Die Teufel von Loudun

Roman
 
 
Piper Edition (Verlag)
  • 1. Auflage
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  • erschienen am 1. Dezember 2017
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  • 396 Seiten
 
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978-3-492-97657-2 (ISBN)
 
Eine brillant erzählte Sittengeschichte des 17. Jahrhunderts von Aldous Huxley, dem Autor von »Schöne neue Welt«.

1634 wurde der gutaussehende und zügellose Priester Urbain Grandier verhört, gefoltert und auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Er wurde für schuldig befunden, mit dem Teufel im Bunde zu stehen, sowie ein ganzes Frauenkloster verführt und ins Unglück gestürzt zu haben. Huxley erzählt hier vom sensationellsten Fall von Massenbesessenheit und sexueller Hysteria im Mittelalter. Grandier selbst beteuerte stets seine Unschuld, aber noch vier Jahre nach seinem Tod wurden die Nonnen exorziert, um sie von ihren Dämonen zu befreien.

»Die Phänomene von Loudun sowohl im Hinblick auf die Haßorgien und Schauprozesse unseres Jahrhunderts wie unter den Aspekten der tiefenpsychologischen Erkenntnis in ein theologisch wie philosophisch sine ira et studio entworfenes Bild der menschlichen Möglichkeiten einzuordnen, ist der im höchsten Grade produktive Sinn von Aldous Huxleys Studie.« (Christian E. Lewalter, DIE ZEIT)
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  • 4,36 MB
978-3-492-97657-2 (9783492976572)
3492976573 (3492976573)
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Aldous Leonard Huxley, geboren 1894 in Godalming/Surrey, in Eton erzogen, studierte nach einer schweren Augenkrankheit englische Literatur in Oxford und war ab 1919 zunächst als Journalist und Theaterkritiker tätig. 1921 begann er mit der Veröffentlichung seines ersten Romans »Die Gesellschaft auf dem Lande« seine literarische Laufbahn. Von 1938 an lebte er in Kalifornien. Huxley starb 1963 in Hollywood.

ZWEITES KAPITEL


Die Wochen verstrichen. Philippe ging immer seltener aus und zuletzt nicht einmal mehr in die Kirche. Sie sei krank, sagte sie, und müsse das Zimmer hüten. Ihre Freundin, Marthe le Pelletier, ein Mädchen aus guter Familie, aber verwaist und sehr arm, zog als Pflegerin und Gesellschafterin zu ihr ins Haus. Noch immer nichts argwöhnend, noch immer entrüstet, wenn irgendwer die Wahrheit auch nur anzudeuten oder das Geringste gegen den Pfarrer zu sagen wagte, sprach Monsieur Trincant mit väterlicher Besorgnis von verdorbenen Säften und drohender Schwindsucht. Dr. Fanton, der behandelnde Arzt, war ein diskreter Mann und sagte niemandem etwas. Die übrigen Einwohner von Loudun warfen einander bedeutsame Blicke zu und lachten hämisch, oder sie schwelgten in den Freuden gerechter Entrüstung. Wenn die Feinde des Pfarrers ihm begegneten, ließen sie giftige Andeutungen fallen; seine ernster veranlagten Freunde schüttelten über ihn den Kopf, die mehr rabelaisisch gearteten stupsten ihn in die Rippen und boten ihm zotige Beglückwünschungen. Ihnen allen antwortete Grandier, dass er nicht wisse, wovon sie redeten. Für die nicht schon gegen ihn Eingenommenen waren seine offene, dabei aber würdevolle Art und die augenscheinliche Aufrichtigkeit seiner Worte genügende Beweise seiner Unschuld. Es war moralisch unmöglich, dass ein solcher Mann begangen haben konnte, wessen seine Verleumder ihn bezichtigten. In den Häusern so hervorragender Persönlichkeiten wie Monsieur de Cerisay und Madame de Brou war er noch immer ein gern gesehener Gast. Und ihre Türen blieben ihm auch dann noch geöffnet, als der Staatsanwalt ihm die seine verschlossen hatte. Denn am Ende gingen sogar Trincant die Augen darüber auf, welcher Art die Unpässlichkeit seiner Tochter war. Ins Verhör genommen, gestand sie die Wahrheit. Aus des Pfarrers unerschütterlichstem Freund wurde Trincant über Nacht sein unversöhnlichster und gefährlichster Feind. Grandier hatte so noch ein Glied, und ein wesentliches, in der Kette geschmiedet, welche ihn ins Verderben ziehen sollte.

