Lebensraum

 
 
Books on Demand (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 21. April 2021
  • |
  • 356 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7534-7129-7 (ISBN)
 
Hochmotiviert tritt Jungärztin Kaja ihre erste Stelle an und sieht sich schnell mit der Realität des Klinikalltags konfrontiert: Das Drängen auf Tempo und Wirtschaftlichkeit macht sie zur Fließbandarbeiterin und versperrt ihr den Blick für die Menschen und Werte, die ihr wichtig sind.
In einem anderen Teil der Stadt hadert Hausfrau Susanne mit der lieblosen Beziehung zu ihrem Mann, für den sie all ihre Ziele aufgegeben hat. Und letztlich auch sich selbst.
Was tun, wenn man eines Tages feststellt, dass das Leben, das man führt, nicht das ist, was man will?
1. Auflage
  • Deutsch
  • 0,57 MB
978-3-7534-7129-7 (9783753471297)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Joana Hirsch, geboren in Bulgarien, aufgewachsen in Deutschland. Studium der Humanmedizin in Göttingen und Essen, Promotion. Interesse am Gesang und der Schriftstellerei von Kindesbeinen an. Wohnhaft mit ihrem Partner und den gemeinsamen Kindern in einer größeren Stadt.

2


Die Drehtür spuckte eine knittrige Frau aus, deren senfgelbes Gesicht auf den eigenen Schoß blickte. In einer windgeschützten Ecke neben dem Eingang parkte die Krankenschwester ihren Rollstuhl zusammen mit dem Infusionsständer und gab der Patientin Feuer, bevor sie sich ebenfalls eine Zigarette anzündete und sehnsüchtig in die aufgehende Septembersonne schaute. Eine bernsteinfarbene Flüssigkeit schwappte im seitlich am Rollstuhl angehakten Katheterbeutel umher. Über dem Klinikhemdchen trug die Patientin einen Frotteebademantel, der mehr preisgab als er verhüllte. Der ausgeleierte Saum ihrer Wollsocken war bis zur Sohle der rissigen Gummischlappen hinabgerutscht. Wundpflaster übersäten die papierdünne Haut ihrer Unterschenkel, die die Farbe überreifer Pflaumen hatten.

Nikotinabusus. Morbus Bechterew. Chronisch-venöse Insuffizienz.

Kaja unterdrückte ein Juchzen. Sie fühlte sich wie ein mit Wissen gefüllter Wasserballon, der zum Abwurf bereit über der Klinik baumelte. So lange hatte sie auf diesen Tag hingearbeitet, Nächte durchgebüffelt, Verabredungen aufgeschoben, Liter um Liter Kaffee getrunken, Bücher gefühlt immer einmal mehr gewälzt als ihre Kommilitonen. Die Zeit der Theorie war entbehrungsreich und mühsam gewesen, doch sie hatte sich durchgeboxt, um hier, im echten Leben, die beste Ärztin zu sein, die sie sein konnte. Wie viele Patienten klagten darüber, dass man ihnen nicht zuhörte, wie oft hörte man Krankenschwestern über die Arroganz von Uniabsolventen schimpfen, die sich gebärdeten, als hätten sie das Penicillin höchstpersönlich erfunden. Dabei war es doch so einfach, umsichtig miteinander zu sein, sich ein wenig Zeit zu nehmen und die Fähigkeiten des anderen zu achten. Ihre Kollegen, das sah sie schon vor ihrem inneren Auge, würden ihr über den Gang zuwinken, wenn sie sie sahen, erfrischt von ihrer Offenheit, begeistert von ihrer modernen Vorstellung von flachen Hierarchien und der Begegnung auf Augenhöhe. Auch dem Pflegepersonal und der Putzfrau gegenüber. Hier ein Schulterklopfen, da ein Daumen hoch. Hier stand Kaja also. In einer neuen Stadt, vor einem Haus, dessen Interieur für sie kaum mehr als ein Gerücht war. Ab heute würde sie das Territorium, einem PC-Spiel gleich, erschließen, sich mit den Abläufen vertraut machen und ihr Wissen über die Patienten ergießen. Stolz sog sie den Moment ein, dass sich ihre Brust dem Gebäude entgegen hob.

