Die Finkler-Frage

Roman
 
 
Deutsche Verlags-Anstalt
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 12. September 2011
  • |
  • 448 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-06532-4 (ISBN)
 
Julian Tresloves Leben ist ein Scherbenhaufen. Gescheitert als Redakteur der BBC, gescheitert in seinen Beziehungen zu Frauen, gescheitert als Vater seiner zwei Söhne. Eines Abends wird Treslove Opfer eines Überfalls und glaubt zu hören, wie die Angreiferin ihn als Juden beschimpft - und ist auf perverse Art glücklich. Endlich gehört er irgendwo dazu. Was nur werden seine beiden Freunde zu diesem Gesinnungswandel sagen? Beide sind Juden und wären es lieber nicht .

Von Männerfreundschaft, Liebe, Sex, Tod, und was es bedeutet, jüdisch zu sein - sprachlich raffiniert nimmt Howard Jacobson die Obsessionen unserer Zeit ins Visier und hat mit "Die Finkler-Frage" einen beißend-klugen und dabei hochkomischen Gegenwartsroman geschrieben.

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
DVA
  • 0,48 MB
978-3-641-06532-4 (9783641065324)
3641065321 (3641065321)
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EINS


1


Er hätte es kommen sehen müssen.

Sein Leben war ein Missgeschick in Serie, also hätte er damit rechnen müssen.

Er war jemand, der Dinge kommen sah. Keine vagen Ahnungen kurz vor oder nach dem Schlaf, sondern echte, drohende Gefahren in der taghellen Welt. Laternenpfähle und Bäume drängten sich ihm in den Weg, brachen ihm die Schienbeine. Fahrer verloren die Kontrolle über ihre Wagen, rasten auf den Bürgersteig und ließen von ihm nur einen Haufen kaputter Knochen und zerrissenen Gewebes übrig. Scharfe Gegenstände fielen von Gerüsten und bohrten sich in seinen Schädel.

Mit Frauen war es am schlimmsten. Kreuzte eine Frau, die Julian Treslove schön fand, seinen Weg, bekam dies nicht sein Körper, sondern sein Geist mit voller Wucht zu spüren. Sie raubte ihm die Ruhe.

Sicher, er kannte gar keine Ruhe, doch sie brachte ihn selbst um jede Ruhe, die er sich für die Zukunft erhofft haben mochte. Sie war die Zukunft.

Wer sehen kann, was kommt, der hat Probleme mit dem Zeitgefüge, mehr nicht. Tresloves Uhren gingen ausnahmslos falsch. Kaum sah er eine schöne Frau, sah er, was nach ihr kam - seinen Heiratsantrag, den sie annahm, das Heim, das sie sich gemeinsam einrichteten, die schweren, zugezogenen Brokatvorhänge, durch die purpurrotes Licht sickerte, wolkenweich aufgeschüttelte Betten, wohlriechenden Rauch, der aus dem Schornstein wehte -, und dann den Trümmerhaufen: reihenweise karmesinrote Dachziegel, Giebel und Gauben, sein Glück, seine Zukunft, all das brach bereits in jenem Augenblick krachend über ihm zusammen, in dem sie an ihm vorüberging.

Sie ließ ihn nicht wegen eines anderen sitzen, sagte auch nicht, sie könne ihn oder ihr gemeinsames Leben nicht mehr ertragen, sie schied dahin in einem perfektionierten Traum tragischer Liebe, trällerte ihm schwindsüchtig und augenwimpernfeucht ihr Lebwohl mit Liedfetzen aus beliebten italienischen Opern zu.

Von einem Kind keine Spur. Kinder verdarben die Geschichte.

Zwischen aufdringlichen Laternenpfosten und plötzlich herabfallendem Mauerwerk ertappte er sich gelegentlich dabei, wie er seine letzten Worte an sie probte - meist gleichfalls beliebten italienischen Opern entliehen -, als wäre die Zeit zusammengeschnurrt, sein Herz zersprungen, und so starb sie, noch ehe sie sich kennenlernten.

Diese Ahnung, dieser prophetische Anblick einer geliebten Frau, die in seinen Armen dahinschied, das fand Treslove einfach bezaubernd. Manchmal starb er in ihren Armen, aber schöner war's, sie starb in seinen. Dann wusste er, dass er sie liebte: kein Heiratsantrag ohne eine Vorahnung ihres Dahinscheidens.

