Die Scharlachpest, Die Pest in Bergamo, Die Maske des Roten Todes - Drei Meisterwerke in einem Band

 
 
Books on Demand (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 11. Mai 2020
  • |
  • 116 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7519-4507-3 (ISBN)
 
Drei Pest-Klassiker in einem Band

Die Scharlachpest: Jack London schildert in seiner grandiosen dystopischen Novelle den Verlauf einer grausamen Pestseuche, die zu Beginn des 21. Jahrhunderts nahezu die gesamte Menschheit auslöscht. Sprachgewaltig läßt er einen der wenigen Überlebenden rückblickend vom dramatischen Niedergang der Menschheit erzählen ...

Die Pest in Bergamo: Jens Peter Jacobsen beschreibt einen Pestausbruch in Bergamo; feinsinnig entfaltet sich darin ein psychologisches Drama, das den Leser nachdenklich zurücklässt ...

Die Maske des roten Todes: Edgar Allan Poes Kurzgeschichte handelt von einem zügellosen Fest, das die Reichen und Vornehmen während eines Seuchenausbruchs in einer vermeintlich sicheren Festung veranstalten. Dennoch scheint bereits, ehe ein unheimlicher Gast bemerkt wird, eine düstere Vorahnung über den Feiernden zu schweben ...
1. Auflage
  • Deutsch
  • 0,37 MB
978-3-7519-4507-3 (9783751945073)
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Jack London

DIE SCHARLACHPEST


(Übersetzung: Maria Weber)

I.

DER Weg führte über das, was einst der Damm einer Eisenbahn gewesen war. Aber es war seit vielen Jahren kein Zug mehr darauf gefahren. Der Wald erhob sich zu beiden Seiten des Bahndamms und überwölbte ihn mit einem grünen Baldachin von Bäumen und Sträuchern. Der Weg war so schmal wie der Körper eines Menschen und nicht mehr als ein Trampelpfad für wilde Tiere. Hier und da wies ein Stück rostiges Eisen, das aus dem Waldboden lugte, darauf hin, daß die Schiene und die Schwellen noch immer vorhanden waren. An einer Stelle hatte ein Baum mit einem Stammdurchmesser von etwa fünfundzwanzig Zentimetern, der an einer Verbindung durchgebrochen war, das Ende einer Schiene deutlich ins Blickfeld gehoben. Augenscheinlich war die Schwelle der Schiene gefolgt und durch die Vernietung so lange an ihr festgehalten worden, bis ihr Bett mit Kies und verrottetem Laub gefüllt war, so daß das bröckelnde, verrottete Holz nun in einer seltsamen Schräglage nach oben stieß. So alt der Weg auch war, es war offensichtlich, daß es sich um Eisenbahntrasse handelte.

Ein alter Mann und ein Junge wanderten diesen Pfad entlang. Sie bewegten sich langsam, denn der alte Mann war sehr alt, ein Anflug von Lähmung machte seine Bewegungen zittrig, und er stützte sich schwer auf seinen Stock. Eine grobe Kappe aus Ziegenleder schützte seinen Kopf vor der Sonne. Darunter fiel ein schütterer Kranz aus verdrecktem und schmutzigweißem Haar herab. Ein Schirm, raffiniert aus einem großen Blatt gefertigt, schützte seine Augen, und unter diesem hindurch schaute er, während er dem Pfad folgte, auf seine Füße. Sein Bart, der eigentlich schneeweiß hätte sein sollen, aber die gleiche Verwitterung und den gleichen Verschmutzungsgrad wie sein Haar zeigte, fiel in einem verfilzten Gewirr fast bis zu seiner Taille. Seine Brust und seine Schultern waren von einem einzelnen, abgewetzten Kleidungsstück aus Ziegenleder bedeckt. Seine Arme und Beine, welk und dünn, wiesen auf ein hohes Alter hin, ebenso wie die Sonnenbräune, Narben und Kratzer darauf auf lange Jahre hinwiesen, in denen sie den Elementen ausgesetzt gewesen waren.