Das Kind kam schließlich zur Welt. Durch die geschlossenen Fensterläden, durch die dichten Decken und Vorhänge, mit welchen man jeden Laut zu ersticken versucht hatte, gaben die gedämpften, aber unverkennbaren Schreie der Mutter allen eifrig erwartungsvollen Nachbarn Monsieur Trincants Nachricht von dem freudigen Ereignis. Binnen einer Stunde hatte sich die Neuigkeit in der ganzen Stadt verbreitet, und am nächsten Morgen fand man eine unflätige »Ode auf die Bastardenkelin des Staatsanwalts« ans Tor des Gerichtsgebäudes geheftet. Von der Hand eines Protestanten, so wurde geargwöhnt; denn Monsieur Trincant war außerordentlich rechtgläubig und hatte jede Gelegenheit wahrgenommen, seinen ketzerischen Mitbürgern Prügel zwischen die Füße zu werfen und ihnen das Leben schwer zu machen.

Indessen hatte Marthe Le Pelletier mit aufopferungsvoller Großmut, welche der vorherrschenden moralischen Verkommenheit wegen umso mehr hervorsticht, sich öffentlich als Mutter des Neugeborenen bekannt. Sie sei es, die gesündigt habe, sie sei es, die gezwungen gewesen sei, ihre Schande zu verbergen. Philippe sei bloß die Wohltäterin, die ihr eine Zufluchtsstätte gewährt habe. Kein Mensch glaubte natürlich auch nur ein Wort davon; aber die Geste wurde sehr bewundert, Als das Kind eine Woche alt war, gab Marthe es zu der jungen Bäuerin, welche sich bereit erklärt hatte, seine Ziehmutter zu sein. Das wurde in recht auffälliger Weise durchgeführt, damit alle Welt es sehen konnte. Aber die Protestanten waren noch immer nicht überzeugt und zeterten weiter. Um ihre zotige Zweifelsucht zum Schweigen zu bringen, bediente sich der Staatsanwalt eines besonders üblen Juristenkniffs. Er ließ Marthe Le Pelletier auf offener Straße verhaften und vor einen Stadtrichter bringen. Hier musste sie unter Eid und in Gegenwart von Zeugen ein Schriftstück unterschreiben, worin sie das Kind öffentlich als das ihre anerkannte und die Verantwortung für seinen künftigen Unterhalt übernahm. Weil Marthe ihre Freundin liebte, unterschrieb sie. Die eine Ausfertigung des Dokuments wurde im Archiv abgelegt, die andere steckte Monsieur Trincant triumphierend in die Tasche. Ordnungsgemäß bezeugt, war die Lüge nun juridisch wahr. Für einen Juristenkopf ist die juridische Wahrheit dasselbe wie die Wahrheit schlechthin. Allen anderen, so entdeckte der Staatsanwalt zu seinem Ärger, scheint diese Identität alles eher als augenfällig zu sein. Auch nachdem er das Dokument laut vorgelesen, auch nachdem seine Freunde mit eigenen Augen die Unterschrift gesehen und mit eigenen Fingern das amtliche Siegel berührt hatten, lächelten sie nur höflich und begannen von etwas anderem zu reden, während seine Feinde laut herauslachten und beleidigende Bemerkungen machten. So groß war die Bosheit der Protestanten, dass einer ihrer Pfarrer öffentlich behauptete, Meineid sei eine schwerere Sünde als Unzucht, und der Lügner, der falsch schwöre, um einen Skandal zu verheimlichen, verdiene das Höllenfeuer mehr als die Person, durch deren Verderbtheit das Ärgernis ursprünglich verursacht worden sei.

Ein langes und ereignisreiches Jahrhundert trennt das Mannesalter des Dr. Samuel Garth[10] von der Jugendzeit William Shakespeares. In den Regierungsmethoden, in den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Verhältnissen, in der Physik und Mathematik, in der Philosophie und in den Künsten waren umwälzende Veränderungen vorgegangen. Aber es gab zumindest eine Einrichtung, die am Ende jener Zeit genau das geblieben war, was sie an ihrem Beginn gewesen - den Drogistenladen. Romeo beschreibt den Laden eines Apothekers folgendermaßen:

Ein Schildpatt hing in seinem dürft'gen Laden,

Ein ausgestopftes Krokodil und Häute

Von missgestalten Fischen: auf dem Sims

Ein bettelhafter Prunk von leeren Büchsen,

Und grüne Töpfe, Blasen, müff'ger Samen.

