Im Wasser sind wir schwerelos

 
 
Hoffmann & Campe (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 2. März 2021
  • |
  • 288 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-455-01108-1 (ISBN)
 

"Elegant, unwiderstehlich und von melancholischer Schönheit." Evening Standard

"Ein zauberhaftes Buch, sinnlich und intensiv." Literary Review

"Das überwältigende Debüt eines jungen Autors, der so unglaublich gut schreibt wie kaum ein anderer." The Guardian, Buch des Jahres

Ein Sommer. Eine Liebe. Ein unvergesslicher Roman über das, was zählt. Über den letzten Sommer der Jugend. Über Liebe und Verlust. Und über die Opfer, die wir bringen, um aufrecht durchs Leben zu gehen.

Ludwik ist verliebt. Es ist der Sommer nach dem Examen, ein Sommer, in dem alles anders wird. Denn Ludwik ist verliebt in Janusz, eine Unmöglichkeit in Polen im Jahr 1980. Zu zweit verbringen sie magische Tage an einem verborgenen See im Wald. Hier können sie sich einander offenbaren, hier erleben sie die große Liebe. Doch irgendwann ist der Sommer zu Ende, sie müssen zurück in die Stadt. Die Welt befindet sich im Umbruch, Ludwik träumt von der Flucht in den Westen, Janusz wählt eine Karriere innerhalb des Systems. Ludwik muss sich entscheiden: für ein Leben voller Heimlichkeiten - oder den Mut, er selbst zu sein.

  • Deutsch
  • Hamburg
  • |
  • Deutschland
  • 0,72 MB
978-3-455-01108-1 (9783455011081)
Tomasz Jedrowski, als Kind polnischer Eltern in Bremen aufgewachsen, studierte Jura in Cambridge und an der Université de Paris. Nach Jahren in Großbritannien und Polen lebt er nun in Paris. "In Wasser sind wir schwerelos" ist sein Debütroman, der in Großbritannien von der Kritik gefeiert und vom GUARDIAN zum Buch des Jahres ernannt wurde.

Erstes Kapitel


Ich kannte Beniek schon fast mein Leben lang. Er wohnte bei uns um die Ecke, in unserem Viertel in Breslau, das aus runden Straßen und dreistöckigen Wohnhäusern bestand, die aus der Luft gesehen einen riesigen Adler bildeten, das Symbol unseres Landes. Es gab Hecken und große Höfe mit einem kleinen Garten für jede Wohnung, kühle, dunkle Keller und staubige Dachböden. Noch keine zwanzig Jahre war es her, seit unsere Familien eingezogen waren, um hier zu leben. Auf unseren Briefkästen stand noch immer das deutsche Wort Briefe. Alle - die Leute, die vorher hier gelebt hatten, und die Leute, die sie ersetzten - hatten ihr altes Zuhause verlassen müssen. Von einem Tag auf den nächsten hatten sich auf dem ganzen Kontinent die Grenzen verschoben, waren neu gezogen worden wie die Kreidelinien bei unseren Himmel-und-Hölle-Spielen auf dem Gehsteig. Bei Kriegsende wurde der Osten Deutschlands zu Polen und der Osten Polens zur Sowjetunion. Omas Familie wurde gezwungen, ihr Land in der Nähe von Lemberg zu verlassen. Die Sowjets beschlagnahmten ihr Haus und karrten sie in denselben Viehwaggons weg, in denen man ein oder zwei Jahre zuvor die Juden in die Lager gebracht hatte. Sie landeten in Breslau, einer seit Jahrhunderten von Deutschen bewohnten Stadt, in einer Wohnung, gerade verlassen von einer Familie, die wir nie kennenlernen würden; das Geschirr stand noch in der Spüle, die Brotkrumen lagen noch auf dem Tisch. Dort wuchs ich auf.

Auf den breiten, mit Bäumen und Bänken gesäumten Gehwegen spielten alle Kinder im Viertel zusammen. Wir spielten Fangen und Seilhüpfen mit den Mädchen, rannten schreiend durch die Innenhöfe und turnten an den Doppelstangen, die aussahen wie Rugby-Pfosten und an denen die Frauen Teppiche ausklopften. Wir wurden von den Erwachsenen ausgeschimpft und ergriffen die Flucht. Wir waren schmutzige Kinder. In Shorts, Kniestrümpfen und Hosenträgern rannten wir im Sommer durch die Straßen und in fadenscheinigen Wollmänteln, wenn im Herbst der Boden von Blättern bedeckt war, und wir rannten auch noch, wenn die Erde gefroren war, die Luft in unseren Lungen brannte und der Atem vor unseren Augen sich in kleine Wolken verwandelte. Im Frühling, am Smigus-dyngus-Tag, kippten wir Eimer voll Wasser über jedes Mädchen, das nicht schnell genug entkommen konnte, und dann jagten und bespritzten wir uns gegenseitig und kamen bis auf die Knochen durchnässt nach Hause. Sonntags warfen wir mit Kieselsteinen auf die Milchflaschen, die oben auf den Fenstersimsen standen, wo niemand sie stehlen konnte, und wir rannten voller Angst weg, wenn eine Flasche zerbrach und die Milch in weißen Rinnsalen langsam wie Tränen über die verrußte Fassade floss.

