Meer der Gehetzten

 
 
Uksak E-Books (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 17. April 2020
  • |
  • 165 Seiten
 
E-Book | ePUB ohne DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7389-3927-9 (ISBN)
 
Helen Mclvor hat nach jahrelanger Suche die Dokumente gefunden, die einwandfrei beweisen, dass das Millionenvermögen, das ihr Vater in New York deponiert hatte, nicht der Inselrepublik Panta gehört, sondern ihr rechtmäßiges Eigentum ist. Doch was hat sie davon, wo sie nun im Geheimdienst-Gefängnis von Bontany sitzt? Major Ahmad Keran will sie so lange schmoren lassen, bis sie ihre berechtigten Ansprüche aufgibt. In ihrer Not klammert sie sich verzweifelt an ihren Leidensgenossen Perry Ambler. Kapitän Ambler bietet sich eine tolle Chance, weil der geheimnisvolle Halbchinese Thierry Feng einen zuverlässigen Schiffsführer für den Raddampfer "Panta Queen" benötigt. Perry und Helen greifen nach dem rettenden Strohhalm und werden durch Bestechung aus dem Gefängnis befreit. Bevor Ambler an Bord geht, nimmt er Ahmed Keran Helens Dokumente ab. Bei Nacht und Nebel treten Ambler, Helen Mclvor und Feng eine atemberaubend gefährliche Flucht durch die Celebes See an. Hundertmal droht ihnen Tod und Vernichtung - aber die Flucht gelingt! Helen und Perry atmen auf - um beim nächsten Atemzug die entsetzliche Gewissheit zu gewinnen, dass sie in der Gewalt chinesischer Piraten sind! WAS NUN ...?
  • Deutsch
  • 0,28 MB
978-3-7389-3927-9 (9783738939279)

1


Am späten Nachmittag erhielt Percival Ambler seinen Frühstücksreis.

Er erhob sich, ging zur Gittertür, wartete, bis die Klappe herunterfiel und nahm dann die irdene Schüssel in Empfang, aus der es heraus dampfte.

"Die Hölle verderbe dich, Sohn einer Hündin!", sagte er zu dem pantaischen Gefängniswärter. "Ich werde dich auf besonders grauenvolle Weise umbringen, wenn die Austern wieder verdorben sind und der Sekt wieder lauwarm ist."

De Wärter hatte von Amblers Gebrabbel keinen Ton verstanden. Er grinste den hochgewachsenen, einsfünfundachtzig großen Amerikaner übers ganze Gesicht strahlend an, verbeugte sich, als ob er eine Schmeichelei gehört hätte, und ging wieder seines Weges.

Ambler hatte die letzte "Mahlzeit" etwa dreißig Stunden zuvor erhalten, und der Hunger nagte an seinen Eingeweiden. Er leerte die Schüssel bis auf das letzte Reiskorn. In den verflossenen drei Monaten war er außerordentlich bescheiden geworden.

In der Zelle war es drückend schwül. Als er den Reisbrei verschlungen hatte, stöhnte er zufrieden auf, erhob sich und ging in die andere Ecke, wo ein kleiner Spiegelscherben hing. Was er im Spiegel sah, war nicht besonders erhebend: ein schmales, gutgeschnittenes Gesicht mit buschigen blonden Augenbrauen, einem gutgeschnittenen Mund, einer scharfen Nase und einem vier Wochen alten Bart. Ein Seeräuber hätte im Vergleich zu ihm wie ein Feudalherr ausgesehen.

Vier Wochen zuvor hatte er sich das letzte Mal rasiert. Danach war ihm der Rasierapparat abgenommen worden.

In der Zelle roch es nicht gut. Im ganzen Geheimdienstgefängnis von Bontany, der Hauptstadt der Inselrepublik Panta, roch es nicht gut. Die Gefangenen hatten selten Gelegenheit, sich zu waschen, und die meisten auch gar nicht das Bedürfnis danach. In dieser Beziehung war Percival Ambler eine Ausnahme. Er durfte gar nicht darüber nachdenken, was ihm zugestoßen war, sonst packte ihn die eiskalte Wut.

