Frostnacht

Island Krimi
 
 
Lübbe (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 22. Juli 2011
  • |
  • 400 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8387-1265-9 (ISBN)
 
In Reykjavík wird an einem frostigen Wintertag die Leiche eines Kindes entdeckt. Die Kriminalbeamten sind schockiert: Der dunkelhäutige Junge liegt im eigenen Blut festgefroren, offenbar brutal niedergestochen. Wie konnte es zu so einer grausamen Tat kommen? Erlendur, Sigurður Óli und Elinborg nehmen die Ermittlungen auf und konzentrieren sich zunächst auf das direkte Umfeld des Kindes: die Lehrer, die Mitschüler, die Angehörigen. Je mehr die Beamten in Erfahrung bringen, desto tragischer erscheint der Tod des kleinen Jungen ... Kommissar Erlendur ermittelt in seinem siebten Fall.
1. Aufl. 2011
  • Deutsch
  • Breite: 125 mm
  • 1,66 MB
978-3-8387-1265-9 (9783838712659)
383871265X (383871265X)
weitere Ausgaben werden ermittelt

Eins


Sie konnten zwar schätzen, wie alt er war, doch weitaus schwieriger war es, festzustellen, aus welchem Teil der Welt er stammte.

Sie gingen davon aus, dass er etwa zehn Jahre alt war. Er trug einen grauen Kapuzenanorak, der offen stand, und eine Hose in grünen und braunen Tarnfarben, die an Militäruniformen erinnerte. Auf dem Rücken hatte er einen Schulranzen. An einem Fuß fehlte der Stiefel, und sie sahen, dass in der Socke ein Loch war. Ein Zeh lugte heraus. Der Junge hatte weder Handschuhe noch Mütze an. Sein schwarzes Haar war bereits am vereisten Untergrund festgefroren. Er lag auf dem Rücken, mit dem Gesicht zur Seite gedreht, die gebrochenen Augen schienen auf den Boden zu starren. Die Blutlache unter ihm war schon fast zu Eis geworden.

Elínborg kniete bei der Leiche nieder.

»Großer Gott«, stöhnte sie, »was geht in dieser Stadt eigentlich vor?«

Sie streckte die Hand aus, als wolle sie die Leiche berühren. Es hatte fast den Anschein, als habe sich der Junge dort zum Schlafen hingelegt. Der Anblick setzte ihr zu, sie schien nicht wahrhaben zu wollen, was sie sah.

»Nicht anrühren«, sagte Erlendur ruhig. Er und Sigurður Óli standen neben der Leiche.

»Ihm muss kalt gewesen sein«, murmelte Elínborg und zog ihre Hand zurück.

Es war Mitte Januar. Bis zur Jahreswende war der Winter erträglich gewesen, aber dann hatte die Kälte mit voller Wucht eingesetzt. Wie eine eisige Faust hielt sie die Erde umklammert, während der Nordwind um das Gebäude heulte und pfiff. Der Schnee stob über den Boden dahin und hatte sich hier und da zu kleinen Wehen angehäuft, von denen der oberste und feinste Schnee weitergeblasen wurde. Der Wind kam direkt vom Nordpol und war schneidend kalt, er drang bis unter die Kleidung und ging durch Mark und Bein. Erlendur schauderte und vergrub die Hände in den tiefen Taschen seines Wintermantels. Der Himmel war schwer verhangen, und obwohl es erst kurz nach vier war, wurde es bereits dunkel.

»Warum werden solche Militärhosen für Kinder hergestellt?«, fragte er.

Sie standen dicht bei der Leiche. Das Blaulicht der Streifenwagen zuckte über den Wohnblock und die umliegenden Häuser.

Einige Passanten waren bei den Autos stehen geblieben. Die ersten Reporter hatten sich eingefunden. Die Leute von der Spurensicherung machten Aufnahmen vom Tatort, und die Blitze der Kameras zuckten mit dem Blaulicht um die Wette. Man machte Skizzen von der Stelle, wo der Junge lag, ebenso von der nächsten Umgebung. Das war die erste Phase der Ermittlung.

