Das Genie und die Göttin

Roman
 
 
Piper Edition (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 1. Dezember 2017
  • |
  • 123 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-492-97653-4 (ISBN)
 
Einer der letzten Romane von Aldous Huxley - ein Meisterwerk voller Humor, Sprachgewalt und intellektueller Gedanken

»Das Genie und die Göttin« erzählt die Geschichte eines brillanten Professors, seiner wunderschönen Frau und einem jungen Mann, der ihre Welt in Stücke reißt. Huxley schafft es, seinen Figuren Ruhe, Hilflosigkeit, Liebe, Genialität, Humor und Zynik mit brachialer Harmonie zu geben. Ein Meisterwerk, das durch seine Unauffälligkeit glänzt, und als das Gegenstück zu Huxleys bekanntesten Roman »Schöne neue Welt» gilt.

»Sollte Huxleys mit höchster Meisterschaft aufgebaute Erzählung eine Moral haben, so wäre es wohl die: daß der perfekte Gehirnmensch nicht nur am Leben vorbeilebt, sondern den Tod ausstreut und noch gar nicht einmal auf seine Opfer achtet.» (Christian E. Lewalter, DIE ZEIT)
  • Deutsch
  • Munich
  • |
  • Deutschland
Piper ebooks in Piper Verlag
  • 2,17 MB
978-3-492-97653-4 (9783492976534)
3492976530 (3492976530)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Aldous Leonard Huxley, geboren 1894 in Godalming/Surrey, in Eton erzogen, studierte nach einer schweren Augenkrankheit englische Literatur in Oxford und war ab 1919 zunächst als Journalist und Theaterkritiker tätig. 1921 begann er mit der Veröffentlichung seines ersten Romans »Die Gesellschaft auf dem Lande« seine literarische Laufbahn. Von 1938 an lebte er in Kalifornien. Huxley starb 1963 in Hollywood.

»Das Fatale an Romanen«, sagte John Rivers,»ist, dass sie zu viel Sinn ergeben. Die Wirklichkeit ergibt nie einen Sinn.«

»Nie?«, fragte ich zweifelnd.

»Vielleicht aus der Gottesperspektive«, räumte er ein.»Nie aus der unseren. Ein Roman hat Einheit, ein Roman hat Stil. Die Wirklichkeit hat weder das eine noch das andere. Im Rohzustand ist das Dasein immer eine verflixte Sache nach der anderen. Und jede der verflixten Sachen ist Thurber und zugleich Michelangelo, Mickey Spillane und zugleich Thomas von Kempen. Das Merkmal der Wirklichkeit ist ihre wesentliche Beziehungslosigkeit.« Und als ich fragte: »Worauf?«, schwenkte er seine breite, gebräunte Hand gegen die Bücherregale. »Auf, >was das Beste ist geblieben, das je ein Mensch gedacht, geschrieben<«, deklamierte er mit spöttischer Gewichtigkeit und fügte dann hinzu: »Seltsamerweise gelten die der Wirklichkeit am nächsten kommenden Romane als die am wenigsten wahren.« Er neigte sich seitwärts und tippte auf den Rücken eines zerlesenen Exemplars der Brüder Karamasoff. »Der da ergibt so wenig Sinn, dass er fast Wirklichkeit ist. Und das ist mehr, als sich von irgendeiner der wissenschaftlichen Arten von Romanen sagen lässt. Von den Romanen der Physiker und der Chemiker, von den Romanen der Historiker, den Romanen der Philosophen .« Sein anklagender Finger fuhr von Dirac zu Toynbee, von Sorokin zu Carnap. »Mehr sogar, als sich von den Romanen der Biografen sagen lässt. Hier hast du das neueste Exemplar dieser Sorte.« Er nahm von dem Tischchen neben sich ein Buch in einem glänzend blauen Schutzumschlag und hielt es mir zur Besichtigung her.

»Henry Maartens - Sein Leben«, las ich laut, ohne größeres Interesse, als man für einen zum Begriff gewordenen Namen aufbringt. Dann erinnerte ich mich, dass für John Rivers der Name etwas mehr und etwas anderes als einen Begriff bedeutet hatte.»Du warst sein Schüler, nicht wahr?«

Rivers nickte stumm.

