Das Geheimnis von Westbury Hall

Roman
 
 
Bastei Lübbe (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 27. November 2019
  • |
  • 494 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7325-7797-2 (ISBN)
 
1938. Nach dem Tod ihres Vaters kehren Sarah, ihre Mutter und ihre Schwester aus Indien ins englische Norfolk zurück. Es ist kalt und unwohnlich, und es fällt Sarah schwer, sich wieder heimisch zu fühlen - bis sie Freundschaft mit Paul schließt, einem jungen Deutschen, der als Gärtnergehilfe auf dem benachbarten Westbury Hall arbeitet.

70 Jahre später stößt Briony während eines Urlaubs auf Filmaufnahmen aus dem Zweiten Weltkrieg. Einer der Männer ähnelt verblüffend ihrem Bruder. Könnte es sich bei ihm um ihren lange verstorbenen Großvater handeln? Die junge Historikerin ist fasziniert. Bei ihren Recherchen findet sie Briefe von Sarah und Paul - und enthüllt damit ein Geheimnis, das noch immer sorgfältig gehütet wird ...



Ein wunderbarer Roman auf zwei Zeitebenen, mit bezaubernden Schauplätzen und einer romantischen Liebesgeschichte
weitere Ausgaben werden ermittelt
Rachel Hore, geboren in Epsom, Surrey, hat lange Zeit in der Londoner Verlagsbranche gearbeitet, zuletzt als Lektorin. Heute lebt sie mit ihrem Mann und ihren drei Söhnen in Norwich. Sie arbeitet als freiberufliche Lektorin und schreibt Rezensionen für den renommierten GUARDIAN. Dies ist ihr achter Roman.

1


So etwas nannte man einen Shitstorm, und nachdem sie ihm tagelang ausgesetzt gewesen war, sich an die Trümmer ihres Lebens geklammert und jeder neue Angriff sie mit solcher Wucht getroffen hatte, dass sie zerschlagen und keuchend zurückblieb, fühlte sie sich buchstäblich wie von einem Sturm gepeitscht. Sie hätte ihn über sich ergehen lassen, wenn es nur Worte gewesen wären, obwohl es schmerzhafte, niederschmetternde Worte waren, die ihre Selbstachtung, ihr berufliches Renommee, ihr Vertrauen auf ihre Urteilsfähigkeit und ihre Identität als Frau brutal zerstörten. Aber es war mehr. Sie fühlte sich nicht mehr sicher.

Passiert war es während ihres ersten Auftritts in einem Fernsehstudio, bei Jolyon Gunns spätabendlicher Talkshow, zu der man sie in letzter Minute eingeladen hatte, weil einer seiner Gäste unpässlich geworden war. Wahrscheinlich vor Angst. Der narzisstische Jolyon war nicht gerade für seinen Charme bekannt, was seine Einschaltquoten jedoch nur hochzutreiben schien.

»Und wir begrüßen die Historikerin Briony Wood, die ein Buch über den Zweiten Weltkrieg schreibt, stimmt das, Schätzchen?«

»Ja, es wird Frauen in Uniform heißen und behandelt den ATS, die Frauenabteilung der Infanterie während -«

»Klingt toll«, unterbrach er sie. Jolyons Aufmerksamkeitsspanne war nicht lang. »Briony ist hier, um mit uns über die Nachricht zu reden, dass Soldatinnen in Zukunft auch an der Front kämpfen sollen. Briony, mir ist klar, dass das jetzt kontrovers klingt, aber eigentlich ist Krieg doch eher etwas für die Jungs, oder?«

»Ganz und gar nicht. Seit den Amazonen existieren zahlreiche Beispiele für Frauen, die an Kämpfen teilgenommen haben. Denken Sie nur an Boudicca oder Johanna von Orléans.« Briony versuchte, nicht schrill zu klingen, aber der Umstand, dass viele Männer im Publikum saßen, von denen einige bei Jolyons Worten zustimmend genickt hatten, bedeutete, dass sie selbstbewusst sprechen musste. Geblendet von den Scheinwerfern im Studio blinzelte sie den Moderator an, der sich, die kurzen Beine gespreizt, in seinem schicken Designer-Anzug und mit seiner glitzernden dicken Rolex überlegen auf seinem lederbezogenen Regiestuhl lümmelte. Er erwiderte ihren Blick mit einem Grinsen und rieb sich den akkurat geschnittenen schwarzen Bart.

