Zeit muss enden

Roman
 
 
Piper Edition (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 1. Dezember 2017
  • |
  • 340 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-492-97668-8 (ISBN)
 
»Ein versöhnliches, heiteres Werk mit köstlichen Szenen und eigenwilligen Gestalten« Die Welt

Als Sebastian Barnack zu einer festlichen Party eingeladen wird, gerät er in Verlegenheit, denn er besitzt keinen Abendanzug. Sein Vater, überzeugter Sozialist, weigert sich ihm dieses bürgerliche Klassen- und Statussymbol zu kaufen. An Sebastians Versuchen, dieses Kleidungsstückes habhaft zu werden, knüpfen sich Schuld und Verbrechen, die ihn schließlich erkennen lassen, dass nichts, was man tut ohne Konsequenzen bleibt ...
  • Deutsch
  • Munich
  • |
  • Deutschland
Piper ebooks in Piper Verlag
  • 1,66 MB
978-3-492-97668-8 (9783492976688)
3492976689 (3492976689)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Aldous Leonard Huxley, geboren 1894 in Godalming/Surrey, in Eton erzogen, studierte nach einer schweren Augenkrankheit englische Literatur in Oxford und war ab 1919 zunächst als Journalist und Theaterkritiker tätig. 1921 begann er mit der Veröffentlichung seines ersten Romans »Die Gesellschaft auf dem Lande« seine literarische Laufbahn. Von 1938 an lebte er in Kalifornien. Huxley starb 1963 in Hollywood.

ERSTES KAPITEL


Sebastian Barnack kam aus dem Lesesaal der Bezirksbücherei von Hampstead und blieb im Vestibül stehen, um seinen abgetragenen Mantel anzuziehen. Mrs. Ockham, die ihn da erblickte, fühlte ein Schwert im Herzen. Dieses schmächtige, wunderschöne Menschenkind mit dem seraphischen Gesicht und dem blassblonden Lockenhaar war das lebende Abbild ihres eigenen, ihres einzigen, ihres toten und entschwundenen Lieblings.

Die Lippen des Buben, so gewahrte sie, bewegten sich, während er sich in seinen Mantel mühte. Sprach mit sich selbst - ganz wie ihr Frankie das immer getan hatte. Und nun wandte er sich dem Ausgang zu und kam an der Bank vorüber, auf der sie saß.

»So ein rauer Abend!«, sagte sie laut, einem jähen Impuls folgend, dieses lebende Phantom zurückzuhalten, die schmerzend scharfe Erinnerung tiefer in ihr wundes Herz zu bohren.

Aus seinen Gedanken gerissen, blieb Sebastian stehen, wandte sich ihr zu und starrte sie ein paar Sekunden verständnislos an. Dann ging ihm die Bedeutung dieses sehnsüchtig mütterlichen Lächelns auf. Sein Blick wurde hart. So etwas geschah ihm nicht zum ersten Mal. Sie behandelte ihn, als wäre er eins dieser entzückenden Babys in Kinderwagen, denen man den Kopf tätschelt. Der Funze wollte er's zeigen! Aber wie gewöhnlich fehlte es ihm an der nötigen Courage und Geistesgegenwart. Und so lächelte er nur schwächlich und sagte einfach, ja, es sei ein rauer Abend.

Mrs. Ockham hatte mittlerweile ihr Handtäschchen geöffnet und eine kleine weiße Schachtel hervorgezogen.

»Möchten Sie nicht eine von diesen?«

Sie hielt ihm die Schachtel hin. Es war französische Schokolade, Frankies Lieblingsmarke - ihre eigene auch, übrigens. Sie hatte eine Schwäche für Süßigkeiten.

Sebastian betrachtete Mrs. Ockham ungewiss. Ihre Aussprache war einwandfrei und ihre Kleidung auf etwas saloppe, tweedige Art solid und von guter Qualität. Aber sie war dick und ältlich - mindestens vierzig, schätzte er. Er zögerte, hin und her gerissen zwischen dem Wunsch, diese lästige Person in die Schranken zu weisen, und einem nicht weniger starken Verlangen nach diesen köstlichen langues de chat. Wie ein Mops, sagte er sich, während er in das plumpe, weiche Gesicht da vor sich blickte. Ein rosiger, haarloser Mops mit schlechtem Teint. Worauf er das Gefühl hatte, dass er nun eine Katzenzunge annehmen könne, ohne seiner Integrität etwas zu vergeben.

