Wenn ich alt bin, werde ich Model

Warum wir uns nicht kleinmachen sollten
 
 
Kailash (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 13. Mai 2013
  • |
  • 256 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-10191-6 (ISBN)
 
Das Kultbuch für die »neuen Alten«

»Alter ist scheisse«, so einst Henri Nannen. Alte Menschen laufen geduckt durchs Leben und werden gern übersehen. Nicht Christa Höhs, die mit über 50 die erste Senior-Model-Agentur Deutschlands gründete. Mit ihrem Buch will sie ihre Generation wachrütteln: Macht Euch bemerkbar, übt Euch in Präsenz, dann werdet ihr nie wieder unterschätzt!

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
  • 12
  • |
  • 12 s/w Abbildungen
  • |
  • 12 schwarz-weiße Abbildungen
  • 1,83 MB
978-3-641-10191-6 (9783641101916)
weitere Ausgaben werden ermittelt

Jugendwahn, OP-Zombies und andere Schreckgespenster

Oh Milos! Völlig aufgelöst teilte er mir mit, dass er New York sofort verlasse. Nicht weil er sich wieder einmal verfolgt fühlte, sondern weil er in Europa einen Arzt aufsuchen müsse. Genaueres war nicht aus ihm herauszubekommen. Ich versuchte natürlich, ihn zu beruhigen - aber bei einem Hypochonder wie ihm ist das meist von wenig Erfolg gekrönt.

Nachdem mein Freund abgeflogen war, genoss ich die ungewohnte Stille um mich herum und hing meinen Gedanken nach: »Wie kann es in New York für mich weitergehen?« Meine wirtschaftliche Lage war inzwischen miserabel - ebenso wie die der Vereinigten Staaten überhaupt. Immer weniger Aufträge kamen herein, was vor allem an meiner fehlenden Greencard lag, die immer dringlicher von meinen Kunden verlangt wurde. In den Medien, besonders im Fernsehen, propagierten Politiker, nur noch Einheimische für vakante Jobs einzusetzen. Ich war empört, dass ausgerechnet die multikulturellen Amerikaner die Karte des Nationalismus so hemmungslos ausspielten.

Um mich endlich mal wieder auf Deutsch unterhalten zu können, besuchte ich den deutschen Club. »Oh du schöööööner Westerwald .«, tönte mir entgegen. Die Deutschtümelei hatte hier bizarre Formen angenommen. Und leider waren auch diese Leute nur daran interessiert, ob ich ihnen beruflich nützlich sein konnte. So weit hatten sie sich bereits in den USA assimiliert.

Und somit saß ich schließlich wieder auf meiner Stammbank im Central Park an einem Teich, hörte die Ratten im Laub hinter mir rascheln und musste eine Entscheidung treffen. »Es sieht nicht so aus, als wollte mich das Schicksal hier auf Dauer sehen«, sagte ich mir. Natürlich war ich deswegen traurig, vor allem mit dem Song von Frank Sinatra im Hinterkopf. Trotzdem betrachtete ich mich nicht als Verliererin. Denn wer weiß, wozu dieser Aufenthalt in der Fremde gut gewesen war? Ich entschloss mich also zur Rückkehr nach Deutschland, bevor meine Geldreserve völlig aufgebraucht war.

Noch am selben Tag rief ich meine Freundin Helga an, die in München ein kleines Modeatelier besaß, und fragte, ob ich bei ihr übernachten könne, bis ich eine Wohnung gefunden hätte. Gerne war sie dazu bereit. Vor der Abreise musste ich noch Milos' Wohnung auflösen und seine Sachen einlagern, wobei mir dessen Mentor Arthur Cohn zur Seite stand. Von ihm lernte ich am Telefon, dass man beim Verhandeln um Geld die Nerven behalten muss. In diesem Fall ging es um die Mietkaution, um die gepokert wurde. Ich habe sie tatsächlich um die Hälfte reduziert. Es hat Arthur Cohn imponiert, dass ich alles aus Freundschaft tat. Seitdem habe ich einen winzigen Stein bei ihm im Brett. Danach fing ich an, selbst zu packen. In einen 20-Kilo-Koffer passten meine Habseligkeiten inzwischen nicht mehr hinein, sechs Wochen würden all meine Kartons nach München mit Schiff und Bahn unterwegs sein. Auf der letzten Runde durch den Central Park setzte ich mich noch einmal auf meine Bank und haderte mit dem Leben. Meine Hände lagen im Schoß, doch innerlich ballte ich die Fäuste: »Verdammt! New York, ich bin noch nicht fertig mit dir!«

