Die Ästhetik der Vernunft im (Anti-) Bildungsroman. Eine Analyse der Romane "Der Gehülfe" von Robert Walser und "Der Trafikant "von Robert Seethaler im Vergleich

 
 
GRIN Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 25. Januar 2018
  • |
  • 59 Seiten
 
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978-3-668-62160-2 (ISBN)
 
Masterarbeit aus dem Jahr 2017 im Fachbereich Germanistik - Literaturgeschichte, Epochen, Note: 1,7, Technische Universität Dortmund (Germanistik), Sprache: Deutsch, Abstract: Zwischen dem Erscheinen der beiden Romane "Der Gehülfe" von Robert Walser, erschienen 1908, und "Der Trafikant" von Robert Seethaler, erschienen 2012, liegen etwa 100 Jahre Zeitgeschichte. In diesem Zeitraum hat sich die Beziehung zwischen Vernunft und Gesellschaft - durch gesellschaftliche Veränderungen im Allgemeinen und das dritte Reich im Besonderen - deutlich verändert. Neben sprachlichen Besonderheiten und Besonderheiten der Beziehung zwischen Fiktion, historischer Realität und biographischer Realität, soll in dieser Arbeit vor diesem Hintergrund vor allem die Bedeutung und Darstellung der Vernunft in den beiden Romanen vergleichend untersucht werden. Hierbei gilt es zu untersuchen, ob die Helden in den beiden Romanen es verstehen, um mit dem angeführten Zitat von Sloterdijk zu sprechen, zu denken. Dem Verfasser drang sich, angeregt durch die zeitliche Nähe seiner Lektüre der untersuchten Romane, der Verdacht auf, dass sie sowohl inhaltlich, als auch in der Erfüllung bestimmter Gattungsmerkmale Parallelen aufzuweisen scheinen. Die Unklarheiten, die bezüglich der Gattungseinordnung Walsers Roman in der Forschungsliteratur vorliegen, bestätigten zunächst den Eindruck, dass er sich den Schemen bestehenden Gattungen entzieht. Der Erkenntnisgewinn, der eine Einordnung der beiden Romane mit sich bringt, könne möglicherweise, so die Überlegung des Verfassers, Gemeinsamkeiten aufdecken und Klarheit über die bislang weniger diskutierte Gattung Antibildungsroman und ihr Verhältnis zu den Romanen schaffen. Nicht nur die beide Romantitel verbindende Bezeichnung einer Berufstätigkeit, sondern vielmehr der Modus des Denkens der beiden Protagonisten verdichtete diesen Verdacht und führte zu der entschlossenen Entscheidung des Verfasser, diesem Phänomen auf die Spur zu gehen.
  • Deutsch
  • 1,03 MB
978-3-668-62160-2 (9783668621602)
3668621608 (3668621608)
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3 Isolierte Darstellung der Romane


 

Im folgenden Kapitel sollen die beiden Romane einzeln vorgestellt und anschließend bezüglich der Darstellung und Bedeutung der Vernunft untersucht werden. Grundlage ist hierbei auch das handwerkliche Verfahren der Autoren, die Protagonisten und ihre Gedanken vorzustellen:

 

Hitze, den ganzen Körper köstlich durchglühende Hitze. Er lag, nur mit einer klitschnassen weiten Badehose bekleidet, die ihm nicht gehört, auf durchwärmtem feuchten Kachelboden, ausgestreckt wie ein Erschossener mit ausgebreiteten Armen, und blickte zur Decke, blinzelnd, wenn ihm der salzige Schweiß in die Augen rann. Ein Tonnengewölbe erhob sich über ihm; in Jahrhunderten und Jahrzehnten immer wieder neu verputzt, von einer blätternden Farbkruste bedeckt, die sich da und dort löste, da und dort auch heruntergefallen war - die letzte Farbschicht war weiß, darunter gab es ein erdiges Rosa, darunter ein löschpapierfarbenes Hellblau, darunter ein sattes Gelb, nur an einer Stelle hoch über ihm war der Ziegelstein freigelegt, weich vom aufsteigenden Dampf verwischt[80].