»Solche Hosen sind in Mode«, entgegnete Elínborg.

»Hast du was dagegen, dass Kinder solche Hosen tragen?«, fragte Sigurður Óli.

»Ich weiß nicht«, sagte Erlendur. »Ja, ich finde es merkwürdig«, erklärte er dann.

Er sah an dem Wohnblock hoch. In einigen Wohnungen waren die Leute trotz der Kälte auf den Balkon hinausgetreten und starrten nach unten. Andere zogen es vor, drinnen zu bleiben, und begnügten sich damit, aus den Fenstern zu schauen. Die meisten Hausbewohner waren aber noch bei der Arbeit, und in ihren Fenstern brannte kein Licht. Man würde mit sämtlichen Bewohnern des Hauses sprechen müssen. Von dem Zeugen, der das Opfer gefunden hatte, wussten sie, dass der Junge in diesem Haus wohnte. Vielleicht war er allein zu Hause gewesen und auf dem Balkon herumgeklettert und heruntergefallen. In dem Fall würde es als tragischer Unfall registriert werden. Mit dieser Vorstellung konnte Erlendur sich eher anfreunden als mit dem Gedanken, den er nicht zu Ende denken mochte: dass der Junge ermordet worden war.

Er blickte sich um. Der Garten um den Wohnblock herum machte keinen gepflegten Eindruck. Mitten auf dem Grundstück befand sich ein kleiner Spielplatz mit zwei Schaukeln, von denen die eine kaputt war; der Sitz hing herunter und wurde vom Sturm durch die Luft gewirbelt. Außerdem gab es eine altersschwache, ursprünglich rot lackierte Rutschbahn, die inzwischen aber rostig und fleckig war, und eine einfache Wippe, deren Sitze aus Holzbrettern bestanden. Das eine Ende war am Boden festgefroren, das andere ragte wie ein überdimensionaler Gewehrlauf in die Luft.

»Wie müssen den anderen Stiefel finden«, sagte Sigurður Óli.

Alle drei blickten auf die löchrige Socke.

»Wie ist so etwas möglich«, seufzte Elínborg.

Mitarbeiter der Kriminalpolizei suchten das Grundstück nach Spuren ab, es wurde jedoch immer dunkler, und auf dem hart gefrorenen Boden schien es keine Abdrücke zu geben. Auf dem Rasen, der mit einer dicken Eisschicht bedeckt war, guckten nur an ein paar Stellen noch Grasbüschel heraus. Der Amtsarzt hatte den Tod festgestellt und suchte jetzt beim Haus Schutz vor dem Nordwind, wo er sich eine Zigarette anzündete. Er war sich nicht sicher, was den präzisen Zeitpunkt anging, aber wahrscheinlich war der Tod innerhalb der letzten Stunde eingetreten. Er wies darauf hin, dass man im gerichtsmedizinischen Institut Körpertemperatur und Frostgrade miteinander abgleichen müsste, um die genaue Zeit des Todes zu ermitteln. Auf den ersten Blick hatte der Arzt die Todesursache nicht ausmachen können. »Möglicherweise ein Sturz«, sagte er und schaute an dem düsteren Gebäude hoch.

Niemand hatte die Leiche angerührt. Der Gerichtsmediziner war bereits unterwegs. Wenn er es einrichten konnte, kam er selber zum Tatort, um sich gemeinsam mit den Kriminalbeamten ein Bild zu machen. Erlendur war beunruhigt über die Tatsache, dass sich inzwischen immer mehr Leute an der Giebelseite des Hauses versammelten und im scharfen Licht der Blitze die Leiche sehen konnten. Autos verlangsamten im Vorbeifahren das Tempo, Augen saugten die Szenerie in sich auf. Die Leute von der Spurensicherung waren damit beschäftigt, kleine Scheinwerfer aufzustellen, damit der Tatort besser sondiert werden konnte. Erlendur wies einen der Polizisten an, das Gelände abzuschirmen. Von unten gesehen hatte es den Anschein, als seien alle Balkontüren auf den Etagen, die für einen solchen Sturz infrage kamen, geschlossen, ebenso wie die Fenster. Der Wohnblock war ein ziemlicher Koloss, sechs Stockwerke mit vier Treppenaufgängen. Das Gebäude wirkte heruntergekommen. Die Eisengeländer an den Balkons waren verrostet, der Außenanstrich war verblichen und blätterte an nicht wenigen Stellen ab. Von dort, wo Erlendur stand, sah er, dass in mindestens zwei verschiedenen Wohnungen die große Scheibe des Wohnzimmerfensters einen Sprung hatte. Niemand hatte sich darum gekümmert, sie auswechseln zu lassen.

