Die Zukunft des 20. Jahrhunderts

Dimensionen einer historischen Zukunftsforschung
 
 
Campus (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 8. Juni 2017
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  • 322 Seiten
 
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978-3-593-43625-8 (ISBN)
 
In der Geschichtswissenschaft lässt sich in den vergangenen Jahren eine Hinwendung zu Fragen der Zeitlichkeit beobachten. Insbesondere Zukunftsentwürfe erfahren dabei große Aufmerksamkeit: Sie stellen für Historiker eine Möglichkeit dar, sich historischen Systembrüchen aus ganz neuen Perspektiven zu nähern. Denn die klassische Geschichtsschreibung tendiert dazu, die Vergangenheit als Vorlauf der Gegenwart zu betrachten; verworfenen oder nicht umgesetzten Ideen und Projekten schenkt sie dagegen nur wenig Beachtung. Bei der Analyse von vergangenen Zukunftskonzepten besteht der Ertrag also nicht in geschlossenen Geschichtsbildern, sondern in der Auflösung des historischen Wandels in eine Pluralität von Geschichtserzählungen.
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Lucian Hölscher war von 1991 bis 2014 Professor für Neuere Geschichte und Theorie der Geschichte an der Universität Bochum; der international renommierte Historiker hat 2014 das Netzwerk "Die Zukunft des 20. Jahrhunderts" ins Leben gerufen.
Inhalt
Theoretische Grundlagen der historischen Zukunftsforschung7
Lucian Hölscher
Die deutsche Sozialdemokratie programmiert die "neue Zeit": Die Zukunft der Sozialdemokratie von den Anfängen bis zum Ersten Weltkrieg 39
Thomas Welskopp
Von der Begrenzung der Zukunft zur Suche nach Zukunft: Die Zukunft der Sozialdemokratie vom Ersten Weltkrieg bis heute57
Stefan Berger
Das Zeitregime des Krieges: Zeitpraktiken im Ersten Weltkrieg75
Sabine Mischner
Die Ordnung der Zeit im nationalsozialistischen Herrschaftssystem101
Anselm Doering-Manteuffel
Die Zukunft der Literatur nach dem Ende der Menschheit in der Mitte des 20. Jahrhunderts: Arno Schmidt
und Marlen Haushofer121
Stefan Willer
Die Kollision der Zukünfte in der deutschen Jugendbewegung 1968143
Jürgen Reulecke
Zukunft in der Altersforschung des 20. Jahrhunderts159
Helge Jordheim
Der kurze Traum von der steuerbaren Zukunft: Zukunftsforschung in West und Ost in den "langen" 1960er Jahren179
Elke Seefried
Euphorie und Ängste: Westliche Vorstellungen einer computerisierten Welt, 1945-1990221
Frank Bösch
Die Zukunft als Gefahr: Katastrophenschutz im 20. Jahrhundert253
Nicolai Hannig
>Posthistoire< oder: Die Schließung der Zukunft und die Öffnung der Zeit 279
Fernando Esposito
Die Unkenntnis der Zukunft und der Zukunftsbezug der Zeitgeschichte 303
Rüdiger Graf
Autorinnen und Autoren 320
Theoretische Grundlagen der historischen Zukunftsforschung
Lucian Hölscher
Auf dem Weg zu einer Geschichte der Zukunft
Der Anstoß dazu, eine Geschichte der Zukunft im 20. Jahrhundert zu entwerfen, geht von dem Eindruck eines fast unvermeidlichen Anachronismus aus, der allen Geschichten des 20. Jahrhunderts ? zumindest in Deutschland, wo die gesellschaftlichen und mentalen Umbrüche besonders stark waren ? innewohnt: Immer wieder stoßen wir nämlich beim Rückblick auf das vergangene Jahrhundert an Grenzen des Verstehens, der Nachvollziehbarkeit und damit auch des Bemühens, vergangenen Zeiten gerecht zu werden. Im Lichte späterer Ereignisse und Entwicklungen erscheinen uns die Erfahrungen und Erwartungen der Zeitgenossen, ihre Normen und Leitbilder als überholt, ja oft geradezu als abwegig. Die häufig ergriffene Möglichkeit, sie nachträglich zu kriminalisieren, zu pathologisieren oder zu bagatellisieren, stößt schnell an ihre Grenzen. So richtet sich der Blick geradezu zwangsläufig auf die Frage, warum wir uns nicht mehr in die Tradition jener vergangenen Hoffnungen und Träume, Projekte und Planungen stellen können, welche die Handlungen und Entscheidungen früherer Generationen bestimmt haben. Und dies führt zur Frage nach den Gründen und Umständen, die zum Wandel jener Leitbilder und notwendigen Parameter geführt haben, ohne die auch keine Beurteilung des vergangenen Geschehens möglich ist.
