Krisenimperialität

Romreferenz im US-amerikanischen Empire-Diskurs
 
 
Campus (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 14. August 2014
  • |
  • 454 Seiten
 
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978-3-593-42467-5 (ISBN)
 
»Are we Rome?« Die Identifizierung mit Rom und dessen Legitimationsformeln politischer Herrschaft, aber auch das Menetekel vom Untergang der Römischen Republik zählen seit dem 18. Jahrhundert zu den Narrativen US-amerikanischer Selbstverständigung. Neu ist jedoch die Vielfalt, mit der zuletzt in den USA die einst antiimperialistische Projektion auf das republikanische Rom durch Aufwertungen des früher verhassten Imperium Romanum relativiert wurde, um daraus - so kann es diese Studie zeigen - zustimmungsfähige Imperiumsvisionen zu schöpfen.
Ausgezeichnet mit dem Dissertationspreis 2014 der Bayerischen Amerika-Akademie.
  • Dissertationsschrift
  • |
  • LMU München 2012
  • Deutsch
  • Frankfurt / New York
  • Neue Ausgabe
  • 18,78 MB
978-3-593-42467-5 (9783593424675)
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Sebastian Huhnholz ist Politikwissenschaftler am Geschwister-Scholl-Institut der Ludwig-Maximilians-Universität München und Mitglied des Sonderforschungsbereichs 644 »Transformationen der Antike« der Humboldt-Universität zu Berlin.
Inhalt
Vorwort 9
Einleitung
"Rome, AD . Rome, DC" 13
Zum Vorgehen 32
I"Are we Rome?"
1Warum Antike? 43
2Warum Imperium? 59
3Warum Rom? 72
4Warum Krise? 79
II Imperiale oder Internationale Beziehungen?
1Was ist "außenpolitisch"? Alt- und Neubeschreibungen der "Welt", ihrer politischen Gestalt und Gestaltung 87
2Gleichheitsfragen zwischen republikanischem Staatenbund und imperialem Reich 109
3Zum Ewigen Frieden Roms 141
4Imperialitätsmanagement zwischen Ordnung und Konflikt 158
III"The Founders and the Classics"? Die frühamerikanische Neo-Antike
1Culture of Classicism - Die Erfindung und Amerikanisierung der Antike 175
2The Founders and the Classics - Die "Alten" als traditioneller Referenzkorpus 198
3Translatio imperii et studii, Atlantische Revolution oder exzeptionelle Amerikanische Revolution? 213
4Antiimperialismus als imperiale Finalisierungsgeschichte 239
Exkurs
Go West! Die frontier als gegenmythischer Anti-Limes von Frederick Jackson Turner bis Star Trek 255
IVTransposition Roms? Der inneramerikanische Diskurs um ein American Empire im Wandel
1"A very funny sort of empire"? Erste Reflexe und spätere Phasen der American Empire-Debatte 277
2Vormärz, think tanks, "Leo-cons"? Imperiale Eliten als deutende Eliten 319
3Caesar oder Caesaren? Zur diskursiven Verwandlung republikanischer Krisenfiguren 339
Schlussbetrachtung
"Weltreiche des Geistes" oder "Rückkehr der Geschichte"? 359
Literatur 399
Einleitung
"Rome, AD . Rome, DC"
"America is not the crude stereotype of a self-interested em-pire. The United States has been one of the greatest sources of progress that the world has ever known. We were born out of revolution against an empire. We were founded upon the ideal that all are created equal, and we have shed blood and struggled for centuries to give meaning to those words - within our borders, and around the world. We are shaped by every culture, drawn from every end of the Earth, and dedicated to a simple concept: E pluribus unum - Out of many, one."
Barack Obama, An die muslimische Welt, 2009.
Am Anfang der nordamerikanischen Republik steht Rom. Zuhauf hatten sich zum Ausgang des 18. Jahrhunderts die später "Gründerväter" ge-nannten, klassisch gebildeten Revolutionäre lateinische Pseudonyme gege-ben. Diese sollten sie selbst und ihre "Römische Periode" als Erneuerer des später "Republikanismus" genannten Bürgerhumanismus ausweisen, und spezieller noch: als die legitimen Erben und aufrechten Verteidiger eines explizit römischen Republikanismus.
Gute zweihundert Jahre später, zu Beginn unseres Jahrhunderts, kehrte Rom erneut auf die politische Bühne der Vereinigten Staaten zurück. Diesmal jedoch tritt es weniger als republikanische Chiffre poli-tisch besorgter antiimperialer Revolutionäre auf. Vielmehr nun dient Rom als ein streitbares imperiales Selbstdeutungsmuster die rigide Außenpolitik der USA und deren Folgen für die innerrepublikanische Verfasstheit betreffend.