Soweit die lyrische Version seines Lebens. Im wirklichen Leben hatten ihm noch alle Frauen vorgeworfen, er unterdrücke ihre Kreativität - um ihn dann zu verlassen.

Im wirklichen Leben gab es sogar Kinder.

Doch gab es da noch etwas jenseits des wirklichen Lebens, das ihn lockte.

 

Auf einer Klassenfahrt nach Barcelona bezahlte er eine Zigeunerin dafür, ihm aus der Hand zu lesen.

»Ich sehe eine Frau«, sagte sie.

Aufgeregt fragte Treslove: »Ist sie schön?«

»Find ich nicht«, antwortete die Zigeunerin, »aber in deinen Augen . vielleicht. Und ich sehe Gefahr.«

Tresloves Aufregung wuchs. »Woher weiß ich, dass sie die Richtige ist?«

»Du wirst es wissen.«

»Hat sie einen Namen?«

»Namen kosten eigentlich extra«, sagte die Zigeunerin und bog seinen Daumen nach hinten. »Aber weil du so jung bist, mache ich für dich eine Ausnahme. Ich sehe eine Juno - kennst du eine Juno?«

Bei ihr klang es wie Huno, aber nur, wenn sie den Akzent nicht vergaß.

Treslove kniff ein Auge zu. Juno? Kannte er eine Juno? Kannte irgendwer eine Juno? Nein, schade, er jedenfalls nicht. Allerdings kannte er eine June.

»Nein, nein, keine June, markanter.« Es schien sie zu ärgern, dass er mit keinem ausgefalleneren Namen als June dienen konnte. »Judy . Julie . Judith. Kennst du eine Judith?«

Hudith.

Treslove schüttelte den Kopf. Aber ihm gefiel, wie es sich anhörte - Julian und Judith. Hulian und Hudith Treslove.

»Tja, jedenfalls wartet sie auf dich, diese Julie, Judith oder Juno . Ich glaube immer noch, es ist eine Juno.«

Treslove kniff nun auch das andere Auge zu. Juno, Juno .

»Wie lang wird sie warten?«, fragte er.

»So lang, wie du brauchst, sie zu finden.«

Treslove stellte sich vor, wie er die sieben Meere nach ihr absuchte. »Und was ist mit der Gefahr? Wieso ist sie gefährlich? «

Er sah, wie sie sich über ihn beugte, ihm ein Messer an die Kehle hielt - Addio mio bello, addio.

»Ich habe ja nicht gesagt, dass sie die Gefährliche ist, nur dass ich Gefahr sehe. Vielleicht bist du es auch, der ihr gefährlich wird. Oder ein anderer Mensch wird euch beiden gefährlich.«

»Sollte ich ihr also lieber aus dem Weg gehen?«, fragte Treslove.

Sie erschauerte, wie nur Wahrsager erschauern. »Du kannst ihr nicht aus dem Weg gehen.«

Die Zigeunerin war schön, zumindest in Tresloves Augen. Ausgezehrt, eine tragische Gestalt, mit goldenen Ohrreifen und dem leisen Hauch, wie er fand, eines West-Midlands-Akzents. Wäre der nicht gewesen wäre, hätte er sich in sie verliebt.

 

Sie konnte ihm nichts sagen, was er nicht bereits wusste. Irgendwer, irgendwas erwartete ihn.

Weit mehr als nur ein Missgeschick.

Er war für Katastrophen und Trauer wie geschaffen und doch immer woanders, wenn das Schicksal seinen Lauf nahm. Einmal stürzte ein Baum um und erschlug jemanden, der nur einen Schritt hinter ihm ging. Treslove hörte einen Schrei und fragte sich, ob er von ihm selbst kam. Er verpasste einen Amokläufer in der Londoner Untergrundbahn nur um einen einzigen Waggon. Er wurde nicht einmal von der Polizei verhört. Und ein Mädchen, das er mit der hoffnungslosen Sehnsucht eines Schuljungen liebte - die Tochter von Freunden seines Vaters, ein Engel mit einer Haut, so schön wie spätsommerliche Rosenblüten, und mit immerzu feucht glänzenden Augen -, starb vierzehnjährig an Leukämie, während sich Treslove in Barcelona die Zukunft vorhersagen ließ. Nicht einmal für ihre letzten Stunden oder zu ihrem Begräbnis rief ihn die Familie zurück. Man wollte ihm die Ferien nicht verderben, hieß es, dabei fürchtete man in Wahrheit, dass er die Fassung verlor. Wer Treslove kannte, überlegte es sich lieber zweimal, ihn an ein Totenbett zu bitten oder zu einer Beerdigung einzuladen.