Der Junge, der voranging und den Eifer seiner Muskeln wegen des langsamen Vorankommens des Älteren zügelte, trug ebenfalls ein einziges Kleidungsstück - ein zerlumptes Stück Bärenhaut mit einem Loch in der Mitte, durch das er seinen Kopf gesteckt hatte. Er kann nicht älter als zwölf Jahre gewesen sein. Der frisch abgetrennte Schwanz eines Schweins war neckisch über ein Ohr gesteckt. In einer Hand trug er einen mittelgroßen Bogen und einen Pfeil. Auf seinem Rücken hing ein Köcher voller Pfeile. Aus einer Scheide, die an einem Riemen um seinen Hals hing, ragte der abgenutzte Griff eines Jagdmessers hervor. Er war sonnengebräunt und ging vorsichtig, mit einem fast katzenartigen Tritt. Im deutlichen Kontrast zu seiner sonnenverbrannten Haut waren seine Augen blau, tiefblau, aber sie zeigten einen kühnen und scharfen Blick. Sie wirkten, als sei er daran gewohnt, sie in alles um ihn herum zu bohren. Während er ging, witterte er auch Dinge, seine geblähten, zitternden Nüstern trugen eine endlose Reihe von Botschaften aus der Außenwelt an sein Gehirn. Außerdem verfügte er über ein scharfes Gehör, das so geschult war, daß es automatisch funktionierte. Ohne bewußte Anstrengung hörte er die leisesten Geräusche in der scheinbaren Stille - hörte, unterschied und bewertete diese Geräusche -, ob es sich dabei um den Wind handelte, der Blätter zum Rascheln brachte, um das Summen von Bienen und Mücken, um das ferne Tosen des Meeres, das ihm nur gelegentlich zugetragen wurde, oder um ein Erdhörnchen, das unmittelbar unter seinem Fuß eine Backentasche voller Erde in den Eingang seines Baus schob.

Plötzlich spannte sich sein Körper voller Wachsamkeit. Schall, Sicht und Geruch hatten ihn gleichzeitig gewarnt. Seine Hand fuhr nach hinten zu dem alten Mann, berührte ihn, und das Paar stand still. Vor ihnen, auf einer Seite des Dammes, erhob sich ein knisterndes Geräusch, und der Blick des Jungen war auf die Spitzen der in Bewegung geratenen Büsche gerichtet. Dann stürzte ein großer Bär, ein Grizzly, in ihr Sichtfeld und blieb beim Anblick der Menschen ebenfalls abrupt stehen. Er mochte sie nicht und knurrte ungehalten. Langsam legte der Junge den Pfeil in den Bogen, und langsam zog er die Bogensehne straff. Aber niemals nahm er seine Augen von dem Bären. Der alte Mann blickte unter seinem grünen Blatt hervor auf die Gefahr, und stand ebenso still wie der Junge. Einige Sekunden lang dauerte dieses gegenseitige Beäugen; dann, als der Bär eine wachsende Reizbarkeit verriet, deutete der Junge mit einer Kopfbewegung an, daß der alte Mann den Weg verlassen und die Böschung hinuntergehen müsse. Der Junge folgte ihm rückwärts gehend und hielt dabei den Bogen immer gespannt und bereit. Sie warteten, bis ein Krachen zwischen den Büschen auf der gegenüberliegenden Seite des Dammes ihnen mitteilte, daß der Bär weitergegangen war. Der Junge grinste, als er zurück zum Pfad ging.

"Ein Großer, Großvater", kicherte er.

Der alte Mann schüttelte den Kopf.

"Sie werden jeden Tag größer", klagte er in einem dünnen, zittrigen Falsett. "Wer hätte gedacht, daß ich einmal eine Zeit erleben würde, in der ein Mann auf dem Weg zum Cliff House um sein Leben fürchten müßte. Als ich ein Junge war, Edwin, kamen an einem schönen Tag Zehntausende von Männern und Frauen und kleine Babys aus San Francisco hierher. Und damals gab es keine Bären. Im Gegenteil, sie bezahlten Geld, um sie in Käfigen zu sehen, so selten waren sie."

