Nackt im Grab

Kriminalroman
 
 
Gmeiner-Verlag
  • 2. Auflage
  • |
  • erschienen am 12. August 2020
  • |
  • 218 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8392-6548-2 (ISBN)
 
In Neuruppin wird die Leiche eines jungen Mannes gefunden, der nach einer bekannten Mafiamethode hingerichtet und danach nackt im Wald begraben wurde. Der Tote war offenbar ein kleines Rädchen im Uhrwerk einer Organisation, die illegale Arbeitertrupps vermietet und an Großbaustellen, wie dem BER, Millionen abzockt. Peter Heiland steht einem ungewöhnlich infamen Feind gegenüber. Wird es ihm gelingen, mit Unterstützung seines ehemaligen Chefs Bienzle, das Geflecht aus Bestechung, Erpressung und Mord zu zerreißen?
weitere Ausgaben werden ermittelt
Felix Huby, bürgerlich Eberhard Hungerbühler, 1938 im schwäbischen Dettenhausen geboren, arbeitete zunächst als Reporter und Redakteur bei einer Tageszeitung, wurde dann Korrespondent des SPIEGEL für Baden-Württemberg und schrieb 1976 seinen ersten Kriminalroman. Es folgten 19 weitere Romane um Kommissar Bienzle, dazu insgesamt 34 ARD-Tatorte mit den Kommissaren Schimanski, Palu, Stöver und Bienzle. Aus seiner Feder stammen über 20 Hörspiele, zahlreiche Fernsehserien und acht Theaterstücke. Huby wurde unter anderem mit dem »Ehrenglauser« für sein Gesamtwerk und mit der »Goldenen Romy« für das beste Drehbuch des Jahres 2007 ausgezeichnet. Seine Kriminalromane haben bis heute eine Auflage von über 1 Million Exemplaren erreicht. Der Schwabe Huby lebt seit 26 Jahren in Berlin.

1


Die Maschine aus Barcelona landete pünktlich. Das Gepäck kam schneller als erwartet. Peter Heiland, seine Frau Hanna und der kleine Heinrich, der stolz seinen eigenen kleinen Rollkoffer hinter sich herzog, traten auf die Straße hinaus. Ein schwacher Nieselregen ging nieder. Kurz leuchtete ein Polizeiblaulicht auf. Dann fuhr ein Auto heran und hielt bei dem Trio. Carl Finkbeiner stieg aus, nahm das Blaulicht vom Dach und verstaute es unter dem Fahrersitz. »Willkommen daheim!«

»Des hätt jetzt aber net sei müsse, dass du uns abholst«, sagte Peter Heiland. Wie so oft verfiel er ins Schwäbische, wenn er mit seinem Landsmann und Kollegen sprach.

Finkbeiner winkte ab und verstaute das Gepäck im Kofferraum des Dienstwagens. »Es ist eh nichts los bei uns«, sagte er und küsste Hanna auf beide Wangen. Dann klatschte er sich mit dem vierjährigen Heinrich ab wie ein alter Sportskamerad und schwang sich hinters Steuer. Wie immer trug er seine ausgewaschene beige Cordhose und einen braun-grün gestreiften Pulli.

»War's schön?«, fragte er, als er den Motor anließ.

»Himmlisch«, rief Hanna von der Rückbank. »14 Tage lang nur Sonne.«

»Ich kann jetzt sogar im Meer schwimmen«, ließ sich der kleine Heinrich hören.

»Und preiswert war das«, sagte Peter. »Eigentlich unverantwortlich: Wir fliegen für 258 Euro alle drei hin und zurück nach Mallorca.«

»Ich hab gar nichts gekostet«, krähte der kleine Heinrich.

»Das freut doch den Schwaben.« Carl Finkbeiner bog auf den Zubringer zur Autobahn ein.

»Aber klimafreundlich kann man das nicht nennen! Ich hab echt ein schlechtes Gewissen«, sagte Peter Heiland.

Sie hatten gerade die Zufahrt Adlershof passiert, als sich Carl Finkbeiners Handy meldete. Er schaltete die Freisprechanlage ein. »Finkbeiner hier.«

»Wo bist du?« Die Stimme kannten sie alle.

