Der Hamster ist tot und die Glocken läuten

Aus dem Alltag einer Pfarrerin
 
 
Orell Füssli Verlag
  • 1. Auflage
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  • erschienen am 13. Oktober 2017
  • |
  • 224 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-280-09017-6 (ISBN)
 
Wie begleitet die Pfarrerin Anne-Carolin Hopmann Menschen in ihrem Glauben und durch ihre Zweifel? Mit welchen Herausforderungen, Klischees und Provokationen wird sie im Alltag konfrontiert, und warum sind die Gemeinschaft und das gemeinsame Essen für sie von großer Bedeutung?Offen und ehrlich gibt Hopmann Einblick in einen Beruf, aus dem sie Kraft schöpft, in dem sie aber auch auf Grenzen stösst. Sie verrät, wieso es sich dennoch lohnt, für ihre Kirche einzustehen und wieso sie der Gedanke reizt, dass Kirchen eines Tages überflüssig sind.Ein Buch mit tiefsinnigen, heiteren, skurrilen und traurigen Geschichten aus dem Alltag einer Pfarrerin. Ein ehrlicher Einblick in einen außergewöhnlichen Beruf und ein Plädoyer für eine moderne Kirche, die auf Herz und Verstand baut, vorwärtsgeht und wieder selbstsicherer auftritt.
  • Deutsch
  • Zürich
  • |
  • Schweiz
  • 0,38 MB
978-3-280-09017-6 (9783280090176)
3280090172 (3280090172)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Anne-Carolin Hopmann studierte Theologie in Göttingen und Bern. Seit 1995 arbeitet sie in der reformierten Landeskirche Zürich als Gemeindepfarrerin, 20 Jahre davon mit dem Schwerpunkt Jugendpfarramt. Seit 2005 amtet sie in Rüschlikon am Zürichsee. A.-C. Hopmann ist verheiratet und Mutter einer Tochter.

7.30 Uhr. Es ist ein wenig kühl für Ende Mai. Schaudernd mummle ich mich in meinen Faserpelz und warte, dass der erste Mitspieler abschlägt. Wie still es am frühen Morgen hier ist! Das gefällt mir am Golfspielen besonders: die weite Natur, die Ruhe, die Zeit, die dieses Spiel braucht, und die Konzentration aufs Spiel, das mich ganz einnehmen wird. Für ein paar Stunden gilt: kein Telefon, kein Terminkalender und viel Platz, um die Gedanken zur Ruhe kommen und gemächlich mal hierhin, mal dorthin treiben zu lassen.

Einzig mit den Mitspielenden komme ich ab und zu ins Plaudern. Es sind entspannte Gespräche, meist Smalltalk oder kleine Foppereien - je nachdem, wie humorvoll die Gruppe ist, die im Sekretariat des Golfplatzes zufällig zusammengewürfelt wurde. Eine Runde Golf ist für mich wie eine Insel, auf der ich an meinem freien Montag gern einen halben Tag verbringe.

Doch bereits im nächsten Augenblick werde ich wieder an meine Arbeit erinnert: In einer Mischung aus Frustration und Flehen brummelt mein Mitspieler ein gequältes: »Oh, Gott!«, als sein erster Abschlag im Aus landet. Etwas beschämt holt er den nächsten Ball hervor. Dass er grad ein kleines Gebet gesprochen hat, ist ihm vermutlich entgangen, denn solche Ausrufe sind aufs Minimum reduzierte Stossgebete. So wie er nehmen hier viele den Namen meines »Chefs« in den Mund. Kaum jemand ist sich dessen noch bewusst. Ich persönlich bezweifle ja, dass Beten das eigene Golfspiel verbessert. Wäre das so, würden am Sonntag wohl einige Spielerinnen und Spieler extra deswegen in den Gottesdienst kommen oder eine Gebets-App benutzen, um sich spirituell für das Spiel fit zu machen. Ich halte es darum für angemessener, sich zur Verbesserung des eigenen Golfspiels an einen weltlichen Coach zu wenden, denn Golfspielen und alle anderen Sportarten zählen definitiv zu den Taten der Menschen, für die sie ganz und gar selbst verantwortlich zeichnen. Wenn ich beim Golfen bete, dann nur, weil ich im Stillen ein Dankgebet spreche für die Möglichkeit, hier und jetzt das tun zu können, was mir Freude bereitet. Also schlage ich an diesem Morgen meinen ersten Ball mit dem sicheren Wissen, dass alles, was ich hier mit dem Ball anstelle, auf meine eigene Kappe geht - und ich bin dankbar für diese Freiheit.