"Was ist Geld, Großvater?"

Bevor der alte Mann antworten konnte, erinnerte sich der Junge und steckte triumphierend seine Hand in einen Beutel unter seinem Bärenfell und holte einen zerschrammten und angelaufenen Silberdollar hervor.

Die Augen des alten Mannes glitzerten, als er die Münze nahe vor sie hielt.

"Ich kann nichts sehen", murmelte er. "Sieh nach, ob du das Datum erkennen kannst, Edwin."

Der Junge lachte.

"Du bist ein lustiger Großvater", rief er fröhlich, "daß du einen immer glauben lassen willst, daß die kleinen Markierungen etwas bedeuten"

Der alte Mann nahm eine mürrische Miene an, als er die Münze wieder nahe vor seine eigenen Augen brachte.

"2012", rief er grell aus und verfiel dann in ein groteskes Gackern. "Das war das Jahr, in dem Morgan der Fünfte vom Rat der Magnaten zum Präsidenten der Vereinigten Staaten ernannt wurde. Es muß eine der letzten Münzen gewesen sein, die geprägt wurden, denn 2013 kam der Scharlachrote Tod. Gott! Wenn ich nur daran denke! Vor sechzig Jahren, und ich bin der einzige heute noch lebende Mensch, der in jenen Zeiten gelebt hat. Wo hast du sie gefunden, Edwin?"

Der Junge, der ihn mit jener nachsichtigen Neugierde betrachtet hatte, die man dem Geschwätz der Schwachsinnigen zugesteht, antwortete prompt.

"Ich habe sie von Huhu. Er fand sie, als wir letzten Frühling in der Nähe von San José Ziegen hüteten. Huhu sagte, es sei Geld. Bist du nicht hungrig, Großvater?"

Der Alte packte seinen Stab fester und drängte den Weg entlang, seine alten Augen leuchteten gierig.

"Ich hoffe, Hasenscharte hat einen Krebs gefunden ... oder zwei", murmelte er. "Sie sind gut zu essen, die Krebse, mächtig gut zu essen, wenn man keine Zähne mehr hat und Enkel hat, die ihren alten Großvater lieben und sich bemühen, Krebse für ihn zu fangen. Als ich ein Junge war..."

Doch Edwin, der plötzlich wegen etwas, das er sah, stehen blieb, spannte die Bogensehne an einem angelegten Pfeil. Er hatte am Rande einer Spalte in der Böschung innegehalten. Ein alter Durchlaß war hier unterspült worden, und der Bach, der nicht mehr eingedämmt war, hatte einen Durchgang durch die Aufschüttung geschnitten. Auf der gegenüberliegenden Seite ragte das Ende einer Schiene heraus und beschirmte ihn. Sie zeigte sich rostig durch die Kriechpflanzen, die sie überrankten. Dahinter, neben einem Busch kauernd, blickte ein Kaninchen in zitterndem Verzagen zu ihm hinüber. Ganze fünfzig Fuß war die Entfernung, aber der Pfeil schoß blitzend los, und das durchbohrte Kaninchen schrie in plötzlichem Schrekken und Schmerz auf und versuchte, in das Gebüsch zurückzukriechen. Der Junge wiederum war ein Aufblitzen aus brauner Haut und fliegendem Fell, als er den Abhang hinab und auf der anderen Seite hinauf sprang. Seine schlanken Muskeln waren wie Stahlfedern, die sich in anmutiger Spannkraft bewegten. Etwa dreißig Meter dahinter, in einem Gewirr von Büschen, holte er die verwundete Kreatur ein, schlug ihren Kopf gegen einen Baumstamm und reichte sie dann zum Tragen an seinen Großvater weiter.

"Kaninchen ist gut, sehr gut", sagte die Alte mit...

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