Mr. Peardews Sammlung der verlorenen Dinge

Roman
 
 
Ullstein Taschenbuchverlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 19. Mai 2017
  • |
  • 320 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8437-1470-9 (ISBN)
 
Charmant, außergewöhnlich und liebenswert. Machen Sie sich mit Mr. Peardew auf die Suche nach verlorenen Dingen.

Jeder Gegenstand, den Anthony Peardew auf der Straße findet, hat eine Geschichte. Er sammelt und archiviert sie alle in seinem gediegenen viktorianischen Haus und plant, sie eines Tages an ihre ursprünglichen Besitzer zurückzugeben. Denn er selbst sieht sich nur als Hüter der verlorenen Dinge. Vor Jahren hat er selbst etwas verloren, das er seitdem auf seinen Streifzügen sucht: ein Schmuckstück. Es gehörte seiner großen Liebe, und das Medaillon verbindet sie noch immer mit ihm. Anthony muss diese besondere Aufgabe jedoch an seine Erbin Laura weitergeben, ohne ihr von dem großen Geheimnis erzählt zu haben, das seine Sammlung umgibt.
weitere Ausgaben werden ermittelt
Ruth Hogan ist selbst begeisterte Sammlerin von Fundstücken. Sie lebt mit Mann und drei Hunden in einem etwas chaotischen viktorianischen Haus in Bedford, England. Ein schwerer Autounfall und eine Krebserkrankung brachten sie zum Schreiben. Die schlaflosen Nächte hat sie am Schreibtisch verbracht, das Ergebnis ist ihr erster Roman über das Finden von Dingen und Geschichten.

2


Laura war hoffnungslos verloren und trieb auf den Wellen dahin. Nur mit knapper Not und einer unglückseligen Mischung aus Prozac, Pinot Grigio und guter Miene zum bösen Spiel - zu Vinces Affäre zum Beispiel - hielt sie sich über Wasser. Anthony Peardew und sein Haus hatten sie gerettet.

Als sie den Wagen vor dem Haus abstellte, rechnete sie nach, wie lange sie hier schon arbeitete. Fünf, nein, fast sechs Jahre. Sie hatte im Wartezimmer ihres Arztes gesessen und nervös die Zeitschriften durchgeblättert, als ihr eine Anzeige in der Lady ins Auge sprang:

Haushälterin/persönliche Assistentin für
Schriftsteller gesucht. Bitte bewerben Sie sich bei
Anthony Peardew - PO Box 27312.

Eigentlich war sie zum Arzt gegangen, um sich noch mehr Medikamente verschreiben zu lassen. Stattdessen verließ sie die Praxis und bewarb sich auf eine Stelle, die ihr Leben verändern würde, wie sich herausstellte.

Als sie den Haustürschlüssel umdrehte und ins Haus trat, empfing sie wie immer der Frieden, den es ausstrahlte. Sie ging in die Küche, füllte den Kessel mit Wasser und stellte ihn auf den Herd. Anthony machte wohl gerade seinen Morgenspaziergang. Gestern hatte sie ihn gar nicht gesehen. Er war in London bei seinem Anwalt gewesen. Während sie darauf wartete, dass das Wasser kochte, durchstöberte sie den ordentlichen Papierstapel, den er ihr zur Bearbeitung hingelegt hatte: ein paar zu zahlende Rechnungen, ein paar Briefe, die sie für ihn beantworten sollte, und die Bitte, einen Termin bei seinem Arzt zu vereinbaren. Leichte Besorgnis überkam sie. Sie hatte versucht, darüber hinwegzusehen, dass er in den vergangenen Monaten nachgelassen hatte, wie ein schönes Porträt, das zu lange dem grellen Sonnenlicht ausgesetzt ist, an Schärfe und Farbe verliert. Als er vor Jahren das Bewerbungsgespräch mit ihr geführt hatte, war er ein großer, muskulöser Mann mit vollem dunklem Haar gewesen, leuchtend blauen Augen und einer Stimme wie James Mason. Sie hatte ihn für viel jünger als achtundsechzig gehalten. Laura hatte sich in Mr. Peardew und das Haus gleichermaßen verliebt, sobald sie durch die Tür getreten war. Die Liebe, die sie für ihn empfand, war keine romantische, eher die Zuneigung eines Kindes zum Lieblingsonkel. Seine freundliche Stärke, seine ruhige Art und seine makellose Höflichkeit waren Eigenschaften, die sie bei einem Mann zu schätzen gelernt hatte, wenn auch ein wenig spät. In seiner Gegenwart besserte sich ihre Laune, was dazu führte, dass ihr Leben ihr endlich wieder wertvoll erschien. Er war ein treuer Anhänger von Radio 4, Big Ben und »Land of Hope and Glory«. Aber immer ein wenig distanziert. Einen Teil von sich gab er nie preis; ein Geheimnis, das er stets bewahrte. Laura war darüber froh. Intimität, sei es körperliche oder emotionale, war immer eine Enttäuschung für sie gewesen. Mr. Peardew war der perfekte Arbeitgeber, der zu Anthony, einem guten Freund, geworden war. Aber einem, der ihr nie zu nahekam.

