Eine Spur von Glück

Lesende Frauen in der Geschichte
 
 
Wallstein (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 5. Oktober 2020
  • |
  • 256 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8353-4539-3 (ISBN)
 
Über das Lesen als Akt der weiblichen Selbstbestimmung.

Monika Hinterberger begibt sich auf einen geschichtlichen Streifzug und verfolgt zahlreiche Spuren lesender Frauen zurück bis in die Antike. Anhand von Abbildungen, die Frauen mit Büchern zeigen, hinterfragt sie die Vorstellung, dass das weibliche Geschlecht über lange Zeiten hinweg des Lesens völlig unkundig war. Wo Frauen lesen lernten, welche Bücher sie aufschlugen und mit welchen Interessen und Erwartungen sie die Lektüre verfolgten, sind nur einige der Fragen, die die Autorin beantwortet. Deutlich wird vor allem eines: Lesen zu können schuf Voraussetzungen für selbstbestimmtes Handeln, es gab den Frauen die Möglichkeit, zu lernen, sich Bildung anzueignen und eigene Wege zu gehen. Und es konnte auf Neues, auf Unerwartetes weisen - auf eine Spur von Glück.
  • Deutsch
  • Göttingen
  • |
  • Deutschland
10, z.T. farb.
  • 5,16 MB
978-3-8353-4539-3 (9783835345393)
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2. Zwei Frauen im Gespräch über ihre Lektüre


Colloquio di donne


Zwei Frauen im Gespräch über ihre Lektüre.

Diese Bildunterschrift wird einem Fresko des 1. nachchristlichen Jahrhunderts zugeschrieben, das Angaben des Bildarchivs Preußischer Kulturbesitz zufolge aus Pompeji stammt und dort den Raum einer Villa schmückte. Welche der pompejanischen Villen gemeint ist, bleibt offen. War es tatsächlich Pompeji, wo diese Wandmalerei entstand? Entstammt das Fresko möglicherweise einer Villa im nahe gelegenen Herculaneum? Oder einem römischen Wohnhaus in einer der anderen süditalienischen Städte?? Allen Nachforschungen zum Trotz lassen sich diese Fragen gegenwärtig nicht beantworten, auch nicht die, wo das Fresko aufbewahrt wird und ob es überhaupt noch existiert.

Das Berliner Bildarchiv gibt als Standort das Archäologische Nationalmuseum in Neapel an. Da das Fresko nach Auskunft des Museums dort weder im Literaturverzeichnis noch in graphischen Reproduktionen des 19. Jahrhunderts erscheint, wird angenommen, dass es Anfang des 20. Jahrhunderts in das Museum gelangte, ohne dass es inventarisiert worden wäre.

Wie gerne wüsste ich etwas über seine Herkunft und den heutigen Standort. Würde das Fresko selbst in Augenschein nehmen wollen. Seiner Wirkung nachspüren. Wer gab vor beinahe zweitausend Jahren den Impuls zu dieser Malerei?? Für wen war sie gedacht?? Wer erfreute sich daran?? Ich nähere mich dem Bild mit Staunen, mit Bewunderung, mit vielen Fragen.

Zwei Frauen im Gespräch. Ruhig und gelassen.

Eine der beiden hält eine geöffnete Papyrusrolle in ihren Händen. Sie steht vor ihrer Gefährtin, ihren rechten Fuß auf ein niedriges Podest gestützt. Sie scheint auf ihre Lektüre konzentriert. Trägt sie der vor ihr sitzenden Frau eine Textpassage vor? Diese ist in ihrer Haltung ganz der Gesprächspartnerin zugewandt. Mit dem linken Arm stützt sie sich auf ihren Sitz, die rechte Hand liegt entspannt in ihrem Schoß. Hinter ihr lehnt eine Lyra oder Kithara an einem Steinsockel. Der Sockel und die Andeutung einer Säule im Hintergrund legen die Vermutung nahe, dass die Frauen sich im hinteren Teil des Hauses, dem zu einem Peristyl gestalteten Gartenbereich aufhalten. Sie könnten Freundinnen sein.

