Graue Nächte

Island-Krimi
 
 
Bastei Lübbe (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 21. Dezember 2018
  • |
  • 413 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7325-6067-7 (ISBN)
 

Frühjahr 1943. In Reykjavík herrscht eine angespannte Stimmung - Island ist von den Amerikanern besetzt. In diesen unruhigen Zeiten wird nahe einer Soldatenkneipe im Stadtzentrum ein Mann brutal erstochen. Kommissar Flóvent und sein kanadischer Kollege Thorson von der Militärpolizei nehmen die Ermittlungen auf, während Flóvent noch mit einem anderen Fall befasst ist: Eine männliche Leiche wurde am Strand der Nautholsvík-Bucht angespült. Stehen die Tode mit den Kriegsereignissen in Zusammenhang? Die Kommissare ermitteln in einem heiklen Umfeld und geraten dabei selbst in Gefahr ...

"Ein weiteres Meisterwerk von Arnaldur Indridason." Morgunblaðið


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Arnaldur Indriðason, Jahrgang 1961, war Journalist und Filmkritiker bei Islands größter Tageszeitung. Heute ist er der erfolgreichste Krimiautor Islands. Seine Romane erobern stets Platz 1 der isländischen Bestsellerliste und stehen auch bei uns nach ihrem Erscheinen immer auf der SPIEGEL-Bestsellerliste. Sie werden in 40 Sprachen übersetzt und sind mit renommierten Krimipreisen ausgezeichnet worden.

Sechs


Wie vom Donner gerührt stand sie am Kai dieses entlegenen, kalten finnischen Orts am nördlichen Eismeer und konnte nicht glauben, was der Mann ihr gerade gesagt hatte. Vielleicht hatte sie ihn inmitten des Lärms, der von den vielen Menschen hier ausging, nicht richtig verstanden.

Die Ankömmlinge aus den Reisebussen hatten begonnen, ihr Gepäck an Bord der Esja zu bringen. Man hatte ihnen gesagt, das Schiff werde nicht länger als unbedingt notwendig in Petsamo bleiben und ablegen, sobald alle Passagiere an Bord seien - sie sollten sich beeilen. Auf dem Weg nach Finnland hatte das Schiff bereits einige Passagiere aus Trondheim aufgenommen und war im Vestfjord in Norwegen in Schwierigkeiten geraten, als deutsche Kampfflugzeuge ihm den Weg versperrt hatten und es mit Waffengewalt in einen Hafen gezwungen worden war. Sie hatten dem Schiff knapp vor den Bug gefeuert und die Besatzung in Angst und Schrecken versetzt. Vier Tage lang stritt sich der Kapitän mit den Deutschen, bis sie ihren Fehler eingestanden und die Esja ihren Weg gen Norden fortsetzen ließen, in Richtung Finnland. Hier wartete das Schiff bereits seit einigen Tagen auf die Passagiere. Niemand wollte noch länger in Petsamo bleiben, sondern so schnell wie möglich gen Island fahren.

Die Besatzung half den Neuankömmlingen, ihre Plätze zu finden, und führte sie durch die schmalen Gänge zu den Kajüten und Frachträumen des Schiffs. Es war sehr eng an Bord - jeder freie Quadratmeter wurde zur Unterbringung der Passagiere genutzt. Nicht nur die wenigen Kajüten waren überbelegt, auch in den Frachträumen, auf den Gängen und sogar im Speisesaal hatte man Schlafplätze eingerichtet. Während die Passagiere an Bord gingen, wurden neue Vorräte aufs Schiff gebracht. Zollbeamte guckten in alle Taschen und Bündel und kontrollierten die Reisepapiere.

»Was meinst du damit?«, fragte sie ihn, immer noch ein Stückchen abseits vom Getümmel. »Warum sagst du das . dass die Nazis ihn festgenommen haben? Warum zur Hölle .?«

Der Mann, der ihr diese Nachricht über ihren Liebsten in Kopenhagen überbracht hatte, schüttelte den Kopf, als wäre es auch ihm unbegreiflich.