Im Grunde war es ein Deckchen auf einem Tablett gewesen, das dazu führte, dass Laura sich in das Haus verliebte. Anthony hatte ihr beim Bewerbungsgespräch Tee gekocht und ihn in den Wintergarten gebracht: Teekanne mit Wärmer, Milchkännchen, Zuckerdose und Zange, Tassen und Untertassen, silberne Teelöffel, Teesieb mit Ständer. Das alles auf einem Tablett mit Deckchen. Weißes, mit Spitze gesäumtes Leinen. Das Deckchen war eindeutig. Padua war offensichtlich ein Haus, in dem das alles einschließlich Deckchen zum Alltag gehörte, und Mr. Peardew war ein Mann, dessen Alltag genau das war, wonach Laura sich sehnte. Als sie frisch verheiratet waren, hatte Vince sie damit aufgezogen, dass sie versuchte, solche Dinge in ihrem Haus einzuführen. Wenn er je gezwungen war, sich seinen Tee selbst zu machen, ließ er den benutzten Teebeutel auf dem Abtropfbrett liegen, auch wenn Laura ihn noch so oft bat, ihn in den Abfalleimer zu werfen. Er trank Milch und Obstsaft direkt aus der Packung, stützte beim Essen die Ellbogen auf, hielt sein Messer wie einen Stift und sprach mit vollem Mund. Für sich genommen waren es Kleinigkeiten, wie die vielen anderen Dinge, die er tat und sagte. Laura versuchte sie zu ignorieren, doch sie gingen ihr trotzdem auf die Nerven. Im Lauf der Jahre nahmen sie zu, verhärteten Lauras Herz und zerstörten ihre zarten Sehnsüchte nach einem Leben, das sie einst bei ihren Schulfreundinnen zu Hause mitbekommen hatte. Als Vinces Hänseleien schließlich in Spott übergingen, wurde ein Deckchen auf dem Tablett für ihn zu einem Gegenstand, der nur Hohn verdiente. So wie Laura.

Das Bewerbungsgespräch hatte am Tag ihres fünfunddreißigsten Geburtstags stattgefunden und war erstaunlich kurz verlaufen. Mr. Peardew fragte sie, wie sie ihren Tee trinke, und schenkte dann ein. Beide hatten ein paar Fragen gestellt, bevor er Laura die Stelle anbot. Sie nahm an. Es war das perfekte Geburtstagsgeschenk, und Laura schöpfte wieder Hoffnung.

Das Pfeifen des Kessels drang in ihre Erinnerungen. Laura nahm ihren Tee, ein Staubtuch und Möbelpolitur mit in den Wintergarten. Zu Hause hasste sie es, zu putzen, besonders als sie noch mit Vince zusammengelebt hatte. Hier aber war es eine liebevolle Tätigkeit. Als sie angefangen hatte, waren das Haus und die darin befindlichen Gegenstände leicht vernachlässigt. Nicht schmutzig oder schäbig, nur übersehen. Viele Zimmer waren unbenutzt. Anthony verbrachte die meiste Zeit im Wintergarten oder in seinem Arbeitszimmer und hatte nie Gäste, die im Gästezimmer übernachteten. Leise und sanft hatte Laura einen Raum nach dem anderen wieder zum Leben erweckt. Bis auf das Arbeitszimmer. Das hatte sie nie betreten. Anthony hatte ihr gleich am Anfang gesagt, niemand außer ihm gehe ins Arbeitszimmer, und wenn er nicht darin war, blieb es abgeschlossen. Das hatte sie nie in Frage gestellt. Aber alle anderen Räume wurden so gepflegt, dass jeder sich hätte wohlfühlen können, auch wenn nie jemand kam.

Im Wintergarten nahm Laura das Foto im Silberrahmen in die Hand und polierte Glas und Silber so lange, bis es glänzte. Anthony hatte ihr erzählt, der Name der Frau sei Therese, und Laura wusste, dass er sie sehr geliebt haben musste, denn ihr Foto war eins von nur dreien im ganzen Haus. Die anderen waren Kopien eines Fotos von Anthony und Therese zusammen, eins stand auf einem kleinen Tisch neben seinem Bett, das andere auf der Kommode im großen Schlafzimmer auf der Rückseite des Hauses. In all den Jahren, seitdem sie ihn kannte, hatte sie ihn nie so glücklich gesehen wie auf dem Foto.

