Bruno, der Messdiener

Erfahrungen mit der Kirche
 
 
Books on Demand (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 11. Mai 2020
  • |
  • 152 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7519-6354-1 (ISBN)
 
Bruno wächst als Kind in die römisch-katholische Kirche hinein. Besonders intensiv sind seine Erfahrungen mit der Kirche als Messdiener, von 1956 bis 1966.
Warum wurde er Messdiener? Wie kam er mit der Glaubenslehre zurecht? Was hielten andersdenkende Jugendliche von seinen Glaubensvorstellungen? Wie wirkte sich seine katholische Erziehung auf sein Verhalten gegenüber Mädchen aus?
Mit sexuellem Missbrauch wurde Bruno als Jugendlicher nicht konfrontiert.
Und wie hält er es heute, ein halbes Jahrhundert später, mit Religion und Kirche?
In unterhaltsamer und zugespitzter Form setzt sich Bruno mit der römisch-katholischen Kirche auseinander und hinterfragt dabei die Erziehung zur Religion. Die autobiografische Erzählung will zu einer Debatte über Kirche und Religion anregen.
1. Auflage
  • Deutsch
  • 0,32 MB
978-3-7519-6354-1 (9783751963541)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Bruno Hoenig, Jahrgang 1948, ist immer noch römisch-katholisch. Er war 10 Jahre Messdiener und 9 Jahre Schüler eines katholischen Gymnasiums, das von Jesuiten geleitet wurde. Außerdem war er Jugendvertreter im Pfarrgemeinderat.
Er studierte Sport und Geschichte und hat von 1976 bis 2011 als Lehrer im Hamburger Schuldienst gearbeitet.

Erstes Kapitel


"Bruno, du willst doch bestimmt auch gerne Messdiener werden?«, fragte der Pfarrer von Sankt Jakob in Oberlengsfeld, einer kleinen hessischen Dorfgemeinde unweit von Bad Hersfeld.

Bevor Bruno zustimmte, zögerte er für den Bruchteil einer Sekunde, was Hochwürden nicht verborgen blieb.

»Hörst du gerade das Läuten der Glocken?« vergewisserte sich der Geistliche, denn das Dröhnen der gusseisernen Kirchenglocken war eigentlich nicht zu überhören. Bruno nickte.

»Es gibt nichts Schöneres auf der Welt als Gott zu dienen, mein Junge! Das Läuten der Glocken erinnert uns stets an unsere Pflichten gegenüber unserem Herrgott!«

»Ja, Hochwürden«, stimmte der Achtjährige artig zu und dachte dabei an seine beiden älteren Brüder, die bereits Messdiener waren. Und von ihnen wusste er, dass das Amt des Messdieners nicht nur mit Ansehen und Ehre verbunden war, sondern auch mit Verzicht und Opfern, wie zum Beispiel frühem Aufstehen an Sonn- und Feiertagen, nüchtern zum Gottesdienst erscheinen und lateinische Messgebete auswendig lernen.

Aber warum hätte Bruno »nein« sagen sollen, wenn seine Eltern und der Herr Pfarrer wollten, dass er Messdiener würde? Waren nicht alle Verwandten mächtig stolz auf ihn gewesen, als er vor wenigen Wochen die Erste Heilige Kommunion empfangen hatte?

Bruno konnte nicht anders als nicken. Vor den Osterferien 1956 war er gerade in die dritte Klasse versetzt worden. Einfache Bücher konnte er schon gut lesen und das kleine Einmaleins beherrschte er sicher. Darauf war er sehr stolz.

«Wann fängt der Unterricht für die Messdiener denn an?«, erkundigte sich Bruno.

»Nächsten Mittwoch um 17 Uhr«, erwiderte Hochwürden und lächelte zufrieden in sich hinein.

Der Unterricht für die Messdiener begann pünktlich und sehr zielgerichtet. »Beim Confiteor, dem Schuldbekenntnis aller deiner Sünden, musst du als Messdiener zu Beginn der Heiligen Messe kniend deinen Oberkörper deutlich neigen und mit der rechten Hand drei Mal auf deine Brust klopfen, wobei du laut und vernehmbar »mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa« sagst! Die Gemeinde muss das sehen und hören können«, erklärte der Herr Pfarrer.