»Danke«, sagte er und schenkte ihr sein bezauberndes Lächeln, das Damen mittleren Alters immer ganz unwiderstehlich fanden.

Siebzehn Jahre alt zu sein, einen Geist zu besitzen, von dem man fühlte, dass er alterslos erwachsen war, und dabei auszusehen wie ein Della-Robbia-Engel von dreizehn - es war ein widersinniges und erniedrigendes Schicksal. Aber letzte Weihnachten hatte er Nietzsche gelesen, und seither wusste er, dass er sein Schicksal lieben müsse. Amor fati - jedoch gemäßigt durch gesunden Zynismus. Wenn Leute bereit waren, einen dafür zu bezahlen, dass man jünger aussah, als man war, warum ihnen nicht geben, was sie wollten?

»Wie gut die ist!«

Wieder lächelte er sie an, und seine Mundwinkel waren braun von Schokolade. Das Schwert in Mrs. Ockhams Herzen machte abermals eine schmerzhafte Umdrehung.

»Nehmen Sie die ganze Schachtel!«, sagte sie. Ihre Stimme zitterte, ihre Augen glänzten von Tränen.

»Nein, nein, das könnte ich nicht .«

»Nehmen Sie sie«, beharrte sie, »nehmen Sie sie doch!« Und sie drückte ihm die Schachtel in die Hand - in Frankies Hand.

»Oh . danke schön!« Es war genau, was Sebastian gehofft, ja, erwartet hatte. Er hatte seine Erfahrungen gemacht mit diesen sentimentalen alten Kühen.

»Ich hab einen Buben gehabt .«, sagte Mrs. Ockham mit gebrochener Stimme. »Ganz so wie Sie war er. Die gleichen Haare und Augen .« Die Tränen flossen ihr über die Wangen. Sie nahm die Brille ab und wischte die Gläser; dann schneuzte sie sich, stand auf und eilte in den Lesesaal. Sebastian sah ihr nach, bis sie seinem Blick entschwunden war. Mit einmal fühlte er sich schrecklich schuldig und gemein. Er blickte auf die Schachtel in seiner Hand. Ein Bub war gestorben, sodass nun er, Sebastian, diese Katzenzungen bekam; und wenn seine eigene Mutter am Leben wäre, wäre sie jetzt fast so alt wie diese armselige bebrillte Person. Und wenn er gestorben wäre, wäre seine Mutter genauso unglücklich und sentimental gewesen. Impulsiv machte er eine Bewegung, um die Schokolade wegzuwerfen; dann hielt er sich zurück. Nein, das wäre einfach dumm und abergläubisch. Er ließ die Schachtel in seine Manteltasche gleiten und trat in das nebelige Zwielicht hinaus.

»Millionen und Millionen«, flüsterte er vor sich hin; und die Ungeheuerlichkeit des Jammers schien mit jeder Wiederholung des Wortes zu wachsen. Überall auf der Welt lagen Millionen von Menschen in Schmerzen; Millionen starben in diesem selben Augenblick; noch mehr Millionen trauerten um sie, die Gesichter verzerrt wie bei dieser bedauernswerten ältlichen Scharteke, und die Tränen rannen ihnen über die Wangen. Und Millionen hungerten, Millionen waren eingeschüchtert und krank und bekümmert. Millionen wurden beschimpft und gestoßen und geschlagen von anderen, brutalen Millionen. Und überall der Gestank von Abfall und Fusel und ungewaschenen Körpern, auf allem der Mehltau der Dummheit und Hässlichkeit. Der Greuel war stets da, auch wenn man sich zufällig wohl und glücklich fühlte - stets da, gleich um die Ecke und hinter fast jeder Haustür.

Während er die Straße hinabging, fühlte sich Sebastian von einer ungeheuren unpersönlichen Traurigkeit überkommen. Nichts anderes mehr als Tod und Qual schien Dasein zu haben oder von Bedeutung zu sein.

Und dann kamen ihm diese Worte von Keats in Erinnerung: »The giant agony of the world!« Die Riesenqual der Welt. Er wühlte in seinem Gedächtnis, um die anderen Zeilen zu finden. »None may usurp this height .« Wie ging es nur?

None may usurp this height, returned that shade,

But those to whom the miseries of the world

Are misery, and will not let them rest .