Die Krankenschwester hatte und sah aus wie eine lebendige Statue, die sich für eine Geldspende in Bewegung setzen würde. Einen Arm hielt sie vor der Brust verschränkt, den Ellbogen des anderen darauf gestützt mit dem Glimmstängel Millimeter vor ihrem gespitzten Mund. Ihr Gesicht fragte: "Personal oder Patient?" Eilig setzte sich Kaja wieder in Gang. Fünf Minuten bis zur Frühbesprechung.

Vorsorglich war sie den Arbeitsweg letzte Woche ein Mal abgelaufen, um zu vermeiden, dass sie am ersten Tag zu spät kam. Am Vortag hatte sie ihre Kleidung bereitgelegt, die Kaffeemaschine mit Wasser, Filtertüte und Kaffeepulver bestückt und die Zahnpasta auf die in der Seifenschale platzierte Bürste aufgetragen, doch die Aufregung wegen des bevorstehenden Arbeitsbeginns hatte sie so erschöpft, dass sie bäuchlings über einem Fachbuch eingeschlafen war, ohne den Wecker zu stellen.

Gut denkt nur, wer bis zum Schluss denkt, wie Mutti sagen würde.

Die zwei vor ihrem Fenster miteinander plaudernden Buchfinken hätten sie rechtzeitig wecken können, wenn ihr Tschilpen es in Kajas Bewusstsein geschafft hätte. Stattdessen wurde es Teil eines anstrengenden Traums, aus dem sie mit pochendem Herzen erwacht war. Nach einem Blick auf die Uhr hatte sie sich unter Flüchen in ihre Sachen gezwängt, ihre Tasche geschnappt und war aus der Tür gestürmt. Ihre Haare hatte sie im Laufen mit den Fingern durchkämmt und zu einem Zopf zusammengebunden, den Brombeerstrauch ignoriert, der seine verschwenderisch mit Früchten beladenen Ranken nach ihr ausstreckte, und sich einen Kaugummi in den Mund geschoben, den sie in ihrer Hosentasche gefunden hatte.

Als sie nun durch die Drehtür ging, zeichneten sich noch immer die Schlaffalten ab, die das Kapitel über Gefäßzugänge auf ihrer Wange hinterlassen hatte. Augenblicklich wurden die Geräusche der Welt draußen von dumpfem Murmeln abgelöst, als liefe sie durch einen Wattebausch. Im Atrium mischten sich Stimmen mit Sohlengeklapper, die hohen und tiefen Frequenzen wurden unter der Kuppel und in den sich von hier sternförmig abzweigenden Gängen verschluckt, wodurch eine Art weißes Rauschen entstand. Der Friseur, ein Blumenladen und ein kleines Café ließen Kaja fast vergessen, dass sie sich in einem Krankenhaus befand. Vielmehr glich die Atmosphäre der eines kleinen Bahnhofs; Leute kamen und gingen, sahen auf die Uhr, nahmen Platz und erhoben sich wieder. Kajas Anspannung stieg.

"Du schaffst das, du schaffst das, du schaffst das", murmelte sie, lockerte die Schultern und stieß den Atem aus.

Hinter dem Tresen, der ein Viertel der Lobby einnahm, senkte die Empfangsdame den Kopf auf die Brust und erzeugte unter ihrem Kinn zwei kleine Fettröllchen. Ihre luftige Dauerwelle wippte tadelnd, als sie Kaja über ihre Brille hinweg musterte.

Psychose.

Aus Kajas Pferdeschwanz hatte sich eine Strähne gelöst, die an der schweißnassen Schläfe klebte. Sie strich sie hinter das Ohr, lächelte der Frau unsicher zu und durchquerte das Foyer in Richtung der Fahrstühle, vor denen ein Mann den Boden reinigte, bevor er im Schritttempo auf seiner Scheuersaugmaschine in einen anderen Gang glitt. Es duftete angenehm nach Limette, ganz anders als der beißende Konserviergeruch, an den sie sich aus dem Anatomiesaal erinnerte.

