Nein! Ich will keinen Seniorenteller

Das Tagebuch der Marie Sharp
 
 
Random House ebook (Verlag)
1. Auflage | erschienen am 21. März 2011 | 288 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-06350-4 (ISBN)
 
Älterwerden ist nichts für Feiglinge!
Marie Sharp, das Alter Ego der Journalistin Virginia Ironside, ist zu jung, um einen Treppenlift zu benutzen, aber doch reif genug, um den Vorteil bequemer Schuhe zu schätzen. Sie geht gern auf Beerdigungen, die sie viel unterhaltsamer findet als Hochzeiten, sie tauscht den Gynäkologen gegen einen Chiropraktiker, liest begeistert Todesanzeigen und fragt sich, ob sie wohl an Alzheimer erkranken wird. Denn Marie Sharp wird langsam alt - und ist verdammt froh darüber. Als ihr sechzigster Geburtstag näher rückt, beschließt Marie, ein Tagebuch zu beginnen und all die Ereignisse der nächsten Monate festzuhalten. Es wird ein turbulentes Jahr, in dessen Verlauf Marie Großmutter wird, aber auch ihren besten Freund verliert; ein Jahr, in dem sie Feste feiert, neue Bekanntschaften schließt und sich schließlich erneut in ihren Jugendschwarm Archie verliebt. Vor allem aber ist es eine Zeit, in der sie es genießt, endlich nicht mehr jung sein zu müssen ...
Ein wunderbares Lesevergnügen für alle, die sich so alt fühlen, wie sie sind.


Virginia Ironside begann ihre berufliche Laufbahn als Journalistin und veröffentlichte im Alter von zwanzig Jahren ihr erstes Buch. Ihre Romane um Marie Sharp sind Bestsellererfolge. Die Autorin lebt und arbeitet in London.
Das Tagebuch der Marie Sharp | Band 1
Gertrud Wittich
Deutsch
Breite: 125 mm
1,48 MB
978-3-641-06350-4 (9783641063504)
3641063507 (3641063507)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Virginia Ironside begann ihre berufliche Laufbahn als Journalistin und veröffentlichte im Alter von zwanzig Jahren ihr erstes Buch. Ihre Romane um Marie Sharp sind Bestsellererfolge. Die Autorin lebt und arbeitet in London.

10. Oktober


Bin gerade von einer absolut schrecklichen Dinnerparty heimgekommen. Schmerz lass nach. Ich wäre nie hingegangen, hätte ich mich nicht von Marion, einer guten alten Freundin, wie eine Anfängerin übertölpeln lassen. Der bewährte Trick, Sie kennen ihn sicher: »Was machst du am Donnerstag?« Und statt misstrauisch zu fragen: »Warum?«, bin ich prompt in die Falle getappt.

»Nichts.«

Klonk.

Nun, Dinnerpartys können durchaus die eine oder andere positive Überraschung parat halten, aber im Großen und Ganzen ist es wie beim Lotto: Die Chancen auf einen Gewinn sind praktisch null. Das erste Problem ist, dass meist nie genug Männer vorhanden sind. Und jetzt, »im mittleren Alter«, wollte ich sagen, sollte aber wohl »im reiferen Alter« sagen, sind die Männer, die noch kommen, meist aus gutem Grunde noch zu haben: Sie sind entweder Nieten oder etwas sonderbar.

(Ich weiß allerdings nicht, ob diese Beschreibung nicht auf die meisten Männer zutrifft, egal, ob sie noch zu haben sind oder nicht. Was ja auch der Grund ist, warum ich zum SingleDasein übergetreten bin. Das soll natürlich nicht heißen, dass Männer nicht witzig, sexy, nett und faszinierend sein können. Aber manche vereinen all diese Eigenschaften in sich und sind trotzdem eine Niete.)

Das zweite Problem ist, dass man, je älter man wird - also, je älter ich werde -, keine neuen Bekanntschaften mehr schließen will. Es gibt genug Menschen in meinem Leben, deren Freundschaft ich gerne intensiver pflegen würde - und die Leute, die andere Leute toll finden, sind oft nicht die Leute, die ich toll finde. Und umgekehrt. Ich bin eigentlich nur auf eines noch neugierig: junge Leute. Aber da sind wir Alten alle gleich. Wir wollen »junge Leute kennen lernen«. Da sind wir wie Vampire, die Blut geleckt haben.

