Wie ein fernes Lied

Roman
 
 
Piper (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 10. August 2015
  • |
  • 560 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-492-96965-9 (ISBN)
 
Hamburg,1939: Verzweifelt sieht Marga dem Zug hinterher, mit dem ihr Jugendfreund Michael in die Ferne reist. Seit sie denken kann, ist sie in den jüdischen Klarinettisten verliebt, zahllose Stunden verbrachte sie mit ihm in den Tanzlokalen der Hamburger Swingjugend. Obwohl seine Herkunft ihn zur Emigration nach Paris zwingt, ist Marga fest entschlossen, ihn wiederzusehen. Denn ihre Liebe ist wie ein Lied, das niemals verklingt. Doch in dessen süße Melodie mischen sich schon bald die kalten Klänge des Krieges ...
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  • 3,59 MB
978-3-492-96965-9 (9783492969659)
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Micaela Jary ist gebürtige Hamburgerin und arbeitete nach ihrem Studium viele Jahre als Redakteurin, bevor sie sich ganz der Schriftstellerei widmete. Ihre Romanideen entspringen ihrer Faszination für Geschichte und fremde Kulturen. Nach einem langjährigen Aufenthalt in Paris lebt sie heute mit Mann und Hund in München und Berlin.

1


Die Menschen starrten sie an, als wäre sie nicht ganz bei Trost. Doch Marga tat nichts Unrechtes. Sie liebte nur den Jazz. Musik, die in die Beine ging und den Kopf zudröhnte, bis jeder Gedanke erfüllt war von den Tönen, und den Alltag ausschloss wie hinter einer schalldichten Tür.

Eine Konsequenz daraus war, dass sie sich bei besonderen Gelegenheiten wie Eleanor Powell in den Broadway-Melodie-Filmen kleidete. In dem für sie umgearbeiteten Frack ihres Vaters wirkte Margas schlanke Statur schmaler, fast jungenhaft. Das Schwarz des Anzugs bildete jedoch einen mondänen Kontrast zu dem blonden Haar, das ihr in weichen Wellen auf die Schultern fiel und wiederum ihre Weiblichkeit unterstrich. Darin unterschied sie sich von dem brünetten Hollywoodstar. Mit dem Stepptanz klappte es leider auch noch nicht so gut, dafür machte Marga großartige Fortschritte im Gesangsunterricht. Eines Tages, das hatte sich die fast Achtzehnjährige fest vorgenommen, würde sie auf einer Bühne stehen und zu den Schlagern ihres Idols swingen. Vielleicht sogar mit gefärbten Haaren.

An diesem Abend tanzte sie nicht auf einer Party oder in einem der einschlägigen Lokale. Zwischen den vielen Menschen am Hauptbahnhof kam sie sich vor wie ein Pfau. Dabei war sie nicht einmal allein in ihrer ausgefallenen Garderobe. Ringsum scharten sich Fans von Bobby Schwan und den Original Bobbys.

Die Swingheinis hatten sich dem Anlass entsprechend ebenfalls in Schale geworfen: weite Hosen mit Bügelfalte, lange, dandyhafte Jacketts, gelbe Krawatten, mit dem sogenannten kleinen Schellackknoten gebunden, dazu weiße Schals, auf dem Kopf einen Scötch und - obligatorisch bei jedem Wetter - einen Regenschirm über dem Arm. Die anderen Girls trugen weit schwingende Tanzkleider oder Hosen und waren stark geschminkt. Alle pilgerten zum Gleis des Nachtzugs nach Basel, um das berühmte Orchester auf dem Weg zu einem neuen Engagement zu geleiten.

Bobby Schwan und die Original Bobbys waren jedoch nicht Margas einziges Ziel. Sie marschierte mit weit ausholenden Schritten an der Spitze der etwa zwei Dutzend Jugendlichen und suchte nach einem ganz bestimmten, unendlich wichtigen jungen Mann. Am Nachmittag hatten sie sich bereits verabschiedet, aber Marga wollte ihm unbedingt noch einmal Adieu sagen, ihn noch einmal sehen. Das letzte Mal - vielleicht für immer. Obwohl er nur von einem Gastspiel in der Schweiz gesprochen hatte, ahnte sie, er würde die Gelegenheit nutzen und nicht ins Deutsche Reich zurückkehren.