»Ob das etwas mit Ausländerfeindlichkeit zu tun hat?«, fragte Sigurður Óli, der auf die Leiche hinunterschaute.

»Ich glaube, wir sollten uns nicht vorab auf etwas festlegen«, entgegnete Erlendur.

»Könnte es sein, dass er an der Fassade hochgeklettert ist?«, fragte Elínborg und schaute an dem Wohnblock hoch.

»Kinder kommen auf die unglaublichsten Einfälle«, sagte Sigurður Óli.

»Wir müssen in Erfahrung bringen, ob er tatsächlich hier an den Balkons herumgeturnt ist«, sagte Erlendur.

»Woher er wohl stammt?«, überlegte Sigurður Óli.

»Meiner Meinung nach ist er asiatischer Abstammung«, antwortete Elínborg.

»Also kann er Thailänder sein, Philippiner, Vietnamese, Koreaner, Japaner oder Chinese«, zählte Sigurður Óli auf. »Sollten wir nicht lieber davon ausgehen, dass er Isländer ist, bis sich etwas anderes herausstellt?«, sagte Erlendur.

Sie standen schweigend in der Kälte neben dem Jungen, um den herum sich der Schnee anhäufte. Als Erlendurs Blick wieder auf die Schaulustigen am Ende des Hauses fiel, wo die Polizeiwagen standen, zog er sich den Mantel aus und breitete ihn über die Leiche.

»Ist das korrekt?«, fragte Elínborg und sah zu den Kollegen von der Spurensicherung hinüber. Im Grunde genommen durften sie sich nicht in der Nähe des Opfers aufhalten, bevor sie die Erlaubnis dazu erhalten hatten.

»Keine Ahnung«, sagte Erlendur.

»Nicht gerade professionell«, erklärte Sigurður Óli.

»Hat denn noch niemand den Jungen vermisst?«, fragte Erlendur, ohne auf Sigurður Ólis Bemerkung einzugehen. »Hat niemand hier in diesem Viertel nach einem vermissten Jungen in seinem Alter gefragt?«

»Das hab ich bereits auf dem Weg hierher recherchiert«, entgegnete Elínborg. »Nein, bei der Polizei ist keine Meldung eingegangen.«

Erlendur schaute auf seinen Mantel hinunter. Ihm war kalt.

»Wer hat ihn gefunden?«

»Der Junge wurde in einen der Treppenaufgänge gebracht«, sagte Sigurður Óli. »Er hat auf uns gewartet, nachdem er uns mit seinem Handy verständigt hatte. Heutzutage scheinen ja alle Kinder Handys zu haben. Er sagt, dass er nach der Schule die Abkürzung quer über das Grundstück genommen und dabei die Leiche gefunden hat.«

»Ich unterhalte mich mit ihm«, sagte Erlendur. »Überprüft, ob ihr irgendwelche Spuren des Jungen hier im Umfeld finden könnt. Wenn er geblutet hat, könnte das durchaus der Fall sein. Vielleicht war es kein Sturz.«

»Ist das nicht Sache der Spurensicherung?«, brummte Sigurður Óli, aber das überhörten Elínborg und Erlendur.

»Er scheint nicht hier beim Haus angegriffen worden zu sein«, sagte Elínborg.

»Und seht zu, dass ihr den anderen Stiefel findet«, sagte Erlendur und setzte sich in Bewegung.

»Der Junge, der ihn gefunden hat …«, sagte Sigurður Óli....

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