»Das sind ja wohl Ausnahmeerscheinungen, Briony, und wir wissen alle, was die Amazonen tun mussten, um mit ihren Bögen zu schießen, oder?« Mit einer Handbewegung deutete er einen Schnitt über die Brust an und zwinkerte. Die Männer brachen in wieherndes Gelächter aus. »Sehen Sie, es ist doch nicht natürlich, dass Frauen kämpfen. Sie sind schon aufgrund ihrer Figur nur in der Lage, einander die Haare auszureißen.«

Noch mehr amüsiertes Gelächter.

Briony setzte sich gerade auf und starrte ihn aufgebracht an. »Das spricht nur für ihre Entschlossenheit. Außerdem ist etwas noch lange nicht richtig, nur weil es >natürlich< ist. Schließlich ist der Krieg selbst auch naturgegeben. Aber, Jolyon, wir sollten sicherlich die Psychologie und die soziale Konditionierung auf Genderrollen in diese Diskussion .«

Bei dem Wort »Gender« schoss Jolyon hoch, und ein irres Glitzern trat in seine Augen. Briony erkannte, dass sie ihm geradewegs in die Falle getappt war. Diese Show war populistisch, und Jolyon, der kein Blatt vor den Mund nahm, hatte in einer gewissen Gruppe von Männern eine große Anhängerschaft. Aber es war zu spät, um ihre Worte zurückzunehmen, das hätte sie schwach und dumm aussehen lassen. Mit einem Mal war sie sich überaus bewusst, wie lehrerinnenhaft sie daherkommen musste. Das hellbraune Haar hatte sie im Nacken zu einem Knoten zusammengebunden, und ihr anthrazitfarbenes Etuikleid wirkte trotz des weichen blauen Schals, den sie sich um die Schultern gelegt hatte, eher elegant und zurückhaltend als modisch.

»Die Mädchen sind nicht tough genug, Briony. Sie werden heulen und Theater wegen ihres Lippenstifts machen.« Darüber grölte das Publikum vor Lachen, obwohl eine oder zwei Personen auch missbilligend zischten.

»Sie würde ich gern einmal auf einem Schlachtfeld sehen!«, fauchte sie. »Im Gegensatz zu einigen der mutigen Frauen, die ich für mein Buch interviewt habe, würden Sie es keine Sekunde aushalten.«

Im Saal wurde Geschrei laut, und mehrere Männer standen auf. Einer drohte Briony mit geballter Faust. Jolyon selbst starrte sie mit einem aufgeklebt wirkenden Grinsen an und fand einen Moment lang keine Worte. Allerdings hielt dieser Moment nur kurz an.

»Danke, Briony Wood«, erklärte er mit gespielter Verblüffung. »Ich glaube, sie hat mich gerade einen Feigling genannt, Jungs! Ist das nicht umwerfend?«

Nach der Sendung flüchtete Briony in die regnerische Nacht und schaltete ihr Handy ein. Ihr schlug eine ganze Welle von Signaltönen entgegen, als die Nachrichten in schneller Folge eintrafen. Mit einem bangen Gefühl öffnete sie ihren Twitter-Account. Als sie die ersten Kommentare las, riss sie entsetzt die Augen auf.

Wenn es Krieg gibt, stellen wir dich als Erste an die Wand, du hässliche Kuh.

Unser Jolyon ist tougher als alle Weiber.

Der dritte bestand nur aus einer Abfolge von Obszönitäten, bei denen sie sich die Hand vor den Mund schlug.

Dann klingelte das Telefon. Ein Name, den sie kannte. Sie wischte über den Bildschirm.

»Aruna?« Sie sah sich auf der einsamen Londoner Gasse um und schlug schnellen Schritts den Weg zur Hauptstraße ein.

»Lies auf keinen Fall deine Nachrichten. Besonders nicht auf Twitter.« Briony nahm den panischen Unterton ihrer Freundin wahr.

