Übergabe in den vergangenen Wochen bereits kennengelernt hatte.

»Willst du nicht mal wieder zu uns kommen?«, fragte Hartwigsen nach einer Weile des erneuten Schweigens.

»Ich weiß nicht .« Norberg zögerte, seinem Freund eine Abfuhr zu erteilen, aber er fühlte sich einfach noch nicht gewappnet für ein Treffen, bei dem sie unweigerlich auf Kathrins Tod zu sprechen kämen. Auf die endlosen Monate, die diesem vorangegangen waren, in denen er sich bemüht hatte, seinen Beitrag zu ihrer Pflege zu leisten und gemeinsam mit ihr der Diagnose ALS die Stirn zu bieten, und doch Tag für Tag aufs Neue das Gefühl gehabt hatte, kläglich zu versagen. »Gib mir noch ein bisschen Zeit, okay?« Er erhob sich, auch wenn er wusste, dass Hartwigsen nicht weiter in ihn dringen würde, aber plötzlich wurde ihm wieder alles zu viel. »Ich muss nach Hause und mich um das Mittagessen kümmern. Finn hat heute noch ein Abschlusstreffen mit seiner Klasse, aber zum Essen steht er immer pünktlich auf der Matte.« Mit Lasse sah das anders aus, aber Norberg hoffte trotzdem, dass sie heute mal wieder alle zusammen essen würden.

»Wir sind die ersten beiden Ferienwochen noch hier, weil Beate noch arbeiten muss. Ich wollte mit Daniel einige Tagesausflüge unternehmen. Ist es okay, wenn wir Finn mitnehmen?«

Norberg fiel ein Stein vom Herzen, denn er hatte schon überlegt, was er mit seinem Jüngsten in den am Montag beginnenden Sommerferien machen sollte. Lasse war in der Hinsicht kein Problem, der beschäftigte sich am liebsten mit sich selbst, aber Finn wollte ständig etwas unternehmen. »Das wäre eine große Erleichterung für mich. Corinna wird sich zwar tagsüber erst einmal weiter um die Jungs kümmern, aber ich möchte ihr jetzt nicht auch noch die tägliche Bespaßung von Finn zumuten. Du weißt ja selber, wie anstrengend er manchmal sein kann.«

»Prima, dann ist das abgemacht.«

»Danke, Philipp!« Norberg legte seinem Freund kurz die Hand auf die Schulter.

»Ich bleib noch einen Augenblick. Das Wetter ist so schön, das muss man ausnutzen.« Hartwigsen deutete auf die Wasserflasche. »Ich übernehm das.«

Norberg nickte ihm dankbar zu und machte sich auf den Heimweg.

Auf der gekiesten Einfahrt stand der rote Polo seiner Schwiegermutter, Heckklappe und Türen weit geöffnet. Der Kofferraum war vollgepackt mit Einkaufstüten, als erwarte Corinna Heckler demnächst eine Belagerung des weiß verputzten Einfamilienhauses in der Deichstraße, in dem jetzt nur noch Norberg und seine beiden Söhne lebten. Er hatte von Anfang an ein gutes Verhältnis zu seinen Schwiegereltern gehabt, vor allen Dingen zu Corinna, und hätte die letzten Monate ohne deren Unterstützung wohl nicht überstanden. Beide trauerten unendlich um ihre Tochter, hatten sich in seiner Gegenwart aber nie zu Gefühlsausbrüchen hinreißen lassen, wofür er ihnen sehr dankbar war, weil er diesen nichts hätte entgegensetzen können.

»Ja, sag mal, wo warst du denn?« Corinna kam ihm aus der offen stehenden Haustür entgegen. Sie war eine attraktive Frau, die im...

Dateiformat: ePUB
Kopierschutz: Wasserzeichen-DRM (Digital Rights Management)

Systemvoraussetzungen:

Computer (Windows; MacOS X; Linux): Verwenden Sie eine Lese-Software, die das Dateiformat EPUB verarbeiten kann: z.B. Adobe Digital Editions oder FBReader - beide kostenlos (siehe E-Book Hilfe).

Tablet/Smartphone (Android; iOS): Installieren Sie bereits vor dem Download die kostenlose App Adobe Digital Editions (siehe E-Book Hilfe).

E-Book-Reader: Bookeen, Kobo, Pocketbook, Sony, Tolino u.v.a.m. (nicht Kindle)

Das Dateiformat ePUB ist sehr gut für Romane und Sachbücher geeignet - also für "fließenden" Text ohne komplexes Layout. Bei E-Readern oder Smartphones passt sich der Zeilen- und Seitenumbruch automatisch den kleinen Displays an. Mit Wasserzeichen-DRM wird hier ein "weicher" Kopierschutz verwendet. Daher ist technisch zwar alles möglich - sogar eine unzulässige Weitergabe. Aber an sichtbaren und unsichtbaren Stellen wird der Käufer des E-Books als Wasserzeichen hinterlegt, sodass im Falle eines Missbrauchs die Spur zurückverfolgt werden kann.

Weitere Informationen finden Sie in unserer E-Book Hilfe.


Download (sofort verfügbar)

8,99 €
inkl. 7% MwSt.
Download / Einzel-Lizenz
ePUB mit Wasserzeichen-DRM
siehe Systemvoraussetzungen
E-Book bestellen