Meine Mutter, die Gräfin

Ein Jahrhundertleben zwischen Kommunismus und Bohème
 
Yvonne Hirdman (Autor)
 
Insel Verlag GmbH
1. Auflage | erschienen am 16. November 2011 | 573 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-458-77070-1 (ISBN)
 
Yvonne Hirdman hat das Leben ihrer Mutter Charlotte (1900-1966) aufgeschrieben. Was für ein Leben! Aufgewachsen in der Bukowina (damals Österreich-Ungarn) als Tochter eines Hamburger Vaters und einer Schweizer Mutter, besuchte Charlotte in Weimar ein Mädchenpensionat, arbeitete in Jena als Buchhändlerin, tanzte im Berlin der Weimarer Republik, heiratete einen Grafen, ließ sich scheiden, floh als Kommunistin vor Hitler ins Exil nach Moskau, wo ihre neue Liebe Stalins Säuberungen zum Opfer fiel - bevor sie schließlich Zuflucht in Schweden fand, wo sie heiratete und blieb. In ihrem feinfühligen, lebendigen und extrem fesselnden Porträt der Mutter verbindet Hirdman auf faszinierende Weise europäische Geschichte mit der Geschichte ihrer Mutter - und ihrer eigenen. Hirdmans Buch ist die Beschreibung einer Mutter-Tochter-Beziehung, der Roman einer Familie, das Bild eines Jahrhunderts, ein Porträt über das Frauenbild und die Geschlechterverhältnisse der damaligen Zeit - und das ungewöhnliche Porträt einer faszinierenden, avantgardistischen, unerhörten und höchst attraktiven Frau: Charlotte, die rote Gräfin.

Yvonne Hirdman, geboren 1943,  ist Professorin für Frauen- und Gendergeschichte. Sie gilt als eine der qualifiziertesten Gegenwartshistorikerinnen Schwedens, ein weiterer Schwerpunkt ihrer Arbeit ist die Forschung über die schwedische Arbeiterbewegung. Zuletzt erschien ihre vielgelobte Biographie über Alva Myrdal, Das tränende Herz (2006).

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Yvonne Hirdman, geboren 1943, ist Professorin für Frauen- und Gendergeschichte. Sie gilt als eine der qualifiziertesten Gegenwartshistorikerinnen Schwedens, ein weiterer Schwerpunkt ihrer Arbeit ist die Forschung über die schwedische Arbeiterbewegung. Zuletzt erschien ihre vielgelobte Biographie über Alva Myrdal, Das tränende Herz (2006).

