Codex Regius

Thriller
 
 
Bastei Lübbe (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 22. Juli 2011
  • |
  • 445 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8387-1257-4 (ISBN)
 
Kopenhagen in den 50er-Jahren: Die Begegnung mit seinem Professor stellt Valdemars bisher beschauliches Leben völlig auf den Kopf. Der junge Isländer war nach Dänemark gereist, um hier über die alten Pergamenthandschriften zu forschen. Er kommt dunklen Geheimnissen auf die Spur und macht sich zusammen mit dem Professor auf die Suche nach verloren gegangenen Manuskripten.

Ihre Jagd führt die beiden durch halb Europa und nicht selten geraten sie dabei in große Gefahr - denn für diese wertvollen Kulturschätze sind andere bereit, über Leichen zu gehen.
1. Aufl. 2011
  • Deutsch
  • Deutschland
  • Breite: 125 mm
  • 2,34 MB
978-3-8387-1257-4 (9783838712574)
3838712579 (3838712579)
weitere Ausgaben werden ermittelt

Eins


Ich hatte nicht die geringste Ahnung, dass mein Entschluss, Mitte der fünfziger Jahre das Studium der Nordischen Philologie an der Universität in Kopenhagen fortzusetzen, mich in derartige Abenteuer verstricken könnte. Am besten verrate ich gleich, dass mir in jenen Jahren kaum der Sinn nach Abenteuern stand, an denen ich selbst in irgendeiner Form beteiligt wäre; ich zog es vor, in Büchern über dergleichen zu lesen. Mein bisheriges Leben war ausgesprochen ruhig und friedlich verlaufen – bevor ich dem Professor begegnete. Entsprechend sah ich damals einer beschaulichen Zeit innerhalb von Bibliothekswänden entgegen. Man könnte sogar sagen, dass ich eine Art Geborgenheit zwischen all dem Alten und Vergangenen suchte. Ich machte mir Hoffnungen, dass es mir mit der Zeit gelingen würde, meinen Teil dazu beizutragen, die Kenntnis und das Wissen über unser kostbares nationales Erbe zu mehren. Das war mein zugegebenermaßen etwas romantisches Lebensziel. Seit jeher hatte ich eine Vorliebe dafür, in alten Büchern herumzustöbern, und nahm mir bereits in jungen Jahren vor, mein Leben in den Dienst der Forschung an mittelalterlichen isländischen Handschriften und ihrer Erhaltung zu stellen.

Aber sehr bald nachdem ich den Professor in Kopenhagen kennengelernt hatte, nahm vieles einen so ganz anderen Lauf als geplant. Meine Vorstellungen von der Welt änderten sich ebenso wie mein Selbstwertgefühl. Der Professor sorgte dafür, dass sich mein Weltbild rapider und gründlicher erweiterte, als ich es mir jemals hätte träumen lassen. Er stellte mein Leben auf den Kopf. Von ihm habe ich gelernt, dass nichts unmöglich ist.

Das alles brach unvermittelt über einen naiven jungen Mann von der Insel im hohen Norden herein. Im Nachhinein kommt es mir jedoch so vor, als hätte ich es auch gar nicht anders haben wollen.

In meinem Reisegepäck befand sich ein Empfehlungsschreiben eines Mentors von der Universität Islands. Dieser freundliche und überaus beschlagene Mann war drei Jahre lang mein Lehrer gewesen. Er hatte mich in die faszinierende Welt der Nordistik eingeführt, und man kann sagen, dass seine Ermutigung einer der Gründe für meinen Entschluss gewesen war, mich voll und ganz der Erforschung der isländischen Mittelalterliteratur zu widmen. Dr. Sigursveinn hatte einen sehr liebenswürdigen Empfehlungsbrief an den Professor in Kopenhagen geschrieben, den er persönlich kannte. Dieses Schreiben hütete ich auf der Überfahrt nach Dänemark wie meinen Augapfel. Ich kannte den Inhalt: Darin hieß es von mir, ich sei ein außerordentlich befähigter Student, der das Studium mit den besten Noten des Jahrgangs absolviert hatte und das Zeug dazu hatte zu promovieren. Ich war sehr stolz darauf und freute mich, es dem Professor in Kopenhagen aushändigen zu können. Ich fand, dass ich das Lob verdient hatte. In meiner Abschlussarbeit über die Eyrbyggja saga hatte ich neue Theorien über die Verbindung zwischen den einzelnen Fassungen der Saga aufgestellt, über die Datierung und den mutmaßlichen Autor. Ich konnte gute Gründe dafür anführen, dass kein Geringerer als Sturla Þórðarson der Verfasser war.