»Und was heißt das?«

»Durch meine Schuld, durch meine Schuld, durch meine übergroße Schuld«, übersetzte Hochwürden und fügte hinzu: »Du bekennst vor Gott deine Schuld als sündiger Mensch. Übersetzt aus dem Lateinischen heißt es wörtlich im Confiteor: >Ich bekenne Gott, dem Allmächtigen, der seligen, allzeit reinen Jungfrau Maria, dem heiligen Erzengel Michael, dem heiligen Johannes dem Täufer, den heiligen Aposteln Petrus und Paulus, allen Heiligen und Dir, Vater, dass ich viel gesündigt habe, in Gedanken, Worten und Werken: durch meine Schuld, durch meine Schuld, durch meine übergroße Schuld. Darum bitte ich die selige, allzeit reine Jungfrau Maria, den heiligen Erzengel Michael, den heiligen Johannes den Täufer, die heiligen Apostel Petrus und Paulus, alle Heiligen und Dich, Vater, für mich zu beten bei Gott, unserem Herrn<.«

Bruno guckte den Geistlichen erstaunt an. Soviel Schuld, fand er, hatte er eigentlich noch gar nicht auf sich geladen. Selbstverständlich hatte er hin und wieder versäumt, das Nachtgebet zu sprechen, weil er einfach zu müde gewesen war. Es kam auch vor, dass er seine kleine Schwester geärgert und ein Stückchen Schokolade aus dem Küchenschrank stibitzt hatte. Oder dass er seinen Eltern nicht immer sofort gehorcht hatte. Gelegentlich hatte er auch die Hausaufgaben für die Schule nicht vollständig gemacht.

Ein »mea culpa«, auch ohne sich an die Brust zu klopfen, hätte dafür gereicht, dachte Bruno. Aber das behielt er für sich. Denn Widerspruch schätzte Hochwürden nicht.

Dies hatte Bruno schon beim Kommunionunterricht wenige Monate zuvor erlebt, als er nachfragte, ob es wirklich so sei, dass durch die Wandlung im Gottesdienst die Oblate zum Leib Christi werde und der Wein zum Blut Christi. Blut sehe doch ganz anders aus als Wein.

»Bruno, beim Abendmahl wird Jesus Christus gegenwärtig durch die heilige Wandlung. Brot und Wein verwandeln sich in ihrem Wesen.«

»Wie geht das denn?«, staunte Bruno.

»Das ist die Lehre von der Transsubstantiation«, erklärte der Herr Pfarrer.

Überzeugt war Bruno nicht, eher ratlos. Er blickte den Geistlichen verständnislos an. Deshalb fügte Hochwürden hinzu: »Für Gott ist nichts unmöglich!«

Seit diesem Tag wurde Bruno beim Herrn Pfarrer unter der Rubrik »schwieriger« Messdiener geführt. Als »schwierig« galten alle, die aus Sicht von Hochwürden unnötige oder dumme Fragen stellten und sich schwertaten, traditionelle Formen der Liturgie zu verstehen.

Zuhause angekommen fragte Bruno seine Mutter, was es mit der Lehre von der Transsubstantiation auf sich habe.

»Noch nie gehört«, sagte sie kopfschüttelnd.

»Das kann nicht sein!« Auf Brunos Gesicht zeichnete sich ungläubiges Staunen ab. »Du bist doch jeden Sonntag dabei. Es geht um die Wandlung im Gottesdienst.«

»Ach so, sag das doch gleich! Diesen lateinischen Begriff dafür habe ich noch nie gehört. Da musst du Opa Willi fragen, der weiß bestimmt etwas darüber!«

Brunos Großvater väterlicherseits war ein Unikum, ein wandelndes Lexikon. Was er einmal gelesen oder gehört hatte, saugte er auf wie ein Schwamm. »Weiß ich nicht« kam selten über seine Lippen.

Willi lächelte, als er mit der Frage konfrontiert wurde. Für einen kurzen Moment wirkte er belustigt aufgrund des ungewöhnlichen Fachbegriffs aus dem Mund eines Achtjährigen.

Dann schimpfte er: »Typisch klerikal! Wenn es unverständlich wird, sich hinter ´nem Dogma verschanzen. 1215 wurde diese Lehre im 4. Laterankonzil zum Dogma erhoben. [A1]

Nach dieser Lehre ist es so, dass im Gottesdienst durch göttliche Macht Wein und Brot in das Blut und den Leib Christi umgewandelt werden, Brot und Wein aber trotzdem in ihrer Form bestehen bleiben.«

»Das verstehe ich nicht«, sagte Bruno.

»Ich auch nicht«, gab Willi zu und schob die Begründung hinterher: »Für mich sind das Symbole. Sie sollen eine Erinnerung an das Vorbild Jesus und das letzte Abendmahl mit seinen Jüngern sein.«

»Und warum erzählt mir der Herr Pfarrer das nicht so?«

»Weil diese Erklärung nach katholischer Lehre eben nicht ausreicht. An die Glaubenssätze der Amtskirche, auch Dogmen genannt, muss sich Hochwürden schon halten. Sonst fliegt er aus der Kirche. Aber wahrscheinlich glaubt er es selbst.«

Bruno reichte es fürs Erste.