1 - Cover [Seite 1]
2 - Titel [Seite 4]
3 - Impressum [Seite 5]
4 - Inhaltsverzeichnis [Seite 6]
5 - Meine Mutter, die Gräfin [Seite 12]
5.1 - Prolog [Seite 14]
5.2 - Kapitel 1 [Seite 22]
5.2.1 - Die Gouvernante und der Buchhandelsgeselle [Seite 22]
5.2.1.1 - Bukarest - Dorpat - Oxford 1900-1911 [Seite 22]
5.2.1.1.1 - Emilie [Seite 25]
5.2.1.1.2 - Bukarest [Seite 30]
5.2.1.1.3 - Dorpat [Seite 36]
5.2.1.1.4 - Zwischenakt - Lenis Geschichte [Seite 41]
5.2.1.1.5 - Fritz [Seite 48]
5.2.1.1.6 - Die Begegnung [Seite 54]
5.2.1.1.7 - Die Russische Revolution 1905 [Seite 57]
5.2.1.1.8 - Mesalliance? [Seite 63]
5.2.1.1.9 - Kleinbürger [Seite 65]
5.2.1.1.10 - Kind der Liebe [Seite 71]
5.2.1.1.11 - Oxford [Seite 75]
5.2.1.1.12 - Ernüchterung [Seite 76]
5.3 - Kapitel 2 [Seite 83]
5.3.1 - Emilie und der Krieg [Seite 83]
5.3.1.1 - Bukowina 1912-1920 [Seite 83]
5.3.1.1.1 - Bukowina [Seite 87]
5.3.1.1.2 - Czernowitz [Seite 88]
5.3.1.1.3 - Radautz [Seite 93]
5.3.1.1.4 - Lottie [Seite 97]
5.3.1.1.5 - 1914 [Seite 99]
5.3.1.1.6 - Papa zu Felde - Mama steht ihren Mann [Seite 106]
5.3.1.1.7 - Die Likörkatastrophe [Seite 117]
5.3.1.1.8 - 1917 [Seite 121]
5.3.1.1.9 - Das Deutsche [Seite 123]
5.3.1.1.10 - 1918 [Seite 126]
5.3.1.1.11 - Die Rumänen [Seite 129]
5.3.1.1.12 - Nachkriegszeit - die 20er Jahre [Seite 132]
5.3.1.1.13 - »Diese Sache« [Seite 134]
5.3.1.1.14 - P.S. [Seite 142]
5.4 - Kapitel 3 [Seite 144]
5.4.1 - Deutschland - bleiche Hure [Seite 144]
5.4.1.1 - Berlin - Weimar - Jena 1920-1927 [Seite 144]
5.4.1.1.1 - Die »sogenannte Revolution« in Deutschland [Seite 146]
5.4.1.1.2 - Der Kapp-Putsch [Seite 148]
5.4.1.1.3 - Der Friede von Versailles [Seite 151]
5.4.1.1.4 - Noch mehr Geschichte [Seite 153]
5.4.1.1.5 - Geschehnisse in Hamborn [Seite 156]
5.4.1.1.6 - Die Hyperinflation [Seite 162]
5.4.1.1.7 - Deutschland - bleiche Hure [Seite 165]
5.4.1.1.8 - Lottie in Weimar [Seite 169]
5.4.1.1.9 - Die »neue Frau« [Seite 180]
5.4.1.1.10 - Grete in Heidelberg [Seite 183]
5.4.1.1.11 - Jena 1926-1927 [Seite 186]
5.4.1.1.12 - Liebe? [Seite 190]
5.4.1.1.13 - 1926-1928 [Seite 194]
5.4.1.1.14 - Die Verlobung [Seite 195]
5.4.1.1.15 - Eine »neue Frau«? [Seite 200]
5.5 - Kapitel 4 [Seite 207]
5.5.1 - Die Gräfin [Seite 207]
5.5.1.1 - Berlin 1928-1931 [Seite 207]
5.5.1.1.1 - Die Stadt der Städte [Seite 211]
5.5.1.1.2 - Die Gräfin [Seite 214]
5.5.1.1.3 - »Diese Sache« [Seite 217]
5.5.1.1.4 - Berliner Leben - die Erste [Seite 219]
5.5.1.1.5 - Dolly [Seite 221]
5.5.1.1.6 - Erna [Seite 223]
5.5.1.1.7 - Berliner Leben - die Zweite [Seite 229]
5.5.1.1.8 - Blutmai [Seite 234]
5.5.1.1.9 - Die Leibesfrucht spricht [Seite 239]
5.5.1.1.10 - Paragraf 218 [Seite 242]
5.5.1.1.11 - Deutschland von unten [Seite 245]
5.5.1.1.12 - Rote Hilfe [Seite 252]
5.5.1.1.13 - Der Fall Scheringer [Seite 253]
5.5.1.1.14 - Gollnow [Seite 257]
5.5.1.1.15 - P.S. [Seite 260]
5.6 - Kapitel 5 [Seite 264]
5.6.1 - »Unruhe und Suche« [Seite 264]
5.6.1.1 - Berlin 1930-1932 [Seite 264]
5.6.1.1.1 - Die letzten Tage der Weimarer Republik [Seite 271]
5.6.1.1.2 - Deutschland im Herbst [Seite 275]
