Faltenstolz

Über die Schönheit und Kraft des Älterwerdens
 
 
Beltz (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 12. Februar 2020
  • |
  • 349 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-407-86491-8 (ISBN)
 
Älter werden wir alle. Daran können wir nichts ändern. Was wir aber ändern können, ist unsere Haltung: Verstecken wir die Spuren? Beugen wir uns gesellschaftlichen Altersvorurteilen und bleiben bei Bewährtem, weil wir für Innovationen zu alt scheinen? Als der Mitbegründer der Slow-Bewegung, Carl Honoré, 50 wird, macht er sich auf die Suche nach Menschen rund um den Globus, die bewusst mit Altersvorurteilen brechen. Seine Begegnungen von Bangkok bis Berlin beweisen: Wir können bis ins hohe Alter leistungsfähig, innovativ, zufrieden und eine Bereicherung für unser Umfeld sein. Dieses Buch inspiriert dazu, die eigene Beziehung zu Körper, Arbeit, Partnerschaft, Schönheitsidealen und Genuss neu zu bestimmen. Es ist ein Plädoyer dafür, stolz auf unsere anwachsende Zahl an Lebensjahren zu sein. Und eine Ermutigung, uns nicht über unser Alter zu definieren, sondern über das, was wir tun, denken und fühlen.
weitere Ausgaben werden ermittelt
Carl Honoré, Jahrgang 1967, ist internationaler Bestsellerautor und Wissenschaftsjournalist. Seine Beiträge u.a. in Time, Observer und Economist haben die weltweite Slow-Bewegung mit in Gang gesetzt. Seine Bücher wurden in über 30 Sprachen übersetzt, Millionen Menschen lieben seine TED-Talks. Er lebt mit seiner Familie im Südwesten von London. www.carlhonore.com

Einführung

Geburtstagsblues


Hope I die before I grow old.1

Pete Townshend, »My Generation«

Seit Jahrzehnten jage ich, mit einem Schläger ausgerüstet, einem kleinen Ball hinterher. Hockey ist nicht nur mein Lieblingssport, sondern verlangt darüber hinaus auch körperliche Höchstleistung bis zur Schmerzgrenze, bietet mir die Gelegenheit, Zeit mit Freunden zu verbringen, und verbindet mich mit meinen kanadischen Wurzeln. Solange ich Hockey spiele, kann ich meine Augen vor der Tatsache verschließen, dass ich nicht mehr der Jüngste bin. Solange ich Hockey spiele, kann ich aufhören, über mein Alter und die Auswirkungen nachzudenken. Wozu soll ich mir auch den Kopf zerbrechen, wenn ich mich immer noch wie ein junger Hüpfer fühle, sobald ich den Ball erwische?

Das hat alles bestens funktioniert, bis zu dem Tag des Hockeyturniers in Gateshead, einer Arbeiterstadt im Nordosten von England.

Gegen Ende des Viertelfinales stand es immer noch unentschieden, obwohl wir gegen einen Gegner angetreten waren, den wir im Vorjahr vernichtend geschlagen hatten. Die Uhr tickte unerbittlich. Ich spürte, wie groß die Anspannung und Frustration in unserer Mannschaft waren. Und dann, in der allerletzten Spielminute, als ein nervenzerfetzendes Penaltyschießen drohte - dabei haben fünf Spieler jeder Mannschaft jeweils acht Sekunden Zeit, um ein Tor zu erzielen, ähnlich wie beim Elfmeterschießen im Fußball -, lieferte ich eine absolute Glanznummer im Hockey ab.

