Spätlese

12 Monatskrimis mit Max Koller
 
 
Gmeiner-Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 1. Dezember 2017
  • |
  • 185 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8392-5498-1 (ISBN)
 
Große Ereignisse werfen weite Schatten: Wenn im Januar Donald Trump ins Weiße Haus einzieht oder im September der deutsche Bundestag gewählt wird, gibt es auch für den Heidelberger Privatermittler Max Koller jede Menge zu tun. Denn auch am Neckar bleibt man von der Weltpolitik nicht unberührt. In 12 Kurzkrimis werden die Themen des Jahres 2017 noch einmal durchgespielt: vom Terrorismus über die Flüchtlingsdebatte bis zum europäischen Schlingerkurs und Fake News. So aktuell waren Krimis noch nie!
2017
  • Deutsch
  • 1,80 MB
978-3-8392-5498-1 (9783839254981)
3839254981 (3839254981)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Marcus Imbsweiler, geboren im Saarland, studierte Germanistik und Musikwissenschaft. Seit 1990 lebt er als freier Musikredakteur und Autor in Heidelberg; Schwerpunkte seiner belletristischen Arbeit sind Krimis sowie Erzählungen rund um das Thema Klassische Musik. 2007 startete er mit »Bergfriedhof« seine Krimireihe um den Privatermittler Max Koller, die sofort eine große Fangemeinde gewann. Der letzte Band der Serie, »Abschiedstour«, erschien 2015, doch ist Max Koller auf anderem Terrain noch aktiv, so auf der Bühne (»Luna Tours«, 2016) und in den vorliegenden Kurzkrimis, die im Jahr 2017 monatlich in der Rhein-Neckar-Zeitung erschienen.

Mauerspechte


Die Augen des Mannes waren aufgerissen, ebenso der Mund. Als würde er schreien, jetzt, in diesem Moment.

Aber wenn eines sicher war, dann das: Dieser Mann würde nicht mehr schreien. Nie wieder.

»Wer soll das sein?« Ich warf das Foto auf den Tisch zurück. Es hatte die Tischplatte noch nicht berührt, als das Gezeter losging.

»Wer das sein soll? Sie fragen mich, wer .? Sie müssen ihn doch erkennen!«

Ich zuckte die Achseln. Das Gesicht auf dem Foto war hellgrau. Eingestäubt mit Vollkornmehl. Das Zeug saß in den Haaren, den Brauen, den Nasenlöchern, einfach überall. Auch die aufgesperrten Augen waren damit überpudert und der Mund bis tief in den Rachen hinein. Eine Art Maske. Sie raubte dem Mann jegliche Individualität, das Aussehen, das Alter.

»Das ist Whitebread! Den Sie beschützen sollten. Und jetzt ist er tot, Herr Koller! Kapieren Sie, was das heißt?«

»Dass Ihr Aktienkurs nach unten geht?«

Der Brüllaffe, Doktor Gutperle, kam um den Tisch herum.

»Sie hatten einen Auftrag, Koller. Und Sie haben versagt. Ihr Honorar können Sie vergessen.«

»Als Whitebread gestern Abend ins Hotel ging, war er quicklebendig. Wie sollte ich ahnen, dass er .«

»Schon mal was von Jetlag gehört? War doch klar, dass der Kerl noch mal um die Häuser ziehen würde!«

Bevor ich antworten konnte, öffnete sich die Tür. Eine Frau betrat das Büro von Doktor Gutperle: groß und schlank, Kurzhaarschnitt, hohe Stiefel zum karierten Rock. Sie schmetterte uns ein »Guten Morgen« entgegen, dass die Wände wackelten.

»Was soll das?«, fuhr Gutperle auf. »Meine Sekretärin .«

»Konnte meinen Argumenten nicht widerstehen«, lächelte die Frau. »Ich bin die neue Hauptkommissarin, Kehrer mein Name. Sie sprachen über den Mordfall Whitebread?«

Mein Auftraggeber riss sich zusammen und schüttelte der Besucherin die Hand. Er war nicht klein, doch sie überragte ihn deutlich. »Eine Tragödie ist das!«, flötete er.

Die Kommissarin wies auf das Foto. »Woher haben Sie das, Doktor Gutperle?«

»Von dem Mitarbeiter, der die Leiche entdeckte.«

»Und wo?«, mischte ich mich ein.