5.6.1.1.3 - Rumänien im Herbst [Seite 279]
5.6.1.1.4 - »Diese Sache« [Seite 283]
5.6.1.1.5 - Nervenzusammenbruch [Seite 293]
5.6.1.1.6 - Erholung-Utersum [Seite 299]
5.6.1.1.7 - Scheidung [Seite 305]
5.6.1.1.8 - Der Kreis [Seite 311]
5.6.1.1.9 - Reginenstraße 14, Leipzig [Seite 313]
5.7 - Kapitel 6 [Seite 323]
5.7.1 - »Bunte Zeiten, ma chérie« [Seite 323]
5.7.1.1 - Berlin - Zürich - Prag 1932-1934 [Seite 323]
5.7.1.1.1 - Familie Kurella [Seite 325]
5.7.1.1.2 - Die Begegnung [Seite 329]
5.7.1.1.3 - Müller und die Kaderakten [Seite 331]
5.7.1.1.4 - Heinrich Kurellas Autobiografie (bis 1933) aus den Kaderakten vom 8. Juli 1936 [Seite 335]
5.7.1.1.5 - Kommunist-Idealist [Seite 339]
5.7.1.1.6 - Countdown [Seite 343]
5.7.1.1.7 - Der Traum vom Heim [Seite 345]
5.7.1.1.8 - Stempelberg am Pleitenplatz [Seite 348]
5.7.1.1.9 - Der Reichstagsbrand [Seite 352]
5.7.1.1.10 - 15. März 1933 [Seite 355]
5.7.1.1.11 - Flucht - Emigration - Zürich [Seite 357]
5.7.1.1.12 - Rudi und die RUNA [Seite 361]
5.7.1.1.13 - Heinz und Grete [Seite 365]
5.7.1.1.14 - Das Notizbuch [Seite 369]
5.7.1.1.15 - Prag - Warten auf Utopia [Seite 372]
5.8 - Kapitel 7 [Seite 377]
5.8.1 - Genossin Stenbock [Seite 377]
5.8.1.1 - Moskau 1934-1937 [Seite 377]
5.8.1.1.1 - Herbst 1934 [Seite 381]
5.8.1.1.2 - Der Mord an Kirow [Seite 388]
5.8.1.1.3 - 1935 [Seite 391]
5.8.1.1.4 - Alltagsleben [Seite 398]
5.8.1.1.5 - 1936 [Seite 402]
5.8.1.1.6 - Der Sommer vor dem Sturm [Seite 405]
5.8.1.1.7 - Die Frage Kurella. Erster Akt [Seite 412]
5.8.1.1.8 - Die Frage Kurella. Zweiter Akt [Seite 419]
5.8.1.1.9 - Golgatha [Seite 425]
5.8.1.1.10 - Die Bourguika [Seite 432]
5.8.1.1.11 - Letzter Akt [Seite 436]
5.9 - Kapitel 8 [Seite 439]
5.9.1 - Ein Puzzle zusammensetzen [Seite 439]
5.9.1.1 - Kopenhagen - Paris - Pontigny 1937-1939 [Seite 439]
5.9.1.1.1 - Die Quellen [Seite 445]
5.9.1.1.2 - Spurensuche [Seite 452]
5.9.1.1.3 - Die Geheimakte [Seite 454]
5.9.1.1.4 - Die Wahrheit? [Seite 464]
5.9.1.1.5 - So ganz anders, als wir dachten [Seite 467]
5.9.1.1.6 - Frankreich im Herbst [Seite 471]
5.9.1.1.7 - Der Albtraum [Seite 477]
5.9.1.1.8 - Der Reiter über den Bodensee [Seite 479]
5.9.1.1.9 - Urlaub vom Leben [Seite 488]
5.9.1.1.10 - Der Junge [Seite 493]
5.9.1.1.11 - Emilies Tod [Seite 497]
5.10 - Kapitel 9 [Seite 500]
5.10.1 - Frau Hirdman [Seite 500]
5.10.1.1 - Stavanger/Orre - Stockholm 1939-1966 [Seite 500]
5.10.1.1.1 - Orre - Herbst 1939 [Seite 502]
5.10.1.1.2 - Der Nichtangriffspakt [Seite 506]
5.10.1.1.3 - Frau Hirdman [Seite 509]
5.10.1.1.4 - Das schwedische Bereitschaftsheim [Seite 511]
5.10.1.1.5 - Frieden [Seite 523]
5.10.1.1.6 - Die Reiseleiterin [Seite 529]
5.10.1.1.7 - Die letzte Reise [Seite 537]
5.11 - Epilog [Seite 539]
5.12 - Personenverzeichnis [Seite 551]
5.13 - Literaturverzeichnis [Seite 572]
5.13.1 - Prolog und Kapitel 1 [Seite 572]
5.13.2 - Kapitel 2 [Seite 572]
5.13.3 - Kapitel 3 [Seite 573]
5.13.4 - Kapitel 4 [Seite 573]
5.13.5 - Kapitel 6 [Seite 574]
5.13.6 - Kapitel 7 [Seite 574]
5.13.7 - Kapitel 8 [Seite 575]
5.13.8 - Kapitel 9 und Epilog [Seite 575]