Manche europäische Beobachter gingen fehl oder wenigstens zu kurz in der Annahme, die jüngste Selbstvergleichskonjunktur mit Rom verschulde sich einzig der transatlantisch angeheizten, als American Empire-Polemik geführten Großdebatte um den im Nachklang von 9/11 unilateral geführten, militärischen und missionarischen Interventionismus der USA im Mittleren Osten. Häufig übersehen oder verkannt wurde, dass sich zusätzlich zu dieser (im weitesten Sinne sicher als imperialer Treuetest oder hegemonialer Bündniszwist verstehbaren) transatlantischen Auseinandersetzung über amerikanische Imperialität ein inneramerikanischer Krisendiskurs um das dortige Rombild zu etablieren begann. Dieser Krisendiskurs, samt seiner nationalgeschichtlichen Ursprünge, seiner politischen Voraussetzungen, sprachlichen Einkleidungen und besonderen Konsequenzen, ist Gegenstand des vorliegenden Buchs.
Denn die aus einer speziellen Tradition nordamerikanischer Classics er-wachsene und daher zuvorderst selbstreferentiell amerikanische Frage nach der Relevanz der Metapher "Rome, AD . Rome, DC" vorschnell als weltpolitische zu interpretieren oder Rom nur als eines von vielen möglichen Vergleichsimperien der USA zu begreifen, dürfte die suggestive Kraft des Selbstabgleichs an Rom unterschätzen. Wenn die amerikanischen Gründerväter antike Verfassungsmodelle und die überlieferte Geschichte der römischen Republik als einen bürgerhumanistischen Spiegel ihrer Revolution nutzten, ja wenn, so Mortimer Sellers in einer luziden Pointierung, die Ratifizierung der US-Verfassung als die wahre "res publica restituta" verstanden werden müsse, dann sind jüngere Versuche, nationalpolitisch tradierte Selbstvergleiche mit Roms Republik um imperiale Bezugnahmen auf das Imperium Romanum zu erweitern, weder als beliebige zu klassifizieren noch als bloß spezielle unter anderen Vergleichsoptionen zu belächeln.
Vielmehr ist anzunehmen, dass die Wiederaufnahme und Aktualisie-rung eines dermaßen verfassungsinterpretatorisch einschlägigen und zivil-religiös, ja eschatologisch geladenen antikereferentiellen Deutungsmusters nicht zufällig oder absurd ist. Der Dornröschenschlaf des Romnarrativs hatte in den USA sehr lange gedauert. Seine jüngste, hektische und binnen Jahren vollzogene Beendigung ist daher nicht zu verharmlosen.
Dies gilt zumal, da die Wiedererweckung des antiken Großmotivs zwar mit der übereifrigen Produktion von vordergründig zunächst un-systematischen Bedeutungstransformationen einherging, diese neuen Be-deutungen aber, wie zu zeigen sein wird, ältere nordamerikanische Romnarrative im Diskursverlauf inhaltlich Stück für Stück variierten, ihres republikanischen Charakters entkleideten und sie auf Imperialität hin transponierten.
Diese Transposition des Rombildes von einem republikanischen auf einen imperialen Selbstbeobachtungsstandpunkt mag kein unbefangenes Bekenntnis zum Imperium implizieren. Wohl aber ermöglicht dieser dis-kursive Positionswechsel den legitimationspolitisch bedeutsamen Brücken-bau zu einer auch republikanisch selbstverständlicheren, um nicht zu sa-gen: demokratisch zustimmungsfähigen Imperialität. Denn die innerameri-kanische Darstellung von Römischem, ihr Abgleich an der Antike, und die unterhalb dessen erkennbare Transposition der alten inhaltlichen Leitre-ferenz >Römische Republik< in den nunmehr dominierenden historischen Referenzzeitraum >Kaiserreich< wurden kürzlich binnen weniger Jahre zu einem immer unverblümteren politischen Stellvertretungs-, kulturellen Spiegel- und zivilisatorischen Selbstvergewisserungsdiskurs im amerikanisierten Medium antikereferentieller Identitätsnarrative.
