Das kleine Eiscafé - Teil 1

Sommerglück und Zitroneneis
 
 
Aufbau (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 14. Februar 2020
  • |
  • 90 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8412-2502-3 (ISBN)
 
Zitroneneis - Was auf die Insel lockt. Ein abbruchreifer Kiosk, eine kaputte Eismaschine und ein gebrochenes Herz. Gar nicht so einfach, aus diesen Zutaten eine neue Existenz aufzubauen. Aber Bäckerin Sophie wagt es, zieht nach Langeoog und schliddert prompt von einer Katastrophe in die nächste ...
1. Auflage
  • Deutsch
  • Berlin
  • |
  • Deutschland
  • 1,98 MB
978-3-8412-2502-3 (9783841225023)
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Fenna Janssen wurde in Lübeck geboren und wuchs in Hamburg auf. Viele Jahre war sie als Journalistin für diverse Zeitungen tätig. Inzwischen arbeitet sie erfolgreich als Autorin und bleibt auch in ihren Büchern ihrer norddeutschen Heimat treu.

Im Aufbau Taschenbuch ist bereits ihr Roman „Der kleine Inselladen" erschienen.

1. Kapitel


Wahrscheinlich hatte Sophie die Kurve zu forsch genommen - nach mehr als sechs Stunden Fahrt ließ wohl langsam ihre Aufmerksamkeit nach, und plötzlich rumpelte es irgendwo hinter ihr gewaltig. Es klang ganz so, als würde ein großes, schweres Möbelstück durch die Gegend geschleudert werden. Vor Schreck verriss sie das Lenkrad, der altersschwache Kleintransporter kam damit allerdings nicht so gut zurecht. Die abgefahrenen Reifen fanden keinen Halt auf dem Asphalt, das ganze Gefährt geriet ins Schlingern, und Sophie sah sich schon im Graben liegen, irgendwo auf der Landstraße, die sie eigentlich nach Aurich und dann bis an die Küste bringen sollte.

Mist, fuhr es ihr in der ersten Schrecksekunde durch den Kopf. Ausgerechnet jetzt, wo sie schon das Meer riechen konnte. Außerdem hatte sie eben erst am Himmel eine Möwe entdeckt, da war sie ganz sicher. Keine gewöhnliche Taube, wie sie sich in Frankfurt ständig und überall auf Hausdächern und Kirchtürmen tummelten. Die platte Landschaft, die so typisch für Ostfriesland war, hatte sie schon willkommen geheißen, der Himmel war auf einmal weiter und höher geworden. Auch darüber hatte sie nachgedacht, als in der Ferne die Kurve aufgetaucht war: Zu Hause in Frankfurt wirkte der Himmel immer wie eingezwängt zwischen den Türmen der Hochhäuser, und die Wolken hingen fest an diesen von Menschen gebauten Hindernissen. Hier jedoch durfte der Himmel noch er selbst sein, offen und frei, und die Wolken flogen, wohin sie wollten.

Zu Hause in Frankfurt. Sophie hatte gestockt, als ihr klar geworden war, dass sie dort streng genommen keinen Ort mehr hatte, den sie »Zuhause« nennen konnte. Nur die Villa ihres Vaters auf dem Lerchesberg in Sachsenhausen, in der sie bereits seit zwanzig Jahren nicht mehr lebte, gab es noch, aber die zählte wohl kaum. Ihre eigene kleine Wohnung in der Nordweststadt hatte sie an eine Freundin untervermietet, mit der Option, in spätestens zwei Monaten Hauptmieterin zu werden. Damit hatte sich Sophie zwar eine winzige Hintertür offengelassen, im Grunde aber war ihr klar, dass eigentlich alle Brücken abgebrochen waren.

»Ich habe kein Zuhause mehr!«, zum ersten Mal sprach sie es laut aus. »Kein Zuhause, keinen Freund, kein Leben! Kein gar nichts!«

Tja, und da hatte sie wohl zu fest aufs Gaspedal gedrückt, ausgerechnet während der Kleintransporter es mit einer verflixt scharfen Kurve aufnehmen musste.