Zu spät. »Ach, Aruna. Warum habe ich das bloß gesagt? Wie konnte ich nur so blöd sein?«

»Ist nicht deine Schuld, er war grauenvoll, unterirdisch. Es tut mir leid, dass ich diesen Leuten überhaupt deinen Namen gegeben habe. Hör mal, wo bist du?«

»In Clapham. Ich komme gerade aus dem Studio.« Briony bog auf die Hauptstraße ein und fuhr zusammen, als drei Jugendliche in Lederjacken lachend und voreinander herumprahlend aus einem hell erleuchteten Pub traten. Sie gingen an ihr vorbei und nahmen sie nicht einmal wahr. »Was hast du gesagt?«

»Müh dich nicht mit den Öffentlichen ab. Nimm dir ein Taxi«, sagte Aruna flehend. »Fahr direkt nach Hause, und ruf mich dann an, damit ich weiß, dass du in Sicherheit bist.«

Die ersten Männer aus Jolyons Publikum strömten aus dem Vordereingang des Studios. Noch hatten sie sie nicht entdeckt, aber ihre vulgären Gesten und ihr grobes Gelächter machten ihr Angst. Briony zog sich ihren Schal über den Kopf und ging schneller.

Diese Nacht verbrachte Aruna bei ihr in der Wohnung in Kennington, und Briony war froh darüber, denn auch am nächsten Morgen riss der Strom der beleidigenden Nachrichten nicht ab. Obwohl Aruna protestierte, las Briony sie, beantwortete diejenigen, die vernünftiger klangen oder sie unterstützten, löschte andere, schluchzte vor Wut, aber es kamen weitere herein. Schließlich überredete Aruna sie, ihre Twitter- und Facebook-Accounts zu sperren, und befahl ihr, sich vollkommen vom Internet fernzuhalten. Allerdings las sie einen Blogeintrag, den Aruna gefunden hatte. Er stammte von einer Politikerin, die unter ähnlichen Angriffen gelitten hatte. »Irgendwann werden die Cyber-Trolle müde und ziehen sich in ihre Höhle zurück«, schloss die Frau. »Stark bleiben«, lautete ihr Rat.

»Das ist alles leicht gesagt«, meinte Briony und seufzte. Sie wünschte, ihr Vater und ihre Stiefmutter wären nicht im Urlaub. Sie hätte einen Platz zum Verkriechen gut gebrauchen können.

Die Strategie des »Starkbleibens« hätte funktionieren können, hätte Jolyon Gunn selbst den Aufruhr nicht noch geschürt. Als Briony an diesem Abend beklommen wieder online ging, fand sie einige verletzende Bemerkungen über ihr »verkniffenes« Äußeres vor, das schuld daran sei, dass sie mit Ende dreißig noch Single sei. Seine Fans, die das rasend komisch fanden, hatten allesamt in die gleiche Kerbe geschlagen.

»Verkniffen? Wo bin ich denn verkniffen?«, keuchte Briony. Das war unfair, trotz allem, was Aruna vorbrachte, um sie zu beruhigen.

Ostern war ruhig und ohne große Neuigkeiten vergangen, doch als sie am zweiten Morgen nach der unglückseligen Talkshow mit einer Tasche voller Essays ihrer Studenten auf die Straße trat, hörte sie einen Mann brüllen: »Briony! Hier!« Sie drehte sich um und wurde von einem Blitzlicht geblendet. »Einen Satz über Jolyon, Schätzchen!«, rief er fröhlich grinsend. Panisch stolperte sie wieder ins Haus und beobachtete, wie er davonfuhr. Sie würde erst morgen wieder ins College gehen.

Später am selben Tag rief Aruna sie an, um sie zu warnen - jemand hatte auf Twitter ihre Adresse gepostet. Jetzt wussten die Trolle, wo sie wohnte. Am dritten Morgen erhielt sie eine anonyme Postkarte mit dem Bild einer geballten Faust. Von da an hatte sie zu viel Angst, um rauszugehen, und schickte Aruna, die ihr ein paar Einkäufe vorbeigebracht hatte, vors Haus, um eine Gruppe Teenager zu vertreiben, die auf dem Gehweg herumlungerte. Arunas dunkler Bob flatterte im Wind, während die Jugendlichen unschuldig und verwirrt in ihr ernstes, spitzes Gesicht sahen. Peinlich berührt wurde Briony klar, dass sie unter Verfolgungswahn litt. Nachdem Aruna gegangen war, tauchte ein gutmütiger dicker Polizist auf und ließ sich auf Brionys Sofa nieder, wo er Tee trank und beruhigende Floskeln über die Online-Drohungen von sich gab.

Sie rief Gordon Platt an, den Leiter ihres Fachbereichs, und bat ihn um Rat, doch...

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