Die Geschichtsschreibung vollzieht damit nach, was schon für viele Zeitgenossen zur fast alltäglichen, existenzbedrohenden Erfahrung gehörte: Nach gesellschaftlichen Umbrüchen, wie sie in Deutschland 1918, 1933, 1945 und 1989, aber weniger sichtbar und gewissermaßen schleichend auch im Wechsel der Generationen, innerhalb von Institutionen und sozialen Gruppen immer wieder vorkamen, verstanden die Jüngeren die Älteren, und oftmals auch diese selbst, nicht mehr, wie sie früher ganz anderen Normen und Leitbildern folgen konnten. Historisches "Verstehen" wurde, wie sich spätestens im Historikerstreit der 1980er Jahre zeigte, zu einem problematischen und gefährlichen Vorgang, schien es doch die Gefahr einzuschließen, das zu entschuldigen, womit man sich im Nachhinein nicht mehr gemein machen wollte.
Die Geschichte der vergangenen Zukunft ist daher im deutschen (aber nicht nur im deutschen) 20. Jahrhundert weithin eine Geschichte der unerfüllten und fehlgeleiteten Hoffnungen, von Erwartungen, die nicht aufgingen, von Ideen und Idealen, die sich bei ihrer Realisierung als ganz und gar nicht wünschenswert herausstellten. Und doch verfehlen wir den Wunsch, uns in der Vergangenheit unserer Gegenwart und Zukunft zu vergewissern, wenn wir vergangenen Entwicklungen nicht wieder ihre vormalige Offenheit, ehemaligen Zukunftsentwürfen nicht ihr früheres Hoffnungs- und Möglichkeitspotential zurückgeben. Gefangen zwischen dem Verlust vergangener Zukünfte und dem drohenden Verlust unserer Gegenwartserfahrung, die mit jenen Zukünften gebrochen hat, müssen wir nach einer neuen theoretischen und methodischen Grundlage für unsere Geschichtsschreibung suchen.
Die hier erstrebte Wende des historischen Blicks von der gegenwärtigen Vergangenheit zur vergangenen Zukunft, von den historischen Vorgängen zu den Voraussetzungen ihrer Beschreibung und Erklärung, birgt zugleich Gefahren und Chancen in sich. Eine Geschichte der Zukunft im 20. Jahrhundert zu entwerfen, ist daher eine ebenso reizvolle wie bedenkliche Sache. Zwar fördert sie einerseits ganz neue Tatbestände und sogar ganz neue Untersuchungsfelder zutage, doch rührt sie andererseits auch an Grundfragen und Grundannahmen der Geschichtswissenschaft, die gewissermaßen zu deren unantastbarem Kern zu gehören scheinen. Letztlich fordert eine Geschichte der Zukunft sogar einen ganz neuen Zuschnitt für historische Darstellungen. Zur Debatte steht in ihr nämlich nicht allein im materiellen Sinne, was nach Ansicht früherer Zeiten später einmal kommen wird, sondern auch die Fülle historischer Bedingungen und Auswirkungen von Zukunftswissen. Zur Debatte stehen, wie sich im Folgenden zeigen wird, unser Konzept von historischer Zeit überhaupt, die temporalen Modi und Formen der Geschichtsschreibung und damit die Wirklichkeitskonstruktionen, die historischen Darstellungen überhaupt zugrunde liegen.
Eine historische Darstellung der Zukunft, sei es der vergangenen oder auch der gegenwärtigen Zukünfte, bietet so weniger eine einfache Verlängerung der Geschichte in die Zukunft hinein als vielmehr eine Überprüfung und Erweiterung gängiger Hypothesen und Methoden der historischen Forschung. Davon wird nicht nur die Darstellung kommender, sondern damit zugleich auch die Darstellung vergangener Zeiten berührt. In dem hier vorliegenden Band wird der Versuch unternommen, Elemente einer Geschichte der Zukunft im 20. Jahrhundert zu sammeln, zu diskutieren und miteinander in Beziehung zu setzen, die den Bedingungen und Möglichkeiten einer Zukunftsgeschichte genügen. Die Beiträge arbeiten solche Elemente jeweils an konkreten historischen Wirklichkeitsfeldern heraus und können so jeweils auch schon als Bausteine zu einer Geschichte der Zukunft im 20. Jahrhundert gelesen werden.
