Inspektor Kajetan und die Sache Koslowski - Walching

Zwei Fälle in einem Band
 
 
btb (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 11. Mai 2020
  • |
  • 480 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-27063-6 (ISBN)
 
Dieser Doppelband enthält die Romane "Inspektor Kajetan und die Sache Koslowski" & "Walching"

Inspektor Kajetan und die Sache Koslowski:

In den Wirren der Räterepublik verschwindet in München der Journalist Meiniger. Nachdem sein Leiche gefunden wird, beginnt Inspektor Kajetan mit höchst gefährlichen Recherchen. Offenbar war Meiniger dabei, die Hintergründe des Attentats auf Kurt Eisner aufzudecken.

Walching:

Winter 1922: Im kleinen Alpendorf Walching wird ein junges Mädchen ermordet aufgefunden. Alles deutet darauf hin, dass drei Vagabunden die Täter sind, doch als Kommissar Kajetan mit seinen Ermittlungen beginnt, gibt es genug Anlass, misstrauisch zu werden.

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
btb
  • 1,20 MB
978-3-641-27063-6 (9783641270636)
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Robert Hültner wurde 1950 in Inzell geboren. Er arbeitete unter anderem als Regieassistent, Dramaturg, Regisseur von Kurzfilmen und Dokumentationen, reiste mit einem Wanderkino durch kinolose Dörfer und restaurierte historische Filme für das Filmmuseum. Für seine Inspektor-Kajetan-Romane wurde er vielfach ausgezeichnet, unter anderem dreimal mit dem Deutschen Krimipreis und mit dem renommierten Glauser-Preis. Robert Hültner lebt in München und in einem Bergdorf in den südfranzösischen Cevennen.

2


Die Riemerischen waren bei den meisten Hallbergern bereits vergessen, als das letzte Familienmitglied in der Düsternis einer geschlossenen Anstalt verstorben war. Die Geschichte dieser Familie war schließlich auch keine besondere. Was diese so vernichtend getroffen hatte, geschah auch anderen und geschah zu oft in jenen Jahren, als dass die Tragödie Einzelner noch wahrgenommen werden konnte. Haushalten musste ein jeder mit seinem Mitleiden, nicht zu oft, nicht zu tief durfte man sich erschüttern lassen in diesen Zeiten nach dem großen Krieg.

In Vergessenheit geriet das Schicksal der Riemerischen aber auch deshalb, weil dabei vieles so eigenartig, so verstörend verlief und sich nicht mehr einfügen wollte in das, was bisher von den Dingen des Lebens bekannt war.

So wäre es nach all der Zeit auch schwer, den Ort zu finden, an dem einmal das Gehöft der Riemerischen stand. Nichts in diesem abgeschiedenen, wüst verbüschten Teil des Hallberger Hochlandes markiert mehr die Stelle, und wer sich, nach mühevollem Studium alter Kataster, danach auf die Suche machen würde, fände am bezeichneten Ort nur noch mürbes Unterholz, hohes Kraut über moosigem Grund, wenige kniehohe, von Immergrün und Unkraut überwucherte, von Wurzelwerk gesprengte Mauerreste und, weitab vom nervösen Lärm des Perthenzeller Tals, einen dunklen, toten Frieden.

Sind sie wieder so recht verloren in den rasch dahineilenden Zeiten, dann erdichten sich die Städter gern ein Bild des Bauern, der seit Jahrhunderten in angestammter Scholle verwurzelt sei. Obgleich es natürlich Höfe gab, die seit Jahrhunderten im Besitz einer Familie waren, so traf dies für die Riemerischen genauso wenig wie für die meisten der anderen Bauern des Hallberger Hochlandes zu. Viel häufiger geschah es, dass Gebäude und Ländereien wieder und wieder ihre Besitzer wechselten. Da genügte es, wenn ein tödliches Unglück den Bauern aus der Arbeit riss und sich die Witwe nicht sofort wieder verheiraten konnte. In jedem Winter passierten schreckliche Unfälle beim Holzschlag; unverständiges Hantieren mit dem erst um die Jahrhundertwende eingeführten elektrischen Strom raffte Männer wie Frauen dahin, und eine für die Bergregion absurd hohe Zahl der Bewohner fand den Tod durch Ertrinken.