Ich weiß noch, wie ich mit siebzehn von alten Leuten geradezu »angefallen« worden bin. Sie waren wohl um die vierzig oder fünfzig, aber wenn man jung ist, scheint jeder über dreißig bereits mit einem Bein im Grab zu stehen. »Ach, weißt du was? Ich setz mich neben dich!«, sagten sie, mit schlaffen Lippen über nikotingelben, wackligen Zähnen. »Ich liebe junge Menschen!« Und ich versuchte, nicht allzu erkennbar zurückzuzucken, während sie gierig meine Jugend, meinen blühenden Teint, meine jämmerlich unreifen Ansichten, einfach alles in sich aufsogen.

»Jetzt sag mir doch mal: Warum zieht ihr euch heutzutage so schlampig an? Das ist dieser >Hippielook<, nicht?«

»Die jungen Männer heutzutage, mit ihren langen Zotteln - findet ihr Mädchen das wirklich schön?«

»Ach ja, dieser ganze Wirbel um die Beatles - so heißen sie doch, oder? Das musst du mir mal erklären! Ich finde das sooo faszinierend!«

»Ist euch in diesen Miniröcken nicht schrecklich kalt?«

Mittlerweile habe ich mehr Verständnis für dieses Verhalten, auch wenn ich mich selbst jungen Leuten nie derart hemmungslos an den Hals werfen würde.

Gestern habe ich mit Penny geredet, einer meiner besten Freundinnen, und ihr erzählt, dass wieder jemand aus meinem Freundeskreis gestorben ist: Philippa, die Frau von jenem Archie, für den ich als junges Mädchen so geschwärmt hatte. (Sie ist dieses Jahr schon die Vierte. Tatsächlich war ich seit Januar schon auf fünf Beerdigungen.) Und Penny sagte, dass ihr in den letzten achtzehn Monaten ganze sechs Freunde weggestorben seien.

»Und das Schlimmste ist«, klagte sie, »dass wir uns jetzt mit denen begnügen müssen, die noch übrig sind!«

»Außer wir ziehen uns ein paar junge Leute heran«, meinte ich.

»Was wir nicht tun werden!«

Nun ja, ich schon, muss ich zugeben - ein Eingeständnis, das sich ebenso sündig und gruselig ehrlich anfühlt, als würde man bei einem Treffen der Anonymen Alkoholiker aufstehen und laut zugeben, dass man dazugehört. Ich meine, wer bleibt denn übrig, wenn alle um einen herum umfallen wie die Fliegen? Je länger ich ausharre, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich am Ende das einzige vertrocknete Blatt bin, das noch am nackten Ast baumelt. Nein, da möchte man doch schon dafür sorgen, dass man in Gesellschaft einiger hübscher grüner Schösslinge ist.

Aber zurück zu dieser Dinnerparty. Marion und ihr Mann Tim wohnen in einem winzigen, altmodischen kleinen Häuschen in West-London. An den Wänden hängt immer noch die alte Laura-Ashley-Blümchentapete, die in den Sechzigern so beliebt war. Für mich gehören sie zu einer Gruppe von Bekannten, deren Wohnungen oder Häuser man unverändert in ein Museum verpflanzen möchte, wo sie als typische Beispiele für die Wohnkultur des mittleren zwanzigsten Jahrhunderts neben elisabethanischen Salons und georgianischen Musikzimmern ausgestellt werden könnten.

Als ich das Zimmer betrat - und von einem Meer grauer Köpfe begrüßt wurde -, war mir sofort klar, dass ich in Schwierigkeiten steckte. Wenn man um Viertel nach acht eintrifft, kann man unmöglich vor elf Uhr gehen. Dinnerpartys können die reinste Gefängnisstrafe sein, allerdings ohne die Chance, wegen guter Führung früher entlassen zu werden.

Die Gesamtsituation wurde auch nicht besser, als eine weitere grauhaarige Dame eintraf, die ihre Handtasche schräg über ihrem Regenmantel an der rechten Hüfte trug, den Riemen über der linken Schulter. Offenbar hatte sie Angst vor einem möglichen Handtaschenraub. Unterstrichen wurde dieser allgemeine Eindruck altersbedingter Phobie und geistiger Verwirrung noch durch die Tatsache, dass ihre Brille an einer dieser Kettchen vor ihrer Brust baumelte. Ich finde, wenn man nicht mehr in der Lage ist, seine Brille zu finden, sollte man sie bitte schön die ganze Zeit aufbehalten. Oder, wenn nötig, hochschieben. Aber doch nicht anketten! Das wirkt so infantil wie diese Fäustlinge, die man Kleinkindern durch die Jackenärmel zieht, damit sie sie nicht verlieren.