Dieser im Folgenden zu führende Nachweis einer Imperialisierung des vordem republikanischen Rombildes in der politischen und teils auch der populären Kultur Nordamerikas kann und wird aber keine vormalige Ein-deutigkeit nunmehr anachronistischer Antikeimaginationen unterstellen. Das Rombild war stets Träger diskursiver Varianz. Von jeher diente es der politischen Inbetriebnahme und wurde politischen Eliten noch immer seitens einflussheischender Intellektueller fungibel gemacht. Die Antike ist die älteste ideologische Machtressource der Moderne, und sie ist dies nicht allein narrativ. Denn selbst ungeachtet von Bewertungen, ob das je Vorfindliche zu begrüßen oder abzulehnen sei, bleibt ein simpler Zusam-menhang: Weder ist ohne Bezugnahme auf das Alte das Neue neu; noch vermag das Neue ohne sachte angepassten Rekurs auf Vergangenes, im Schein historischer Erhabenheit zu glänzen.
Daher schlummern im Rombild zugleich beide narrativen Extreme, von denen her sich auch die Geschichte der Vereinigten Staaten Amerikas traditionell erzählen lässt. Der eine Pol überliefert uns die überwältigend glorreiche Erzählung einer von selbstbewussten und klugen Tatmenschen, von Meistern politischer Tugenden gegen imperiale Widerstände zielstrebig errichteten Demokratie: Auf der Schwelle zur Moderne brach Amerika mit den fatalen Gesetzen der Geschichte und konnte so nicht nur zum aufgeklärten Vorbild der gesamten Menschheit werden, sondern sogar noch "the greatest lawgivers of antiquity" in den Schatten stellen, so unbescheiden John Adams, der Nachfolger George Washingtons im Präsidentenamt.
Der andere Pol erzählt von einem Kolonialisierungsprozess. Dieser hatte durch Völkermord, Landraub und Sklavenimport binnen weniger Jahrzehnte selbst ein zunächst binnenkontinentales Imperium hervorge-bracht, ihm zur Mitte des 19. Jahrhunderts eine expansionistische Ideologie als manifest destiny beigegeben, zu Beginn des 20. Jahrhunderts das Weltreich der Briten abgelöst und half nicht zuletzt mittels überragender kapitalistischer Verfahrenstechnologien, das Reich Hitlers zu besiegen. Im Zuge solcher longue durée war man in die Position eines Welthegemons gelangt und rang schließlich sogar die Sowjetunion nieder, wodurch fortan außenpolitische Rücksichtnahme entbehrlich und der prekäre Status eines ersten wahrhaft weltweiten empire greifbar wurde.
Die erste Erzählung fokussiert auf Demokratie, Vorbildlich- und Ein-zigartigkeit. Die zweite Variante thematisiert die ungleich vertrautere Ge-schichte einander ablösender Großreiche und ihrer Verführbarkeit zur Macht. So spiegelt sich darin auch die geschichtsphilosophische Opposi-tion zwischen Fortschritt und Ewiger Wiederkehr, zwischen Aussicht auf Unsterblichkeit und Schicksal, zwischen Moderne und Antike, zwischen linearem und zyklischem Weltbild, dem Verlauf oder aber dem Kreislauf der Historie, dem >Ende< oder aber dem >Rad< der Geschichte.
Es wäre gleichwohl zu kurz gegriffen, beide Geschichten als distinkte zu erzählen. Auch die eine Seite als amerikanisch zu stereotypisieren, die andere als antiamerikanisch zu diffamieren, mithin bloß zwischen Selbst- und Fremdbeschreibung zu differenzieren als wären beide einander nicht komplementär, hilft allenfalls bedingt weiter. Denn beide Narrative und deren Variationen sind Beobachtern der Vereinigten Staaten seit jeher vertraut. Doch sind beide Narrative einander auch engstens verbunden, waren sie bislang noch immer deutlich als divergierende Interpretamente identischer Sachverhalte erkennbar. Beide Pole waren gewissermaßen Ab-bilder ideologisch vorgeprägter Parteinahme: Wie ein Autor amerikanische Geschichte erzählte, gab Auskunft darüber, wo er ideolo-gisch stand.
Nachträglich mag derlei albern wirken. Die europäisch dominierte Weltgeschichtsschreibung jedenfalls bevorzugt es mittlerweile, beide Linien parallel zu stellen und als kontingente Einheit zu denken statt anzunehmen, Exemption und Expansion seien konfrontativ und ließen sich nur als unweigerlich dialektische, geschichtsmächtig aufeinander verweisende Vektoren verstehen. An ältere Arbeitsthesen wie etwa die vom Aufstieg des amerikanischen Imperialismus und derlei wird also kaum mehr angeknüpft. Insofern kompensiert die seit einigen Jahren rasant angewachsene Globalisierungs-, Imperien- und transnationale Historiographie in Gestalt von Weltgeschichtsschreibung manche Defizite und Irrtümer, die der Verengung auf National- als zugleich Sozial- und Kulturgeschichte des 19. und der ideologischen Polarität des 20. Jahrhunderts zuzurechnen waren.

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