Wie recht der Schatten hatte! Nur denen war die höchste Höhe erreichbar, die das Elend der Welt elend machte und nicht ruhen ließ. Und vielleicht war es Keats eines kalten Frühlingsabends eingefallen, als er, genauso wie jetzt er selbst, die Anhöhe von Hampstead hinabging; hier hinabging und bisweilen stehen blieb, um ein Bröcklein seiner Lungen herauszuhusten und an seinen und auch an den Tod anderer Menschen zu denken. Sebastian begann abermals und sagte es sich vor.

None may usurp this height, returned that shade,

But those .

Aber, du gütiger Himmel, wie grauenhaft schlecht es klang, wenn man es laut sprach! None may usurp this height, returned that shade, but those . Wie hatte er sich nur so etwas durchgehen lassen können! Aber natürlich war der gute Keats manchmal recht nachlässig gewesen. Und ein Genie zu sein, hatte ihn nicht vor den fürchterlichsten Geschmacklosigkeiten bewahrt. Es gab Stellen im Endymion, die einen schaudern machten. Und wenn man bedachte, dass es ein Äquivalent für Griechisch sein sollte . Sebastian lächelte mit mitleidiger Ironie in sich hinein. Eines Tages würde er der Welt zeigen, was sich mit griechischer Mythologie tun ließ! Mittlerweile kehrte sein Geist zu den Wendungen zurück, die ihm gerade vorhin in der Bibliothek eingefallen waren, während er dieses Buch von Tarn über die hellenistische Kultur las. »Vergiss der trockenen Feigen!«, so sollte es beginnen. »Vergiss der trockenen Feigen .« Aber getrocknete Feigen konnten immerhin gute Feigen sein. Für Sklaven gäbe es nie etwas anderes als die Missfrüchte und den Abfall der Ernte. Also: »Vergiss der fauligen Feigen.« Überdies hatte in dieser Klangverbindung »faulig« die passenderen Vokale und ergab Alliteration.

Vergiss der fauligen Feigen, des muffigen Mehls,

Der Sklavenpeitsche, der Greise voll Todesfurcht .

Aber das war scheußlich flach. Dampfgewalzt und makadamisiert wie schlechter Wordsworth. Wie wär's mit »vom Tod angegraut«?

Vergiss der fauligen Feigen, der Trebern und Prügel,

Der Greise, vom Tod angegraut, der Frauen .

Er zögerte, fragte sich, wie dieses trostlose Leben des Gynaikeions zusammenfassen. Dann sprang aus dem geheimnisvollen Quell von Licht und Energie hinten in seinem Schädel die vollkommene Phrase hervor:...

Dateiformat: EPUB
Kopierschutz: Wasserzeichen-DRM (Digital Rights Management)

Systemvoraussetzungen:

Computer (Windows; MacOS X; Linux): Verwenden Sie eine Lese-Software, die das Dateiformat EPUB verarbeiten kann: z.B. Adobe Digital Editions oder FBReader - beide kostenlos (siehe E-Book Hilfe).

Tablet/Smartphone (Android; iOS): Installieren Sie bereits vor dem Download die kostenlose App Adobe Digital Editions (siehe E-Book Hilfe).

E-Book-Reader: Bookeen, Kobo, Pocketbook, Sony, Tolino u.v.a.m. (nicht Kindle)

Das Dateiformat EPUB ist sehr gut für Romane und Sachbücher geeignet - also für "fließenden" Text ohne komplexes Layout. Bei E-Readern oder Smartphones passt sich der Zeilen- und Seitenumbruch automatisch den kleinen Displays an. Mit Wasserzeichen-DRM wird hier ein "weicher" Kopierschutz verwendet. Daher ist technisch zwar alles möglich - sogar eine unzulässige Weitergabe. Aber an sichtbaren und unsichtbaren Stellen wird der Käufer des E-Books als Wasserzeichen hinterlegt, sodass im Falle eines Missbrauchs die Spur zurückverfolgt werden kann.

Weitere Informationen finden Sie in unserer E-Book Hilfe.


Download (sofort verfügbar)

9,99 €
inkl. 19% MwSt.
Download / Einzel-Lizenz
ePUB mit Wasserzeichen-DRM
siehe Systemvoraussetzungen
E-Book bestellen

Unsere Web-Seiten verwenden Cookies. Mit der Nutzung dieser Web-Seiten erklären Sie sich damit einverstanden. Mehr Informationen finden Sie in unserem Datenschutzhinweis. Ok