Beniek gehörte zu dieser Kinderbande, er war einer der Kühneren. Ich glaube nicht, dass wir damals je miteinander sprachen, aber er fiel mir auf. Er war größer als die meisten von uns, irgendwie auch dunkler, mit langen Wimpern und einem rebellischen Blick. Und er war nett. Als wir einmal nach einem inzwischen längst vergessenen Streich vor einem Erwachsenen davonliefen, stolperte ich und fiel auf die spitzen Kiesel. Die anderen überholten mich in einer Staubwolke, und ich versuchte aufzustehen. Mein Knie blutete.

»Alles in Ordnung?«

Beniek stand mit ausgestreckter Hand über mir. Ich ergriff sie und spürte die Kraft, mit der er mich auf die Füße zog.

»Danke«, murmelte ich, und er lächelte aufmunternd, bevor er wegrannte. Ich folgte ihm, so schnell ich konnte, und vergaß glücklich den Schmerz in meinem Knie.

Später ging Beniek auf eine andere Schule, und ich sah ihn nicht mehr. Aber vor unserer Erstkommunion trafen wir uns wieder.

Die Gemeindekirche war nur einen kurzen Fußweg von uns entfernt, hinter dem kleinen Park, wo wir wegen der Trunkenbolde nie spielten, und jenseits des Friedhofs, wo Mutter Jahre später begraben werden sollte. Wir gingen jeden Sonntag zur Kirche. Oma sagte, es gäbe Familien, die den Gottesdienst nur an Feiertagen oder nie besuchten, und ich beneidete die Kinder, die nicht so oft hingehen mussten wie ich.

Als der Kommunionsunterricht begann, trafen wir uns zweimal pro Woche in der Krypta. Die Stunden wurden von Pfarrer Klaszewski erteilt, einem Priester, der klein und alt, aber flink war und dessen blaue Augen fast jede Farbe verloren hatten. Meistens war er geduldig, hielt die Hände beim Sprechen vor seiner schwarzen Robe gefaltet und beobachtete uns mit seinen kleinen verwaschenen Augen. Aber manchmal explodierte er wegen einer dummen Kleinigkeit, wenn wir etwa schwatzten oder uns gegenseitig Grimassen schnitten; dann packte er einen von uns, scheinbar zufällig, am Ohr, riss mit seinem warmen Daumen und Zeigefinger fest am Läppchen, bis uns schwarz vor den Augen wurde und wir nur noch Sternchen sahen. Dies geschah selten bei wirklich schlimmen Vergehen. Es war eher eine launische Waffe, umso beängstigender wegen ihrer unvorhersehbaren Willkür, wie der Zorn eines unvernünftigen Gottes.

Dort sah ich Beniek wieder. Das überraschte mich, denn in der Kirche hatte ich ihn nie gesehen. Er hatte sich verändert. Der schlaksige Junge, an den ich mich erinnerte, verwandelte sich in einen Mann - dachte ich jedenfalls -, und obwohl wir erst neun waren, sah man die Männlichkeit in ihm bereits aufblühen: ein kräftiger Hals mit einer Andeutung von Adamsapfel; lange, muskulöse Beine, die aus den kurzen Hosen ragten, wenn wir im Kreis im Priesterzimmer saßen; sichtbare Muskeln unter der Haut; ein feiner Haarflaum, der über seinen Knien erschien. Seine schwarzen Locken waren noch genauso widerspenstig, und auch die dunklen, leicht schalkhaften Augen waren noch dieselben. Ich glaube, wir erkannten einander, auch wenn wir es nicht zeigten. Aber nach den ersten paar Treffen fingen wir an, miteinander zu reden. Ich weiß nicht mehr, worüber. Wie freundet man sich als Kind mit einem anderen Kind an? Vielleicht schlicht durch gemeinsame Interessen. Oder vielleicht gibt es etwas Tiefgründigeres, und alles, was man sagt und tut, wirkt wie ein unbeabsichtigter Code. Jedenfalls verstanden wir uns gut. Auf natürliche Weise. Und nach dem Bibelstudium an den Dienstag- und Donnerstagnachmittagen nahmen wir die Straßenbahn ins Stadtzentrum, fuhren vorbei am Zoo und seinem auf dem Eingangstor thronenden leuchtenden Löwen, vorbei an der Jahrhunderthalle mit ihrer Kuppel, erbaut von den Deutschen zum Jahrestag einer Begebenheit, um die kein Mensch sich mehr scherte. Wir überquerten die Eisenbrücken über der ruhigen braunen Oder. Unterwegs sahen wir viele leere Grundstücke, die Stadt glich einem Mund mit fehlenden Zähnen. An manchen Straßenzügen stand nur ein einziges rußschwarzes Gebäude mutterseelenallein da, wie eine schmutzige Insel in einem schwarzen Meer.