Beim Anstoß wirft der Schiedsrichter den Puck auf den Bullypunkt, neben dem jeweils ein Stürmer der beiden Mannschaften Aufstellung genommen hat. Dieser Einwurf, Face-off oder Bully genannt, ist eine Nagelprobe, bei der Kraft, Gleichgewicht, Reflexe, Hand-Auge-Koordination und rasches Denken eine entscheidende Rolle spielen. Es gilt, mit dem Schläger den Puck für die eigene Mannschaft zu erobern. Dass jemand beim Einwurf mit einem Schlag den Puck erwischt und direkt ins Tor trifft, kommt äußerst selten vor. Doch in diesem Viertelfinale gelang mir genau das: Bevor sich jemand auch nur in Bewegung setzen konnte, landete der Puck aus fünf Meter Entfernung in der unteren Ecke des Netzes. Mein Bully-Rivale fluchte unterdrückt. Der ausmanövrierte Torwart drosch in ohnmächtiger Wut mit seinem Schläger auf den Boden ein. Mein Team hatte den Einzug ins Halbfinale geschafft - und ich schwebte auf Wolke sieben.

Nach dem Schlusspfiff, den üblichen Umarmungen und dem Abklatschen begab ich mich in die Umkleidekabine, während ich in Gedanken den rettenden Schuss noch einmal Revue passieren ließ. Einer der Veranstalter des Turniers saß mit seinem Laptop auf der anderen Seite eines Berges aus dampfender, übel riechender Hockeyausrüstung, warf einen Blick auf die Spielerprofile und verglich deren Alter. Der jüngste Spieler war sechzehn. Und der älteste? »Mann, das bist ja du!«, rief er, ein wenig zu belustigt für meinen Geschmack. »Du bist der älteste Spieler im ganzen Turnier!«

Ich war damals achtundvierzig, hatte die ersten grauen Haare und die entsprechenden Krähenfüße. Alles kein Problem. Aber diese Nachricht nahm mir den Wind aus den Segeln. Meine Glanznummer, das Tor, dem wir den Sieg unserer Mannschaft im Viertelfinale verdankten, wurde auf Anhieb von der vernichtenden, rein rechnerisch unanfechtbaren Tatsache in den Schatten gestellt, dass von den 240 Turnierteilnehmern unterm Strich alle jünger waren als ich. Im Handumdrehen war aus dem Torschützen ein Tattergreis geworden.

Als ich beim Verlassen der Umkleidekabine die anderen Spieler von Kopf bis Fuß zu mustern begann, drängten sich mir Fragen über Fragen auf: Bin ich hier fehl am Platz? Lachen die Leute über mich? Bin ich die Hockeyentsprechung zu einem fünfzigjährigen Trophäenjäger, der sich mit seiner zwanzigjährigen Freundin brüstet? Sollte ich mir besser eine weniger aufreibende Freizeitbeschäftigung suchen? Bingo vielleicht?

Am Ende des Tages droht er jedem von uns: dieser ernüchternde, niederschmetternde Augenblick, in dem man sich urplötzlich alt vorkommt. Das Geburtsdatum, früher lediglich eine Abfolge von Zahlen im Reisepass, verwandelt sich mit einem Mal in blanken Hohn, in ein Memento mori, einen stillschweigenden Beweis, dass man den eigenen Zenit überschritten hat und sich auf einer Einbahnstraße befindet, die zum elastischen Rock- oder Hosenbund und zum Schaukelstuhl führt. Das Leben, so wie wir es kennen und uns vorstellen, ist ein für alle Mal vorbei. Wir beginnen, darüber nachzugrübeln, was als altersgemäß gilt. Bin ich zu alt für dieses Outfit? Für diese Frisur, für diesen Job, für diesen Lebensabschnittspartner, für diese Band mit ihrer fetzigen Musik, für diese Sportart? Der Auslöser kann ein runder Geburtstag sein, eine Krankheit, eine Verletzung, eine schnöde Abfuhr bei einem Flirtversuch, die Tatsache, dass man bei der Beförderung übergangen wurde. Oder der Tod eines nahestehenden Menschen. Für mich war es die Erkenntnis, der älteste Spieler bei einem Hockeyturnier zu sein.