In seiner Dispensary malt Garth ein fast identisches Bild.

Here mummies lay, most reverently stale,

And there the tortoise hung her coat of mail;

Not far from some large shark's devouring head

The flying fish their finny pinions spread.

Aloft in rows large poppy heads were strung

And, near, a scaly alligator hung;

In this place drugs in musty heaps decay'd,

In that dried bladders and drawn teeth were laid.[11]

Solch ein Tempel der Wissenschaft, zugleich Laboratorium eines Zauberers und Kuriositätenschau eines Jahrmarkts, ist ein sehr ausdrucksvolles Symbol für dieses seltsame Sammelsurium von Inkongruitäten: den Geist des 17. Jahrhunderts. Denn das Zeitalter eines Descartes und eines Newton war auch das Zeitalter eines Fludd[11] und Sir Kenelm Digby[12], das Zeitalter der Logarithmen und der analytischen Geometrie war nicht minder das Zeitalter der Waffensalbe, des sympathetischen Pulvers und der Lehre von den Signaturen[13]. Robert Boyle[14], der The Sceptical Chemist schrieb und einer der Gründer der Königlichen Gesellschaft der Wissenschaften war, hinterließ einen Band Rezepte für Hausmittel. Bei Vollmond von einer Eiche gepflückt, werden getrocknete, fein zerstoßene und mit Schwarzkirschwasser gemischte Mistelbeeren die fallende Sucht heilen. Gegen apoplektische Flüsse muss man Mastix nehmen (das auf der Insel Chios von einem bestimmten Strauch ausgeschwitzte Harz), ihm das ätherische Öl mittels Destillation in einem kupfernen Kolben entziehen und zwei oder drei Tropfen davon durch einen Federkiel in das eine Nasenloch des Kranken blasen »und nach einer Weile in das andere«. Der wissenschaftliche Geist war bereits kräftig am Leben. Aber nicht weniger kräftig am Leben war der Geist des Medizinmanns und der Hexe.

Monsieur Adams Pharmazie in der Rue des Marchands war von mittlerem Rang, weder armselig noch prächtig, sondern solid provinzlerisch. Zu bescheiden, um mit Mumien oder einem Rhinozeroshorn zu prunken, konnte sie sich doch mehrerer westindischer Schildkröten, des Fötus eines Wals und eines zweieinhalb Meter langen Krokodils rühmen. Und das Lager war groß und reichhaltig. Auf den Regalen standen alle die Kräuter des galenischen Repertoires, alle die neumodischen Chemikalien der Anhänger eines Basilius Valentinus und Paracelsus. Rhabarber und Aloe fanden sich hier in Mengen; aber auch Kalomel oder, wie Monsieur Adam es lieber nannte, Draco mitigatus, der besänftigte Drache. Da gab es Koloquintengurken für den, der gern vegetabilische Leberpillen nahm; aber auch Brechweinstein und metallisches Antimon, wenn man sich auf eine modernere Behandlungsweise einlassen wollte. Und wenn einem das Missgeschick widerfahren war, Glück in der Liebe bei der unrechten Art von Nymphe oder Schäfer zu haben, hatte man die Wahl zwischen Arbor vitae und Hydrargyrum cum Creta, zwischen Sarsaparilla und einer Einreibung mit Blauer Salbe. Mit alledem und dazu mit getrockneten Vipern, mit Pferdehufen und Menschenknochen konnte Monsieur Adam seinen Kunden vom Lager dienen. Die kostspieligeren Spezifika - pulverisierte Saphire, zum Beispiel, oder Perlen - mussten eigens bestellt und vorausbezahlt werden.

Von nun an wurde der Apothekerladen der regelmäßige Treffpunkt und das Hauptquartier einer Kabale, deren einziges Ziel es war, sich an Urbain Grandier zu rächen. Die führenden Geister in dieser Verschwörung waren der Staatsanwalt, sein Neffe, der Kanonikus Mignon, der Lieutenant Criminel...

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