Abbildung von: Er rief mich aus der Dunkelheit - SCM Hänssler

Er rief mich aus der Dunkelheit

Eine Tochter des Himalaya findet Jesus
SCM Hänssler (Verlag)
1. Auflage
Erschienen am 15. Januar 2024
224 Seiten
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978-3-7751-7628-6 (ISBN)
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"Du Vaterlose!" Das schlimmste aller nepalesischen Schimpfwörter warf die Mutter ihrer Tochter Maina an den Kopf. Von klein auf versuchte Maina, sich den Segen der Götter zu erarbeiten. Doch statt Hoffnung und Licht fand sie nur Verzweiflung und Dunkelheit. Bis ihre Schwester sie eines Tages mit zu einem Treffen von sogenannten "Christen" nahm. Das würde ihr Leben für immer verändern.
Elizabeth Huck (Jg. 1969) lebt in Breisach am Rhein und arbeitet seit 1999 zusammen mit ihrem Mann Thomas bei "Jugend mit einer Mission". Vor über 26 Jahren gründete sie in ihrem Heimatland Nepal den Barmherzigkeitsdienst Right-Perspective, um dort Menschen mit Schulbildung und Evangelium zu erreichen. https://right-perspective.org/

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DAS HARTE LEBEN MEINER MUTTER


Bergdorf im nordöstlichen Himalaya, Nepal 1945


»Auf, wasch dich! Mach dich schön!« Der Ton des Stiefvaters meiner Mutter war barsch wie immer, als er vom ersten Stock des Hauses zu ihr herunter in den Hof rief.

Ihre Finger klammerten sich fester um den großen Holzstößel in ihren Händen. Sie hielt in der Bewegung inne, mit der sie das Holzstück im Getreidegefäß auf und ab getrieben hatte. Mit ihren 15?Jahren war sie noch ein Teenager, doch Träume hatte sie keine.

»Mich schön machen? Warum sollte ich?« Widerwillig sah sie zur Holzveranda auf, die vor den mit Natursteinen gemauerten Wänden ins Freie führte. Von diesem Mann, dem Ehemann ihrer Mutter, hatte sie in all den Jahren ihres jungen Lebens nichts Gutes erfahren. Ihr eigener Vater war gestorben, als sie noch klein gewesen war, und sie trug an ihn nur eine blasse Erinnerung in sich.

»Dein Bräutigam kommt heute mit deinen künftigen Schwiegereltern. Sorg dafür, dass sie dich nehmen!« Er kniff die Augen zusammen. »Höchste Zeit, dass du hier verschwindest.«

Die junge Frau erstarrte. Ein Bräutigam? Heute?

Panik stieg in ihr auf und sie fühlte, wie ihr die Knie weich wurden. Für einen Moment stützte sie sich schwankend auf den Stößel und atmete tief durch. Natürlich hatte man sie nicht für Wert befunden, die geplante Hochzeit mit ihr zu besprechen, geschweige denn, sie nach ihren Wünschen zu fragen. Schließlich war sie eine Vaterlose, ohne Recht auf Status und Ansehen, nur der unerwünschte Balg ihrer Mutter, den der neue Ehemann bei der Heirat der Witwe in Kauf genommen hatte.

»Ich mach das hier erst fertig!«, blaffte sie in Richtung des Hauses zurück und hob den Stößel aufs Neue, um die Gerstenkörner zu zerstampfen, die am Abend geröstet und mit Buttertee verknetet als Dhindo gegessen würden. »Der Bräutigam soll warten oder mich nehmen, wie ich bin.« Sie triumphierte innerlich, als sie sah, wie dem Trunkenbold die Kinnlade herunterfiel. Längst hatte sie ihr Herz hart wie die Felsen der Berge gemacht, damit ihr die ständigen Schläge und bösen Worte nichts mehr anhaben konnten.

Ein Schatten im Augenwinkel ließ sie herumfahren.

Der Stiefvater hatte plötzlich einen schweren Holzprügel in der Hand und warf ihn voller Wucht von der Veranda nach ihr.

In letzter Sekunde wich sie aus.