»Auf unserem Firmengelände. Halb verbuddelt in einem Zementhaufen.«

»Gehören Sie auch zur Firma?«, fragte die Kehrer.

»Um Gottes willen!«, wehrte Gutperle ab. »Herr Koller ist Privatdetektiv. Wir hatten ihn zum Schutz von Mister Whitebread engagiert.«

»Als Bodyguard?« Die Kommissarin zog eine Braue nach oben. »Nun, das hat ja nicht ganz funktioniert.«

Ich schwieg. Gutperle nickte grimmig.

»Können Sie uns sagen, wo sich Whitebread gestern Abend aufgehalten hat? Wollte er jemanden treffen?«

»Ich weiß nur, dass er gegen halb zehn im Hotel eincheckte«, sagte ich. »Er wirkte nicht, als wolle er spät noch einmal ausgehen. Ich wartete eine halbe Stunde, dann fuhr ich nach Hause.«

»Laut Nachtportier verließ er das Hotel gegen 22.15 Uhr und kehrte nicht zurück.«

»Eine Viertelstunde!«, schäumte Gutperle. »Hätten Sie nur 15 Minuten länger ausgehalten. Das ist unprofessionell, Koller!«

»Dienstleistungswüste Germany«, schmunzelte die Kehrer. »In den USA käme so etwas nicht vor.«

»Wohl wahr.«

»Apropos: Was wollte Mister Whitebread eigentlich in Heidelberg?«

 

»Plattmachen«, sagte ich. Wir saßen in Kehrers Auto, die Kommissarin fuhr, von unten schmeichelte die Sitzheizung. »Whitebread war hier, um Doktor Gutperle und seinen Zementladen plattzumachen. Im Auftrag der US-Regierung.«

»Das müssen Sie mir erklären.«

»Whitebread gehörte Trumps Wahlkampfteam an, jetzt ist er seine Allzweckwaffe in Wirtschaftsbeziehungen. Kurvt per Privatjet um die Welt und bringt die Menschheit auf Kurs. Es geht ihm um die Mauer.«

»Die Mauer an der Grenze zu Mexiko? Was hat die mit Heidelberg zu tun?«

»Sie sind wirklich neu hier«, seufzte ich. »Als Trump im November gewählt wurde, knallten in der Firma die Sektkorken, der Aktienkurs schoss durch die Decke. 25 Milliarden Dollar soll das Ding kosten. Und wer baut's? Die Kurpfalz Zement AG.«

»Ist das wahr?«

»Ihr gehören Werke in Texas und Arizona. Und der größte Konkurrent auf mexikanischer Seite weigert sich, Material für so einen Mist zu liefern.«

»Verstehe.« Sie riss das Steuer nach links, um einen Schleicher vor uns zu überholen. »Aber was meinten Sie dann mit plattmachen?«

»Liegt doch auf der Hand. 25 Milliarden, das finanziert nicht mal ein Donald Trump. Also muss er den Preis drücken. Auf die Hälfte oder ein Drittel. Vielleicht auf ein Zehntel, keine Ahnung.«

»Und davor fürchtet sich Doktor Gutperle?«

»Nach den Jubelarien vom November erwarten die Märkte jetzt Vollzug. Wenn Trump morgen seine Rede zur Amtseinführung hält, werden sie an der Börse ganz genau hinhören, was er bezüglich Mauer sagt. Ob sie kommt, ob sie teilweise kommt, wie viel man investieren will . Von ein paar Worten hängt die Zukunft der Firma ab. Und was Trump sagen wird, hängt wiederum von den Signalen ab, die er von Whitebread bekommt. Beziehungsweise bekommen sollte.«

»Am Ende nützt Whitebreads Tod Doktor Gutperle sogar.«

»Das haben Sie gesagt.«

»Was war Ihre Rolle in der Angelegenheit?«

»Offiziell sollte ich den Typ beschützen. Und zwar, ohne dass er es merkte. Gutperle ging es wohl eher darum, Whitebread zu überwachen. Wohin geht er, mit wem trifft er sich? Nimmt er Kontakt zur Konkurrenz auf?«

»Ich dachte, Kurpfalz Zement sei konkurrenzlos?«

»Das glaubte Hillary Clinton auch.«

Sie lachte ein dreckiges Lachen.

