Die Legenden von Mond und Sonne

Naris
 
 
Piper (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 11. Mai 2015
  • |
  • 528 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-492-96962-8 (ISBN)
 
Bei der Zeremonie zum Eintritt in die Gesellschaft der Erwachsenen geschieht etwas Unvorstellbares: Ein heiliges Artefakt zerbricht unter der Berührung der jungen Kyndra. Kurz darauf verwüstet ein Sturm ihr Dorf und die Bewohner geben dem Mädchen die Schuld an all dem Unglück. Die Situation droht zu eskalieren - bis zwei Fremde auftauchen und Kyndra mit Kräften, die seit Jahrhunderten nicht mehr gewirkt worden waren, in Sicherheit bringen. Gemeinsam fliehen sie zu der versunkenen Festung Naris, doch hier erwarten sie Intrigen, Fanatiker und Rebellen. In den unterirdischen Hallen findet Kyndra aber auch ihr wahres Ziel, und sie muss Verrat und Wahnsinn bekämpfen, um sich letztlich ihrem Schicksal zu stellen.
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  • 1,26 MB
978-3-492-96962-8 (9783492969628)
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Lucy Hounsom arbeitet als Buchhändlerin für Waterstones. Sie hat einen BA in English & Creative Writing von der Royal Holloway University of London. Ihren Master in Creative Writing machte sie bei Sir Andrew Motion. »Naris. Die Legenden von Mond und Sonne« war ihr erster Roman, mit »Naris. Das Schicksal der Sterne« setzt sie die erfolgreiche »Naris«-Trilogie fort.

Kapitel 2


Ihr Herz schlug wie eine Trommel. Das Relikt war in drei ungleiche Teile zerbrochen. Eines lag in ihrem Schoß, die anderen Fragmente waren auf die Binsenmatten gefallen. Sie hatten sich von unten mit Wasser vollgesogen, sodass im Zelt ein modriger Geruch herrschte.

Kyndra hatte das Gefühl, seit Stunden auf dem harten Schemel zu sitzen und die Überreste des Relikts anzustarren. Sie konnte die Menschen draußen nicht hören, und einen Moment lang glaubte sie voll wilder Hoffnung, alle seien gegangen. Dann nahm sie eine Bewegung aus dem Augenwinkel wahr, blickte auf und sah, wie sich Iljin auf alle viere herunterließ. Knochen knackten, und der alte Mann zuckte zusammen. Kyndra sah zu, wie er die beiden Fragmente langsam in den Händen barg. Die flachen, gebogenen Bruchstücke glänzten feucht. Der Alte drückte die Stücke an sich und ignorierte das Wasser, das in seine Robe sickerte.

Kyndra glitt von dem Schemel und kniete neben ihm nieder. Leises, halb unterdrücktes Schluchzen stieg aus der Kehle des Mannes auf, der den Kopf tief über die zerbrochene Schale beugte. Behutsam hielt Kyndra ihm das Fragment hin, das in ihrem Schoß gelegen hatte. »Hier«, murmelte sie und streckte es ihm entgegen. »Es . es tut mir leid.«

»Es tut dir leid?« Iljin hob den Kopf. Unter den Tränen war sein Gesicht totenbleich.

Kyndra legte das Fragment bei den Knien des Alten ab, wich dann zurück und hob die Hände. »Ich habe das nicht mit Absicht getan.«

Iljin blickte von den verstreuten Eissplittern in Kyndras Gesicht, und für einen Moment glühten seine Augen vor Argwohn. »Dummes Kind!«, rief er dann und wandte den Blick ab. »Warum sollte es dir leidtun? Wie kann ich dir die Schuld daran geben?«

Kyndra schwieg.

»Was soll ich denn den Leuten sagen? Dass ein Mädchen etwas zerbrochen hat, das mithilfe der alten Kräfte geschaffen wurde? Das Relikt, das fünfhundert Jahre überstanden hat?« Taumelnd stand er auf und barg die Fragmente in den Armen. »Das ist unvorstellbar. Unmöglich.« Seine Nase lief, aber der alte Mann schien es nicht zu bemerken. Er starrte Kyndra an und bewegte die Lippen, doch es kam nichts heraus. Dann begann er durch das Zelt zu stolpern, bis er einen großen Samtbeutel fand, der unter den Tisch gefallen war. Seine stummen Lippenbewegungen wurden zu einem kaum hörbaren Brabbeln. Iljin legte jedes Teil des Relikts behutsam in den Beutel.

Kyndra begann zu zittern. Ihr Kopf fühlte sich ganz leicht an, so wie damals, als sie zu lange in der Sonne geblieben war. Da hatte sie ihre Hausarbeiten vernachlässigt, um mit ihren Freunden zu spielen und in den Bächen, die in den Bergen oberhalb von Brenwym entsprangen, zu plantschen. Bei der Erinnerung wünschte sie sich ein Glas Eiswasser und dachte betrübt an die Kristalle, die sich in der Schale gebildet hatten, bevor sie zerplatzt war. Vielleicht lag noch einer davon herum.