In meiner Jugend bin ich wahrscheinlich das gewesen, was man einen Bücherwurm nennt. Das Wort hat mir zwar nie gefallen, aber es fällt mir kein besseres ein, das mich als jungen Menschen beschreiben könnte. Zu Hause bei meiner liebenswerten Tante war ich ständig in irgendeine Lektüre vertieft; ich hatte nur wenige Freunde und verstand mich nicht auf die komplizierte Kunst, Freundschaften zu schließen. Doch für Bücher und Lesen interessierte ich mich seit meiner frühesten Kindheit. Das wurde von meiner Tante, Gott hab sie selig, sehr unterstützt, indem sie alle möglichen wichtigen Werke der Weltliteratur für mich beschaffte. Sie war es auch, die mich mit den isländischen Sagas vertraut machte, was dazu führte, dass ich eine ganz besondere Vorliebe entwickelte für diese großartigen Erzählungen von Helden, von Rache, Liebe, Ruhm und Ehre, von untadeligen Männern und bedeutenden Frauen, von hochspannenden Kämpfen und so heldenhaftem Sterben, dass mir beim Lesen die Tränen kamen.

Ich wuchs die meiste Zeit bei der Schwester meiner Mutter auf, die ich entweder Systa nannte, genau wie meine Mutter, oder einfach Tante, was ich eigentlich viel lieber mochte und sie auch. Sie war unverheiratet und kinderlos und war mir wie eine Mutter. Manchmal machte sie sich Sorgen darüber, dass ich so viel daheimsaß und diese großartigen Sagas von alten Helden verschlang, während sich die gleichaltrigen Kinder in den Westfjorden draußen trafen, mit Holzschwertern fochten oder Fußball oder Verstecken spielten. Später, als die Jungen in meinem Alter sich für Mädchen und Alkohol zu interessieren begannen, hatte ich bereits angefangen, alte Handschriften zu entziffern. Statt der üblichen vier Jahre Gymnasium bis zum Abitur brauchte ich nur drei, und ich war der beste Schüler auf dem sprachlichen Zweig; Latein wurde so etwas wie meine zweite Muttersprache. Ich immatrikulierte mich im folgenden Herbst an der Universität am Institut für isländische Philologie und lernte dort Dr. Sigursveinn kennen, mit dem mich schon bald aufgrund des gemeinsamen Interesses für unser isländisches Kulturerbe so etwas wie Freundschaft verband. Viele Stunden verbrachte ich bei ihm zu Hause mit intensiven Diskussionen über unser beider Lieblingsthema, die alten Handschriften. Meine Tante wollte unbedingt, dass ich in Kopenhagen weiterstudierte, und wir beschlossen im Grunde genommen gemeinsam, dass ich ins Ausland gehen sollte. Dr. Sigursveinn unterstützte das voll und ganz und ließ mich wissen, dass ich seiner Meinung nach früher oder später einen Lehrstuhl an der isländischen Universität erhalten würde. Am Tag meiner Abreise überreichte er mir das Empfehlungsschreiben. Er las es mir vor, bevor er den Umschlag verschloss, und erklärte, dass nichts als die lautere Wahrheit darin stünde, und mich durchströmten dankbare und ergebene Gefühle.