Beide tragen die während der römischen Kaiserzeit traditionelle Frauenkleidung: ein langes, gegürtetes Untergewand, die Tunica, darüber eine für verheiratete Römerinnen standesgemäße und bis zu den Knöcheln reichende farbige Stola. Wohlhabende Frauen bevorzugten als Stoff eine leichte Baumwolle oder gar Seide. Und sie verzichteten ungern auf ihren reichhaltigen Schmuck: Spangen, Ohrringe, Armbänder und Ketten, Diademe oder mit Gold sowie Edelsteinen besetzte Bänder für ihr Haar. Auch das im Nacken zu einem kunstvollen Knoten gebundene Haar, das manchmal durch ein mit Goldfäden durchwirktes Haarnetz zusammengehalten wurde, gehörte zum typischen Erscheinungsbild einer verheirateten Frau. Nur die jungen, noch unverheirateten Mädchen trugen ihr Haar lang und ungebunden und konnten sich in der Öffentlichkeit auch ohne Kopfbedeckung frei bewegen.

Ein Colloquio di donne also.

So lautet die Auskunft des Archäologischen Nationalmuseums in Neapel. Dass tatsächlich zwei Frauen dargestellt sind, zeige ein Vergleich mit anderen ähnlichen Bildern gleicher Dimension und gleichen Stils.

Die Szene lässt mich an die Zeit griechischer Klassik denken, als das Lesen weitgehend ein Gemeinschaftserlebnis war, als literarische Texte aus Buchrollen vorgetragen wurden, sei es in einer größeren Öffentlichkeit, in kleinerer Gesellschaft oder auch zu zweit wie hier am Beispiel der beiden Frauen. Das Lesen für sich allein nahm im Leben des antiken Menschen erst allmählich größeren Raum ein, wobei das individuelle Lesen noch lange Zeit ein mehr oder weniger lautes Sichvorlesen bedeutete, zumindest literarischer Texte. Das Alleinsein mit der Lektüre, das stille Sichvertiefen in einen Text, wie wir es heute kennen, begann in hellenistischer Zeit gebräuchlicher zu werden, gleichwohl wurde das gemeinsame Hören und Lesen von Literatur noch über Jahrhunderte hinweg beibehalten.

Von einem solchen Moment erzählt das Wandbild aus Pompeji, von einem Moment der Begegnung zweier Frauen, im Gespräch über ihre Lektüre. Ich geselle mich zu ihnen, versuche ihnen zuzuhören, ihre Zusammenkunft zu ergründen, mich ihrer Lebenssituation im ersten nachchristlichen Jahrhundert zu nähern.

Geschichtliche Streifzüge


Zwischen den beiden Frauen aus Pompeji und der lesenden Athenerin auf der kleinen attischen Vase des 5. vorchristlichen Jahrhunderts liegt ein Zeitraum von fünfhundert Jahren. Eine Zeit, die der antiken Welt ein vollkommen neues Gesicht gab.

Griechische Kunst und Kultur, griechisches Denken, griechische Lebensweise und die griechische Sprache waren durch einen beispiellosen, mit dem großen Alexanderzug beginnenden Eroberungswillen bis in weit entfernte Gebiete getragen worden, im Osten bis nach Indien, im Süden bis nach Ägypten. Neue Herrschaftsgebiete entstanden. Städte wurden nach dem Vorbild griechischer Poleis gegründet. Sie gerieten zu Brennpunkten der Hellenisierung der Welt, in der griechische Kunst und Kultur im Aufeinandertreffen mit fremden Welten auch zu neuer Blüte und zu neuen Formen fand. Regionale und kulturelle Vielfalt kennzeichnen das Bild der hellenistischen Welt, in der das Griechische stets tonangebend blieb.