Kapitel 1


Die Gouvernante und der Buchhandelsgeselle


Bukarest – Dorpat – Oxford 1900-1911


Sie hat sie alle überlebt. Sie hätte etwas erzählen können – von meiner Mutter, meiner Großmutter, der Bukowina, von … Meine Tante Leni, meine kleine deutsche Tante Leni.

 

So leise atmet sie, dass ich im ersten Augenblick fast denke, dass sie gestorben ist, bis ich eine ganz leichte Bewegung unter der Decke wahrnehme. Leni liegt in ihrem kleinen, abgedunkelten Zimmer im Seniorenwohnheim in der Hamburger Blumenstraße; ich sitze still daneben. Ich sehne mich danach, endlich gehen zu können, an die frische Luft zu gelangen und diesem Wartezimmer des Todes den Rücken zu kehren – diesen wächsernen, entstellten Gesichtern, die geräuschvoll den wässrigen, weißen Spargel in sich hineinschlürfen. Die Haut über Lenis Gesicht ist gespannt und ihr Lächeln scheint völlig erloschen, jetzt bringt sie noch nicht einmal mehr die Kraft auf, ansatzweise zu lächeln. Diese Leni möchte nur eines – sterben. Und mich dabei an ihrer Seite wissen – zumindest glaube ich das. Sie hätte es sicher am liebsten, wenn ich mich neben ihr im Bett zusammenrollen und sie festhalten würde. Meine kleine Tante Leni, mit ihrem gebrechlichen Körper, den es bald nicht mehr geben wird, und ihrer dünnen, ergrauten Kleinmädchenfrisur.?

Leni (links im Bild) in der Blumenstraße.

 

Warum, ja, warum nur, habe ich ihr nie richtig zugehört?! Warum war ich nie richtig neugierig? Warum habe ich nie das Gespräch auf ihre Kindheit gebracht? Auf die schwarz gerahmten Bilder, diese Aquarelle in gedeckten blau-braunen Tönen, die neben der spärlichen Ausbeute an Dingen in ihrem kleinen Zimmer hingen und Motive eines längst entschwundenen Osteuropas zeigten, zum Beispiel? Dinge, die sie nach dem Mauerfall, als sie aus der Reginenstraße 14 in Leipzig hierher nach Hamburg kam, mitgebracht hatte.

 

Hat sie häufig gemalt, deine Mutter Emilie? Hat sie gesungen? Von ihrer Kindheit erzählt? Habt ihr, du und Mama, jemals eure Großmutter Cécilie kennengelernt? Hat Emilie Fritz aufrichtig geliebt, was meinst du? Wie groß war sie? Hatte sie blaue Augen? Euer Haus in Radautz, wie sah es aus? Wie habt ihr Weihnachten gefeiert? War eure Mutter gläubig? Seid ihr in die Kirche gegangen?

 

Mama war da ja schon nicht mehr am Leben, so unwiederbringlich für mich verloren, aber Leni, ihre kleine Schwester, lebte damals noch. Sie war sozusagen das wandelnde Gedächtnis unserer Familie, die Letzte aus Radautz und Leipzig, und als ich damit begann, sie Anfang der Neunzigerjahre im Altersheim zu besuchen, war sie bereits so gealtert, dass schon nichts anderes als diese Orte mehr für sie gegenwärtig waren.