Es war nicht so einfach, die Übersicht auf dem Bahnsteig zu behalten, denn trotz der Abendstunde herrschte ziemlich viel Betrieb. Zahllose Reisende drängten zu den Waggons, dazwischen hielten Leute den Strom auf, die sich zum Abschied umarmten. Schaffner kontrollierten seelenruhig Fahrkarten, als gäbe es kein Gedränge, Polizisten behielten all jene Fahrgäste im Auge, die mit kleinem Gepäck und auffällig bescheiden einzusteigen versuchten. Neben einem Wagen der zweiten Klasse stand eine Sackkarre im Weg, ein Dienstmann hob Taschen und Koffer von dort nach oben zum Abteilfenster, wo Hände sie ergriffen und hineinzogen.

Am Fuß eines Treppenaufgangs lungerten ein paar uniformierte Hitlerjungen, die sich den Anschein gaben, nicht grenzenlos neugierig zu sein.

Als die Swingfans betont lässig an den Gleichaltrigen vorbeischlenderten, skandierten die strammen HJler: »Wahnsinn in Noten, Tanz der Idioten!« Der Reim endete in albernem Gelächter.

Marga stockte der Atem.

Nicht auszudenken, wenn sich die anderen provozieren ließen und es mitten auf dem Bahnsteig zu einem Gerangel oder gar einer Prügelei kam. Natürlich lauerten die Knaben in den khakifarbenen Blousons, mit ihren schwarzen Halstüchern und den Kniebundhosen den Boys gelegentlich auf. Im Schatten von Hauseingängen, Kanalbrücken oder Parkanlagen bezog mal die eine, mal die andere Gruppe Dresche. Aber an einem Ort wie diesem, umgeben von unbeteiligten Frauen und Männern, womöglich vielen Ausländern, deren Gesinnung sich auf den ersten Blick nicht feststellen ließ - hier war eine schlagkräftige Auseinandersetzung unwahrscheinlich. Dennoch fürchtete Marga sich für einen Moment. Wie leicht könnten während eines Tumults die Musiker abreisen, bevor sie Michael gefunden hatte.

Sie entdeckte ihn und die anderen Original Bobbys an einer Waggontür. Die Musiker gruppierten sich mit ihrem Orchesterleiter zu einem Abschiedsfoto, einige schon im Zug, manche auf den Trittstufen oder noch auf dem Bahnsteig. Blitzlichtapparate wurden über Kopf gehalten, zischten und flammten kurz auf. Ein Reporter gestikulierte wild, woraufhin die Mitglieder des Tanzorchesters ihre Positionen oder Haltung etwas änderten. Dann grinsten alle synchron in die Kameras. Abschiedsfreude für die Nachtausgabe oder die Morgenzeitungen.

Michael Friedländer stand ganz links, jünger als seine Gefährten, mittelgroß, ein wenig schmächtig wirkend in dem für ihn viel zu weiten hellen Sommeranzug. Jeder der Original Bobbys trug diese Art Garderobe, als stünden sie bereits auf der Bühne. Marga wusste um das kurzfristige Engagement und dass in der Eile keine passende Kleidung für Michael herangeschafft werden konnte, er musste sich mit eigentlich ausrangiertem Ersatz begnügen. Dennoch fand sie ihn attraktiv wie nie. Seine braunen Locken fielen auf den Hemdkragen, den weißen Panamahut hatte er verwegen in den Nacken geschoben.

Aber vor allem war es seine Ausstrahlung. Er wirkte unendlich zufrieden, ein Lächeln auf den weichen, für einen Mann überraschend vollen Lippen. Wann hatte sie ihn jemals so glücklich gesehen? Unwillkürlich verlangsamte sie den Schritt, um jedes Detail seines Anblicks in sich aufzusaugen wie eine Biene den Nektar.

»Was für ein Wirbel um diese Ausländer«, schimpfte jemand irgendwo in der Menge.

»Spielen Neger- und Judenmusik und werden behandelt wie Hans Albers oder Johannes Heesters«, pöbelte eine andere Stimme.

Marga würdigte diese Leute keines Blickes. Langsam drängte sie sich vorwärts.

Mit den Reisenden, Pressevertretern und Bahnangestellten hatten sich inzwischen auch die Swingheinis und ihre Girls um Bobby Schwan und die Original Bobbys versammelt. Es schien, als bildeten die Fans einen Ring um die Bandmitglieder. Ein Durchkommen war fast unmöglich. Hände wurden ausgestreckt, letzte Autogrammwünsche hastig hervorgestoßen.