 

Eine Reihenhaussiedlung im Kirchheimer Westen: Achtzigerjahrestil, putzige Vorgärten, Mittelklassewagen auf dem Bürgersteig. Als ich mein Rad vor dem Haus ganz rechts abstellte, ging eine Nachricht von Doktor Gutperle ein. Bloß keine Details an die Kommissarin, Herr Koller, flehte er zum zigsten Mal. Ich drückte ihn weg.

Ein Blick auf das Klingelschild: »Rolf & Sandra Specht mit Jenny & Justin«. Alles so normal hier . verrückt! Plötzlich hörte ich Schritte hinter mir.

»Herr Koller«, säuselte Kommissarin Kehrer. »Was für eine Überraschung, Sie hier zu sehen!«

»Ganz meinerseits.«

»Im Hotel sagte man mir, Mister Whitebread habe sich gestern nach der Schwarzwaldstraße erkundigt. Und nun treffe ich Sie hier. Wie kommt's?«

»Zufall. Wollte gerade wieder gehen.«

Sie lächelte. »Niemand zu Hause?« Und als ich nicht antwortete, legte sie eine Hand auf meine Schulter und flüsterte mir ins Ohr: »Raus damit, Koller, sonst mache ich Ihnen die Hölle heiß.«

»Okay«, seufzte ich. »Whitebread war hier. Nehmen Sie die Hand weg, dann erzähl ich's Ihnen.«

Meine Beichte war kurz, aber bitter. Anders, als ich es Doktor Gutperle gegenüber behauptet hatte, war ich gestern Abend nicht nach Hause gefahren, sondern hatte vor dem Hotel gewartet, bis der Amerikaner herauskam. Ich folgte ihm nach Kirchheim, in die Schwarzwaldstraße, sah, wie er bei den Spechts läutete und im Haus verschwand.

»Und dann?«, fragte die Kehrer.

Ich stöhnte. »Nichts und dann. Ich bin eingepennt! Hinterm Steuer. Heizung hochgedreht, Lehne zurück - schon hab ich geratzt. Als ich um vier wieder aufwachte, war Whitebreads Wagen fort. Im Haus alles dunkel. Ich also heim ins Bettchen.«

Sie lachte schallend. »Das war's?«

»Ehrlich, ich habe keine Ahnung, wer die Spechts sind und was Whitebread von ihnen wollte.«

»Fragen wir sie.«

Sie läutete. Es dauerte eine Weile, dann öffnete eine nicht mehr taufrische blonde Frau, die uns verwundert ansah.

»Frau Specht?« Die Kommissarin wies sich aus und bat darum, hereinkommen zu dürfen.

»Ja, bitte«, murmelte die Frau. Ihre Augen sagten das Gegenteil.

Wir blieben im Flur mit Blick ins offene Wohnzimmer stehen. Alles aufgeräumt, alles picobello.

»Sie haben sicher wenig Zeit«, meinte die Kehrer gut gelaunt, »also kommen wir gleich zur Sache. Kennen Sie diesen Mann?«

Sie hielt der Specht ein Foto des Toten unter die Nase. Die schreckte zurück, warf einen unsicheren Blick da­rauf und verneinte.

»Er war gestern Abend bei Ihnen. Dafür gibt es Zeugen.«

»Das . davon weiß ich nichts. Ich .« Ihre Hand wanderte zur Halskette. »Moment, vielleicht ist das . Mein Mann sagte, spät abends hätte jemand bei uns geklingelt. War aber falscher Alarm.«

»Ihr Mann sagte das?«

»Ich hab mittwochs Yoga. Deshalb . Es war wohl ein Ausländer, der sich in der Adresse geirrt hat. Mein Mann hat ihn fortgeschickt.«

»Er war bei Ihnen im Haus«, sagte ich.

»Möglich. Fragen Sie meinen Mann, wenn Sie Näheres wissen wollen.«

»Wollen wir«, nickte die Kommissarin.

Während sie sich Spechts Handynummer diktieren ließ, sah ich mich unauffällig in der Wohnung um. Was, verdammt, hatte Whitebread hier gewollt? Ein US-Politprofi - hier, in dieser IKEA-Welt? Von der Flurwand grüßte die heile Familie: Rolf, Sandra, ihre beiden Sprösslinge, dazu Opas und Omas, Bilder von Heidelberg, Urlaubserinnerungen. So was von Ultranormal! Keine Spur von tödlichem Zementstaub.

Die Polizistin nahm das Handy vom Ohr. »Ausgeschaltet«, murmelte sie.

»Würden Sie jetzt gehen?«,...

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