Es genügte jedoch auch bereits, wenn der Hoferbe dem Alkohol ergeben war oder einfach nur schlecht wirtschaftete und sich zu hoch verschuldete. Konnte der heimatliche Hof vor einer Versteigerung bewahrt werden, so waren Verkauf und Abwanderung die letzte Möglichkeit, der völligen Verarmung zu entgehen. Nicht wenige waren in den vergangenen Jahrzehnten aufgebrochen, um jenseits des Ozeans ein neues Leben zu beginnen. Ihnen fiel der Abschied nicht sonderlich schwer. Entschlossen schnürten sie den Packwagen und schlugen zornig auf das Zugtier ein. Dann weinten und lachten sie und sahen nicht mehr zurück.

Freilich finden sich die von der Arbeit in die Landschaft gravierten Spuren auch in den Seelen der Menschen, und natürlich gibt es sie, diese in Traum und Gemüt geflochtene Bindung an den Ort der Kindheit. Doch nichts Mythisches ist daran, nichts Geheimnisvolles, keine gleichsam in die Körper getränkte, ins Blut übergegangene Erdverwurzelung. Für das Entstehen dieser oft so leichtmütig abgeworfenen Bindung waren auch keineswegs Jahrhunderte nötig. Wenige Jahre, in denen die Menschen der Erde ihr Überleben abtrotzen mussten, genügten dafür. Und schließlich beginnen sie ihn auf seltsame Weise zu lieben, diesen schweigenden, mächtigen Widerpart, der in einem Jahreslauf reiche Ernten auf sonnenbeschienenen, fett aufbrechenden Äckern schenkt, im nächsten in gleicher Gelassenheit heulende Unwetter, zu Tal dröhnende Muren und alles erstickende Winter mit sich führt.

Zu den schlichten Werkzeugen, mit deren Hilfe dieser kraftzehrende Kampf bestanden werden kann, gehört auch ein mit allen Nachbarn geknüpftes haltbares Netz gegenseitigen Beistands. Nichts mit Moral, allein mit praktischer Vernunft hat dies zu tun, und bei allen Konflikten wird ein wärmendes Ritual daraus gewonnen, dessen gelegentlich ungeschlachte Deutlichkeit weit entfernt von allem ist, was in den Städten oft an leerer Höflichkeit zelebriert wird. Und auch wenn prunkvolle Kulte dem zu widersprechen scheinen, hatte dies nichts mit Religion zu tun. Die Riten der römischen Kirche wurden nur benutzt, war diese doch klug genug, althergebrachte Mythen zu bemänteln. Und sie wurden ebenso ignoriert, wenn sich ihre Lehren zu sehr gegen das Leben sperrten. So war es nicht nur bei den Hallberger Bauern der gute Brauch, dass die Männer beim sonntäglichen Kirchgang erst nach der Predigt in ihre Stühle traten, und so fiel es auch nur den Bigotten ein, eine junge Magd bloß deswegen schief anzuschauen, weil sie ein lediges Kind geboren hatte. Allseits wurde befunden, dass es schließlich Schlechteres gab, was einem ansonsten fleißigen jungen Mädchen nachgesagt werden konnte.

Längst vergessen ist auch, wie die Riemerischen ins Land kamen. Von den Hallberger Alten würde sich nur noch der Steinhauser-Vater bei einer sonntäglichen Schale Kaffee, seinen köstlich stinkenden Landtabak genießend, daran erinnern können, und auch er war damals erst ein Bub, wie in den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts ein zweitgeborener Sohn aus der Weißbacher Gegend das abgelegene, bereits sehr heruntergekommene Riemerlehen mit etwas glücklichem Erbgeld, den wenigen Ersparnissen seiner Frau und wagemutig eingegangenen Verschuldungen erworben hatte. Kaum waren die Güsse des späten Frühjahrs vorüber, begann er mit der Instandsetzung des Hofgebäudes.

Der alte Steinhauser würde vielleicht auch noch davon sprechen, dass es dabei zu einer Begebenheit gekommen war, über welche die Riemerischen später nur noch nach eindringlicher Aufforderung reden wollten.