Marga fühlte sich wie eingekesselt. Sie benutzte ihre Ellenbogen, stellte sich auf die Zehenspitzen und versuchte hochzuspringen, um über die Köpfe ihrer Freunde zu spähen. Sie rief nach Michael, doch bei dem herrschenden Geräuschpegel hörte er sie offenbar nicht. Ratlos und verzweifelt ließ sie schließlich die Schultern hängen. Ihre Augen füllten sich mit Tränen.

Sie war so mit sich selbst beschäftigt, dass sie im ersten Moment nicht wahrnahm, wie die Menge in Bewegung geriet. Unvermittelt stand Michael vor ihr und sie versuchte erst gar nicht herauszufinden, wie er sich zu ihr durchgekämpft hatte. Alles einerlei.

»Was machst du hier?«, fragte er. Seine Stimme klang weniger erfreut, als sie erhofft hatte.

»Ich wollte . ähmmm . ich wollte sehen, wie du abreist.« Sie schluckte, weil sie spürte, wie sich eine Träne aus ihren Augen stahl.

Marga wollte sich abwenden, da wischte Michaels Daumenballen bereits zärtlich über ihre Wange.

»Nicht weinen. Bitte nicht weinen. Du solltest dich mit mir freuen. Ein Engagement wie mit den Bobbys werde ich so schnell nicht wieder bekommen.«

»Ich weiß.« Sie nestelte an dem schmalen Revers ihrer taillenkurzen Jacke. Dann verschränkte sie die Hände hinter dem Rücken und zerrte an den Schwalbenschwänzen. Der Wunsch, sich Michael an den Hals zu werfen, wurde fast übermächtig. »Ich weiß«, wiederholte sie. »Das weiß ich ja alles, aber . aber .« Die Worte blieben in dem Kloß in ihrer Kehle stecken.

Sie konnte sich ein Leben ohne Michael Friedländer nicht vorstellen. Er war der Begleiter ihrer Kindertage, ihr Beschützer. Sie himmelte den drei Jahre älteren Sohn ihrer Nachbarn an, seit sie denken konnte. Mit seiner besonnenen Art hatte er sie erobert, als sie noch ein ganz kleines Mädchen war. Er ersetzte ihren älteren Bruder, der an Kinderlähmung gestorben war und an den sie sich kaum erinnerte. Michael stützte sie beim Eislaufen, gab ihr Tennisunterricht, half ihr geduldig bei den Mathematikhausaufgaben, hörte ihren ersten Versuchen am Klavier zu, tanzte mit ihr auf dem Abschlussball der Tanzstunde. Es gab ziemlich wenig, das er ihr nicht beigebracht hatte. Sie waren wie eine Einheit. Und dabei spielte es keine Rolle, dass sein Vater ein Kaufmann jüdischer Herkunft war.

Nachdem Michael beschlossen hatte, seine musikalische Begabung zu nutzen und Klarinettist zu werden, nahm sie Gesangs- und Tanzunterricht. Eines Tages, so hoffte Marga, würden sie und Michael gemeinsam auftreten. Und was bei dieser Gelegenheit noch mit ihnen geschehen könnte, wagte sie nur in stillen Nächten zu planen und bei Licht nicht einmal zu denken. Nicht nur, weil sie noch so jung war, sondern auch, weil sie nicht die geringste Ahnung von seinen Gefühlen besaß. Sie waren Nachbarn, Freunde, verbunden in der Begeisterung für den Jazz, über so Persönliches wie Liebe hatten sie nie gesprochen. Und wahrscheinlich würden sie dies auch nie mehr tun. Denn nun ging Michael fort. Aus der Traum.

»Außerdem ist es ein großes Glück, dass man mir einen Pass und das Visum für die Schweiz gegeben hat«, hörte sie ihn vernünftig argumentieren.

Auf dem Weg zum Bahnhof hatte sich Marga eine Rede ausgedacht. Sie wollte sich verführerisch...

»Micaela Jary verwebt ihre Lieblingsthemen Musik und Zeitgeschichte auf beste Pageturner-Weise.«, Berliner Zeitung am Sonntag, 17.01.2016
 
»Geschickt konstruierter, emotionaler Roman rund um die Entwicklung der Swingmusik.«, Hörzu, 15.01.2016
 
»Man spürt wie intensiv Jary sich mit der NS-Zeit auseinandergesetzt hat.«, Hamburger Wirtschaft

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