In München holte mich Helga vom Flughafen ab. Obwohl ich gegen Mittag eintraf, hätte sie beinahe verschlafen, denn sie zeichnete bis spätnachts an ihren Modeentwürfen und hatte einen komplett anderen Schlaf-Wach-Rhythmus als jeder »Otto Normalverbraucher«. Auf dem Weg in die Stadt kam mir das Leben ruhig und behäbig vor. Alles schien in Zeitlupe abzulaufen. Doch es war schön, wieder in München zu sein. Vor allem mit der Energie im Bauch, die ich in New York getankt hatte. Bis tief in die Nacht hinein erzählten wir uns gegenseitig, was in den letzten Jahren passiert war. »Das Ganze war keine rauschende Ballnacht, aber eine Riesenerfahrung«, schwärmte ich. Dann holte mich der Jetlag ein, und ich fiel ins Bett wie ein Stein.

Kapitel Albtraum

Nach etwa 14 Tagen in München fing die New Yorker Energie langsam an zu verpuffen. Statt quer durch die Stadt zu laufen, nahm ich jetzt die U-Bahn. Zum Bäume-Ausreißen fehlte mir die Kraft. Meine alten Bekannten aus der Werbebranche winkten bei Fragen nach einem Job ab. Viele waren an Aids erkrankt oder bereits gestorben, andere hatten sich totgesoffen oder die Branche gewechselt. Dem hohen Druck, immer das Beste in kürzester Zeit zu schaffen, halten wenige auf Dauer stand. Eine Wohnung war ebenfalls nicht in Sicht, mein Kontostand schrumpfte wie Schnee an der Sonne, langsam wurde ich unruhig.

Pflichtbewusst informierte ich schließlich telefonisch meine Mutter, dass ich wieder in München sei. »Es ist nicht schlimm, dass du in New York keinen Erfolg hattest«, tröstete sie mich. Diese Worte empfand ich als Beleidigung. Wer sagte denn, dass ich nicht erfolgreich gewesen war? Was ich auf die Beine gestellt hatte, sollte mir erst einmal jemand nachmachen! Ihre unausgesprochene Botschaft drang durch den Hörer: »Das habe ich doch gleich gewusst!« Positive Bestärkung sieht eindeutig anders aus.

Wo sollte ich unterkommen? In welcher Stadt leben? Und wovon? Wie Steine lasteten diese Existenzfragen auf mir. Nachdem ich alle Großstädte in Deutschland gedanklich durchgegangen war, entschied ich mich für Berlin als zukünftigen Wohnsitz. Britta, eine Freundin von Helga, überließ mir ihre dortige Wohnung für drei Wochen; in dieser Zeit wollte sie selbst Urlaub machen. Wie in New York nahm ich mir auch in Berlin erst einmal das Telefonbuch vor. Die Leute, bei denen ich mich vorstellte, waren alle sehr nett, aber keiner hatte Arbeit für mich. Da in der Werbung nichts lief, besann ich mich auf mein kaufmännisches Geschick - aber auch hier kein Erfolg

Nacheinander klapperte ich sämtliche ehemaligen Kontakte ab. Bei einem bekannten Fotografen, den ich früher als Art-Buyerin mehrfach gebucht hatte, tauchte ich unangemeldet im Atelier auf, die Fotomappe unterm Arm. Er freute sich, mich zu sehen, meinte dann aber kopfschüttelnd, dass ich als Model in Deutschland keinen Erfolg haben werde. In New York sei das anders gewesen, weil ich den »European Touch« hätte. Klar, dass mir das in Europa nicht weiterhalf. Auch mit seiner Auftragslage sei es nicht zum Besten bestellt, gab er schließlich zu und erkundigte sich, ob ich nicht für ihn die Akquisition übernehmen wolle.