Warum nur habe ich sie nie nach Emilie gefragt, ihrer heiß und innig geliebten kleinen maman, ihrer kleinen Mutsch, deren dunkles Haar schon so früh seine Farbe verlor und der ich – wie Mama mir erzählte – so ähnelte?

»Du bist genauso flink wie deine Oma Emilie«, hat sie gesagt.

Stattdessen sind heute, zwanzig Jahre später, meine weißen Haaren das einzige – völlig stumme – Bindeglied zwischen mir und meiner mir gänzlich unbekannten Großmutter, deren Stimme und Erzählungen ich jedoch anhand des noch vorhandenen brüchigen Quellenmaterials nachzuspüren versuche: Vergilbte Briefe, ein halb zerfallenes, fragmentarisches Tagebuch auf Französisch, ein Stoß Briefe und dann diese alten Fotos. Immerhin. Nachdem ich das halb aufgelöste, über hundert Jahre alte kleine Tagebuch mühsam entziffert habe, kann ich sie endlich hören, sehe ich sie lebendig vor mir: Emilie Redard, meine Großmutter. Mamas heiß geliebte Mutter.

Emilie

Ich sehe sie vor mir mit ihren achtzehn Jahren, in einen schmal geschnittenen Rock und eine Bluse gekleidet, die den hübschen, schlanken Mädchenkörper nachzeichnen. Ihre Haare hat sie auf dem Oberkopf zu einem dicken, dunkelbraunen Knoten hochgesteckt – die Frisur einer erwachsenen Frau. Das neue Jahrhundert, das zwanzigste, hat gerade erst angefangen und sie macht sich auf, ihren Geburtsort, das Dorf Auvergnier bei Neuchâtel in der Schweiz, zu verlassen. Ein entzückendes kleines Dorf übrigens – ich habe es im Internet gefunden, an Sommerabenden spielen sie dort Jazzmusik auf dem Marktplatz. Hier sehe ich es in Emilies Fotoalbum mit hellbraunem Ledereinband, in dem man von zwei Seiten blättern kann – auf ein paar Schwarz-Weiß-Fotografien von 1902: Die eine Aufnahme zeigt einen Wagen, der von vier Pferden gezogen wird; in der weich geschwungenen hügeligen Landschaft im Hintergrund sind das Dorf mit der Kirche und ein paar niedrige Häuser zu erkennen. Hier ein Fluss, da die Brücke, auf der anderen Seite Häuser und ein winzig kleiner Zug, der am gegenüberliegenden Flussufer entlangfährt und weiße Dampfwolken ausstößt.

Ein Zug, der sie in die weite Welt hinausbringen wird; womöglich mit ihrem Fotoalbum, ihrem Tagebuch, ihrem mit Kleidern und Büchern gefüllten Gepäck. Denn Emilie stammt aus dem französischsprachigen Teil der Schweiz, in dem ein so geschliffenes Französisch gesprochen wurde, dass selbst Mädchen aus den unteren Schichten als Gouvernanten für europäische Adelsfamilien in Betracht kamen. Und Emilie wird jetzt bis nach Rumänien, nach Bukarest reisen, wo sie offenbar in einem Pensionat unterrichten soll; ganz sicher bin ich mir da aber nicht, denn ihr Tagebuch gibt keinen Aufschluss darüber. Und Leni und Mama sind tot, und es gibt auch sonst keinen mehr, den ich danach fragen könnte.

Da sitzt sie jetzt also in dem kleinen Zug. Ängstlich? Garantiert. Aufgeregt? Keine Frage. Aber sicher auch glücklich, als sie das Dorf hinter sich im Zugqualm immer kleiner werden sieht. Denn war das nicht der Traum aller Mädchen zu jener Zeit, zu Beginn des neuen Jahrhunderts – aus dem Dorf herauszukommen?