»Hallo, Jenny. Auf der A100 kurz vor Tempelhof«, antwortete Finkbeiner. »Was Wichtiges?«

»Schwer einzuschätzen. Mir gegenüber sitzt ein Mann, der behauptet, ein frisches Grab mitten im Wald entdeckt zu haben, und der fest daran glaubt, dass drin ein Mordopfer liegt.«

»Ein Verrückter«, meldete sich Peter Heiland, beugte sich vor und rief: »Hallo, Jenny, Peter Heiland hier.«

»Ach! Bist du wieder im Land?«

»Seit einer halben Stunde.«

»Umso besser, der Mann will unbedingt mit dir sprechen.«

»Mit mir? Kennt er mich denn?«

»Weiß nicht. Kennst du ihn? Er heißt Wassyl Grosni.«

»Den Namen hab ich noch nie gehört.«

»Er sagt, er komme aus der Ukraine und sei Polizist auf der Krim gewesen, bis die Russen dort die Macht übernommen haben.«

Peter Heiland sah auf die Uhr am Armaturenbrett. Es war kurz vor 19 Uhr.

»Nimm seine Personalien auf und bestell ihn für morgen zehn Uhr! Ich bin gegen neun im Büro.«

»Jawoll, Chef!«, antwortete Jenny Kreuters, leichte Ironie in der Stimme, fehlte nur, dass sie ein »Zu Befehl!« hätte folgen lassen.

Hanna lachte. »Kaum hast du deinen Fuß auf Berliner Boden gesetzt, bist du wieder voll im Job.«

Wassyl Grosni erschien pünktlich um zehn Uhr an der Pforte des Landeskriminalamtes am Tempelhofer Damm 12 und wurde von einem Beamten ins Besprechungszimmer der 4. Mordkommission gebracht. Peter Heiland und Carl Finkbeiner erschienen gleichzeitig mit dem Ukrainer an der Tür des kleinen Raumes. Das Angebot, Kaffee bringen zu lassen, lehnte der Besucher höflich ab. »Wir dürfen keine Zeit verlieren.« Er zog ein Blatt Papier aus der Innentasche seiner Jacke, breitete es auf dem Besprechungstisch aus und strich es mit der flachen rechten Hand glatt. »Ich habe die Lage des Grabs hier skizziert.«

Peter Heiland sah ihn an. Er schätzte den Mann auf 50 Jahre, er hatte ein gebräuntes, kantiges, fast viereckiges Gesicht. Die kurzen, feuerroten Haare standen nach allen Seiten ab. Seine Augen hatten die Farbe grauer Kiesel. Die Augenbrauen, genauso rot wie die Kopfhaare, waren dicht und über der Nasenwurzel zusammengewachsen. »Sie wollten unbedingt mit mir sprechen, aber wir kennen uns nicht.«

»Nein, wir kennen uns nicht, aber ich habe mich natürlich erkundigt.«

»Bei wem?«

»Spielt das eine Rolle? Jedenfalls wurde mir gesagt, Sie seien der Leiter einer Mordkommission und bekannt dafür, auch ungewöhnliche Wege zu gehen.«

»Und wer hat das gemeint?«

»Ich weiß nicht mehr genau. Ein Journalist, glaube ich. Wissen Sie, ich bin viel unterwegs. Ich muss lernen!«

»Was müssen Sie lernen?«

»Alles. Ich muss mir hier eine neue Existenz aufbauen, und das ist nicht einfach.«

»Na gut.« Peter Heiland zog die Skizze zu sich her. »Was hat Sie ausgerechnet dorthin geführt?«

»Ich habe Pilze gesucht«, er lächelte, »und ich habe viele gefunden. Bei dem feuchten Wetter schießen sie wie . na ja, wie Pilze aus dem Boden.«

»Sie sprechen perfekt deutsch«, ließ sich Carl Finkbeiner hören.

»Ich bin in meinen ersten Lebensjahren hier aufgewachsen. Ehrlich gesagt: Ich spreche besser Deutsch als Ukrainisch und Russisch.«

Als sie in den Dienstwagen einstiegen, setzte ein heftiger Regen ein. Finkbeiner sagte zu dem Ukrainer: »Ich kann zu Ihren Gunsten nur hoffen, dass da wirklich ein Grab ist.«

Grosni lächelte. »Glauben Sie einem erfahrenen Kollegen.«

Ein Blitz fuhr über den Himmel. Für einen Augenblick schoss eine unangenehm grelle Helligkeit in den dunklen Kiefernwald. Fast im gleichen Moment folgte ein Donnerschlag. Der Regen hatte sich verstärkt. Der Himmel schien sich zu öffnen. Gewaltige Windstöße warfen mächtige Wassermassen gegen die Baumkronen, die vom Sturm hin und her gepeitscht wurden. Der untersetzte kleine Mann ging, den Oberkörper weit vorgebeugt, den Kopf zwischen den Schultern, voraus. Er trug eine blaue Regenjacke mit einer mächtigen Kapuze, in der sein Gesicht fast verschwand. Immer wieder versanken seine Füße tief im Morast. Peter Heiland, der dicht hinter ihm ging, musste grinsen. Der Ukrainer trug edle Lederschuhe, womöglich handgefertigt. Die kann er nachher wegschmeißen, dachte der Kommissar.