Ambler glaubte für den Rest des Tages ungestört zu bleiben, sah sich aber in dieser Annahme getäuscht. Auf dem Gefängniskorridor näherten sich Schritte. Gleich darauf tauchte der Wärter auf, schob den Schlüssel ins Schloss, sperrte auf, und ein schmächtiger, gepflegt aussehender kleiner Mann mit dem flächigen Gesicht und den hervorstehenden Backenknochen des Südsundanesen trat ein. Er war beeindruckend elegant gekleidet; sein Uniformhemd ohne Makel, und die schwarze Pistolentasche am Koppel blitzte wie frisch lackiert. So oft Ambler Major Ahmad Kerans verkniffenen, anmaßenden Mund sah, hätte er den Kerl erwürgen mögen.

Als der allmächtige Geheimdienstchef der Republik Panta die Zelle betrat, erhob sich Ambler, denn es hatte keinen Sinn, den rachsüchtigen kleinen Teufel unnötig zu verärgern.

"Ich habe die Ehre, Ihnen einen recht schönen guten Tag zu wünschen, Commander!", grüßte Major Keran mit vollendeter Höflichkeit. Sein Amerikanisch war perfekt.

"Ich begrüße Sie, Herr Major", konterte der Amerikaner, "und erwidere Ihre herzlichen Wünsche in der gleichen ehrlichen Gesinnung."

Keran lachte herzlich.

"Ich hoffe, dass Sie sich über nichts zu beklagen haben, Commander", fuhr er fort. Das war nackter Hohn.

"Im Gegenteil, ganz im Gegenteil! Ich begreife immer noch nicht, wodurch ich die Zuvorkommenheit und freundliche Güte Ihrer Regierung verdient habe. Mir geht es hier im Gefängnis gut wie nie zuvor im Leben."

"Man hört es gerne, Commander, man hört es wirklich gerne."

"Noch lieber wäre es mir, man würde mich endlich entlassen oder mir wenigstens eine Anklageschrift zustellen. Ich befinde mich jetzt drei Monate unter entwürdigenden Verhältnissen in Ihrem Gewahrsam und weiß noch immer nicht, was man mir zum Vorwurf macht."

In den Augen des Majors blitzte es belustigt auf.

"Wie könnte ich einem Unschuldigen eine Anklageschrift zustellen", sagte er. "Man kann doch einen absolut integren Mann wie Sie nicht vor Gericht stellen, Commander, das müssen Sie doch einsehen."

"Aber man kann einen absolut unschuldigen, integren Mann drei Monate lang grundlos einkerkern", wetterte Ambler los, obwohl er wusste, dass derlei Gespräche zu gar nichts führten. Er erhielt immer wieder die gleiche Antwort auf seine Beschwerden.

"Sie wissen, Commander", erwiderte Keran auch diesmal, "dass Sie auf Befehl Seiner Exzellenz, des Herrn Staatspräsidenten Sujardo, in Haft sind. Was Ihnen Seine Exzellenz vorwirft, weiß ich nicht, denn man hat es nicht für nötig gehalten, es mir mitzuteilen. Sie schweigen sich über diesen Punkt ja auch aus."

"Ich schweige mich nicht über diesen Punkt aus, Herr Major, sondern ich habe keine Ahnung, was man mir vorwirft."

"Ich werde erneut ein Memo an die Staatskanzlei schicken, Commander", versprach der Geheimdienstchef wieder einmal, wie schon so oft. Ambler glaubte ihm kein Wort.

Endlich kam Keran auf den eigentlichen Zweck seines Besuches zu sprechen.

"Die Republik Panta begeht morgen feierlich die fünfzehnte Wiederkehr ihres Unabhängigkeitstages. Nach dem Willen des Staatspräsidenten sollen daran möglichst viele Beamte teilnehmen. Um dies auch dem Gefängnispersonal zu ermöglichen, haben wir uns darauf geeinigt, einen Notdienst einzurichten, und verschiedene wichtige Gefangene zusammenzulegen. Ich muss Sie also leider mit der Nachricht erschrecken, dass Sie für 48 Stunden einen Gast in Ihre Zelle aufnehmen müssen, eine Amerikanerin, deren Anwesenheit Ihnen hoffentlich nicht allzu unangenehm sein wird."

"Aber das ist doch ganz unmöglich!", rief Ambler verblüfft, obwohl er längst hätte wissen müssen, dass hier und bei Major Keran nichts unmöglich war.

Eine Stunde später schoben drei Wärter ein heftig protestierendes rotblondes weibliches Wesen in Shorts und Bluse im Amblers Zelle herein. Sie mochte kaum 25 sein. Rasselnd drehte sich der Schlüssel wieder im Schloss. Ambler war mit der Fremden allein.