Das passte in das Bild, das ich bisher von Berlin gewonnen hatte: Die Mauer war gefallen, und jeder wollte in die Hauptstadt ziehen, weil es plötzlich schick war. Mittlerweile hielten aber zu viele Leute hier ihre Angeln in den Teich, bloß die Fische waren nicht mehr geworden.

Nicht nur das Wetter, auch die Straßen, Häuser, sogar die Menschen erschienen mir grau. Die Atmosphäre war gedrückt, und mir ging es ebenso. Nach drei Wochen flog ich zurück zu Helga. In der festen Überzeugung, dass ich in München mehr erreichen könnte. Immerhin hatte ich hervorragende Zeugnisse und etwas vorzuweisen als ehemalige Art-Buyerin und selbstständige Unternehmensberaterin, die sogar Promotion für die »Vogue« gemacht hatte.

Zurück bei Helga telefonierte ich auf der Suche nach Wohnung und Job herum. Nachdem sie meist tagsüber schlief, fühlte sie sich durch die Anrufe gestört - wir saßen einfach zu eng aufeinander. Rettung brachte mein guter Freund Bodo A. Schieren, ein begnadeter Still-Life-Fotograf, der mir sein riesengroßes Atelier als vorübergehende Unterkunft anbot. Bei ihm und seiner zehn Jahre jüngeren Frau war ich in den 1970er-Jahren Trauzeugin gewesen. Damals hatte man uns beide in den Betriebsrat einer Werbeagentur gewählt. Seit inzwischen 42 Jahren besteht unser Kontakt.

Da ich daran gewöhnt war, allein zu wohnen und die Tür hinter mir zu schließen, wann ich es möchte, hatte eine eigene Bleibe erste Priorität. Milos, pumperlgesund, wohnte inzwischen bei Stefanie und suchte ebenfalls ein Dach über dem Kopf. Ich rannte von einer Ecke Münchens zur anderen und wusste langsam nicht mehr, wo ich was angesehen hatte. Sicher war nur, dass ich die wahnwitzigen Mieten nicht bezahlen konnte. Von einer Wohnung, die mir besonders gefallen hatte, erzählte ich Milos. Er rief sofort den Makler an, und so war wenigstens einer von uns gestrandeten New Yorkern untergebracht.

Zwei Wochen später fand ich schließlich eine bezahlbare Altbauwohnung mitten in der Stadt. Die Gegend war nicht gerade »fein«, was sich aber im Laufe der Zeit ändern sollte. Die Wände waren schräg, es gab keinen Balkon, die Wohnung lag im dritten Stock, natürlich ohne Aufzug. Nicht genug damit, meine Küche befand sich sogar noch einen Stock darüber. Da ich zeit meines Lebens nie Sport betrieben hatte (»Sport ist Mord«), war das eine gute Gelegenheit, ab sofort mit diesen Treppen anzufangen. Bis vor Kurzem habe ich dort noch gewohnt und jeden Schritt verflucht, den ich setzen musste, um meine Einkaufskörbe nach oben zu schleppen.

Auf Arbeitssuche

Als Erstes meldete ich mich als Komparsin beim Künstlerdienst an. Dort konnte ich am Tag 120 Mark verdienen. Dass ich nicht jeden Tag eingesetzt wurde, lag nicht daran, dass keine Filme gedreht wurden - es wurde damals auf Teufel komm raus produziert -, sondern an meinem Aussehen. »Sie sind vom Typ her nicht >gängig<«, beschied mir eine Redakteurin. Was heißen sollte: Ich war keine Intellektuelle, sah aber so aus; ich war Norddeutsche und wirkte arrogant; ich war kein Durchschnitt, und das war schlecht. Trotzdem engagierte sie mich für den dreihundertsten »Tatort«, in dem auch Veronica Ferres mitspielte und der einer der größten Flops in der bayerischen Fernsehkrimigeschichte wurde. An mir lag das nicht! »Hauptberuflich« schrieb ich weiterhin Bewerbungen an diverse Unternehmen. Nach 50 Schreiben erhielt ich drei Absagen. Immerhin - sie...

"Genau das richtige Buch für die neue Generation der jungen 'Alten': Selbstbewusst, ehrlich, kämpferisch und selbstironisch - und mit einer großen Portion Humor."

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