War jetzt tatsächlich alles schon vorbei, so kurz vor dem Ziel? Das altersschwache Fahrzeug rutschte wie in Zeitlupe vor sich hin. Der Asphalt hingegen schien mit rasender Geschwindigkeit vorbeizufliegen - die Reifen quietschten laut, als Sophie mit aller Kraft auf die Bremse trat. Ein Leitpfosten knickte um wie ein Streichholz, ihre Hände krampften sich um das Lenkrad. Erst nach einer gefühlten Ewigkeit kam der Transporter zum Stehen: Den Graben hatte sie zwar glücklicherweise knapp verfehlt, aber mit den Vorderreifen steckte sie nun in einer sehr schlammigen Weide. Der Motor erstarb.

Ein Schreckensschrei blieb Sophie im Hals stecken. Sie lebte noch! Sie hatte sich nicht den Hals gebrochen! Dankbar schloss sie kurz die Augen. Sie hätte es wissen können, denn als sie die Kontrolle über das Fahrzeug verloren hatte, da war nicht ihr ganzes Leben vor ihrem inneren Auge vorbeigezogen, da hatte sie bloß Angelo zur Hölle gewünscht. Was lustig sein könnte, wenn es nicht so traurig wäre: Einen Engel zum Teufel zu schicken war schon ein starkes Stück.

Sophie atmete ein paar Mal tief durch und schaute nach draußen. Eine Kuh glotzte zurück, dann schleckte deren riesige Zunge über die Windschutzscheibe.

»Danke«, sagte Sophie automatisch. »Nicht nötig.« Sie musste an Angelos Heimatstadt Bari denken, wo sich an jeder Ampel die Fensterputzer auf die Autos stürzten.

Schon wieder Angelo.

»Verschwinde, du blödes Tier!«, rief Sophie. Die Schwarzbunte gehorchte und trottete, beleidigt mit dem Schwanz wedelnd, zu ihren Artgenossen zurück.

Vielleicht hatte dieses Rumpeln vorhin ja nur in ihrem Kopf stattgefunden, es fühlte sich definitiv so an, als wäre da etwas durcheinandergeraten. Vorsichtig betastete sie ihre Stirn, dann die Schläfen. Hm, zumindest äußerlich war nichts festzustellen .

Musste sie also aussteigen und hinten auf der Ladefläche nachsehen? Unter der graugrünen Plane, die schon seit mindestens zweihundert Kilometern an einigen Stellen wild im Fahrtwind flatterte? Vielleicht war es ja doch die Eismaschine gewesen, die dieses beunruhigende Geräusch von sich gegeben hatte.

Das Ungetüm, das vermutlich irgendwann in den Fünfzigern gebaut worden war, hatte Angelo ihr dagelassen - als einziges Souvenir aus drei gemeinsamen Jahren und um seine Schulden bei Sophie zu bezahlen. Sie sei eine wahre Wundermaschine, hatte er behauptet. Schon sein Großvater habe damit das beste, cremigste und süßeste Eis hergestellt. Dazu hatte er engelsgleich gelächelt, womit er seinem Vornamen alle Ehre machen wollte.

»Du kriegst das blöde Ding doch bloß nicht in dein Auto!«, hatte sie ihn angeschrien. Das war erst zwei Wochen her, an jenem Tag war sie noch sehr, sehr wütend und verletzt gewesen.

Verständlich, denn lange Zeit hatte sie an ein gemeinsames Leben, eine glückliche Zukunft und zwei bis drei Kinder geglaubt, nur um dann zu erfahren, dass der schöne Süditaliener ganz plötzlich andere Pläne hatte. Pläne, die mit einem Onkel zusammenhingen, der ihn zurück nach Bari rief, um die größte Eisdiele in der Altstadt zu übernehmen. Und als sei das nicht genug, schlossen diese Pläne wohl auch noch eine glutäugige junge Italienerin namens Carmela Grazia mit ein, die neuerdings seine Fotos auf Facebook mit vielen Herz-Emojis versah.

Als Sophie dies zum ersten Mal entdeckt hatte, war ihr fast das eigene lebendige Herz stehen geblieben.

Sie presste beide Fäuste auf die Augen. Du bist bloß übernächtigt, sagte sie sich. Völlig fertig. Deswegen verfolgt dich Angelo. Aber weiter als bis hierher kommt er nicht, das muss endlich vorbei sein. Auf die Insel nimmst du ihn nicht mit, kapiert?