Der schwere Holzstößel landete mit einem Knall neben ihr auf dem Boden. Ihr Atem ging flach, während sie in den Unterstand der Tiere zwischen die Kühe flüchtete. Hätte der Stiefvater sie getroffen, so hätte der Balken ihr wohl den Schädel zertrümmert oder sie auf der Stelle getötet. Auf jeden Fall hätte sich der Bräutigam samt Eltern den Weg sparen können.

Die Ehe meiner Eltern begann nicht gerade romantisch.

Zu dieser Zeit waren so gut wie alle Ehen in Nepal arrangiert und auch heute noch werden viele Brautleute von den Eltern zusammengeführt. Was nicht bedeutet, dass diese Ehen zwangsläufig schlecht sein müssen - im Gegenteil, im Falle meiner Eltern durfte meine Mutter feststellen, dass nicht jedes männliche Wesen ein Ungeheuer war. Mein Vater Man Singh Lama war ein guter und freundlicher Mann.

Seine Familie gehörte genau wie sie selbst zum Stamm der Tamang, der in Nepal unter anderem in den Bergen des Himalayas nordöstlich von Kathmandu beheimatet ist. Die etwa 30 Millionen Einwohner in unserem Land gehören nicht alle ein und demselben Volk an, sondern sind eine bunte Mischung aus vielen verschiedenen Stämmen. Getrennt durch hohe Berge und tiefe Täler hat jedes der etwa 100 Völker in Nepal über Jahrhunderte seine eigenen Sitten, Bräuche, religiöse Riten und Dialekte bewahrt. Doch sprechen viele auch die Landessprache Nepali.

Meine Mutter kam jedenfalls als Jugendliche durch ihre Heirat auf einen ansehnlichen Hof mit vielen Feldern und Tieren. Sie konnte sich glücklich schätzen - für eine »Vaterlose«, so schimpfte man Halbwaisen, hatte sie es nicht schlecht erwischt.

Mein Vater, damals gerade 17?Jahre alt, gewann seine junge Frau lieb und gab sich alle Mühe, ihr ein guter Ehemann zu sein. Doch er hatte als ältester Nachkomme und Erbe der Familie in erster Linie die Pflicht, den Eltern ein guter Sohn zu sein.

Das Leben einer frischverheirateten jungen Frau war damals nicht einfach. Von einer Schwiegertochter erwartete man, dass sie sich widerspruchslos in die Lebensweise und die Traditionen der Familie ihres Ehemannes einfügte. Als Schwiegertochter musste man hart arbeiten - und das unter der strengen Aufsicht der Schwiegermutter.

In ihrem neuen Heim war meine Mutter frühmorgens die Erste, die aufstand, Holz sammelte, Wasser schleppte, das Vieh fütterte, die Herdstelle anfeuerte, kochte, den Männern das Essen in die Reisfelder auf den Bergterrassen hinterhertrug, das Feld mitbestellte und die Ernte einbrachte.

Die hatte einst selbst auf der untersten Stufe der Karriereleiter als Schwiegertochter begonnen - und nun das Recht, alle jemals erfahrene Behandlung der nächsten jungen Frau zuteilwerden zu lassen. Dazu gehörte in dieser Kultur auch, dass die Schwiegertochter als Letzte von allen aß - und zwar die Reste. Die fielen zuweilen so kärglich aus, dass mein Vater heimlich Essen während den Mahlzeiten zurückbehielt, um es in einem günstigen Moment seiner Frau zuzustecken. »Lahkah, lahkah«, flüsterte er dann - »Hier, iss schnell.«

Obwohl sich meine Mutter größte Mühe gab, konnte sie doch ihre wichtigste Pflicht nicht erfüllen: einen Jungen zu gebären.

In Nepal sowie im gesamten indischen Kulturraum ist es sehr wichtig, männliche Nachkommen zu haben. Söhne sind der Stolz der Familie! Mädchen gelten im Blick auf die Mitgift eher als Last - vor allem für ärmere Familien. Bei der Heirat verlassen Töchter schließlich ihr Elternhaus, während Söhne das Geschäft oder den Hof der Eltern weiterführen.

Vor diesem Hintergrund ist der Wunsch meiner Eltern nach männlichen Nachkommen verständlich. Bei der Geburt der ersten Töchter hielt mein Vater noch tapfer zu meiner Mutter und verteidigte sie seinen wütenden Eltern gegenüber.