Eine Flugreise hätte ich mir nicht leisten können, aber ich bekam eine billige Passage mit einem unserer Frachtschiffe, das nach Kopenhagen fuhr. Dort traf ich Anfang September an einem schönen, sonnigen Morgen ein. Die Reise war sehr angenehm verlaufen, vor allem, nachdem mir etwas klar geworden war, wovon ich bis dato nichts gewusst hatte, nämlich dass ich überhaupt nicht unter Seekrankheit litt. Die Überfahrt war zudem ziemlich ruhig, wurde mir gesagt, und dieses leichte Schlingern in Kombination mit dieser Mischung aus Meeresluft und dem Geruch aus dem Maschinenraum bekam mir gut und bewirkte, dass ich jede einzelne Minute genoss.

Mit an Bord war ein junger Mann, der auf mich einen guten Eindruck machte. Er hatte vor, in Kopenhagen Ingenieurwissenschaften zu studieren. Sein Name war Óskar, er stammte aus Nordisland, und wir lernten uns im Laufe der Seereise ziemlich gut kennen. Wir teilten uns eine Kabine, und wenn wir abends im Bett lagen, unterhielten wir uns noch eine Weile. Ich erzählte ihm von meinem bisherigen Studium am Institut für isländische Philologie, und er schilderte mir die komischen Käuze aus seinem Dorf. Er war ein amüsanter Reisebegleiter, nahm das Leben nicht allzu ernst und hatte Sinn für Humor. Allerdings sprach er für sein Alter dem Alkohol etwas reichlich zu; er fand schnell heraus, wie man auf diesem Schiff an dänisches Bier herankommen konnte, und führte sich dies dann auch abends ausgiebig zu Gemüte. Andere Passagiere waren nicht an Bord.

»Und was ist mit dir?«, fragte er eines Abends mit einer Flasche Carlsberg Hof in der Hand, »willst du wirklich für den Rest deines Lebens in alten Handschriften herumschnüffeln?«

»Falls sich die Möglichkeit bietet, ja«, entgegnete ich.

»Was ist so interessant daran?«

»Was ist interessant daran, Ingenieur zu sein?«, fragte ich zurück.

»Die Kraftwerke, Mensch«, antwortete er. »Wir werden riesengroße Staudämme im Hochland bauen, um unsere Stromversorgung zu sichern, und zwar nicht nur für die Privathaushalte, sondern auch für die Schwerindustrie. Da werden grandiose Fabriken entstehen. Hast du nicht von den Möglichkeiten gehört, die die Aluminiumherstellung bietet?«

Ich schüttelte den Kopf.

»Wir verfügen über die billigste Energiequelle der Welt. Wir bauen Staudämme im Hochland und lassen Stauseen entstehen, und damit erzeugen wir Strom für die Fabriken, die überall aus dem Boden schießen werden. Elektrizität macht uns reich. Einar Benediktsson hat das ganz genau erkannt.«

»Willst du überall auf dem Land Fabriken errichten?«

»Was sonst? Das ist die Zukunft.«

»Und wer wird diese Fabriken besitzen?«

»Das weiß ich nicht, wahrscheinlich die Amerikaner. Die sind die Größten in Sachen Aluminium. Es spielt aber auch gar keine Rolle. Wir bauen die Staudämme und verkaufen ihnen den Strom. Meinethalben können sie sich daran dumm und dusselig verdienen.«

»Aber wird nicht mit all diesen Staudämmen das Hochland zerstört?«

»Das Hochland? Was meinst du damit? Wen interessiert schon das Hochland? Und was gibt‘s da überhaupt zu zerstören? Da ist doch nichts außer Steinen und Geröll.«

»Weideland für die Schafe.«

»Wer interessiert sich schon für Schafe?«

»Ich kümmere mich mehr um die Vergangenheit«, gab ich zu.

»Darin bist du bestimmt gut«, erklärte Óskar und trank einen ordentlichen Schluck aus der Flasche.

Ich war voll gespannter Erwartung, als das Schiff zwei Tage später am Asiatisk Plads in der Nähe der Strandgade anlegte. Ich sah dort unseren wunderschönen Passagierdampfer...

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