Ein hysterisches Kichern stieg in ihrer Kehle auf. Sie schluckte es mühsam herunter. Wenn sie schon ihr ganzes Leben umkrempelte, musste sie wenigstens bei Verstand bleiben.

Und immerhin: Auf sie wartete zwar keine große, berühmte Eisdiele in Bari, aber wenigstens ein gut geführter Kiosk am Strand von Langeoog. Das war doch auch was! Und Tante Freda hatte versprochen, sie dürfe dort schalten und walten, wie sie wolle. Das Gebäude sei groß genug, um eine Eisdiele und eine Bäckerei einzurichten. Eigentlich war Sophie nämlich Bäckerin, sowohl beruflich als auch aus Leidenschaft, und nun träumte sie davon, endlich all die Brote, Kuchen und Plätzchen zu backen, mit denen sie seit Jahren ihr Rezeptbuch füllte, für die sie aber nur viel zu selten Zeit hatte.

Aus ihrem Handy schallte die italienische Nationalhymne.

Verflixt, dachte sie, den Klingelton muss ich schleunigst ändern. Eine Weile starrte sie hilflos darauf. Sie hatte das Handy am Armaturenbrett befestigt und zur Navigation benutzt, jetzt aber erschien das Wörtchen »Papa« auf dem Display, und Sophie war sich keineswegs sicher, ob das ein guter Moment für ein Gespräch mit ihm war. Bloß gaben die »Fratelli D'Italia« keine Ruhe und waren laut dem martialischen Text der Hymne schon zum Tode bereit, als Sophie das Gespräch annahm.

»Kind! Endlich!«

»Hallo, Papa.«

»Warum hast du nicht angerufen?« Seine Stimme klang ungewöhnlich forsch. Normalerweise sprach Bernhard Barensen leise, beinahe emotionslos. Ob das daran lag, dass seine Frau damals ihn und die vierjährige Sophie verlassen hatte, oder an einem langen Berufsleben im Gerichtssaal, wo überall ein allzu lauter, bestimmender Ton herrschte, hatte sie nie verstanden. Sowohl ein greinendes Kind als auch schreiende Angeklagte konnten einen Mann sicherlich dazu bringen, zu Hause höchstens noch zu flüstern.

Sophie überlegte kurz, was eigentlich schlimmer war, eine riesige Eismaschine oder ein kleines Kind. Noch einmal presste sie die Fäuste auf die Augen.

»Ich bin noch unterwegs«, sagte sie dann.

»Wieso denn das? Ich habe ausgerechnet, dass du nach höchstens fünfeinhalb Stunden am Hafen von Bensersiel sein müsstest. Was hat dich aufgehalten?«

»Eine .« Sie stoppte sich gerade noch rechtzeitig, bevor sie die Kurve erwähnen konnte. Ihr Vater hätte sich nur unnötig Sorgen gemacht. Sie blickte hinüber zu der Herde Kühe, ihre Besucherin von eben streckte den Schwanz in die Höhe und wirkte immer noch beleidigt.

»Mit der Klapperkiste ging es einfach nicht so schnell wie gedacht«, antwortete sie schließlich. »Es war nett von deinem Gärtner, mir den Transporter zu leihen, aber ich kann euch nicht versprechen, dass er es noch einmal zurück schafft.«

»Das ist bereits geregelt, in Bensersiel nimmt ihn dir ein Autohändler ab. Du könntest ihn ohnehin nicht mitnehmen, Langeoog ist ja eine autofreie Insel. Und dem Otto habe ich einen gut erhaltenen Pick-up gekauft.«

Ein gut erhaltener Pick-up wäre hier vielleicht nicht aus der Kurve gerutscht, dachte Sophie missmutig. Auf einmal hatte sie das Gefühl, die Vorderräder würden ein bisschen tiefer in die Wiese sacken. Sophie erschrak furchtbar. Wo war sie nur gelandet? Die Gegend hier war doch berühmt für Moore, oder nicht? Aber dann rief sie sich schnell selbst zur Ordnung. Die Schwarzbunten da drüben waren ja noch da, also...

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