Zukunft und Vergangenheit
In einem ersten Schritt wird es zunächst um allgemeine theoretische Aspekte gehen, die einer Geschichte der Zukunft im Wege zu stehen scheinen: Lässt sich die vergangene Zukunft überhaupt aus der Vergangenheit lösen, in der sie verwurzelt ist? Worin unterscheiden sich Zukunft und Vergangenheit, wenn sie zu Gegenständen der Geschichtsschreibung gemacht werden? Handelt eine Geschichte der Zukunft von Tatsachen und Ereignissen oder allein von Vorstellungen und Einbildungen?
1. Zunächst stellt sich die Frage, ob es überhaupt eine sinnvolle Aufgabe ist, Zukunftsentwürfe zu sammeln und zu vergleichen. Wozu sie eigens thematisieren? Waren sie nicht immer schon Thema historischer Darstellungen, die sich mit den Motiven und Auswirkungen historischer Entscheidungen beschäftigt haben? Das trifft wohl zu, verstellt aber den Blick für die größeren Zusammenhänge unter den Zukunftsentwürfen vergangener Zeiten selbst. Löst man jeden von ihnen dagegen aus seinem konkreten historischen Zusammenhang, dann werden größere soziale Interessenlagen, Konjunkturen bestimmter Vorstellungen und ihrer Genese, epochentypische Zukunftshorizonte und viele andere Dinge sichtbar, die bei einer jeweils nur singulären Betrachtung verborgen blieben.
Darüber hinaus stellt sich die Frage, ob es überhaupt möglich ist, eine Geschichte der Zukunft, und sei es auch nur der vergangenen Zukunft, zu schreiben. Zwar liegen uns zahlreiche historische Zeugnisse darüber vor, wie sich Menschen früherer Zeiten die Zukunft vorgestellt haben, und auch darüber, wie sie sich gegenwärtig die Zukunft ausmalen. Aber gerade die Fülle dieser Vorstellungen, ihre Flüchtigkeit und geringe Verlässlichkeit sind ein Problem für jede Geschichtsschreibung, welche sich notwendigerweise darauf beschränken muss, die wirkungsmächtigsten unter ihnen auszuwählen. Kann sich diese Fülle zu einem Ganzen fügen? Lassen sich kollektive, epochale, räumliche Strukturen in ihnen finden?
2. Solchen Bedenken liegt die Annahme zu Grunde, dass die Zukunft etwas ganz anderes sei als die Vergangenheit, nämlich offen, unbestimmt und daher der Geschichtserzählung unzugänglich. Tatsächlich sind Zukunft und Vergangenheit aber weniger verschiedene Zeiten, als wir gewöhnlich meinen. Nach gängiger Vorstellung der seit dem 18. Jahrhundert in der westlichen Welt eingebürgerten klassischen Geschichtsforschung bilden Zukunft und Vergangenheit zwar zwei grundsätzlich verschiedene Wirklichkeitsbereiche: Was in der Vergangenheit geschehen ist, scheint, soweit davon noch Zeugnisse vorhanden sind, im Prinzip erkennbar, was in der Zukunft geschehen wird, dagegen im Prinzip offen und daher nicht vorherzusehen.
Das war aber nicht immer so und muss auch nicht immer so bleiben: In außereuropäischen und vormodernen europäischen Gesellschaften finden wir oft noch eine Gleichbehandlung dessen, was kommen wird, mit dem, was schon geschehen ist, die auch in Europa noch bis in die frühe Neuzeit angehalten hat. Deshalb konnte zum Beispiel der Kirchenvater Augustin im 5. Jahrhundert nach Chr. in seiner berühmten Diskussion, was die Zeit sei, die Frage aufwerfen, aus welchem "Versteck" (occultum) etwas Zukünftiges hervortrete, wenn es gegenwärtig werde, und in welches Versteck sich etwas Gegenwärtiges zurückziehe, wenn es zu etwas Vergangenem werde. Die Frage klingt unseren Ohren heute befremdlich, gilt uns doch das Wissen von der Vergangenheit weit sicherer als das von der Zukunft.