"Guten Tag, meine Dame!", sagte er so förmlich, dass er sich ein Lächeln verkneifen musste. "Percival Ambler mein Name, 31 Jahre alt, ehedem aktiver Offizier bei der U.S. Navy."

"Und ich bin Helen Mclvor", erwiderte sie befangen. "Ich weiß nicht, weshalb Sie hier sind, aber ich muss fast annehmen, dass Sie es so wenig wissen wie ich."

Ihr Haar war mehr rot als blond und glänzte wie gesponnene Seide. Er schätzte ihre Größe auf 1,69 und ihr Gewicht auf 110 Pfund. Die knappe Bekleidung umhüllte einen Körper von makellosem Wuchs. Als sie näher an ihn herantrat, blickte er in tiefblaue Augen, die einen eigenwilligen Ausdruck hatten. Ihr Haar trug sie ordentlich gescheitelt.

"Wenn wir uns unterhalten wollen, müssen wir es mit unterdrückter Stimme tun", bat Ambler. "Sie sind hier zwar noch nicht so weit, dass sie Lauschmikrofone und sonstige Raffinessen haben, aber man ist trotzdem vor unliebsamen Lauschern nicht sicher."

"Weshalb sind Sie hier?", fragte sie nach einer Weile.

Er zog sie zur Pritsche, drückte sie darauf nieder und setzte sich neben sie.

"Ich nahm die dienstlichen Verfehlungen eines Kameraden, der Frau und Kinder hatte, auf mich und wurde mit schlichtem Abschied aus der U.S. Navy entlassen", berichtete er. "Damit stand ich vor dem Nichts. Eines Tages begegnete mir ein pantaischer Diplomat und malte mir das Leben eines pantaischen Marineberaters in den leuchtendsten Farben aus. Da ich frei und ungebunden war und kaum einen Dollar mehr besaß, ließ ich mich breitschlagen, zu unterschreiben, und flog im heurigen Januar über Manila nach Bontany, um mich zum Dienst zu melden. Dabei machte ich die Feststellung, dass der ausländische Marinelehrstab der Republik Panta nur aus mir, einem französischen Oberbootsmann und einem eingeborenen Diener bestand. Wir reisten zum Flottenstützpunkt Taratua weiter, einer Insel vor der Ostküste, und übernahmen die Ausbildung der neugegründeten Kriegsmarine. Sie bestand aus drei Zerstörern und vier Torpedobooten. An Offizieren waren vorhanden: ein Generaladmiral, zwei Admirale, fünf Vizeadmirale, sieben Konteradmirale, 25 Kapitäne zur See und 100 weitere Marineoffiziere ..." Er unterbrach sich verblüfft, denn Helen Mclvor war in ein silberhelles Lachen ausgebrochen, das ihn maßlos entzückte.

"Fünfzehn Admirale und sieben Kriegsschiffe!", sagte sie lachend. "Wenn das nicht typisch ist für die nach dem zweiten Weltkrieg ,befreiten' malaiischen Nationen!"

Ambler zuckte die Achseln.

"Da mögen Sie schon recht haben, Miss Mclvor", sagte er, und berichtete weiter: "Unter den insgesamt 140 patentierten Marineoffizieren befanden sich sogar einige, denen man die Führung eines großen Seglers oder kleinerer Motorschiffe hätte anvertrauen können, aber keiner hatte einen blassen Schimmer von der Seekriegstaktik. Am schlimmsten war das Fehlen technischen Personals. Für die seemännische Laufbahn hätte ich mir eine ganze Reihe der recht anstelligen Pantas auszubilden zugetraut, aber das Fehlen jeglichen technischen Verständnisses und der Mangel an Disziplin und Haltung brachte das alte schwimmende Material recht bald in größte Gefahr. Obwohl wir bereits im April soweit waren, alle sieben Schiffe bemannen und damit manövrieren zu können, erließ ich vorsichtshalber doch ein generelles Auslaufverbot und beschränkte mich weiterhin auf theoretische Übungen. Gleichzeitig erstattete ich an Staatspräsident Sujardo einen ausführlichen Erfahrungsbericht, der in der Forderung gipfelte, auf der Insel Taratua Werftanlagen zur Überholung der vorhandenen Einheiten einzurichten und im Ausland Schiffsingenieure und Rahmenpersonal für die Unterweisung und Ausbildung einheimischer Kräfte zu engagieren. Eine Woche...

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