»Soweit ich gehört habe, wurden zwei Medizinstudenten verhört: Christian Steenstrup und Ósvaldur. Mehr weiß ich auch nicht. Das habe ich in der medizinischen Fakultät aufgeschnappt. Erst wurde Christian verhaftet, und dann haben sie sich Ósvaldur geholt, vielleicht auch noch andere. Das ist alles, was ich weiß. Das habe ich am Tag unserer Abreise aus Kopenhagen gehört. Ich habe niemandem etwas gesagt, weil . weil ich ja gar nicht weiß, was da dran ist, abgesehen natürlich davon, dass Ósvaldur nicht aufgetaucht ist .«

»Er wollte zusammen mit der Gruppe hierherkommen.«

»Ja. Ich weiß. Tut mir leid, ich wusste nicht, dass du hier sein würdest. Ich habe nicht damit gerechnet, dir diese Nachricht überbringen zu müssen.«

Sie starrte ihn an.

»Glaubst du, dass es so war?«, fragte sie. »Dass sie ihn verhaftet haben?«

Der Mann zuckte mit den Schultern, wie um zu betonen, dass er ihr alles gesagt hatte, was er wusste. Sie erinnerte sich daran, ihn in der medizinischen Fakultät gesehen zu haben, er war sicher schon am Ende seines Studiums, vielleicht zwei Jahre älter als Ósvaldur. Jetzt erinnerte sie sich auch dunkel wieder an seinen Namen. Valdimar - oder Ingimar, eins von beidem. Sie waren sich auf Treffen der Isländer in Kopenhagen begegnet, einmal als die Studentenverbindung eine Lesung aus neu erschienenen isländischen Büchern organisiert hatte, und einmal bei der Weihnachtsfeier der medizinischen Fakultät. Beide Male war sie mit Ósvaldur dort gewesen, und er hatte ihn einen feinen Kerl genannt.

»Wie kann ich es herausfinden?«, fragte sie. Aber als sie zur Kommandobrücke der Esja hinaufblickte, wusste sie plötzlich, was zu tun war.

Sie eilte in Richtung Gangway, zwängte sich durch die Menge. An Bord sah sie einen Matrosen und bat darum, den Kapitän sprechen zu dürfen. Es sei dringend. Der Matrose sagte, sie solle mitkommen, und sie folgte ihm durch den Speisesaal und hinauf auf die Brücke. Es hieß, der Kapitän sei in seiner Kajüte, und der Matrose erklärte ihr, wie sie dorthin komme, am Funkraum vorbei und dann rechts den Flur entlang. Sie folgte seiner Wegbeschreibung und traf auf den Kapitän, als der gerade aus seiner Kajüte kam. Sie stellte sich vor, und er merkte gleich, dass sie etwas auf dem Herzen hatte. Sie schilderte ihm die Situation, dass einer der Passagiere, ihr Freund, nicht in Petsamo angekommen sei - sie habe gehört, dass er möglicherweise in Kopenhagen verhaftet worden sei und sich nun in der Gewalt der Nazis befinde. Der Kapitän verstand sofort ihre Sorge und bat sie, ihm zu folgen. Kurz darauf hatte er den Funker ausfindig gemacht. Gemeinsam gingen sie zum Funkraum. Auf dem Weg dorthin versuchte sie, die Frage gedanklich so zu formulieren, dass sie unmissverständlich war, doch sie tat sich schwer damit. Wie konnte sie bloß herausfinden, ob ihr Liebster wirklich von den Nazis verhaftet worden war? Der Kapitän half ihr, und gemeinsam verfassten sie eine Nachricht an die isländische Botschaft in Kopenhagen:

PASSAGIER VERMISST. ÓSVALDUR M. IN KOPENHAGEN VERHAFTET? BITTE BESTÄTIGEN. ESJA. PETSAMO.

»Es sollte nicht lange dauern, bis sie antworten«, sagte der Kapitän tröstend. »Ich bin mir sicher, dass alles in Ordnung ist. Machen Sie sich keine unnötigen Sorgen. Wir werden sehen, was sie antworten.«

Sie versuchte zu lächeln, war froh, dass der Kapitän sofort reagiert hatte und ihr helfen wollte. Es war tröstlich, sich auf die Unterstützung der Landsleute verlassen zu können. Erst nachdem der Kapitän die Nachricht gefunkt hatte, erkundigte er sich vorsichtig nach Ósvaldur und ihrem Verhältnis zueinander. Sie sagte ihm, dass sie verlobt seien und sie zu einer weiterführenden Schwesternausbildung von Kopenhagen nach Schweden gegangen sei. Zu diesem Zeitpunkt hätten die Nazis Dänemark bereits besetzt, und sie sei nicht zurückgekehrt, in erster Linie, weil er sie inständig darum gebeten habe, in Schweden zu bleiben.

