Alte Liebe rostet schön

Was Paare zusammenhält
 
 
Kreuz Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 5. Juni 2013
  • |
  • 192 Seiten
 
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978-3-451-34583-8 (ISBN)
 
Gemeinsam glücklich älter werden - und sogar noch richtig alt - das ist ein Wunsch vieler Paare, die gemeinsam durchs Leben gehen. Oder die in späteren Jahren einen neuen Lebenspartner gefunden haben. Älterwerden hat den großen Vorteil, dass man sich über die eigenen Wünsche und Sehnsüchte klarer wird - und auch darüber, wie diese ins gemeinsame Leben zu holen sind. Ein neuer Blick aufs Alter von einer der großen Psychologinnen unserer Zeit.
  • Deutsch
  • Freiburg im Breisgau
  • |
  • Deutschland
  • 3,56 MB
978-3-451-34583-8 (9783451345838)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Eva Jaeggi, Dr. phil., lehrte bis 2002 als Professorin für Psychotherapie und Klinische Psychologie an der Technischen Universität in Berlin. Sie ist Verhaltenstherapeutin, Psychoanalytikerin und Lehranalytikerin.
  • Intro
  • [Impressum]
  • Vorwort
  • Weißt du noch? - Die gemeinsame Welt
  • Wie siehst du das eigentlich? - Deutungen der Welt
  • Immer wieder das Gleiche - Wohltuende Routine und Langeweile
  • Bist du mir noch böse? - Verzeihen - verdrängen - vergessen
  • Kann er mich noch begehren? - Sexualität und der alte Körper
  • Wie hieß der noch mal? - Schwäche und Krankheit
  • Muss ich denn alles alleine machen? - Hilfe und Fürsorge
  • Wohin mit Mama? - Die uralten Eltern
  • Kinder? Naja . - Aber Enkelkinder, die sind ein Glück
  • Gelingende Gemeinsamkeit - Was ist denn eine »gute Ehe«?
  • Lieben wir uns noch? - Die Liebe bewahren
  • Gertrud und Paul - Ein ungewöhnliches Paar
  • Niemals mehr? - Witwenschaft und zweite Bindung
  • Empfohlene Literatur

Weißt du noch? –
Die gemeinsame Welt


Die Soziologen P. Berger und Th. Luckmann (1969) haben in ihrem Buch über die Konstruktion der Wirklichkeit sehr eindringlich beschrieben, wie Menschen sich in dialogischer Form die Ereignisse in ihrem Leben veranschaulichen: bewertend, pointierend, mit bestimmten wichtigen Zeichen versehend. Meist tauscht man sich im Gespräch aus, es kann aber auch nonverbale Zeichen geben – ein hämischer oder bewundernder Blick, die sorgenvoll gefurchte Stirn und Ähnliches. In überspitzter Form könnte man sagen, dass erst solche Zeichen den Ereignissen Bedeutung verleihen und auf diese Art eine gemeinsame »Welt« zwischen Menschen entsteht. Diese gemeinsam besprochenen oder auf andere Weise bewerteten Ereignisse lassen »Erlebnisse« entstehen. Aus sozusagen neutralen Fakten werden gemeinsame Erfahrungen, die man benennen und wieder hervorrufen kann. Nicht jedes einzelne Erlebnis ist immer bedeutungsvoll, aber die Summe von gemeinsamen Erlebnissen zwischen Menschen, die miteinander viel zu tun haben, lässt einen gemeinsamen Erfahrungsraum entstehen, der innere Verbindungen schafft. Das müssen nicht Paare sein, das gleiche gilt auch für Freunde, Arbeitskollegen oder alte Schulkollegen.

Berger und Luckmann erläutern dies beispielhaft am »Nach-der-Party-Gespräch«. Erst in der Nachbesprechung des Paares wird herausgearbeitet, welche Bedeutung die Bemerkung von Frau M. hatte, wie man die auffällig jugendliche Kleidung von Herrn L. beurteilen soll und ob die Kinder der K.’s nicht doch allzu brav seien. Das muss nicht immer in Eintracht geschehen, aber es werden die Kategorien herausgearbeitet, unter denen man Geschehnisse betrachten kann. Manches Paar wird sich nach der Party vor allem an der Kleidung der einzelnen Gäste orientieren, ein anderes an der Art und Weise, wie sich die Leute ins Gespräch brachten oder wie viel sie gegessen und getrunken haben.