Doch tatsächlich haben beide vieles miteinander gemein: Beide sind sowohl auf die Gegenwart als auch wechselseitig aufeinander bezogen, also gegenwärtiges Wissen, in dem sich das Wissen von der Vergangenheit und von der Zukunft wechselseitig bedingen. Beide enthalten im Ziel bzw. im Ursprung historischer Prozesse Orientierungspunkte für historische Veränderungen, ohne die keine Deutung solcher Veränderungen möglich wäre. Beide sind zu ihrer Generierung auch auf bestimmte Methoden angewiesen, von deren korrekter Umsetzung die Glaubwürdigkeit künftiger wie vergangener Tatsachen abhängt. Beide setzen auch sprachliche Grundlagen voraus, die es überhaupt erlauben, so etwas wie Zukunft und Vergangenheit als zeitliche Dimensionen darzustellen. Solche Voraussetzungen lagen und liegen nicht in allen Sprachen vor. Wo sie vorhanden sind, gehört es allerdings zu den Kulturtechniken der sie sprechenden Gesellschaften, Daten, Ereignisse und Vorgänge in die Zukunft und Vergangenheit zu setzen und damit, je nach dem Grad ihrer angenommenen Gewissheit, ein Zukunfts- und Vergangenheitswissen anzuhäufen.
Vergangenheit und Zukunft unterscheiden sich demnach als Wirklichkeitsräume nicht so grundsätzlich voneinander, dass das in ihnen angesiedelte Wissen nicht aufeinander beziehbar wäre. Würde man etwa gegen die Annahme der Möglichkeit, von der Zukunft etwas zu wissen, ins Feld führen, dass dieses Wissen doch niemals sicher sein könne und sich nach aller Erfahrung später oft genug als falsch herausstelle, so würde sich bei näherem Hinsehen doch zeigen, dass dies im Prinzip auch für das Wissen von der Vergangenheit gilt: Auch dieses ist im Laufe der Zeit steten Revisionen unterworfen. Beiderlei Wissen ist gegenwartsfixiert und damit im Laufe der Zeit auch einer ständigen Veränderung ausgesetzt.
Und doch vertrauen wir häufig unserem Vergangenheitswissen mehr als unserem Zukunftswissen, etwa wenn wir uns auf Erfahrungen berufen, unsere Erwartungen dagegen für trügerisch halten. Und dies mit Recht: Denn anders als in unserem Wissen von der Vergangenheit werden wir in unserem Zukunftswissen immer wieder von neuen Gegenwartserfahrungen eingeholt und überholt. So werden wir darauf gestoßen, dass unsere vormaligen Annahmen falsch (in selteneren Fällen auch richtig) waren, während wir im Hinblick auf die Vergangenheit eher von einer Erweiterung und Modifikation unseres Wissens, allenfalls von einer veränderten Perspektive auf die Dinge zu sprechen neigen. Doch dies sind bei näherer Betrachtung nur graduelle Unterschiede, die keine grundsätzliche Differenz begründen.
3. Eine interessante Schnittmenge von (vermeintlich) "sicherem" Vergangenheits- und (vermeintlich) "unsicherem" Zukunftswissen bilden die vergangenen Zukunftsvorstellungen: Nichts veraltet schneller als sie, wie der Beitrag von Frank Bösch in diesem Band zu den Hoffnungen und Ängsten anschaulich darstellt, die sich im Laufe der letzten sieben Jahrzehnte an die technische Entwicklung von Computern geknüpft haben. Bei Ereignissen und Zuständen, die wir für die Zukunft voraussagen, handelt es sich, so müssen wir einräumen, um hybride Wirklichkeitsgebilde. Denn historisch verbürgt kann ja nur der mentale Tatbestand, die Annahme eines solchen zukünftigen Ereignisses sein und nicht das, worauf er sich in der äußeren Realität bezieht. Denn das hat sich zum Zeitpunkt, zu dem es antizipiert wurde, eben noch nicht ereignet, und es ist auch alles andere als gewiss, dass es sich je ereignen wird.
Eine Geschichte der vergangenen Zukunft handelt also von unverbürgten, oftmals nicht eingetretenen Ereignissen, dementsprechend auch von unsteten, schwankenden und nicht genau definierten Vorstellungen - keine besonders gute Voraussetzung für eine historische Darstellung derselben. Doch liegt darin auch eine Anfrage an und eine Herausforderung für die klassische Geschichtsschreibung, die Voraussetzungen und Bedingungen, unter denen eine Geschichte der Vergangenheit entworfen wird, in ihre Reflexion und Darstellung selbst mit einzubeziehen: Auch deren Tatsächlichkeit erweist sich nämlich bei näherem Hinsehen oft genug als Verkürzung einer problematischen Wirklichkeitskonstruktion zu einer bloß imaginierten und behaupteten Faktizität.
Andererseits kann aber auch kein Zweifel daran bestehen, dass Zukunftsvorstellungen - ebenso übrigens wie Vergangenheitsentwürfe - oft große historische Wirkungen entfaltet haben, und zwar unabhängig davon, ob sie letztlich eingetreten sind oder nicht. Die seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs entstandene Zukunftsforschung bietet dafür, wie Elke Seefried in ihrem Beitrag zeigt, mit ihren zeitweise manifesten Eingriffen in politische Entscheidungen und ihren medialen Wirkungen auf das öffentliche Bewusstsein viele Beispiele. Deshalb kann keine Geschichtsschreibung, die den Ursachen und Wirkungen von vergangenen Ereignissen nachgeht, von solchen Zukunftsentwürfen absehen.
