Wissenschaft und Medizin

MCW 7
 
 
Facultas (Verlag)
  • 16. Auflage
  • |
  • erschienen am 5. September 2019
  • |
  • 208 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Adobe-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-99111-106-1 (ISBN)
 
Was macht medizinische Wissenschaft aus?
Speziell für Studierende der Medizin bietet dieser Band einen Überblick über die Grundlagen des Wissenserwerbs, den Begriff Wissenschaft und ihrer Systematik, Organisation und Entwicklung, aber auch über die Grenzen der medizinischen Wissenschaft hinaus zu Ethik in der Medizin und der wichtigen Problematik des Datenschutzes. Es folgt eine Einführung in methodische Grundlagen der Statistik und "Evidence Based Medizine". Besonderes Gewicht finden Arbeitsweisen, von der praktischen Datenbanknutzung zur Literatur- und Informationssuche, über die Literaturbeschaffung und die Benutzung der Bibliothekseinrichtungen der Medizinischen Universität bis zur computergeschützten Verwaltung von Literaturzitaten.
16. Auflage
  • Deutsch
  • Wien
  • |
  • Österreich
s/w Abbildungen
  • 20,44 MB
978-3-99111-106-1 (9783991111061)
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Wie entsteht Wissen?


Von Michael Kundi

Lernziele

Die individuellen Motive zum Wissenserwerb deutlich machen;

die Faktoren zusammenzufassen, die für die Wahl von Forschungsthemen bedeutsam sind;

ansatzweise die gesellschaftlichen und ethischen Probleme zu verstehen, die mit medizinischer Forschung verbunden sind;

erkennen, dass die Medizin als Wissenschaft und als praktische Tätigkeit die Aufgabe hat, Probleme zu lösen;

verstehen, dass Mediziner als Wissenschaftler/innen die Aufgabe haben, ihr Handeln rational zu begründen;

die verschiedenen Aspekte des Wissens zu erkennen, die bei Diagnose, Therapie und Prävention eine Rolle spielen;

verstehen, dass wissenschaftliche Entscheidungen in der Medizin im Allgemeinen auf Wahrscheinlichkeitsurteilen beruhen;

Kritik als das wesentliche Element der wissenschaftlichen Medizin erkennen;

den hypothetischen Charakter wissenschaftlicher Aussagen erkennen und daraus die Folgerungen für die medizinische Praxis und den Forschungsbetrieb insgesamt ziehen;

die Falsifikation als Grundlage des Erkenntnisfortschritts begreifen;

den Unterschied zwischen Wissenschaft und Pseudowissenschaft erklären können;

den Unterschied zwischen deduktiven und induktiven Schlüssen erläutern können;

die Bedeutung des Hempel-Oppenheim Paradigmas für die Erfüllung der Aufgaben der Wissenschaft (Erklären, Vorhersagen, Beeinflussen) verstehen.

Das bekannte Klinische Wörterbuch "Pschyrembel" definiert Medizin so:

Medizin ist die Wissenschaft vom gesunden und kranken Menschen, von den Ursachen, Wirkungen und der Vorbeugung und Heilung der Krankheiten.1

Die Medizin ist eine integrative Wissenschaft. Sie erfordert Kenntnisse aus vielen anderen Bereichen der Wissenschaft. Dazu zählen insbesondere Mathematik, Physik, Chemie, Biologie und Psychologie. In wachsendem Umfang sind auch Kenntnisse aus Computerwissenschaften, Rechtswissenschaften, Soziologie und Ökonomie erforderlich. Philosophie und darunter vor allem Erkenntnistheorie und Ethik sind von großer Bedeutung für alle Wissenschaft treibenden und natürlich auch für den Mediziner.

Wenn wir die Frage stellen, wie Wissen entsteht, dann ist damit nicht nur der individuelle Vorgang gemeint, dieser ist Gegenstand der Psychologie, sondern wie jenes Wissen entsteht, das aus bestimmten Erfahrungen das macht, was wir dann Wissenschaft nennen.

Auf der individuellen Ebene können wir unterschiedliche Arten von Motiven erkennen, die dem Wissenserwerb zugrunde liegen. Man kann diese in zwei Klassen einteilen:

Intrinsische Motive: ihnen liegt das reine Streben nach Erkenntnis zugrunde, einer Neugier, die keine anderen Wurzeln hat, als die Lösung eines Problems zu fördern und Erkenntnis um ihrer selbst willen zu generieren.

Extrinsische Motive: Bei diesen Motiven werden andere Ziele als allein die Erkenntnis angestrebt. Das Streben nach einem hohen Status in der Gesellschaft, das Streben nach Reichtum, nach Macht, aber auch das Streben danach, anderen zu helfen, Krankheiten zu heilen.

In einer Befragung von deutschen Medizinstudenten wurden Motive zum Studium der Medizin erhoben.2 An erster Stelle bei Männern wie Frauen lag der Wunsch, mit anderen Menschen gemeinsam zu arbeiten und der Wunsch, den Menschen zu helfen. Im Mittelfeld lag das Motiv, wissenschaftlich zu arbeiten und im hinteren Drittel lagen die Verdienstmöglichkeiten. Studenten der Medizin nehmen eine lange Ausbildungszeit in Kauf, um ihre Motive zu verwirklichen. Zusätzlich zum vergleichsweise langen Studium ist die anschließende praktische Ausbildung ins Kalkül zu ziehen. Diese Belastungen sind nur zu verkraften, wenn die Motive stark genug sind, um trotz der Widrigkeiten das Ziel weiter anzustreben.