Der Präparierkurs war das Erste von vielen Praktika gewesen, in denen sie gelernt hatte, "Maßnahmen am menschlichen Körper" durchzuführen. Bis zu dem Zeitpunkt hatte sie diesen nur äußerlich in Augenschein nehmen dürfen. Aus dem verpflichtenden Pflegepraktikum vor Studiumsbeginn hatte sie noch die Worte der Oberschwester im Ohr, die ihr gezeigt hatte, wie man dem Patienten die Bettpfanne unterschob. "Jetzt geht's ans Eingemachte", hatte sie gesagt und über ihren eigenen Witz gelacht. Jedes Mal. In den Wochen darauf hatte Kaja mehrmals täglich Patienten auf die Pfanne gehievt und wieder herunter geschoben, Gesichter und Gesäße gewaschen, Urin aus prallgefüllten Beuteln am Bettgitter in übergroße Messbecher abgelassen, Windeln gewechselt, Betten bezogen, Essen gereicht und wieder von vorn angefangen. Was für eine Sauerei hatte es einmal gegeben, als sie mit dem Urinbecher in der Hand vom Praktikanten mit dem Essenswagen angefahren worden war. Sie bekam Schmerzen im Rücken, weil sie ständig Patienten in Rollstühle und zurück ins Bett wuchten musste. In den neunzehn Jahren zuvor waren ihre Sorgen anderer Natur und das unappetitlichste Erlebnis ein Elterngespräch gewesen, in dem ihre Mutter ihrem Mathelehrer keck zugezwinkert hatte.

Im Anatomiesaal an den Körperspendern zu arbeiten, war anders gewesen. Ehrfürchtig war sie am ersten Morgen in ihren Laborkittel geschlüpft und hatte sich in die Gruppe um Souveränität bemühter Hochschüler gemischt, deren Staccatoatem die Luft vibrieren ließ. Die visköse Studentenmasse war die Treppe hinuntergeflossen und hatte eine kurze Belehrung über die Verhaltensregeln erhalten, bevor sich die Tür zu einem künstlich beleuchteten Raum geöffnet hatte. In dem gewaltigen gefliesten Kühlschrank hatte Kaja ihren Atem hören und sehen können. Das Formaldehyd hatte über ihren Köpfen gewabert und sich langsam auf ihre Häupter gesenkt, sich wie Laminierfolie auf ihre Haut gelegt, war in ihre Ohren, Nasen und unter ihre Kittel gedrungen, dass sie den Geruch erst Tage später wieder losgeworden waren. In drei ordentlichen Reihen waren die eisernen Tische wie Schulbänke aufgestellt gewesen, abgedeckt mit Leintüchern, unter denen sich die Silhouetten von vierundzwanzig Leichnamen abzeichneten.

Kaja versuchte, möglichst wenige, große Schritte zu machen, bekam aber dennoch ein schlechtes Gewissen, dass sie den soeben gewienerten Belag direkt wieder verschmutzte. Obwohl sie zum Bewerbungsgespräch hier gewesen war, kam ihr alles neu vor. Die Flure glichen einem Irrgarten.

Labyrinthitis. Innenohrentzündung.

Sie studierte die zwischen zwei Fahrstühlen angebrachte Orientierungstafel. Die Sekretariate der Chefärzte befanden sich bis auf jenes der Gynäkologen und der Mund-Kiefer-Gesichtschirurgen alle in der dritten Etage. Ihr Nagelbett wurde weiß, als sie auf die Taste mit dem nach oben gerichteten Pfeil drückte.

Rekapillarisierungszeit weniger als zwei Sekunden.

Gleich würde sie den leitenden Oberarzt treffen, der sie zum Besprechungsraum mitnehmen wollte. Bisher hatten sie nur per E-Mail verkehrt, doch auch ohne dass sie seinen Tonfall kannte, hatte er auf Kaja einen respektablen Eindruck gemacht. Beim...

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