Da ich früher Kunsterziehung unterrichtet habe, ein Beruf, der sich mit einiger Mühe in die Kategorie »sozial« einordnen lässt, hatten mir meine Gastgeber - sicher mit den besten Absichten - einen bärtigen Psychiater zu meiner Linken gesetzt. Ich gebe zu, ich bin nicht gerade scharf auf Psychiater. Diese nervtötende Gelassenheit, dieser salbungsvoll-einfühlsame Ton. Und sie schlagen nie die Beine übereinander oder verschränken die Arme. Offensichtlich haben sie Alexandertechnik und Ähnliches schon im Windelalter perfektioniert - wofür auch ihr penetrant sonorer Tonfall spricht. Und was Bärte anbelangt, habe ich auch so meine Probleme. Ich konnte im Lauf meines - langen - Lebens nämlich feststellen, dass Männer mit Bärten nicht einmal ansatzweise sexy sind. Das liegt nicht etwa daran, dass sie ein fliehendes Kinn unter dem Bart verstecken (das vielleicht auch), sondern vielmehr eine fliehende Männlichkeit. Finden Sie nicht auch, dass Männer mit Bärten oft richtig breite, feminine Hinterteile haben? (O Marie, was für ein hässlicher Gedanke, und das in deinem Alter!)

Dieser Bursche hatte zudem noch einen richtigen Schopf prächtiger weißer Haare. Es kann nicht mit rechten Dingen zugehen, wenn ein Mann mit über sechzig noch so viele Haare hat. Er erinnerte mich an ein wolliges Schaf. Irgendwie weiblich.

Während wir uns also systematisch durch das Chili con carne arbeiteten - nicht nur Marions Haus scheint in einer Zeitschleife zu hängen, auch ihre Kochkunst -, würzte der Psychiater die Mahlzeit immer wieder mit Bemerkungen über Freud. Irgendwann meinte ich dann - ziemlich frostig, wie ich zugebe -, dass Freud meiner Ansicht nach ein schrecklicher Kerl gewesen sei, hatte er doch in einer seiner zahlreichen Inkarnationen seinen Patienten die Einnahme von Kokain empfohlen. Tatsächlich war er selbst zeitweise kokainsüchtig gewesen. Was für ein Heuchler, dieser Mann!

»Sind Sie sicher, dass Ihnen da nicht ein freudscher >Verbrecher< entschlüpft ist?«, fragte der Psychiater salbungsvoll-gutmütig. Alle lachten, so wie es Engländer immer tun, wenn sie dadurch die Gelegenheit bekommen, ein Gespräch, das auch nur ansatzweise ernst oder gar unangenehm zu werden droht, wieder ins rechte Fahrwasser zu lenken.

Er freute sich über seinen eigenen Scherz auf diese herablassende Art, die typisch für seinen Berufsstand ist, und widmete sich wieder seinem Salat. Als ich sah, dass ein Stückchen Salat in seinen Bart hing, konnte ich mir eine gewisse Schadenfreude nicht verkneifen.

Ich fürchte, ich hatte ziemlich schlechte Laune. Die hatte ich schon bei meiner Ankunft. Und daran war nicht nur der Psychiater schuld. Nein, auch das monströse Blumengesteck, das die Gastgeberin mitten auf den Tisch gestellt hatte, flankiert von langen Kerzen, sodass es den Gästen auf der einen Seite des Tisches unmöglich war, die Gäste auf der anderen zu sehen. Es waren tropische Blumen, die Sorte, die aussieht wie Penisse und Vaginen - Neuzugänge auf der Floraszene und absolut grässlich. Es gelang mir mit einer verzweifelten Charme-Offensive und zahlreichen Entschuldigungen, die Gastgeberin dazu zu bewegen, das Monster zu entfernen (»Das Gesteck ist wunderschön, aber, Darling, ich will dich doch sehen, wenn ich mich mit dir unterhalte!«). Was jedoch die Kerzenleuchter betraf, da konnte ich schlecht auch noch meckern, und so blieb uns Gästen nichts anderes übrig, als uns den ganzen Abend lang die Hälse zu verrenken, wenn wir mit unserem Gegenüber reden wollten. Ich kam mir vor wie beim Dinner im Buckingham Palace.

O ja, ich war wirklich nicht bei bester Laune. Ich werde auf Dinnerpartys mit zunehmendem Alter zu einer scharfen Granate - in einem nichtsexuellen, negativen Sinn. In neun von zehn Fällen kann ich...

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