Er selbst trug gelbe Gummistiefel, die bis zu den Knien hinaufreichten, dazu eine gleichfarbige Jacke, die man allgemein Friesennerz nannte. Auch er hatte die Kapuze über den Kopf gezogen. Carl Finkbeiner, der dichtauf folgte, war genauso angezogen und trug in beiden Händen je einen Spaten.

Als sie ungefähr 500 Meter gegangen waren, ließ der Regen plötzlich nach. Im Westen riss der dunkle Himmel auf, zwischen den Baumwipfeln und den Wolken war ein weißer Streifen zu sehen. Sie sprangen über einen schmalen Bach, mussten einen kleinen Anstieg hinauf und erreichten ein dichtes Gehölz. Grosni schlug mit den Armen ein paar Zweige auseinander. »Da vorne«, rief er über die Schulter.

Sie stapften in eine Kuhle hinab, die nur mit niedrigen Büschen bedeckt war. Ein flacher Erdhaufen ragte wenige Zentimeter über die Spitzen der Zweige und sah tatsächlich aus wie ein frisch aufgeworfener Grabhügel.

Finkbeiner und Peter begannen, mit den beiden Spaten den Erdhügel abzugraben. Der Ukrainer stand, mit vor der Brust gekreuzten Armen, breitbeinig daneben. Niemand sprach. Der Regen hatte aufgehört. Der Himmel riss auf. Ein paar Minuten später stand die Sonne direkt über der Lichtung, ungewöhnlich weiß, stechend und grell. Die beiden Kommissare gerieten heftig ins Schwitzen. Nach etwa zehn Minuten richtete sich Peter Heiland auf und drückte Grosni wortlos seinen Spaten in die Hand.

Der Ukrainer war kräftiger als die beiden deutschen Kommissare, und Peter Heiland schien es, als grabe er gezielter, so als ob er genau wüsste, was er wo finden würde.

Während die beiden anderen Männer weitergruben, durchquerte Heiland die Kuhle und stieg auf der gegenüberliegenden Seite durch das dichte Buschwerk die Böschung hinauf. Überrascht stellte er fest, dass von dort ein etwa zwei Meter breiter Pfad auf die Senke zulief. Vermutlich ein Holzabfuhrweg, der hier endete. In der nassen Erde waren Reifenspuren zu erkennen. Heiland zog sein Handy aus der Tasche und fotografierte die tiefen Eindrücke in der nassen Erde. Nachdenklich kehrte er zu den anderen zurück.

Es dauerte noch eine Viertelstunde, da kam, in etwa 50 Zentimetern Tiefe, ein Stück weißer Haut zum Vorschein. Behutsam schoben Carl Finkbeiner und Peter Heiland, der mit den bloßen Händen zu Hilfe kam, weitere Erde zur Seite. Grosnis schweißüberströmtes Gesicht drückte einen gewissen Triumph aus. Er hob die Schultern und gleichzeitig beide Arme, als wollte er sagen: »Hab ich's nicht gesagt?«

Carl Finkbeiner deutete mit dem Daumen auf die Leiche. »Und Sie haben das Grab ganz zufällig entdeckt, ja?«

Grosnis Gesicht war sehr ernst. »Wenn ich irgendetwas damit zu tun hätte, hätte ich Sie dann geholt?«

Peter Heiland sah ihn aus zusammengekniffenen Augen an. »Ja, vielleicht gerade deshalb. Damit Sie genau diese Ausrede anbringen können.«

Zwei starre bleiche Füße traten zutage, danach die Beine, die Lenden, ein schmaler Brustkorb und schließlich der Kopf. Der Tote lag auf dem Rücken, die Arme ruhten ausgestreckt neben dem Körper. Carl Finkbeiner hatte inzwischen die Latexhandschuhe übergestreift. Behutsam säuberte er das Gesicht des nackten Mannes von den letzten Erdresten. Es wirkte unnatürlich glatt. Die Haare waren raspelkurz geschnitten. In der Mitte der Stirn war ein kleines Loch zu sehen, bräunlich rot umrandet von verkrustetem...

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