Dass die Kirche so rigoros mit ihrem Personal umspringen würde, hätte er nicht gedacht. Hinzu kam: Es gab nicht nur ein Dogma in der katholischen Kirche, sondern über zweihundert, wie zum Beispiel die Himmelfahrt Marias, Marias unbefleckte Empfängnis und die Unfehlbarkeit des Papstes in Glaubensfragen, um nur drei zu nennen. [A2]

Im Unterricht für die Messdiener lernte Bruno mit drei anderen Achtjährigen, wie man ein Messgewand anzieht, wie man dem Geistlichen beim Zelebrieren der heiligen Messe durch Handreichungen hilft, wie man Fackeln oder Kerzen trägt, wie man richtig mit der Schelle umgeht, wie man die Kollekte einsammelt und vieles mehr. Und selbstverständlich das Aufsagen von Messgebeten auf Latein. Die Heilige Messe, der katholische Gottesdienst, wurde damals noch auf Latein gelesen. Nur die Lesungen und das Evangelium erfolgten auf Deutsch. [A3]

In der Dorfgemeinde gab es außer Bruno und seinen beiden Brüdern noch fünf weitere Messdiener, selbstverständlich alles Jungen. Mädchen durften damals nicht Messdiener werden. Ihnen war der Zutritt zu diesem Amt verwehrt. Das wurde auch nicht in Frage gestellt, es war eben so. Brauchtum und Traditionen wurden sorgsam gepflegt und kaum hinterfragt.

Als Messdiener eingesetzt wurde Bruno zum ersten Mal Pfingsten 1956.

Der Pfingstsonntag in jenem Jahr war ein strahlend blauer und sehr heißer Sommertag. Um 10 Uhr war ein feierliches Hochamt angesetzt, bei dem Bruno und sein Bruder Heinz als Messdiener eingeteilt waren. Beide hatten nicht gefrühstückt, weil man drei Stunden vor dem Empfang der Kommunion nüchtern bleiben musste. Um 7 Uhr hatten sie deshalb nicht aufstehen wollen. Bald nach dem Eingangslied forderte der Herr Pfarrer Bruno auf, Weihrauchkörner auf die glühenden Kohlen im Inneren des Weihrauchfasses zu geben, was mittels eines kleinen Silberlöffels geschah. Die silberne Schale mit Weihrauch durfte Bruno tragen. Hochwürden verlangte an diesem Tag vier gehäufte Löffel Weihrauch statt der üblichen zwei. Die Folge: Der gesamte Altarraum war nach kurzer Zeit von einer dichten duftenden Rauchwolke durchflutet und mitten drin in den Weihrauchschwaden stand Bruno.

Während Hochwürden die von...

Dateiformat: EPUB
Kopierschutz: Wasserzeichen-DRM (Digital Rights Management)

Systemvoraussetzungen:

Computer (Windows; MacOS X; Linux): Verwenden Sie eine Lese-Software, die das Dateiformat EPUB verarbeiten kann: z.B. Adobe Digital Editions oder FBReader - beide kostenlos (siehe E-Book Hilfe).

Tablet/Smartphone (Android; iOS): Installieren Sie bereits vor dem Download die kostenlose App Adobe Digital Editions (siehe E-Book Hilfe).

E-Book-Reader: Bookeen, Kobo, Pocketbook, Sony, Tolino u.v.a.m. (nicht Kindle)

Das Dateiformat EPUB ist sehr gut für Romane und Sachbücher geeignet - also für "fließenden" Text ohne komplexes Layout. Bei E-Readern oder Smartphones passt sich der Zeilen- und Seitenumbruch automatisch den kleinen Displays an. Mit Wasserzeichen-DRM wird hier ein "weicher" Kopierschutz verwendet. Daher ist technisch zwar alles möglich - sogar eine unzulässige Weitergabe. Aber an sichtbaren und unsichtbaren Stellen wird der Käufer des E-Books als Wasserzeichen hinterlegt, sodass im Falle eines Missbrauchs die Spur zurückverfolgt werden kann.

Weitere Informationen finden Sie in unserer E-Book Hilfe.


Download (sofort verfügbar)

3,99 €
inkl. 7% MwSt.
Download / Einzel-Lizenz
ePUB mit Wasserzeichen-DRM
siehe Systemvoraussetzungen
E-Book bestellen