»Und das hier ist die offizielle Biografie?«

»Der offizielle Roman«, verbesserte er. »Ein unvergessliches Bild des Rührstückwissenschaftlers - du kennst doch den Typ? - das blöde Kleinkind mit dem Riesenintellekt; das kranke Genie, das unbezwinglich gegen ungeheure Widrigkeiten ankämpfte; der einsame Denker, der doch der liebevollste Familienvater war; der vergessliche Professor mit dem Kopf in den Wolken, aber dem Herzen auf dem rechten Fleck. Die Wirklichkeit war leider nicht ganz so simpel.«

»Du meinst, das Buch ist ungenau?«

»Nein. Alles darin ist wahr - bis zu einem gewissen Grad. Darüber hinaus ist alles Quatsch - oder vielmehr gar nicht vorhanden. Und vielleicht«, fügte er hinzu, »vielleicht soll es gar nicht vorhanden sein. Vielleicht ist die vollständige Wirklichkeit immer zu würdelos, um verzeichnet zu werden, zu sinnlos oder zu grässlich, um nicht in einen Roman umgedichtet werden zu müssen. Immerhin ist's, wenn man zufällig die Wirklichkeit kennt, aufreizend, es ist sogar fast beleidigend, mit einem Rührstück abgespeist zu werden.«

»Also hast du die Absicht, es zu berichtigen?«

»Für die Öffentlichkeit? Gott behüte!«

»Für mich also. Privat.«

»Privat?«, wiederholte er. »Schließlich, warum nicht?« Er zuckte die Achseln und lächelte. »Eine kleine Orgie von Reminiszenzen, um einen deiner seltenen Besuche zu feiern.«

»Jeder Mensch würde glauben, du sprichst von einem gefährlichen Rauschgift.«

»Aber sie sind ein gefährliches Rauschgift«, antwortete er. »Man flüchtet in Reminiszenzen, wie man sich in Schnaps oder Amytal-Sodium flüchtet.«

»Du vergisst«, sagte ich, »dass ich Schriftsteller bin und die Musen die Töchter der Erinnerung sind.«

»Und Gott«, fügte er schnell hinzu, »ist nicht ihr Bruder. Gott ist nicht der Sohn der Erinnerung; er ist der Sohn der unmittelbaren Erfahrung. Man kann einen Geist nicht im Geist verehren, wenn man es nicht hier und jetzt tut. In der Vergangenheit zu schwelgen mag vielleicht gute Literatur sein, aber Lebensweisheit ist es nicht. Die wiedergefundene Zeit ist das verlorene Paradies, und die verlorene Zeit ist das wiedergewonnene Paradies. Lasst die Toten ihre Toten begraben! Wenn man jeden Augenblick leben will, wie er sich darbietet, muss man jeden anderen Augenblick absterben. Das ist das Wichtigste, was ich von Helen lernte.«

Der Name rief für mich ein blasses junges Gesicht herauf, eingerahmt von einer quadratischen Öffnung in einer Glocke dunklen, fast ägyptisch schwarzen Haars - rief auch die großen, golden leuchtenden Säulen von Baalbek herauf, vor dem blauen Himmel und dem Schnee des Libanons. Ich war damals Archäologe gewesen, und Helens Vater mein Vorgesetzter. Und in Baalbek hatte ich ihr einen Heiratsantrag gemacht und war abgewiesen worden.

»Wenn sie mich geheiratet hätte«, sagte ich, »hätte ich es dann gelernt?«

»Helen praktizierte, was zu predigen sie immer unterließ«, antwortete Rivers. »Es war schwer, nicht von ihr zu lernen.«

»Und meine Schriftstellerei? Und die Töchter der Erinnerung?«

»Es hätte sich ein Weg gefunden, sich das Beste aus beiden Welten zu nehmen.«

»Ein Kompromiss?«

»Eine Synthese. Ein dritter Lehrsatz, aus den beiden anderen abgeleitet. Tatsächlich kann man sich natürlich nie das Beste auch nur aus einer Welt nehmen, wenn man dabei nicht gelernt hat, sich das Beste aus der anderen zu nehmen. Helen gelang es sogar, sich das Beste aus dem Leben zu nehmen, während sie im Sterben lag.«

Vor meinem geistigen Auge wich Baalbek dem großen Hof der Universität Berkeley, und statt der lautlos schwingenden schwarzen Glocke war ein grauer Haarknoten da. Statt eines Mädchengesichts sah ich die schmalen, hageren Züge einer alternden Frau. Sie musste, überlegte ich, sogar schon damals krank gewesen sein.

»Ich war in Athen, als sie starb«, sagte ich.