Unvergleichlich schwieriger und aufwendiger ist jedoch jener Vorgang, der Wissen erzeugt, das wir als wissenschaftlich bezeichnen. Er erfordert das Zusammenwirken vieler einzelner Wissenschaftler/innen und den Rückgriff auf das tradierte Wissen von Generationen von Wissenschaftler/innen.

Wissenschaftliche Forschung erfolgt gewöhnlich nicht ohne Einsatz von erheblichen Ressourcen. Woher diese stammen, welche Interessen damit verfolgt werden und wem die gewonnen Erkenntnisse nützen, werden immer wichtigere Fragen, wenn die Mittel knapper werden. Aus diesem Grund ist es eine ethische Verpflichtung, bei wissenschaftlichen Veröffentlichungen die erhaltenen Unterstützungen offen zu legen und etwaige Interessenskonflikte anzusprechen. In der Medizin ist es in den letzten Jahren üblich geworden, dass Wissenschaftler/innen, die an bedeutsamen Entwicklungen (etwa dem Human Genome Project) beteiligt waren, Firmen zur Verwertung dieser Erkenntnisse gegründet haben. Das ist durchaus legitim, muss aber bekannt sein, um eine ausgewogene Beurteilung der Forschungsresultate zu ermöglichen (siehe dazu auch das Kapitel über Evidence-Based Medicine).

Da es unzählige ungelöste Probleme in der Medizin gibt, ist die Auswahl der Probleme, denen sich die Forschung widmet, von zentraler Bedeutung. Leider ist es nicht immer so, dass die für die Gesundheit der Bevölkerung dringendsten Probleme auch die höchste Aufmerksamkeit in Forschung und Entwicklung erhalten. Steuernde Faktoren sind dabei einerseits wissenschaftsinterne Gesetzmäßigkeiten: Mit welchen Themen kann man mit dem geringsten Einsatz den größten Erfolg erzielen. Da der Erfolg in der Medizin häufig anhand von Veröffentlichungen in sogenannten Top-Journalen3 gemessen wird, bringen wissenschaftliche Leistungen in Disziplinen mit einem kleinen Wirkungskreis von vornherein in dieser Hinsicht weniger. Auch die zunehmende Spezialisierung, die zu einem immer stärkeren quantitativen Wachstum des Wissens oft ohne entsprechende qualitative Verdichtung führt, beeinflusst die Wahl der Forschungsthemen. Vermutlich noch größere Bedeutung als diese Faktoren haben aber ökonomische Bedingungen. Da die Kosten für die Forschung etwa zur Entwicklung neuer Therapien enorm hoch sind, können diese nur aufgebracht werden, wenn der Staat (das heißt die Allgemeinheit) diese zur Verfügung stellt, oder wenn die Wirtschaft (und hier vor allem die Pharmazeutische Industrie) dafür aufkommt. Letztere kann dies aber nur tun, wenn Aussicht besteht, dass diese Kosten aus der Verwertung der Erkenntnisse wieder herein gebracht werden. Dies trifft besonders Krankheiten, die sehr selten sind und solche, die in Populationen mit geringer Kaufkraft (z.B. in der Dritten Welt) verbreitet sind. Ein besonderes Problem betrifft die Entwicklung von präventiven Verfahren. Einerseits ist ein Fall, der nicht eingetreten ist, nicht individuell vorzeigbar (man kann die Person, die z.B. aufgrund einer Impfung nicht erkrankt ist, nicht namhaft machen, denn niemand kann sagen, ob sie erkrankt wäre, wenn sie die Impfung nicht erhalten hätte). Andererseits führt die Entwicklung präventiver Strategien im Erfolgsfall zur Verhütung von Krankheiten und damit tendenziell zu einer Reduktion der Leistungen des Gesundheitssystems. Deshalb wird diesem Bereich oft weniger Beachtung geschenkt, denn wer sägt schon gern den Ast ab, auf dem er sitzt?

Obwohl internationale Organisationen wie die Weltgesundheitsorganisation in manchen Bereichen der Medizin Forschungsprioritäten veröffentlichen, Interessengruppen ihre Wünsche anmelden und auch Förderungseinrichtungen oder staatliche und internationale politische Einrichtungen (Ministerien, EU-Direktorate etc.) bestimmte Forschungsinteressen z.B. durch Ausschreibungen formulieren, gibt es im Allgemeinen in der Medizin wie in der Wissenschaft insgesamt niemanden, der vorschreibt, was zu erforschen ist und was nicht. Man vertraut auf die Selbstorganisation, weil es im Interesse jedes Mitglieds dieser weltumspannenden Veranstaltung ,Wissenschaft' liegt, sich mit Problemen zu befassen, die außer ihm/ihr selbst mindestens noch ein paar andere Leute interessiert.

Es ist ein Mythos, dass Wissenschaftler/innen in Abgeschiedenheit und Losgelöstheit von der Mitwelt ihre großen Erkenntnisse gewonnen haben. Solche Mythen werden etwa von Mendelejew, dem ,Entdecker' des Periodensystems der Elemente, von Gregor Mendel, dem Pionier der Genforschung, und von Robert Koch, dem ,Entdecker' des "Komma"- und Tuberkelbazillus erzählt. Es kann sein, dass - wie im Fall Gregor Mendels - die Zeit bis zur Würdigung der Forschungsresultate lange währt, aber nie erfolgt die Forschung unabhängig von anderen. Diese Einbettung in ein internationales Geflecht von Beziehungen hat heute einen besonders hohen Stellenwert, weil manche der Forschungen so aufwendig sind, dass sie nicht allein an einer Forschungsstelle, in einem Land durchgeführt werden können. Darüber hinaus ist es manchmal in der Forschung wichtig, unterschiedliche sozioökonomische Bedingungen und unterschiedliche medizinische Systeme und...

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