Einander langjährig verbundene Paare entwickeln solche Kategorien und grenzen sich damit auch ein wenig ab von anderen Menschen. Es entsteht im Inneren eines Paares eine eigene »Welt«, in der man sich oft mit Andeutungen begnügen kann, wenn man einander etwas mitteilt, das unter anderen Umständen sehr viel mehr Worte bräuchte. »Na, heute war Liselotte wieder mal in ihrem Element« – das genügt um auszudrücken, dass Liselotte, eine begeisterte Anhängerin des Vegetariertums, die ihre Haltung zum Fleischessen immer mit viel Verve vertritt, sich heute wieder einmal sehr viel Raum genommen hat, um ihre Thesen auszubreiten, ja, dass einem dies wieder einmal auf die Nerven gegangen ist.

Das Leben eines Paares bestimmt sich auch dadurch, ob ein mehr oder weniger reichhaltiges Netz von Kategorien zur Beurteilung der gemeinsamen Welt entwickelt werden kann. Auch die Dominanz des einen oder anderen in dieser Beziehung wird hier sichtbar. Es gibt Paare, die sehr stark von den Kategorien des einen (der einen) geprägt sind, es gibt aber auch solche, die sich ihr System laufend neu und noch vielfältiger erarbeiten, indem sie alle Ereignisse gemeinsam besprechen.

Thomas und Angelika sind ein solches Paar, das sich redend und handelnd die Welt immer wieder neu erschließt. Sie arbeiten gemeinsam als Ärzte auf dem Land und sind in vieler Hinsicht ein Herz und eine Seele – vor allem aber auch im dauernden Gespräch. Angelika sagte mir einmal, dass sie, wenn sie etwas alleine erlebe, sich immer schon darauf freue, dies mit Thomas besprechen zu können – es wäre für sie jedes Mal interessant zu hören, wie er eine Situation beurteile, im beruflichen wie im privaten Leben. Dass diese Dimension ihres Paarlebens auch zur gegenseitigen Liebe beiträgt, kann man verstehen.

Heinz und Irene allerdings sind nicht unbedingt ein Idealpaar, sie hatten und haben viele Probleme. Andere Partner(innen), fremdgehen, Geheimnisse – das alles nagt auch noch im Alter an ihrer Beziehung. Immer aber haben sie betont, dass sie es »interessant« fänden, miteinander zu sprechen. Sie teilen einander gerne ihre Beobachtungen mit, sie versuchen, Motive anderer Menschen zu begreifen, sie beurteilen gemeinsam die politische Lage und sind – wenn es gut geht – einander im Gespräch sehr zugetan.

Als eine ihrer tiefen Krisen (eine heiße Altersliebe von Heinz) beinahe zur Trennung führte, schildert Irene, wieso es nicht dazu gekommen ist. Ihre letzte gemeinsame Reise sollte der Aussprache dienen: »Wir saßen auf der Terrasse unseres Hotels und besprachen relativ ruhig, wie wir fortan unser Leben einrichten würden – getrennt, aber nicht feindselig. Als wir wie immer dieses Vorhaben nicht nur in den äußeren Belangen, sondern auch in allen inneren Vielfältigkeiten erörterten – was würde wem am meisten fehlen, welche Alltagsstrategien sind möglich, um den Verlust nicht so krass spürbar werden zu lassen etc. – da kamen mir die Tränen und im gleichen Moment sah ich, dass auch Heinz weinte. Sind wir eigentlich verrückt?, fragte er, und ich wusste natürlich sofort, was er meinte. Es war klar: In solcher Weise würden wir nie mehr mit einem anderen sprechen können, wir waren zusammengeschweißt, nicht nur durch unser langes gemeinsames Leben, sondern auch durch unser dauerndes Gespräch.« Bis heute lebt das Paar zusammen.

All dies klingt, als würden sich alle Paare im Dauergespräch befinden. Dies ist natürlich nicht der Fall, manche Paare sprechen sogar recht wenig miteinander, wie manch höhnischer Bericht über das Paarleben konstatiert. Trotzdem können sich auch solche Paare recht einig sein in der Beurteilung von Geschehnissen. Ihre Kategorien sind nicht unbedingt differenziert, aber sie haben sich eingerichtet in einer Welt, die sie nach ihrer Weise einteilen.