Als die Römer seit der Mitte des 2. Jahrhunderts v. Chr. in diese Welt vordrangen und auch den östlichen Mittelmeerraum zu dominieren begannen, verloren die hellenistischen Städte und Königreiche ihre politische Macht, nicht aber ihre kulturelle Ausstrahlung. Von Anfang an prägte die hellenistische Kultur den Gang der römischen Geschichte und durchdrang die Lebenswelt einer römischen Aristokratie und wohlhabenden Bürgerschaft, von Männern wie von Frauen. Sie adaptierten und transformierten griechisch-hellenistische Kunst und Architektur, griechische Lebensart, griechische Ideen, orientierten das Erscheinungsbild ihrer Städte sowie ihren Lebensstil an griechisch-hellenistischen Vorbildern. Von den Griechen übernahmen sie die Wertschätzung von Bildung und Wissen, übersetzten ihre Werke ins Lateinische, füllten ihre Bibliotheken und privaten Büchersammlungen mit lateinischer wie griechischer, zumeist gewaltsam erbeuteter Literatur. In der römischen Gesellschaft galt es bald als vorbildlich, in beiden Sprachen bewandert zu sein, Griechisch wie Lateinisch sprechen und schreiben zu können. Bildung im Sinne der griechischen paideia beförderte das soziale Ansehen römischer Familien und trug nicht unwesentlich dazu bei, ihnen politischen Einfluss und Geltung in der Welt zu verschaffen.

So überrascht es nicht, dass Bildung und Gelehrsamkeit auch in der römischen Welt zum Bildthema wurden, beispielsweise auf Wandbildern der zunehmend prachtvoller ausgestatteten römischen Stadthäuser und Villen auf dem Lande. Buchrollen und Behältnisse zu ihrer Aufbewahrung sowie diverse Schreibutensilien symbolisierten eine zum Lebensalltag gehörende Bildungsoffenheit. Auch wenn darin ein Repräsentationsbedürfnis bildungsbeflissener Familien zum Ausdruck kommt, spiegeln die Sammlung von Büchern und die sorgfältige Gestaltung der Bibliotheken und Leseräume innerhalb des Hauses zugleich die Bedeutung wider, die der Bildung und der Beschäftigung mit Literatur beigemessen wurde. Während der späten Republik und vor allem in der römischen Kaiserzeit war das Lesen und Schreiben in weiten Teilen der Bevölkerung, auch unter der einfachen Landbevölkerung sowie der großen Gruppe der Sklaven und Freigelassenen, verbreitet und eine für das tägliche Leben auch notwendige Fähigkeit, nicht zuletzt in den städtischen Zentren des römischen Reiches.

Lesen jedenfalls öffnete das Tor zu griechischer Kunst und Kultur, und das Bedürfnis nach Literatur war entsprechend groß. Römische Verlage, ein florierender Buchhandel und Schreibstuben zur Vervielfältigung der Werke trugen denn auch zu einer raschen Verbreitung von Literatur im gesamten Imperium bei. Und zu den Lesenden gehörten selbstverständlich auch Frauen.

Frauen aus Pompeji


Das veranschaulicht das Wandbild aus Pompeji auf schöne Weise.

Pompeji, anfangs eine kleine stadtähnliche Siedlung in Kampanien, zu Füßen des Vesuvs gelegen, war mit einem milden Klima, mit fruchtbaren Böden und aufgrund seiner Lage am Fluß Sarno mit günstigen Handelsbedingungen für seinen Wein, für Öl und Gemüse gesegnet. Durch eine Jahrhunderte andauernde wechselvolle Siedlungsgeschichte geprägt, erhielt Pompeji nach langen Perioden der Hellenisierung schließlich in der letzten Phase seiner Existenz als römische Veteranensiedlung seit 80 v. Chr. das Erscheinungsbild einer typisch römischen Stadt mit öffentlichen Bauten, einem Amphitheater, mit Thermen und Tempeln, Villen und Wohnhäusern für die Bevölkerung. Diese Stadt, die aufgrund des verheerenden Ausbruchs des Vesuvs im Jahre 79 n. Chr. von einer meterhohen Schicht vulkanischer Asche, von Bims- und Lavagestein gänzlich zugeschüttet wurde und gerade dadurch der Nachwelt in weiten Teilen erhalten blieb, haben wir...

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