»Du .« Iljin packte Kyndra am Arm. Der Alte war erstaunlich kräftig. »Du wirst nichts von dem erzählen, was hier passiert ist. Hast du mich gehört? Kein Wort.« Er schüttelte Kyndra, bis sie nickte und ihren Arm wegzog. Die Anstrengung schien Iljin zu erschöpfen, denn er schwankte und hielt sich an einer der Zeltstangen fest.

»Ich hätte es wissen müssen«, flüsterte der Alte. Seine Gesichtszüge erschlafften, und Kyndra sah, wie seine blauen Augen seltsam blicklos wurden. »Das Relikt war uralt. Ich hätte es kommen sehen müssen . diese graue Farbe war eine Warnung, aber ich habe sie nicht verstanden.«

Wie betäubt wurde Kyndra klar, dass sie jetzt nie erfahren würde, was die Berufung ihres Lebens war. Sie würde ihren wahren Namen niemals kennen. Sie spürte einen Stich ins Herz, als sie sich an Jhrens fröhliche Rufe erinnerte und an Hannas breites Lächeln, mit dem sie ihren Neffen als Erwachsenen begrüßt hatte.

Kyndra biss sich zu fest auf die Lippen und schmeckte Blut. Unsanft wischte sie sich den Mund mit dem Handrücken ab. Da hatte sie sich so große Sorgen gemacht, was das Relikt ihr vielleicht mitteilen würde, und jetzt war es für immer verstummt.

Draußen vor dem Zelt wurde es laut. Jemand erhob fragend die Stimme, und Kyndra fielen die anderen jungen Leute wieder ein. Auch sie würden jetzt ihre wahren Namen nie erfahren. Kalter Kummer breitete sich in ihrer Magengrube aus. Colta gehörte zu ihnen. Kyndra dachte daran, wie aufgeregt das andere Mädchen gewesen war, wie sie über ihr Kleid gestrichen hatte. Sie erinnerte sich an die Vorfreude, die in ihren dunklen Augen geleuchtet hatte. Colta konnte manchmal launisch sein, aber trotzdem war sie Kyndras Freundin. Das hatte sie nicht verdient. »Kann man das Relikt flicken?«, fragte Kyndra zögernd.

Iljin blies die Brust auf, und sie stellte sich auf eine neue Tirade ein. »Nein«, begann der alte Mann ärgerlich, aber dann verpuffte sein Zorn. »Ich weiß es nicht«, gestand er mit gebrochener Stimme. »Ich glaube es nicht. Wahrscheinlich hat es seine Macht verloren.«

Momente vergingen, bis Kyndra schon glaubte, der Alte würde sich nie wieder regen. Er lehnte an der Zeltwand und umklammerte mit Tränen in den Augen und in die Ferne gerichtetem Blick den Samtbeutel. Das Rufen der Menge wurde lauter, und schließlich richtete sich Iljin auf. »Was soll ich tun?«, fragte er.

Bevor sich Kyndra an einer Antwort versuchen konnte, begann der alte Mann herumzuwandern. »Ich muss ihnen sagen, dass das Relikt schwach geworden war. Ja. Dass ich gespürt habe, wie seine Macht schwächer wurde, mir aber nicht klar war, dass es so bald zerbrechen würde. Sie müssen glauben, dass niemand etwas dagegen unternehmen konnte.«

Iljin schlurfte zur Zeltklappe. Er wischte sich die Nase ab und sah Kyndra an. »Geh hinten hinaus. Du darfst keine Aufmerksamkeit auf dich ziehen.«

»Was ist mit den anderen?«, platzte Kyndra heraus, doch Iljin zog schnell die Zeltklappe beiseite und trat nach draußen.

Kyndra zog sich zurück. Sie hatte die zweite Zeltklappe gar nicht bemerkt, die durch den Stuhl des Alten verdeckt worden war. Sie schob den Stuhl beiseite und zog rasch die Bänder auseinander, mit denen sie geschlossen war. Ihre Finger kämpften mit den Knoten.

Draußen war der Himmel finster. Es begann wieder zu regnen. Dicke Tropfen klatschten auf Kyndras Wangen, aber sie beachtete es nicht und spähte vorsichtig um das Zelt herum.

Obwohl die meisten Familien gegangen waren, um vor dem Wetter zu flüchten, waren bestimmt noch fünfzig Zuschauer geblieben. Iljin schien zu ihnen zu sprechen, aber der Wind trug seine Worte von ihr weg, und Kyndra konnte nichts verstehen.

Das schlechte Gewissen nagte an ihr. Es quälte sie schrecklich, obwohl der Alte behauptet hatte, das Relikt sei einfach alt gewesen. Welches böse Schicksal hatte sie dazu auserwählt, sein Ende mit anzusehen? Diejenige zu sein, die es in Händen hielt, als es zerbrach? Schnellen Schrittes ging sie los, auf die Baumreihe zu, die das andere Ende des Angers markierte.