Ich merke an meiner Spielfreude, dass ich diesem Sport wohl ein ganz klein wenig verfallen bin. Leider sind Golfspieler in meinem Beruf eher selten.

Das hat mir ein Golflehrer bestätigt, der seit Jahrzehnten Golf-Schüler unterrichtet: »Eine Pfarrerin hab ich noch nie als Schülerin gehabt!«, sagte er mir lachend ins Gesicht und gab seiner Verwunderung Ausdruck, eine Frau der Kirche auf dem grünen Rasen anzutreffen. Warum ist es für eine Pfarrerin eigentlich so ungewöhnlich, Golf zu spielen? Im Kanton Zürich kenne ich nur einen einzigen Kollegen, der mit mir die Vorliebe für diesen Sport teilt. Dafür kenne ich eine Menge anderer Kollegen, die mich mit leicht hochgezogener Augenbraue fragen, ob das tatsächlich ein guter Sport für uns Pfarrer wäre. Auch einzelne Gemeindemitglieder reagieren irritiert. Einer schimpfte nach der Predigt, in der ich das Beispiel vom Golfspielen verwendet hatte, um anschaulich zu machen, wie man sich durch zu hohe Ansprüche an sich selbst blockieren kann. Er verabschiedete sich an der Kirchentür und sagte im Weggehen: »Du musst uns gar nicht unter die Nase reiben, dass du Golf spielst. Das wollen wir gar nicht wissen.« Dem Sport haftet ein elitäres, versnobtes Image an, das sich fest in den Köpfen eingenistet hat. Haben sich bestimmte Klischees erst einmal tief in die eigene Vorstellungswelt eingegraben, haften sie einem an wie die Tinte, die wir als Schüler bei unseren ersten Schreibübungen mit dem Füllfederhalter an den Fingern trugen, weil wir das Blatt mit viel zu grossem Druck traktierten.

Ein wenig ärgerlich ist nur, dass ich auf dem Golfplatz mit Klischees über die Kirche konfrontiert werde. Wenn ich mich erholen möchte, so wie heute Morgen auf dem Golfplatz, halte ich mich zurück, meinen Beruf ins Spiel zu bringen. Einmal genannt, löst er unterschiedliche Reaktionen aus.

Mein Mitspieler hat schliesslich doch noch in sein Spiel gefunden und beginnt nun auf unserem Weg zum nächsten Abschlag entspannt und ruhig mit mir zu plaudern. Beiläufig erkundigt er sich, warum ich an einem Werktag Zeit habe, Golf zu spielen: »Urlaub?«

»Montags habe ich frei.«

»Was machst du denn beruflich?«

»Ich bin Pfarrerin.«

Mein Gegenüber bleibt kurz stehen und schaut mich an: »Echt jetzt, so richtig? So siehst du gar nicht aus!«

»Wie sehe ich denn aus?«

»Na ja, so ganz normal.«

Das ist ein Satz, der mich in seiner Arglosigkeit jedes Mal wieder überrascht, wenn er in dieser Form oder in Varianten ausgesprochen wird. Man sieht mir die Pfarrerin nicht an. Wie denn auch? Auf dem Golfplatz trage ich keinen Talar. Die Antwort meines Spielpartners offenbart, dass in seinem Kopf so etwas wie das imaginäre Bild einer typischen Pfarrerin existiert. Er steht damit nicht allein. So begann beispielsweise die Zeitschrift »Beobachter«, die sich selbst als »die aktuelle Schweizer Konsumenten- und Beratungszeitschrift für aufgeschlossene Leute ab 20« bezeichnet, den Artikel über eine Aargauer Pfarrerin im November 2016 mit den Worten: Sie »sieht nicht aus wie eine typische Pfarrerin. Piercing, Turnschuhe und eine Frisur, die man nicht wirklich als brav bezeichnen kann.«

Ist »brav« das, was man bei einer Pfarrerin erwartet? Sind Pfarrerinnen typischerweise sanftmütig, ruhig, eher bieder, weltfremd und frömmelnd?

Wenn dem so ist, bin ich völlig falsch in meinem Beruf.

