Der Klügere kippt nach

Ein Teenager erklärt die Welt
 
 
Lübbe (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 25. November 2011
  • |
  • 224 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8387-1135-5 (ISBN)
 
Bei ihrem Anblick wird auch berufsjugendlichen Mittdreißigern klar: Wir werden alt. Egal ob es ums Arschfax geht oder die Oma nach ihrer Abwrackprämie gefragt wird - wir verstehen nur Bahnhof. Comedian Fabian Hintzen schafft Abhilfe! Er erklärt uns "alten Säcken", was im Kopf eines Teenagers wirklich vorgeht. Dabei nimmt er nicht nur die hysterischen Eltern, bekloppten Lehrer und nervenden Rentner aufs Korn, sondern auch sich selbst. Und sämtliche Klischees über seine Generation, die ja angeblich nur Chillen, Pornos und Komasaufen im Sinn hat.
1. Aufl. 2011
  • Deutsch
  • 0,85 MB
978-3-8387-1135-5 (9783838711355)
3838711351 (3838711351)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Entwicklungssprünge (S. 74-75)

Ist Ihnen das auch schon aufgefallen? Als Ratgeber sind Eltern ziemlich unzuverlässig, weil wankelmütig: Was gestern galt, ist morgen schon Geschichte …

Johann Wolfgang von Goethe hat schon gesagt: »Wer viel mit Kindern lebt, wird finden, dass keine äußere Einwirkung auf sie ohne Gegenwirkung bleibt.« Mit anderen Worten: Setze deinem Kind Grenzen, und du bekommst dafür auffe Fresse. Ich habe zwar keine Ahnung, warum das jetzt hier stehen muss, aber ich wollte auch mal einen dieser alten Säcke zitieren, mit denen mein Deutschlehrer immer um die Ecke kommt, wenn ihm selbst nichts mehr einfällt.

Obwohl, Moment mal: Irgendwie passt das natürlich schon zum Thema. Der alte Zausel ist sehr weise. Hätte man ein paar Familienvätern in Neukölln vielleicht mal etwas früher übersetzen sollen. Obwohl, wenn Sie das Kapitel über gutes Benehmen aufmerksam gelesen haben, dann wissen Sie ja, dass ich es gar nicht so schlecht finde, von Autoritätspersonen Grenzen gesetzt zu bekommen. (Auch, wenn die Definition von Autoritätsperson manchmal ein Problem für mich ist.) Ich habe keinen Bock auf die totale Anarchie.

Es reicht mir ja schon, die Klamotten von Thomas Gottschalk zu ertragen, ohne die Style-Polizei einschalten zu dürfen. Mehr Freiheit verträgt keine Demokratie der Welt. Ich möchte nicht, dass in einem Land, in dem ich lebe, alle machen, was sie wollen. Niemand will das sehen: Leute, die nackt über die Straße laufen, brennende Porsche Cabrios, mit Parolen beschmierte Häuserwände, auf denen die Volksmusik verhetzt wird, Plündereien im Apple Store, Leute mit Talent gehen zu DSDS. Kranke Welt.

Nein, hilft ja nichts. Ich bin kein Typ für die totale Anarchie. Vermutlich verdanke ich das meinen Eltern und ihren strengen Gesetzen. Stichwort: gute Erziehung. Es muss so sein, ich habe keine andere Erklärung dafür. Was mich jedoch ein wenig verwirrt, ist der Umstand, dass ich im Laufe der Jahre ziemlich widersprüchliche Regeln befolgen musste. Ich vermute, meine Eltern haben den Begriff mixed messages ERFUNDEN. Verstehen Sie nicht?

Dann gebe ich Ihnen mal ein paar Beispiele, die das Prinzip verdeutlichen. Das fing schon in meiner frühesten Kindheit an. Stundenlang standen meine Eltern vor meinem Bett und animierten mich, endlich sprechen zu lernen: »Fabian, mein Kleiner, sag mal Mama.« Als ich fünf wurde, habe ich ihnen den Gefallen dann endlich getan. Ich bilde mir heute noch was drauf ein, gleich einen ganzen Satz rausgebracht zu haben. Meine Mutter war sooo stolz. Unser populärster Dialog 2011: »Mama?«

»Kannst du mal einen Moment die Klappe halten, Fabian?!« Häh? Erst betteln sie um Wortbeiträge, dann verbieten sie mir den Mund? Das ergibt doch keinen Sinn. Erinnert mich aber an die andere Sache: »Fabian, du bist jetzt alt genug: Sag Bescheid, wenn du mal musst, dann helfen wir dir!« Klar, warum nicht, mit sieben hat man wirklich keinen Bock mehr auf Pampers. Also habe ich gemacht, wozu mich meine Eltern gebeten haben. Hat auch wunderbar funktioniert. Windeln sind für mich schon lange kein Thema mehr. (Das kommt erst so mit Ende sechzig wieder, schätze ich.) Meine Eltern sind aber natürlich mal wieder nicht zufrieden mit meinem prima Entwicklungssprung. Wenn ich heutzutage mein Umfeld an meinem aktuellen Verdauungsstatus teilhaben lasse, gibt’s nur noch Stress.

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