Bei genauerem Hinsehen entdeckt man jedoch den sprichwörtlichen Silberstreifen am Horizont: Viele von uns leben heute lange genug, um auch noch als »Methusalem« Tore zu schießen. Das haben wir dem sogenannten Altersboom zu verdanken, der im 20. Jahrhundert über uns hereinbrach. Die Verbesserung der Ernährung, Gesundheit, Technologie, der sanitären Verhältnisse und medizinischen Versorgung trug ebenso wie der Kampf gegen den Nikotinkonsum und die steigenden Einkommen dazu bei, die menschliche Lebenszeit zu verlängern. Die weltweite Lebenserwartung zum Zeitpunkt der Geburt hat sich laut WHO seit Ende des 19. Jahrhunderts verdoppelt, von einunddreißig Jahren auf aktuell zweiundsiebzig Jahre, wobei in den reichen Ländern heute ein durchschnittlicher Spitzenwert von achtzig Jahren erreicht wird. 1963 begann man in Japan, jedem Bürger zum hundertsten Geburtstag eine silberne Sake-Schale als Geschenk zu überreichen. Der Brauch wurde 2015 aus Kostengründen eingestellt, da die Zahl der Hundertjährigen in Japan inzwischen überhandgenommen hat.

Das heißt nicht, dass früher niemand alt wurde. Doch im Verlauf der Geschichte war die durchschnittliche Lebenserwartung größtenteils gering, vor allem aufgrund der hohen Kindersterblichkeitsrate. Wer es schaffte, in der Zeit vor der industriellen Revolution das Erwachsenenalter zu erreichen, konnte durchaus ein langes Leben vor sich haben. Aus Chroniken geht hervor, dass im Römischen Reich acht Prozent der Bewohner älter als sechzig waren, und im 17. und 18. Jahrhundert gehörten in England, Frankreich und Spanien mehr als zehn Prozent der Bevölkerung dieser Altersgruppe an. Isaac Newton, 1624 geboren, konnte auf das damals biblische Alter von vierundachtzig Jahren verweisen. Von Zeit zu Zeit sorgten diese statistischen Ausreißer sogar für Schlagzeilen. England geriet in den Bann eines Landarbeiters namens Thomas Parr, der angeblich 152 Jahre alt war, als er 1635 das Zeitliche segnete. Ungeachtet der Behauptung, er müsse sein Geburtsdatum mit dem seines Großvaters verwechselt haben, verschlang die Öffentlichkeit die Geschichten, die über ihn kursierten, über seine karge Kost (»Käse- und Milchprodukte, die ranzig wurden, grobes, hartes Brot, wenig trinken, im Allgemeinen Sauermolke in kleinen Schlucken«) und sein schillerndes Liebesleben, zu dem auch eine kirchlich auferlegte Buße wegen Ehebruchs und die Zeugung eines außerehelichen Kindes im Alter von hundert Jahren gehörten. Die Berühmtheit, die der alte Schwerenöter erlangte, nahm solche Ausmaße an, dass »der alte Parr« von Anthonis van Dyck und Peter Paul Rubens gemalt und in der Westminster Abbey beigesetzt wurde.

Obwohl bisher niemand so lange gelebt hat, wie Parr von sich behauptete, ist die Langlebigkeitsrevolution nach gleich welchem Maßstab ein gewaltiger Fortschritt, ein hoch aufragendes Monument, das dem menschlichen Einfallsreichtum huldigt und einen Grund zum Feiern darstellt - doch oft fühlt es sich nicht so an. Warum? Vor allem deshalb, weil unsere innere Einstellung zum Alterungsprozess nicht mit der demografischen Fülle Schritt gehalten hat, die sich vor uns ausbreitet. Statt die Champagnerkorken knallen zu lassen, um auf die zusätzlichen Lebensjahre anzustoßen, graut uns vor dem Gedanken an das Ungemach, das uns im Alter droht. Statt unsere Hockeyheldentaten zu genießen, geraten wir beim Blick auf den zurückweichenden Haaransatz in Panik.

Erschwerend kommt hinzu, dass der Altersboom im öffentlichen Diskurs meistens als Spaßbremse dargestellt wird, Seite an Seite mit dem Klimawandel und der ökonomischen Ungleichheit. Laut dem Weltwirtschaftsforum gibt es weltweit bereits 450?000...

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