Wenngleich es da natürlich noch ihre Mutter Cécilie gab (ja, ja, wir alle mit unseren Müttern …). Das Heimweh nach ihr muss wohl doch schon nach wenigen Kilometern eingesetzt haben.

»Meine Mutter …«, schreibt Emilie in einem ihrer letzten Briefe an ihre älteste Tochter Charlotte, der aus einer ganzen Serie von eng beschriebenen Briefen, die ihre Lebensschilderung enthalten, stammt. Sie schrieb diese Briefe nicht, weil sie sie nicht dem Vergessen preisgeben wollte, sondern weil ihre heimatlose, entwurzelte älteste Tochter Charlotte – Lolotte, Lottie – sie danach gefragt hat.

»Wie war das damals, maman, kannst Du mir nicht davon erzählen?«, muss Charlotte ihrer Mutter Emilie geschrieben haben. Erzähl's mir! Und Emilie, wie sie da so im Sterben in ihrem Krankenbett lag, muss um ein paar zusätzliche Kissen als Rückenstütze gebeten, sich halb aufgesetzt und zur Feder gegriffen haben, und schreibt also, dass ihre Mutter, Charlottes Großmutter, eine fantastische Frau gewesen sei: »Cécilie Emma Redard, geborene Pfeiffer, war allerliebst, gütig und bescheiden, hatte bewundernswert kastanienbraune Haare, große, blaue Augen und ein perfekt oval geschnittenes Gesicht«, lese ich in Emilies Brief an ihre Tochter.

Aber was sollen diese Worte heißen? Zuerst denke ich, dass sie sich bis über beide Ohren verliebt hat, aber als ich meine Französischexpertin danach frage, behauptet sie, da stünde, dass sie sich in den See verliebt habe – amoureuse du lac – was so viel heißt wie »hat ihr Herz an den See verloren«.

»Meinst du wirklich?«, hake ich skeptisch nach. Aber sie beharrt darauf: Sie meint den See. Seltsame Frau, meine Uroma. Sie kam also aus den Bergen und verlor ihr Herz an einen See. Und um diesen See jeden Tag sehen zu können, lässt sie sich von einem attraktiven und geschickten jungen Mann den Kopf verdrehen und die beiden heiraten. Der See wird zu ihrem Halt im Leben und schenkt ihr Trost, als sich herausstellt, dass sich der gutaussehende junge Kerl immer häufiger sinnlos betrinkt, während sie von der Horde Kinder, die sie zur Welt bringt – alle zwei Jahre eines, die sie jeweils zwölf bis fünfzehn Monate stillt –, ganz entkräftet wird. Zehn von vierzehn Kindern überleben.

»Ich habe nie gehört, dass sie sich beklagt hätte«, bringt Emilie für ihre Tochter zu Papier, »habe nur einen gelegentlichen Stoßseufzer vernommen, sah, wie ihre großen Augen sich weiteten und sie unverwandt auf den See hinaussah, hinter dem sich das Panorama der Alpen erstreckte. Ein Moment Schweigen – dann nahm sie die Prüfung auf sich und hob, erneut lächelnd, den Blick.«

Ach ja, die Frauen damals, solche Optimistinnen, die sich durch nichts erschüttern ließen. Make the best of it, habe ich die Stimme meiner Mutter noch im Ohr.

Da ist allerdings eine Erinnerung, an der Emilie uns teilhaben lässt, wodurch das positive Bild, das sie von ihrer Mutter gezeichnet hat, Risse bekommt: Sie entsinnt sich, dass sie eines Abends so gegen zehn Uhr davon wach wurde, wie ihr Vater sternhagelvoll (nein, so drückt sie sich natürlich nicht aus, das schreibe ich) – und ohne einen Mucks von sich zu geben, denk' ich mir – mit ansieht, wie ihre Mutter ihrem Vater eine Tracht Prügel verpasst. Wenngleich vergebens. Und mir fällt auf, dass das das einzige Mal ist, dass Emilie ihren Vater erwähnt – überhaupt erwähnt.

 

Emilie Redard im Alter von 21 Jahren.

 

 

Und diese Frau, die sich in einen See verguckt...

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