Wir erzählten niemandem von unseren Ausflügen - unsere Eltern hätten sie nie erlaubt. Mutter hätte sich Sorgen gemacht: wegen der rotgesichtigen Veteranen, die mit ihren entblößten amputierten Gliedmaßen billigen Schmuck verkauften, wegen der »Perversen« - sie sprach das Wort aus, als handle es sich um eine gefährliche Schlange. Also stahlen wir uns heimlich davon und stellten uns vor, wir wären Piraten, die auf eigene Faust die Stadt erkundeten. Mit Beniek fühlte ich mich frei und beschützt. Wir gingen zu den Kiosken, fuhren mit den Fingern über die großen glatten Seiten teurer Zeitschriften, wiesen uns auf Dinge hin, die wir kaum begreifen konnten - asiatische Mönche, afrikanische Stammesangehörige, Klippenspringer aus Mexiko -, und staunten über die schiere Unermesslichkeit der Welt und die Farben, die unter den schwarz-weißen Seiten aufglommen.

Wir fingen an, uns auch an anderen Tagen nach der Schule zu treffen. Meistens gingen wir zu mir. Wir spielten Karten auf dem Fußboden meines winzigen Zimmers, gerade so breit wie ein Heizkörper, während Mutter bei der Arbeit war. Zwischendurch kam Oma und brachte uns Milch und mit Zucker bestreute Brote. Bei ihm waren wir nur einmal. Das Treppenhaus war genauso wie unseres, feucht und dunkel, aber es wirkte irgendwie kälter und schmutziger. Die Wohnung jedoch war anders - mehr Bücher und nirgendwo Kreuze. Wir saßen in Benieks Zimmer, das genauso klein wie meines war, und hörten uns Platten an, die ihm Verwandte aus dem Ausland geschickt hatten. Dort hörte ich zum ersten Mal die Beatles, die »Help!« und »I Want to Hold Your Hand« sangen und mich auf der Stelle in eine Welt versetzten, die ich liebte. Sein Vater saß im Wohnzimmer auf dem Sofa und las ein Buch, sein weißes Hemd war das Strahlendste, was ich je gesehen hatte. Er war ruhig und freundlich, und ich beneidete Beniek. Ich beneidete ihn, weil ich nie einen richtigen Vater gehabt hatte; meiner war verschwunden, als ich noch ein Kind war, und hatte sich seitdem nicht gerade nach mir gesehnt. An Benieks Mutter erinnere ich mich nur vage. Sie machte uns gebratenen Fisch, und wir saßen zusammen am Tisch in der Küche, der Fisch salzig und trocken, die Gräten piksten die Innenseiten meiner Wangen. Sie hatte ebenfalls schwarzes Haar und dieselben Augen wie Beniek, aber ihr Blick wirkte seltsam abwesend, wenn sie lächelte. Schon damals fand ich es merkwürdig, dass ich, ein Kind, Mitleid für einen Erwachsenen empfand.

Eines Abends, als meine Mutter von der Arbeit nach Hause kam, fragte ich sie, ob Beniek zu uns kommen und bei uns leben könnte. Ich wollte ihn wie einen Bruder immer um mich haben. Meine Mutter zog ihren langen Mantel aus und hängte ihn an den Haken neben der Tür. An ihrem Gesicht konnte ich ablesen, dass sie schlecht gelaunt war.

»Weißt du, Beniek ist anders als wir«, sagte sie abfällig. »Er könnte nie zu...

»Wie diese Geschichte erzählt wird, vor dem Hintergrund von Solidarnosc, dem Aufstieg, vor dem Hintergrund der Entwicklung von Polen, finde ich unglaublich bewegend.«
 
»[...] sehr schön erzählte, sehr wechselvolle Liebesgeschichte.«
 
»Der Roman besticht [...] vor allem durch die Leichtigkeit und Eleganz, in der diese doch sehr bittere Geschichte erzählt ist.«
 
»Tomasz Jedrowski [...] hat einen kurzen, tieftraurigen Roman geschrieben.«
 
»zärtlich, berührend, eine Zeitkapsel aus der Solidarnosc-Ära.«
 
»Was mir daran gefallen hat? [...] wie elegant er nachfühlbar macht, was es für Menschen bedeutet, ihre Identität verleugnen zu müssen. Ein Roman voller Melancholie [...]«
 
»Bemerkenswert an dieser Liebe ist, dass sie eine starke politische Differenz überbrückt.«
 
»Die schwule Liebesgeschichte ist mal mitreißend, mal erotisch und transportiert immer wieder die Zerrissenheit seiner Protagonisten.«
 
»Der betörende Debütroman erzählt eine wechselvolle Liebesgeschichte in schwierigen Zeiten - über schwules Leben im polnischen Sozialismus wurde noch nie so offen geschrieben.«
 
»Ein lesenswertes Debüt, das den Leser konsequent die Perspektive seines homosexuellen Protagonisten nicht nur einnehmen, sondern verstehen lässt.«

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