Auch hier sollte man allerdings die Parallele zur Vergangenheitsgeschichte gleich hinzufügen. Denn ebenso wenig, wie keine auf die Vergangenheit bezogene Geschichte von den Zukunftsentwürfen des Zeitpunkts ihrer Abfassung absehen kann, kann auch keine Prognostik von den Vergangenheitsentwürfen absehen, die sie zwangsläufig immer auch freisetzt: Sagen wir zum Beispiel die Erwärmung des Weltklimas in den nächsten Jahrzehnten voraus, dann schließt dies die Tatsache einer Erwärmung auch in der Vergangenheit mit ein. Würde sich diese Prognose dagegen, was ja immer noch nicht ganz auszuschließen ist, als Irrtum herausstellen, ohne dass die Menschen ihr Verhalten verändert hätten, so hätte dies auch Auswirkungen auf die Beschreibung vergangener Klimaveränderungen: Man müsste zum Beispiel prüfen, ob die Messungen vergangener Klimaveränderungen falsch oder zu eng angelegt waren.
Wie ein solcher Rückkoppelungsprozess zwischen Zukunftsprognosen und Vergangenheitsentwürfen funktioniert, zeigt zum Beispiel die in den letzten Jahrzehnten intensiv geführte Debatte um Säkularisierungsprozesse in modernen Gesellschaften: Solange sich solche Prozesse in der Vergangenheit und Gegenwart nachzeichnen ließen, erschien ihr Fortgang auch für die Zukunft wahrscheinlich. Als sich die Prognosen jedoch nicht so wie erwartet bewahrheiteten, wurde auch ihr Nachweis in der Vergangenheit zweifelhaft. Die Historische Zukunftsforschung ist keine Einbahnstraße: Sie fragt nicht nur nach den Zukunftsentwürfen der Vergangenheit, sondern auch nach den Vergangenheitsentwürfen der Zukunft. Dafür, das temporale Feld der Geschichte über die Vergangenheit hinaus auf die Gegenwart und Zukunft auszuweiten, spricht schon die Tatsache, dass dem Bezug der Vergangenheit auf die Gegenwart eine Bewegung innewohnt, die über die Gegenwart hinaus in die Zukunft drängt: Ohne Darlegung möglicher Zukünfte, gegenwärtiger Hoffnungen und Sorgen könnte der Vergangenheit keine Perspektive abgewonnen, keine Fragestellung eingeschrieben werden.
Vielerlei Geschichten des 20. Jahrhunderts
Was tragen diese Überlegungen zu einer künftigen Form der Geschichte des 20. Jahrhunderts bei? Angesichts der Kontingenz kommender Erfahrungen und der Offenheit zukünftiger Entwicklungen eröffnet sich der Geschichtsschreibung mit der Thematisierung der vergangenen Zukunft die Chance, alternative Geschichtsverläufe als gleich mögliche Verläufe in ihre Darstellung einzubeziehen und so den Schein der Zwangsläufigkeit zu vermeiden, den Geschichten der Vergangenheit oft aus ihrer ex-post-Perspektive heraus annehmen. Damit könnte die Geschichtsschreibung auch der Möglichkeit Rechnung tragen, dass Ideen und Modelle, deren Realisierung in der Vergangenheit schon einmal gescheitert ist, in der Zukunft doch noch einmal eine geschichtsgestaltende Kraft gewinnen.
Dass dies möglich ist, zeigt die Umweltbewegung, deren Vorläufer um 1900 spätestens nach dem Zweiten Weltkrieg schon einmal als gescheitert bzw. diskreditiert galten, dann aber um 1970 im Horizont der neuen Umweltbewegung doch wieder eine erneute Aktualität gewannen. Ähnliches lässt sich heute auch bei anderen gesellschaftlichen Bewegungen, etwa einer Regeneration des Sozialismus und des Nationalsozialismus, oder religiöser Gesellschaftsmodelle nicht ausschließen. Doch trägt ihnen eine rein gegenwartszentrierte Geschichtsschreibung kaum Rechnung. Hin- und hergezogen zwischen deskriptiver Aufarbeitung und normativer Zielsetzung verliert sie schnell ihre Überzeugungskraft, sobald sich die politischen Parameter verändern. Historische Parallelgeschichten, wie sie etwa für die israelisch-palästinensische Geschichte eine Forschungsgruppe um Dan Bar-On vorgelegt hat, halten die Zukunft dagegen offen und lassen die Vergangenheit nicht ausschließlich in die Gegenwart als ihrem zufälligen derzeitigen Zielpunkt münden.