Also hatte er noch sein ganzes Leben zu verlieren. Mit neunundvierzig Jahren war er in guter körperlicher Verfassung, hatte den letzten blauen Fleck gehabt, als er sich in Kinderjahren am Knie seiner Mutter stieß, und war auch noch nicht Witwer geworden. Soweit er wusste, war noch keine Frau gestorben, die er geliebt oder mit der er Sex gehabt hatte - allerdings hatten es nur wenige so lang mit ihm ausgehalten, dass ihr Sterben ein bewegendes Finale für etwas hätte sein können, das sich im Nachhinein eine große Affäre nennen ließe. Die unerfüllte Erwartung tragischer Ereignisse verlieh ihm jedenfalls ein ungewöhnlich jugendliches Äußeres, wie man es sonst eigentlich nur von Menschen kennt, die zum wahren Glauben zurückgefunden haben.

2


Es war ein warmer Spätsommerabend, hoch am Himmel ein launischer Mond, und Treslove war auf dem Heimweg von einem melancholischen Abendessen mit zwei langjährigen Freunden, der eine in seinem Alter, der andere deutlich älter, beide jedoch seit Kurzem verwitwet. Den Gefahren der Straße zum Trotz hatte er beschlossen, durch diese ihm vertraute Gegend Londons zu spazieren, um der Trauer des Abends noch ein wenig nachzuhängen, ehe er mit dem Taxi nach Hause fahren wollte.

Mit dem Taxi, nicht mit der U-Bahn, obwohl es von seinem Haus bis zur Station nur hundert Meter waren. Ein Mann wie Treslove, der sich so sehr vor dem fürchtete, was ihm über der Erde widerfahren könnte, würde sich wohl kaum unter die Erde wagen. Schon gar nicht nach jener Beinahe-Katastrophe mit dem Amokläufer.

»Wie unsagbar traurig«, murmelte er halblaut vor sich hin. Er meinte den Tod der Frauen seiner Freunde, aber auch den Tod der Frauen schlechthin. Und er dachte an die Männer, die allein zurückblieben, ihn selbst eingeschlossen. Es ist schrecklich, eine geliebte Frau zu verlieren, doch ist es mindestens ebenso schlimm, keine Frau zu haben, die man in die Arme nehmen und an sich drücken kann, ehe die Tragödie über einen hereinbricht .

»Was hat das Leben sonst für einen Sinn?«, fragte er sich, denn er war jemand, der nur schlecht allein zurechtkam.

Er ging an der BBC vorbei, einer Institution, für die er einst gearbeitet und idealistische Hoffnungen gehegt hatte, die er jetzt aber auf geradezu unvernünftige Weise hasste. Wäre sein Hass vernünftig gewesen, hätte er darauf geachtet, dass ihn sein Weg nicht mehr so oft an diesem Gebäude vorbeiführte. Kraftlos schimpfte er leise vor sich hin: »Kackhaufen.«

Ein Fluch aus Kindergartenzeiten.

Aber das war es ja, was er an der BBC hasste: Sie hatte ihn infantilisiert. »Tantchen« wurde der Sender liebevoll von der Nation genannt, nur sind Tantchen zweifelhafte Sympathiegestalten, unzuverlässig und gemein, da sie einem ihre Liebe bloß so lange vorgaukeln, wie sie selbst zu wenig davon abbekommen - und dann machen sie sich aus dem Staub. Treslove war davon überzeugt, dass die BBC ihre Zuhörer abhängig machte, sie in geistlose Unmündigkeit versetzte. Genau wie jene, die für sie arbeiteten. Nur war es für die Angestellten noch schlimmer - durch Eigendünkel und die Aussicht auf Beförderung gefesselt, für eine andere...

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