Als nämlich einer der vom Wurm bereits zerfressenen und von Feuchtigkeit angegriffenen Balken aus der Kaminmauer gelöst wurde, fiel eine senkrecht eingelassene Kalksteinplatte zu Boden. Sie gab den Blick auf eine schmale, handbreite Öffnung frei, welche in eine kleine Höhlung im Innern der Mauer führte. Der Bauer geriet sogleich in Aufregung, hatte man doch hier und dort von diesen geheimen Verstecken gehört, in denen die Leute in früheren Zeiten ihre bescheidenen Reichtümer gegen Diebe oder marodierende Soldaten sicherten. Doch in der Nische fand sich nichts als ein von Ungeziefer nahezu zerfressenes, an einigen Stellen von kalkigem Sickerwasser bereits mineralisiertes Buch.

Der Gemeindepfarrer, dem dieses in ehrfürchtiger Scheu überbracht wurde, verlor darüber augenblicklich seine väterliche Fasson. In hohem Bogen warf er das Buch in das Herdfeuer und kam am nächsten Tag gar zum Entsetzen der Riemerischen und im Gefolge zweier verständnislos dreinblickender Ministranten in vollem Ornat und mit in tiefste gefurchtem Gesicht, um Satan dem noch unfertigen Riemerlehen auszusegnen. Seiner undeutlichen, in viele lateinische Begriffe gekleideten Erklärung glaubten zwei der auswärtigen Zimmerer entnehmen zu können, dass es sich bei dem rätselhaften Fund um eine Bibel der Lutherischen gehandelt haben musste, die vor vielen Jahren aus dem Perthenzeller Land vertrieben worden waren.

Umso mehr würde der alte Steinhauser bestätigen können, dass die Zuzügler in der Gnotschaft, wie die Hallberger ihre Gemeinde nannten, bald gut gelitten waren. Ihr Fleiß, ihre rechtschaffene Art wurden anerkannt, ihre fröhliche Lebenszugewandtheit gerne genossen. Der Riemer, dieser Name wurde alsbald auf die neuen Bewohner des Lehens übertragen, spreizte sich nicht lange, wenn bescheidene Festivitäten das Arbeitsjahr unterbrachen, und auch die Riemerin lachte gern, tanzte gern und gut und in aller Ehr.

Nicht mit allen waren die Riemerischen Freund. Doch jedem Schandmaul, das Ungutes bei ihnen entdeckt haben wollte, wurde spätestens dann hart über die dumme Red gefahren, als jeder den Riemer nach dem Brand des Steinhauslehens gesehen hatte. Ohne viel Worte hatte der Bauer eine große Fuhre Bauholz, das für einen Anbau am Riemerlehen vorgesehen war, herangezogen. »Wann gehts auf?«, hatte er den Dank der noch ganz verzagten Nachbarn abgewehrt.

Kein Streit, den es auch bei den Riemerischen gelegentlich gab, dauerte lange. Bauer und Bäuerin gefielen sich schließlich immer wieder, wirtschafteten trotz aller Schuldenlast gut und gingen in bedächtiger Liebe miteinander um. Der erste Sohn wurde der Riemerin geboren, als das Haus gerade fertig war. Die Bäuerin hatte zuvor wie ein Mannsbild mitgewerkt, und so ließ ihr die Erschöpfung der vorangegangenen Monate die Geburt schwer werden. In den folgenden Jahren starben zwei weitere Kinder wenige Tage nach der Geburt, bis die Riemerin mehr als ein halbes Jahrzehnt, nachdem ihr erster Sohn das Licht der Welt erblickt hatte, Zwillingen das Leben schenkte. Die größte Not der ersten Jahre war zu jener Zeit bereits vorüber und ließ die beiden überleben, obwohl das Mädchen bereits bei der Geburt einen anfälligen Eindruck gemacht hatte. Im Gegensatz zu seinem Bruder, der zu einem kräftigen Buben heranwuchs, wurde es des Öfteren von schweren Erkrankungen heimgesucht. Die leichte, fast unauffällige körperliche Behinderung, die sich daraus entwickelte, wurde jedoch als eine Art göttlicher Beschluss hingenommen, und das Mädchen wurde mit gleicher Liebe und Fürsorge erzogen, wie sie auch den Söhnen zuteilwurde. So lächelte sie lieb und wollte nichts verstehen, als sie am ersten Schultag wegen ihres leichten Hinkens verspottet wurde, und hielt sich weiter an die heitere Wärme ihres Elternhauses.

Gegen Ende des Jahrhunderts wendete sich die Lage der Hallberger spürbar zum Besseren. Begüterte Sommerfrischler fanden sich ein und...

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