 

Mosebach beginnt seinen Roman Mogador, indem der Leser durch den personalen Erzähler aus der Perspektive des Protagonisten die Situation in einem Dampfbad miterlebt. Die Wahrnehmung des Protagonisten wird durch seine Perspektive beschrieben, wir blicken nicht auf, sondern durch ihn auf das Geschehen. Die Distanz zwischen Protagonist und Leser wirkt minimiert. Autoren haben unterschiedliche Möglichkeiten zur Verfügung, dem Leser Ihre Helden zu präsentieren und eine Verbindung herzustellen, dies hat Auswirkungen auf die Empfindungen und das Verständnis des Lesers mit den und für die Protagonisten. Das Verfahren der Autoren, ihre Protagonisten und ihre Gedanken sprechen zu lassen, soll daher - im Anschluss an die Vorstellung der Romane und der Darstellung der Vernunft in diesen - untersucht und verglichen werden.

 

3.1 Der Gehülfe


 

Der Gehülfe ist 1908 erschienen und der zweite Roman von Robert Walser, der zu Lebzeiten 15 Romane veröffentlich hat. Ein auktorialer Erzähler beschreibt mit wenigen Rückblenden früherer biographischer Ereignisse die etwa sechs Monate des 24-jährigen Protagonisten Joseph Marti beim Ingenieur und Erfinder Carl Tobler als Büroangestellten. Ein Erbe führte Herrn Tobler zu dem Erwerb der Villa zum Abendstern, in der er mit seiner Frau, seinen vier Kindern Dora, Silvi, Edi und Walter und der Magd Pauline lebt. Im Keller der Villa befinden sich die Erfindungen des Ingenieurs, wie die Reklame-Uhr, die Tiefbohrmaschine, der Schützenautomat oder der Krankenstuhl. Joseph ersetzt seinen Vorgänger Wirsich, der wegen mehrmaligen Fehlverhaltens und Trunkenheit entlassen wurde. Er wohnt während der Anstellung in einem Turmzimmer innerhalb der Villa. Die Handlung kreist um die Gegensätze zwischen der Gesellschaft, bestehend aus den Dorfbewohnern von Bärenswil bei Zürich und der aristokratisch auftretenden, wenn auch finanziell ruinierten Familie Tobler. Zwischen diesen Polen versucht Joseph im Laufe des Romans, seinen Platz zu finden. Entgegen der zunehmend dramatischer werdenden finanziellen Situation, sich häufenden Wutausbrüchen von Herrn Tobler gegen seine Frau, die Dorfbewohner und Joseph und ausbleibenden Gehaltszahlungen bleibt Joseph der Familie treu. Seiner Loyalität fühlt er sich im Laufe des Romans - in dem Kontrast aus Empfindungen, der Familie Tobler nicht würdig zu sein und sich häufenden Zweifeln über die technischen und wirtschaflichten Qualitäten seines Meisters auf der anderen Seite - zunehmend weniger verpflichtet. So stellt Joseph die Qualität eines Lebens bei der Familie Tobler grundsätzlich zunehmend in Frage. Nach mehreren Streitereien mit Herrn Tobler über die Erziehung der vier Kinder, die finanzielle Lage und ausbleibende Lohnzahlungen trifft Joseph seinen Vorgänger Wirsich in der Stadt, der erneut eine Arbeitsstelle aufgrund von Trunkenheit verloren hat. Beide übernachten in der Villa und begegnen nach einem langen Schlaf Herrn Tobler, worauf ein tosender, beinahe gewalttätiger Streit zwischen Herrn Tobler und Joseph entsteht. Diesen nimmt Joseph als Anlass, die Familie und Bärenswil gemeinsam mit Wirsich zu verlassen.

 

Walser verhindert gleich zu Beginn des Romans, dass es zu einem autobiographischen Pakt kommt. Bereits der erste Satz lässt keinen Zweifel daran: Die noch unbestimmte Vorstellung von Joseph als "Ein junger Mann" wird erst im nächsten Abschnitt konkretisiert: ",Ich bin der neue Angestellte', sagte Joseph, denn so hieß er"[81]. Der junge Mann trägt den Namen Joseph, berichtet uns der Erzähler, nicht etwa Robert Walser. Die Kombination aus dem Spiel mit den drei unterschiedlichen Identitäten aus auktorialem Erzähler, dem Autor Robert Walser und der Figur Joseph Marti auf der einen und Walsers Schönschreibstil auf der anderen Seite treiben den experimentellen entfremdenden Effekt (Inhalt und Sprache) aufs Äußerste.