Leonie und Rudolf zum Beispiel haben eine alles überschattende Kategorie gefunden, mit der sie Menschen beurteilen: »Spießig«. Was immer mit dieser Kategorie ausgedrückt werden soll – sie ist zwischen den beiden eine klare Marke der Verständigung. Sie bezieht sich auf die Kleidung eines Menschen, auf seine Wohnung, auf Meinungen und Interessen. Für Außenstehende ist es nicht immer klar, wer warum unter dieses Label fällt – aber die beiden sind sich einig darüber, wer als spießig oder eben nicht spießig zu gelten hat. Auch dies einigt die beiden, obwohl es sonst vielerlei Klagen von beiden Seiten gibt.

Dass man sich eine gemeinsame Welt aufgebaut hat in den vielen Jahren des Zusammenseins, gilt für die meisten Paare. Man merkt es aber oft nicht mehr so richtig. Man »spürt« mehr, als dass man darüber spricht, dass man ähnliche Einstellungen hat, Ähnliches fühlt.

Die Dominanz des einen Kategoriensystems über das andere kann allerdings zur Beendigung einer Partnerschaft führen, oder zur Langeweile. Dass Corinna jede, aber auch jede Bekanntschaft oder Freundschaft ihres Mannes mit Arbeitskollegen als »intellektuell öde« bezeichnete, führte schließlich zum Ende der Beziehung, obwohl Hannes sich der Beurteilung durch Corinna nie ganz verschlossen hat. Hannes hatte immer gerne Karten gespielt, auch Pokern gehörte zum Hobby seiner Freundesgruppe. Er wollte, wie er sagte, wenigstens in seiner Freizeit den Kopf frei haben. Corinna, eine begeisterte Romanleserin und Theatergängerin, empfand solche Hobbys als primitiv. Die Gemeinsamkeiten in ihrem Leben wurden immer weniger. Die Ehe erodierte, Hannes brachte kaum mehr Freunde nach Hause, das Paar entzweite sich.

Natürlich ist es nicht nur das »Gespräch«, das eine gemeinsame Welt entstehen lässt. Es sind die Freunde, es sind die Interessen, es sind die häuslichen Belange. Dass aber Freunde und Interessen sich zur Gemeinsamkeit eignen, ist wiederum der gemeinsamen Beurteilung geschuldet. Ist man sich zum Beispiel uneins über die Qualität von Freunden, dann werden sie wohl bald nicht mehr zur »gemeinsamen Welt« gehören – oder solch dauernde Uneinigkeit führt dazu, dass man sich trennt. Man findet eben keine »gemeinsame Welt«.

Albert und Connis Welt zum Beispiel hat nach den ersten Jahren des Aufbaus viel an Gemeinsamkeit verloren. »Ich finde Connis Freunde langweilig«, sagte Albert, ein Künstler, und da Conni in sozialen Belangen durchaus das Sagen hatte und Albert sich wenig um andere Freunde kümmerte, igelte sich Conni in einen Kosmos mit ihren Freundinnen ein, und Albert verlor sich im Beruf. Es dauerte lange, bis die beiden sich auch auf der Ebene der gemeinsamen Freundschaften gefunden hatten. Auch mit den gemeinsamen Interessen war es zwischen den beiden schwierig. Albert hat Conni viel zugemutet in den mittleren Jahren. »Ich habe mit dir keine geistige Gemeinsamkeit«, so begründete er seine Liebschaft mit einer Musikerin aus seiner Band. Erst in ihren späten Jahren haben die beiden wieder zusammengefunden, und Albert hat nach dem Scheitern mehrerer Außenbeziehungen gemerkt, was ihn wirklich mit Conni verbindet. Sie sind jetzt ein Paar, das sich auf vielen Ebenen gefunden hat und sich offenbar ernsthaft um Gemeinsamkeiten bemüht. Unter anderem hat Conni für Albert, einen Musiker, der angewiesen ist auf immer wieder neue Engagements, eine Art kleiner Agentur eingerichtet. Sie begleitet ihn bei Konzerten, sie knüpft Verbindungen und ist ziemlich erfolgreich damit. Ein Kollege ihres Mannes hat sie gebeten, doch auch für ihn zu arbeiten. Sie will sich das überlegen. Albert und Conni haben nun genügend Gemeinsamkeiten und natürlich drehen sich ihre Gespräche oft um die gemeinsame Arbeit. Diese gehört nun schon seit einigen Jahren zu ihrer gemeinsamen Welt.

Die gemeinsame Welt ist also ein Geflecht von Erfahrungen, Urteilen, Freunden, Familie und äußerem Rahmen, von Wohnen und Umgebung.

Das alte Paar ist oft in...

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