»Ja, ich erinnere mich.« Und dann fügte er hinzu: »Ich wollte, du wärst hier gewesen. Um ihretwillen - sie hatte dich sehr gern. Und natürlich auch um deinetwillen. Sterben ist eine Kunst, und in unserm Alter sollten wir sie lernen. Es hilft einem, jemand gesehen zu haben, der wirklich wusste, wie. Helen wusste, wie man sterben soll, weil sie wusste, wie man leben soll - jetzt und hier leben soll, und zum größeren Ruhme Gottes. Und das bringt es notwendigerweise mit sich, dem Hier und Heute und Morgen und seinem eigenen, jämmerlichen kleinen Selbst abzusterben. Im Verlauf des Lebens, wie man es leben soll, war Helen in täglichen Raten gestorben. Als es zur letzten Abrechnung kam, war so gut wie nichts mehr zu zahlen. Nebenbei«, setzte Rivers nach einem kurzen Schweigen hinzu, »ich selbst war der letzten Abrechnung hübsch nahe im vergangenen Frühjahr. Tatsächlich wäre ich gar nicht mehr hier, wenn es kein Penicillin gäbe. Lungenentzündung, die gute Freundin alter Männer! Heutzutage bringen einen die Ärzte wieder hoch, damit man leben kann, um sich seiner Arterienverkalkung oder seines Prostatakrebses zu erfreuen. Du siehst also, dies alles ist völlig postum. Jedermann außer mir ist tot, und ich selbst lebe von erborgter Zeit. Wenn ich etwas berichtige, dann als Geist, der von Geistern redet. Und überhaupt ist heute Weihnachtsabend; also ist eine Geistergeschichte ganz am Platz. Überdies bist du ein sehr alter Freund, und auch wenn du es alles wirklich in einen Roman hineinbringst - was liegt schon daran?« Sein großes, von Falten durchzogenes Gesicht wurde von einem Ausdruck herzlicher Ironie erhellt.

»Wenn dir etwas daran liegt«, beteuerte ich ihm, »werd ich's nicht tun.«

Diesmal lachte er laut heraus.

»>Die stärksten Schwüre sind Stroh für das Feuer im Blut<«, zitierte er. »Ich würde eher meine Töchter Casanova anvertrauen als meine Geheimnisse einem Romanschreiber. Literarische Feuer sind sogar noch heißer als sexuelle. Und literarische Schwüre sind sogar noch strohiger als die eheliche oder die klösterliche Spielart.«

Ich versuchte zu widersprechen, aber er winkte ab.

»Wenn ich es noch immer geheim halten wollte«, sagte er, »würde ich es dir nicht erzählen. Aber wenn du es doch veröffentlichst, unterlass, bitte, die übliche Vorbemerkung nicht. Du weisst schon - jede Ähnlichkeit mit einer lebenden oder verstorbenen Person ist nur zufällig. Aber gerade nur! Und nun zurück zu den Maartens! Ich hab irgendwo ein Bild.« Er stemmte sich aus seinem Lehnsessel hoch, ging zum Schreibtisch und öffnete eine Lade. »Wir alle miteinander - Henry und Katy und die Kinder und ich. Und wie durch ein Wunder«, fügte er, nachdem er einen Augenblick raschelnd zwischen...

Dateiformat: EPUB
Kopierschutz: Wasserzeichen-DRM (Digital Rights Management)

Systemvoraussetzungen:

Computer (Windows; MacOS X; Linux): Verwenden Sie eine Lese-Software, die das Dateiformat EPUB verarbeiten kann: z.B. Adobe Digital Editions oder FBReader - beide kostenlos (siehe E-Book Hilfe).

Tablet/Smartphone (Android; iOS): Installieren Sie bereits vor dem Download die kostenlose App Adobe Digital Editions (siehe E-Book Hilfe).

E-Book-Reader: Bookeen, Kobo, Pocketbook, Sony, Tolino u.v.a.m. (nicht Kindle)

Das Dateiformat EPUB ist sehr gut für Romane und Sachbücher geeignet - also für "fließenden" Text ohne komplexes Layout. Bei E-Readern oder Smartphones passt sich der Zeilen- und Seitenumbruch automatisch den kleinen Displays an. Mit Wasserzeichen-DRM wird hier ein "weicher" Kopierschutz verwendet. Daher ist technisch zwar alles möglich - sogar eine unzulässige Weitergabe. Aber an sichtbaren und unsichtbaren Stellen wird der Käufer des E-Books als Wasserzeichen hinterlegt, sodass im Falle eines Missbrauchs die Spur zurückverfolgt werden kann.

Weitere Informationen finden Sie in unserer E-Book Hilfe.


Download (sofort verfügbar)

9,99 €
inkl. 19% MwSt.
Download / Einzel-Lizenz
ePUB mit Wasserzeichen-DRM
siehe Systemvoraussetzungen
E-Book bestellen

Unsere Web-Seiten verwenden Cookies. Mit der Nutzung dieser Web-Seiten erklären Sie sich damit einverstanden. Mehr Informationen finden Sie in unserem Datenschutzhinweis. Ok