 

Walser weitet die Distanz zwischen Erzähler und Autor durch episches Präteritum, räumliche Trennung[82] und zeitliche Distanz[83] aus. Er scheint bemüht, die Aufmerksamkeit des Lesers auf die Spannung zwischen Erzählvorgang und erzählter Handlung zu legen und dem Streben des auktorialen Erzählers "nach souveräner Unabhängigkeit von seiner dargestellten Welt"[84] dadurch nachkommen zu wollen. Der Autor Robert Walser erzeugt in seiner Tätigkeit als Schriftsteller den Eindruck, nicht teilnehmend zu sein - ganz so, wie auch der auktoriale Erzähler sich um Unabhängigkeit vom Plot bemüht. Walsers bereits angerissene biographische Nähe zur Romanhandlung soll im Folgenden konkretisiert werden.

 

Walser veröffentlichte den Roman Der Gehülfe 1908, fünf Jahre, nachdem er einige Monate als Gehülfe beim Erfinder Carl Dubler angestellt war. Die Stadt Wädenswil am Zürichsee änderte er im Roman zu Bärenswil. Die Frau des Erfinders Carl Dubler, Frieda Dubler, lautet im Roman lediglich Frau Tobler. Der Protagonist Joseph Marti erinnert nicht bloß aufgrund seiner biographischen Nähe an Robert Walser, der Familienname Marti entspricht dem Geburtsnamen Walsers Mutter[85]. Die Schreibweise des Vornamen wechselt im Roman zwischen "Joseph" und "Josef"[86] und weist so auf die Unzuverlässigkeit der Identität des Protagonisten zwischen Fiktion und biographischer Realität hin. Abgesehen von diesen äußerlichen Maskierungen des Autors beschreiben die Rezensionen, die unmittelbar nach Erscheinen des Romans auftauchten, überwiegend eine Übereinstimmung zwischen Autor und Protagonist, der Roman könne, so die Rezensenten, daher vielmehr als Tagebuch[87] anstatt als Roman bezeichnet werden. Walser wurde angetrieben vom Wunsch nach Entschleunigung des modernen Lebens, dabei verwandelte er in seinen Romanen ironisch-kunstvoll Zeit in Raum; seine Rezensenten attestieren Walsers Werken daher eine "Insel der poetischen Anmut und Ruhe"[88]. Scheint der Plot bei Walser auch vergleichsweise vernachlässigt zugunsten der Entschleunigung - welche dem antimodernen Walser und der Kapitalismuskritik im Roman geschuldet ist - und, wie in Kapitel 3.1.2 zu sehen sein wird, der Sprache, lassen sich im Roman dennoch Gattungsmerkmale entdecken. Anzeichen wie der seinen Platz in einer neuen Umgebung suchende Heranwachsende und die damit verbundene Darstellung eines individuellen Lebens lassen bereits Walsers zeitgenössische Rezensenten auf Parallelen des Romans zum Bildungsroman schließen. Herrmann Meister erkennt 1919 im Roman einen Lustspielroman, der einen Fatalismus darstellt, der "errungene [.] Einsicht vom Wert eines leuchtenden Gleichmuts [ist]"[89]. Einen ethischen Wert ("leuchtender Gleichmut") mit Hilfe eines Romanhelden zu beschreiben, entspricht implizit den gängigen Definitionen des Bildungsromans. Was Herrmann Meister "Einsicht" nennt, ist in der Konsequenz die Intention des Romans, Fatalismus mit der Eigenschaft als wertvoll zu charakterisieren. Dem Wesen des Bildungsromans, in der Auseinandersetzung mit der Umwelt eine Reifung bzw. Läuterung zu erfahren und einen Platz in der Gesellschaft zu finden, widersetzt sich Walsers Roman jedoch. Es erscheint Joseph unmöglich, sein Leben in seiner Umgebung fortzusetzen und er verlässt seinen Vorgesetzten, ohne sich mit diesem zu versöhnen. Walsers Roman würde vor diesem Hintergrund trotz autobiographischer Elemente in einer Buchhandlung in der Rubrik Antibildungsroman nicht zu Unrecht stehen. Walser Konstrukt verschiedener Gattungen ist mit dem Gehülfen keine Einzelerscheinung. Seine Komposition aus Autobiographie und Antibildungsroman erscheint weniger überraschend, beachtet man, dass Walser ein Jahr nach dem Gehülfen seinen Jakob von Gunten verfasst hat: einen Roman, der ebenfalls als experimentelle Antwort auf den Bildungsroman gilt, "wenn nicht [als] eine Parodie"[90].

 

Indem sich Ludwig Wittgenstein in der Mitte des 20. Jahrhunderts gegen die damals häufig vertretene Behauptung wendet, dass nur das wirklich ist, was im gegenwärtigen Augenblick erlebt wird, änderte sich die Wahrnehmung von Zeit...

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