Wie dies geschehen kann, hat Rüdiger Graf in seinem Beitrag zur Zukunft der Zeitgeschichte in diesem Band diskutiert. In ähnliche Richtung weisen die Überlegungen von Achim Landwehr zur Pluritemporalität moderner Gesellschaften, die nicht in diesen Band aufgenommen werden konnten. Ausgehend von "Chronoferenzen", das heißt der Differenz zwischen anwesenden und abwesenden Zeiten, entwirft auch Landwehr ein Modell historischer Zeitreflexion, das die Gegenwartsfixierung geschichtlicher Zukunfts- und Vergangenheitsentwürfe transzendiert und die Gleichzeitigkeit unterschiedlicher Zeitmodelle und geschichtlicher Zeitverläufe in ein und derselben Gesellschaft in den Blick nimmt.
Neue Impulse für eine solche Geschichtsschreibung könnten auch von der kontrafaktischen Geschichtsschreibung ausgehen, die lange Zeit einen überwiegend spekulativen Charakter aufwies, neuerdings aber an geschichtstheoretischem Gewicht gewinnt: In konkreten historischen Entscheidungssituationen stehen nämlich vielfach alternative Optionen zur Debatte, die den Beginn eines anderen als des tatsächlichen Geschichtsverlaufs aufscheinen lassen. Handelt es sich dabei um größere gesellschaftliche Zukunftsentwürfe, so verschwinden sie meistens auch dann nicht, wenn sich die Dinge zunächst nicht in ihre Richtung bewegen. Die Geschichte der Zukunft vermag solche alternativen Geschichtsverläufe festzuhalten, sie als untergründige Strömungen auch in Zeiten ihrer Unterdrückung zu verfolgen und zu gegebener Zeit wieder ins Spiel zu bringen. Insgesamt kann die Geschichte der vergangenen Zukunft deshalb dazu beitragen, die faktische Geschichte um die Vielzahl ihrer jeweils kontingenten Möglichkeiten zu erweitern und so ein Bild der Vergangenheit zu gewinnen, das auch deren Zukunft mit einschließt.
Konzepte historischer Zeit
Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft lassen sich als anthropologische Konstanten betrachten, in die sich für den Menschen alles, was jemals geschehen ist, geschieht und geschehen wird, einzeichnen lässt. Man ignoriert dann jedoch den empirischen Befund, dass nicht alle Gesellschaften in denselben Zeitkonzepten die Welt erfahren und selbst dieselbe Gesellschaft sie nicht zu allen Zeiten in ihnen erfahren hat; dass, anders gesagt, die Zeitbegriffe selbst in verschiedenen Gesellschaften unterschiedlich sind und im Laufe der Zeit auch einem Wandel unterlagen. Mit dieser Einsicht stellen sich allerdings Fragen und Probleme, die auch im Rahmen einer Geschichte der Zukunft erörtert und gelöst werden müssen: Welchen Einfluss haben historische Zeitbegriffe auf die Erkenntnis und Darstellung historischen Geschehens? Wie lässt sich der Wandel historischer Zeitkonzepte thematisieren, wenn nicht unter Zugrundelegung dieser Zeitkonzepte selbst? Wie sollen wir die Zeit der Geschichte überhaupt beschreiben, um der geschichtlichen Innen- und der Außenperspektive auf sie zugleich gerecht zu werden?
Generierungsformen von Zukunft
Beginnen wir zunächst damit, die Formen der Präsenz von Zukunft in der Gegenwart und Vergangenheit zu erörtern: Wie gewinnen wir Gewissheit darüber, was kommen wird? Welche Instrumente und Verfahren nutzen wir, um Wissen über die Zukunft zu generieren? Welche Funktion fällt dabei der diskursiven Aufbereitung und der fiktionalen Erschließung von künftigen Wirklichkeiten zu? Und welche den zeitlichen Datierungen und Relationen, ohne die Zukunft und Vergangenheit gar nicht von der Gegenwart unterscheidbar wären?