Mehr brauchte sie dem Kapitän nicht zu erklären. Angesichts der Besetzung Dänemarks durch die Deutschen erklärte sich Ósvaldurs Wunsch von selbst. Sie hatten sich am Kopenhagener Rigshospitalet kennengelernt, er Medizinstudent, sie werdende Krankenschwester. Ihr war aufgefallen, wie er mit den Patienten sprach, als seien sie ihm nicht gleichgültig, als liege ihm ihre Gesundheit wirklich am Herzen. Sie bekam mit, wie er sich ihre Sorgen und Nöte anhörte und versuchte, ihnen die Furcht zu nehmen. Seine Kommilitonen zeigten nicht annähernd so viel Feingefühl und Verständnis, nicht annähernd so viel Reife im Umgang mit denjenigen, die einen Verlust zu beklagen hatten. Ja, sie zeigten generell keine Reife. Ósvaldur war ernst und besonnen, sie konnte sich gut vorstellen, dass er bei älteren Menschen aufgewachsen war. Sie bekam mit, dass er das Reykjavíker Gymnasium besucht hatte, und fragte ihn eines Abends, als sie gemeinsam Schicht hatten, ob seine Eltern in Reykjavík lebten. Wie sich herausstellte, stammte er ursprünglich aus Ísafjörður, war aber größtenteils bei seinen Großeltern am Breiðafjörður aufgewachsen. Nach und nach bekam sie heraus, dass seine Mutter gestorben war, als er noch keine zehn Jahre alt gewesen war, sein Vater, Seemann, ihn zu seinen Eltern geschickt hatte, und er erst nach Reykjavík gekommen war, als er aufs Gymnasium gehen sollte. Er wollte sich auf Augenheilkunde spezialisieren. »Die Augen untersuchen - die Spiegel der Seele«, sagte er und lächelte schüchtern. Sie mochte diese schüchterne Art, weil sie bei ihm nicht von zu wenig Selbstvertrauen herzurühren schien, sondern eher daher, dass er es nicht gewohnt war, dass sich eine Frau für ihn interessierte.

Sie standen noch vor dem Funkraum, der Kapitän versuchte, sie zu trösten, als der Funker sie bat, kurz zu warten, da er soeben eine Antwort von der isländischen Botschaft in Kopenhagen erhalte. Er kritzelte etwas auf einen Zettel und gab ihn dem Kapitän, der ihn überflog und ihr weiterreichte:

BESTÄTIGUNG. ISLÄNDER VERHAFTET. UMSTÄNDE UNKLAR. WARTEN AUF NÄHERE INFOS.

»Dann stimmt es also?«, flüsterte sie.

»Das muss ein Missverständnis sein, das die isländische Botschaft ausräumen wird«, versuchte der Kapitän sie zu beruhigen, als er merkte, wie sehr ihr diese Nachricht zusetzte.

»Nein«, widersprach sie, war sich ihrer Sache ganz sicher. »Das ist kein Missverständnis. Leider. Die wissen genau, was sie tun. Sie haben ihn gefasst.«

»Ihn gefasst?«

Sie erklärte ihre Worte nicht weiter, und der Kapitän setzte sie auch nicht unter Druck.

»Ich befürchte, wir können hier nichts mehr für Sie tun«, sagte er. »Das Schiff ist bereit zur Abfahrt. Wir informieren Sie selbstverständlich, wenn wir noch einmal von der Botschaft hören.«

»Ja, natürlich«, sagte sie geistesabwesend, faltete den Zettel zusammen und steckte ihn in ihre Tasche. »Ich danke Ihnen. Ich danke Ihnen vielmals.«

Trotz allem sah sie keine andere Möglichkeit, als nach Hause zu reisen, und so saß sie mit dem Zettel in der Hand in ihrer Kajüte, als sie merkte, dass die Maschinen des Schiffes lauter stampften. Langsam entfernte die Esja sich vom Kai und glitt durch die Hafeneinfahrt. Sie wollte nicht zusehen, wie das Schiff den Hafen verließ, im Gegensatz zu vielen Mitreisenden, die im eisigen Wind an Deck standen und das Land langsam im nördlichen Eismeer versinken sahen. Sie schliefen zu mehreren in der Kajüte, doch sie hatte noch keine ihrer...

"Graue Nächte gehört zu den Krimis, die man nicht mehr aus der Hand legen mag. Ein Muss für Krimi-Fans, die dabei auch noch etwas über die Besatzung Islands im Zweiten Weltkrieg erfahren." Beate Rottgardt, Ruhr Nachrichten, 13.02.2019

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