Ich erinnere mich noch gut an die Reaktion meines Religionslehrers, Jürgen Wille, der lauthals auflachte, als er von meinem Theologiestudium in Göttingen erfuhr. Er hatte am »Gymnasium Himmelsthür« Religion als Leistungsfach unterrichtet, fünf Stunden Religionsunterricht in der Woche, zwei Jahre lang, für alle, die in diesem Fach ihre Abiturprüfung ablegen wollten. Wir waren der erste Jahrgang, für den es überhaupt möglich war, dieses Fach in Kombination mit einer Fremdsprache oder einem naturwissenschaftlichen Fach als Schwerpunktfach für die Abiturprüfung zu wählen. Es waren zwei hochinteressante Jahre. Seit früher Jugend hatten Mythen, ferne Religionen und Weltdeutungen eine Faszination auf mich ausgeübt. Trotz des Interesses vertrat ich in diesem Kurs die Rolle der an Religion interessierten, doch kritisch-provozierenden Agnostikerin. Dass ausgerechnet diese Schülerin ein Theologiestudium begann, hat ihn befremdet. Er blieb nicht der Einzige, der über meinen Entschluss zumindest irritiert den Kopf schüttelte. Dieser Entscheid passte nicht in das für mich erwartete Berufsbild meiner Bekannten und Freunde. Zu lebhaft und frech hatten sie mich bis dahin wahrgenommen, zu lautstark hatte ich unsere Fussballmannschaft am Spielfeldrand angefeuert und Nächte durchgetanzt. Aber sprechen Lebensfreude und ein heiteres Wesen gegen ein Theologiestudium?

 

Es ist erstaunlich, wie dick die Schicht aus Staub ist, die über der gängigen Vorstellung von Kirche und den Menschen liegt, die sich in ihr engagieren. Ist die Kirche tatsächlich so antiquiert und sind die Menschen, die sie ausmachen, so altbacken? Oder trübt die vorgefertigte Meinung unseren Blick, sodass wir nur noch sehen, was wir sehen wollen, und nicht mehr bereit sind, genauer hinzusehen?

Warum irritiert es so, wenn die vorgefundene Realität nicht mit dem Bild übereinstimmt, das man selbst von der Kirche hat?

Ein Beispiel dafür mag der Beitrag des katholischen Theologen und Journalisten Remo Wiegand im Online-Magazin »Zentral Plus« sein, in dem er als »Gottesdienstkritiker« katholische und reformierte Gottesdienste besucht und diese mit einem bis fünf Kreuzen bewertet.

Die Bewertung einer Pfarrerin in der Zentralschweiz im Dezember 2016 ging im wahrsten Sinne des Wortes ins Auge. Seine Kritik zielte in weiten Teilen auf das äussere Erscheinungsbild der jungen Frau, weniger auf deren Predigt. Was hatte er erwartet, dass er vom Äusseren der Predigerin so intensiv berichtet: »Eine Begegnung mit Gottes Schönheit«, »eine gut aussehende Frau: ein Bild für Gott«, »man könnte sie sich in ihrem eleganten Suit auch als Bankangestellte oder Stewardess vorstellen«. Ja, ist die Kirche denn ein Ort, wo hässliche und verlorene Menschen einen Platz haben? Erstaunlich tief hat sich die mittelalterliche Vorstellung im Denken moderner Menschen festgesetzt, dass die Kirche Schönheit und Lebensfreude verteufelt und nur »Mühselige und Beladene« dort ihren Platz haben. Wieso überraschen eine helle und freundliche Atmosphäre und schöne, heitere Menschen im Gottesdienstraum, statt einfach selbstverständlich zu sein? Um von der ihn ansprechenden Schönheit nicht zu sehr abgelenkt zu werden, fragt sich der Gottesdienstkritiker am Ende: »Könnte der Talar, das reformierte Pfarrersgewand, helfen, in die noch fremde Rolle zu schlüpfen?«

Der Talar ist ein hilfreiches Instrument. Wenn bei grossen Gottesdiensten Gedränge herrscht, kommt man damit durch jeden Engpass an der Tür. Auf dem Friedhof, bei Trauungen und Konfirmationen, bei denen viele fremde oder kirchenferne Gottesdienstbesucher anwesend sind, ist er für alle, die den Pfarrer oder die Pfarrerin nicht kennen, ein sinnvoller Hinweis auf die verantwortliche Leitung.

Doch um im Bild des Gottesdienstkritikers zu bleiben: Das Kostüm allein reicht nicht...

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