1. Ebenso wie die Bezüge von Zukunft und Vergangenheit zur Gegenwart ähneln sich auch die Formen, wie Wissen über die Zukunft und über die Vergangenheit generiert wird. Die Ungewissheit über den Realitätsgehalt von Zukunftsvorstellungen lenkt unseren Blick auf die Bedingungen ihrer Geltungskraft: Was verbürgt uns, dass die als zukünftig vorgestellten Ereignisse tatsächlich eintreten werden? Welches empirische Material liegt ihrer Voraussage zugrunde? Wie wird die Geltungskraft von Voraussagen begründet, wodurch aber auch begrenzt? Wie lauten konkret die ceteris-paribus-Klauseln einzelner Zukunftsprognosen, das heißt, was muss als gleichbleibend vorausgesetzt werden, damit die Wirkungen bestimmter Veränderungen überhaupt ermittelt werden können? Da Geltungsanspruch und Plausibilität von Prognosen immer an kontingente Randbedingungen gebunden sind, ist es zu späteren Zeiten, in denen diese Voraussetzungen nicht mehr bestehen, wichtig, diese Rahmenbedingungen zu kennen und historisch richtig einzuordnen. Sie gehören daher, wie neuerdings vor allem Rüdiger Graf und Benjamin Herzog betont haben, nicht nur in die Propädeutik historischer Forschung, die in den historiographischen Darstellungen gewöhnlich wegfallen oder in den Anmerkungsapparat rutschen. Vielmehr bilden sie selbst einen wesentlichen Teil dessen, wovon eine Geschichte der Zukunft handeln muss.
2. Das ganze Methodenarsenal zur Generierung von Zukunftsentwürfen kann hier nur exemplarisch und stark vereinfacht dargestellt werden. In der wissenschaftlichen Zukunftsforschung haben seit dem 18. Jahrhundert vor allem Prognosen eine herausragende Bedeutung erlangt, das heißt Aussagen über die Zukunft, die sich auf ein rational begründetes Verfahren der Ableitung zukünftiger aus vergangenen und gegenwärtigen Ereignissen stützen. Es gibt heute ein ganzes Arsenal von prognostischen Verfahren: Am prominentesten ist wohl, aufgrund ihrer statistischen Ausarbeitung, die Hochrechnung, daneben gibt es aber auch Analogieprognosen, Vorlaufprognosen, dialektische Umschlagprognosen u.?a.?m. Zu diesen älteren Verfahren sind in neuerer Zeit weitere hinzugetreten: etwa die wiederholte Befragung von Fachleuten zu ihrer Einschätzung künftiger Entwicklungen (Delphi-Verfahren), auch spieltheoretische Modelle oder die Aufstellung von Szenarien und andere Verfahren, die häufig kybernetische Rückkoppelungsprozesse in ihre Erstellung einbeziehen.
Weit verbreitet sind in Zukunftsentwürfen jedoch auch typologische Zuordnungen. So lässt sich etwa, nach ihrer syntaktischen Form, zwischen Alternativprognosen und Bedingungsprognosen oder, je nach der psychischen Disposition der Akteure, zwischen Wunsch- und Angstprognosen unterscheiden. Folgt man der Klassifikation von Rüdiger Graf und Benjamin Herzog, so kann die Zukunft nicht nur erwartet, sondern auch geplant werden: Sie kann den Zeitgenossen im Modus eines bewahrenswerten Gutes, aber auch im Modus des Risikos erscheinen - sehr unterschiedliche Haltungen, die möglicherweise sogar historische Konjunkturen aufweisen. Wie Nicolai Hannig in diesem Band gezeigt hat, erscheint uns die Zukunft heute oft weit weniger im Modus der Hoffnung und der Zuversicht als vielmehr in dem der Gefahr, die zu Schutz- und Präventionsmaßnahmen herausfordert.
Gerade in unserer heutigen Zeit der vielen Krisen und Gefahren kann man sich allerdings auch fragen, ob die weit verbreiteten Ängste, die Risiko- und Katastrophenprognosen zugrunde liegen, überhaupt Zukunft im Sinne einer neuen Zeit entwerfen, da sie ja in erster Linie der Verhinderung von negativen Zukunftsszenarien dienen, also gar nichts Neues, Positives hervorbringen wollen. Allerdings lösen solche Negativprognosen jenseits dessen, was sie in den Blick nehmen, gleichwohl faktisch oft Neues, Unerwartetes aus, weshalb man sie dann wohl doch, wie Fernando Esposito in seinem Beitrag zeigt, mit Recht den Generierungstechniken von Zukunft zurechnen kann. Denn die Zukunft lässt sich nicht auf das verkürzen, was eine Gegenwart jeweils in den Blick nimmt, sie umfasst immer auch das, was dann faktisch, unvorhergesehen tatsächlich eintritt.