Stolz nannte er seine erste Tochter Nariwal, was in unserer Sprache »Kokosnuss« bedeutet. Meine zweite Schwester bekam den Namen Moti, das heißt »Perle« oder »Edelstein«.

Sogar die Geburt der dritten Tochter feierten meine Eltern noch. Die Ankunft des Babys muss von glücklichen Umständen begleitet gewesen sein, wie etwa einer neuen, guten Arbeitsstelle, einer guten Ernte oder Glück im Spiel. Ich weiß nicht, was es genau war, auf jeden Fall haben sie das Neugeborene Laxmi - »Glücksbringerin« - genannt. Damit versuchten sie sich auch die Gunst der Göttin Laxmi zu sichern, die nach hinduistischem Glauben für Schönheit, Fruchtbarkeit und Reichtum zuständig ist.

RELIGION


Offiziell ist Nepal ein hinduistisches Land. Etwa 80?% der Bevölkerung sind laut der letzten Volkszählung Hindus, 9?% Buddhisten, 4?% Moslems und 1,4?% Christen. Der Rest verteilt sich auf kleinere Religionsgruppen. Die beiden Hauptreligionen Buddhismus und Hinduismus sind eng miteinander verwoben, und viele Nepalesen sehen sich als Anhänger beider Religionen.2

Als nach der vierten Tochter, Suk Maya, dann noch meine ältere Schwester Devki als weibliche Nummer fünf geboren wurde, riss selbst meinem gutmütigen Vater der Geduldsfaden. Ständig hatte er das Jammern und Gezeter seiner Eltern in den Ohren, die einen männlichen Erben forderten. Kurz nach Devkis Geburt geriet er mit meiner Mutter in einen heftigen Streit.

»Du bist unfähig, einfach unfähig!«, schrie er an einem Abend wütend, als sie bereits auf der Bettkante saß, die fünf Mädchen schon alle neben sich im gemeinsamen großen Bett. »Wann endlich bringst du einen Sohn zur Welt?«

Meine Mutter schluchzte hilflos im Bett und griff nach dem Baby, um es an die Brust zu nehmen. »Was soll ich denn noch tun?«

»Ich werde dir sagen, was ich tue?.« Mit funkelnden Augen trat er auf sie zu. »Ich werde diese Tochter den Bergfelsen hinabstürzen. Bring endlich einen Sohn zustande!« Mit diesen Worten griff er nach der Jüngsten in ihrem Schoß.

»Nein!« Meine Mutter umklammerte ihr Baby. »Niemals! Ich bekomme einen Sohn, ich verspreche es! Ich will noch mehr beten! Noch mehr die Gebetsmühlen drehen! Lass uns mehr den Göttern opfern, aber lass mir Devki!«

Doch mein Vater zerrte im Zorn an der Kleinen. Das Kind brüllte. Die anderen Mädchen wachten auf und schrien. Mutter weinte, doch sie ließ ihre Tochter nicht los und kämpfte um sie.

Nun ja, ich weiß nicht, wann und wie sich damals die Wogen wieder glätteten. Auf jeden Fall hielt meine Mutter irgendwann das gemeinsame Leben mit den Schwiegereltern und die ständige Forderung nach einem Enkelsohn nicht mehr aus. Aufgrund ihres willensstarken Charakters war sie ohnehin nicht die gefügige Schwiegertochter, die man in unserer Kultur erwartete.

»Klarer Fall, du bist verflucht«, bekam sie oft von der Schwiegermutter zu hören, die dafür drei Beweise anführte. »Du hast deinen Vater früh verloren und nicht das Glück gehabt, dass er dich erzogen hat, dein Stiefvater wollte dich nur loshaben und du bringst nur Mädchen zur Welt.«

Die Kämpfe mit der Schwiegermutter und ihre Demütigungen nahmen kein Ende. Im hohen Alter erzählte meine Mutter mir einmal, wie sie sich als junge Frau hübsch zurechtgemacht hatte und zu einem Dorffest in den Nachbarort aufbrechen wollte. Natürlich fiel der Schwiegermutter genau in diesem Moment eine neue Arbeit für die junge Frau ein. Doch meine Mutter...

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