Als Laura sich von Vince trennte, war ihre letzte Tat, das gerahmte Hochzeitsfoto wegzuwerfen, nachdem sie darauf herumgetrampelt war und das zersplitterte Glas mit dem Absatz in sein grinsendes Gesicht gerieben hatte. Selina vom Kundendienst hatte ihn mit offenen Armen aufgenommen. Er war ein absolutes Arschloch. Sie war nur traurig darüber, so viele Jahre mit ihm vergeudet zu haben. Doch mit einer nicht abgeschlossenen Ausbildung, fehlender Berufserfahrung und ohne Geld war ihr nichts anderes übriggeblieben.

Als sie im Wintergarten fertig war, ging Laura durch die Diele und dann die Treppe hinauf, wobei sie mit ihrem Staubtuch einen Goldschimmer vom geschwungenen Holzgeländer strich. Sie hatte sich oft Gedanken über das Arbeitszimmer gemacht - natürlich. Aber sie respektierte Anthonys Privatsphäre ebenso wie er ihre. Das größte Schlafzimmer oben war auch das hübscheste, es hatte ein großes Erkerfenster mit Blick über den Garten hinter dem Haus. Das war das Zimmer, das Anthony einst mit Therese geteilt hatte, doch nun schlief er in dem kleineren Raum nebenan. Laura öffnete das Fenster, um ein wenig zu lüften. Die Rosen im Garten unten standen in voller Blüte, wogende rote, rosa und cremefarbene Blätter. An den Rändern der Beete standen Pfingstrosen, durchsetzt mit saphirfarbenen Speeren des Rittersporns. Der Duft der Rosen schwebte in der warmen Luft nach oben, und Laura atmete das schwere Aroma tief ein. Doch dieser Raum duftete immer nach Rosen. Selbst im Winter, wenn der Garten schlief und die Fenster mit einer Eisschicht überzogen waren. Laura richtete sich auf, strich über die ohnehin schon perfekten Bettdecken und schüttelte die Polster auf der Ottomane auf. Der Frisiertisch aus grünem Glas stand funkelnd im Sonnenlicht. Doch nicht alles war perfekt in dem Raum. Die kleine blaue Emaille-Uhr war wieder stehengeblieben. Sie zeigte 11.55 Uhr und tickte nicht. Jeden Tag blieb sie um dieselbe Zeit stehen. Laura schaute auf ihre Armbanduhr und stellte die Zeiger richtig. Vorsichtig drehte sie den kleinen Schlüssel, bis das leise Ticken einsetzte, und stellte die Uhr dann wieder an ihren Platz auf der Frisierkommode.

Als sie die Haustür unten hörte, wusste sie, dass Anthony von seinem Spaziergang zurück war. Daraufhin folgten das Aufschließen, Öffnen und Schließen der Tür vom Arbeitszimmer. Eine Geräuschfolge, mit der Laura sehr vertraut war. In der Küche machte sie eine Kanne Kaffee, die sie mit einer Tasse und Untertasse, einem silbernen Milchkännchen und einem Teller Kekse auf ein Tablett stellte. Sie trug es durch die Diele und klopfte leise an. Als die Tür aufging, reichte sie Anthony das Tablett. Er wirkte erschöpft; eher blass als durch seinen Spaziergang belebt.

»Danke, meine Liebe.«

Traurig stellte sie fest, dass seine Hände leicht zitterten, als er das Tablett entgegennahm.

»Möchten Sie etwas Bestimmtes zum Mittagessen?«, fragte sie.

»Nein, nein. Ich bin mir sicher, alles, wozu Sie sich entscheiden, wird köstlich schmecken.«

Die Tür ging zu. Zurück in der Küche, wusch Laura den schmutzigen...

Wir warten alle darauf, gefunden zu werden .

Auch Anthony Peardew, der auf seinen Streifzügen durch die Stadt Verlorenes aufsammelt. Jeden Gegenstand bewahrt er sorgfältig zu Hause auf. Er hofft, so ein vor langer Zeit gegebenes Versprechen einlösen zu können. Doch ihm läuft die Zeit davon. Laura übernimmt sein Erbe, ohne zu ahnen, auf welch große Aufgabe sie sich einlässt. Überrascht erkennt sie, welche Welt sich ihr in Anthonys Haus eröffnet.

Ein Roman über verlorene Dinge und zweite Chancen. Über einzelne Handschuhe, schönes Teegeschirr, begabte Nachbarinnen, unerwartete Freundschaften und zeitlose Liebe.

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