3. Hier zeigt sich, wie wichtig es ist, bei der Voraussage und Gestaltung von möglichen Zukünften deren diskursive Aufbereitung zu beachten. Zukunft gibt es weder überhaupt ohne deren sprachliche Artikulation noch konkret ohne Kontextualisierung der faktischen in einer fiktionalen Gestaltung von Zukunft. Deren antizipatorische Kraft wird sich zwar erst in der Zukunft erweisen, doch die "futurische Kraft von Fiktionen" (Stefan Willer) liegt nicht nur in ihrer möglichen (begrenzten) Antizipation später eingetretener Sachverhalte, sondern auch schon in der Entfaltung eines Möglichkeitsraumes dessen, was kommen kann. Deshalb ist die Zukunftsforschung auch nicht nur ein Forschungsfeld der Geschichts-, sondern auch der Sprach- und Literaturwissenschaft, die sich dabei vor allem auf die Untersuchung der linguistischen und literarischen Formen möglicher Zukünfte, ihre Textualität und Medialität konzentriert.
So lassen sich typologisch literarische Gattungen unterscheiden, in denen Zukunft entworfen wird: Utopien, Prophetien, Prognosen, Planungen, Programme und anderes mehr. Aus der Zugehörigkeit zu einer von ihnen können Historiker Schlüsse auf unterschiedliche Motivlagen ziehen, so wie dies Thomas Welskopp in seinem Beitrag zur frühen Sozialdemokratie getan hat. Zukunftsbezogene Gattungsmerkmale lassen sich nämlich nicht nur in (im klassischen Sinne) "literarischen", sondern auch in politischen Texten identifizieren, auch wenn sie in historischen Gebrauchstexten oft ineinander fließen. So sind zum Beispiel bei Programmen und Planungen - weit mehr als bei Prognosen - diejenigen, die sie aufstellen, selbst an ihrer Realisierung beteiligt. Prognosen entwerfen die Zukunft von der Gegenwart und Vergangenheit her, Prophezeiungen und Utopien dagegen von einem antizipierten Ziel der Geschichte aus. Planungen wiederum enthalten weit mehr als Utopien und Prophezeiungen Zeitpläne, wie das Gewünschte realisiert werden kann, usw.
4. Nur selten liegen allerdings bei Zukunftsentwürfen exakte Zeitangaben vor, wann sie eintreten werden. Deshalb würde man das Untersuchungsfeld der historischen Zukunftsforschung übermäßig einschränken, wenn man nur zeitlich genau datierte Voraussagen berücksichtigen wollte. Umgekehrt kann allerdings auch nicht ganz auf sie verzichtet werden: Eine wenigstens sprachlich explizite Artikulation temporaler Differenzen zwischen Gegenwart und Zukunft gehört zu den Mindestbedingungen von historischen Zukunftsvorstellungen. Denn wo immer wir Zukunftsvorstellungen antreffen, spielen Zeitspannen zwischen dem Jetzt und dem Dann, zwischen einer gegenwärtigen und einer künftigen Zeit eine konstitutive Rolle - und sei es auch nur in der Form der Andeutung eines Vorher und Nachher, eines Früher und Später. Ohne dass solche Zeitdifferenzen in den Quellentexten explizit benannt werden, sollte man deshalb gar nicht von Zukunftsvorstellungen sprechen, sonst verschwimmt der Zukunftsbezug zu einer bloßen Projektion des Betrachters. Allerdings kann die Schwelle zwischen den Zeiten, wann die Gegenwart aufhört und die Zukunft beginnt, durchaus umstritten sein: Der Streit um sie ist selbst ein Teil der Zukunftsgeschichte, wie Stefan Berger in seinem Beitrag zur Sozialdemokratie nach 1918 gezeigt hat.
5. Für alle vergangenheits- und zukunftsgerichteten Verfahren gilt, dass sie der Generierung von historischer Zeit dienen. Dies hat Helge Jordheim am Beispiel der Alterswissenschaften Geriatrie und Gerontologie vor Augen geführt, die im 20. Jahrhundert auf unterschiedliche Weise die Zukunft des menschlichen Alters und Alterns zur Diskussion und Disposition gestellt haben. Die Tatsache, dass historische Zeit generiert wird und nicht einfach immer schon vorliegt, gilt aber nicht nur für das individuelle Menschenleben, sondern ebenso auch für die menschliche Gattung und die Natur überhaupt. Die Zeit der Geschichte ist nicht an sich unendlich, auch wenn dies die nach vorn und hinten offene Zeitreihe moderner Weltkalender suggeriert. Sie ist nur so groß, wie die materiellen Entwürfe der Menschen in die Zukunft und Vergangenheit reichen, die sie mit Taten und Ereignissen füllen.

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