Die Ängste der letzten Woche kamen ihr mit einem Mal wie kindische Sorgen vor. Der Umstand, dass sie einer Zukunft, die sie vielleicht nicht gewollt hatte, entgangen war, erleichterte sie nicht. Das Erbe war tot. Die jungen Leute aus den Tälern würden sich jetzt mit den Namen zufriedengeben müssen, die sie bei ihrer Geburt erhalten hatten. Sie würden ihre Berufung ohne die Führung des Relikts wählen müssen.

Was, wenn es doch ihre Schuld war?

Kyndra hatte die Bäume fast erreicht, als von der Menge ein Aufschrei aufstieg. Sie beschleunigte ihre Schritte. Wie lange würde es dauern, bis sie darauf kamen, dass sie es gewesen war? Würde jemand Iljins Behauptung glauben, das Relikt sei von allein zerbrochen?

Unter den Bäumen war es auch nicht trockener. Der Wind rüttelte an den Ästen, die einen zweiten Regen niedergehen ließen. Kyndra stapfte weiter, bis die Straße in Sicht kam, die im Bogen zurück in den Ort führte. Dann setzte sie sich auf einen nassen Stumpf und lehnte sich an den Baum dahinter. Sie spürte die Nässe des Holzes durch ihr Kleid, warf aber dennoch ihren Mantel zu Boden und ließ ihn dort liegen.

Der wochenlange Regen hatte die Straße zu einer breiten, schlammigen Piste aufquellen lassen. Kyndra betrachtete die nassen Fahrspuren und spürte, wie furchtbare Trübsal Besitz von ihr ergriff. Sie sah zu, wie die Pfützen tiefer wurden, und ließ die Minuten vergehen. Sie wollte nicht zurück in die Schenke gehen, die unvermeidlichen Fragen nicht beantworten.

Ein klatschendes, schmatzendes Geräusch ließ sie aufblicken. Kyndra wischte sich den Regen aus dem Gesicht und spähte ins Halbdunkel. Das Geräusch wiederholte sich regelmäßig, wurde immer lauter. Hufschläge, wurde ihr klar. Jemand war auf der Straße unterwegs.

Eilig kletterte sie von dem Baumstumpf, aber der Reiter hatte die Bewegung wahrgenommen. Eine Männerstimme murmelte etwas, und die Hufschläge verstummten. Mit einem unangenehmen Gefühl in der Magengrube trat Kyndra auf die Straße hinaus.

Zwei Pferde standen nebeneinander. Sie hatte nur mit einem gerechnet. Die Reiter hatten ihre Umhänge fest um sich gezogen, und schwere Kapuzen verbargen ihre Gesichter. Eine der Gestalten saß tiefer im Sattel. Nachdem sie ein Flüstern mit der anderen ausgetauscht hatte, zog sie ihre Kapuze zurück. Ihr Gefährte tat es ihr nach. Der Mann schien groß zu sein, war aber schmal gebaut und besaß zerzaustes dunkles Haar.

Die Frau wandte sich ihr zu, und Kyndra sog scharf die Luft ein. Ihr Blick war leer wie bei einem Blinden, und ihre Augäpfel waren so...

»Lucy Hounsom gelingt mit Naris etwas ganz Außergewöhnliches: Sie erschafft eine vollkommen neue Welt, die frei von den gängigen Klischees und dem üblichen Einerlei ist. Bravo!«, agm Magazin
 
»Lucy Hounsom ist das Kunststück gelungen, ihre Leser in eine völlig neue Welt zu entführen.«, Die Presse am Sonntag (A), 20.09.2015
 
»ein gelungener, facettenreicher und flüssig geschriebener Auftakt einer Trilogie«, Hamburger Morgenpost, 09.07.2015
 
»Lucy Hounsom versteht sich gut darauf Erwartungen zu wecken und diese dann ganz anders als gedacht zu erfüllen oder ins Gegenteil zu verkehren. Geschichte und Charaktere werden dadurch einzigartig.«, literatopia.de, 03.06.2015
 
»>Naris< entführt den Leser (und vor allem die Leserin) in eine gut durchdachte neue Welt, die nicht zuletzt durch authentische Charaktere und interessante magische Besonderheiten fasziniert.«, Captain Fantastic, 18.05.2015
 
»Lucy Hounsom erweckt gekonnt eine High Fantasy-Welt zum Leben, die in der Tradition klassischer 80er Jahre Welten steht, aber auch etwas Eigenes besitzt, Fliegende Schiffe, Lufthäfen, Kyndras Heimatdorf und die verschollene Festung Naris - die Autorin beschreibt dies gekonnt und lässt so Bilder vor dem Auge des Lesers entstehen.«, Darkstars Fantasy News, 16.05.2015
 
»Lucy Hounsom liefert mit ihrem ersten Roman eine packende Ausgangslage für die kommenden Bände der Reihe«, Nautilus

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