EI_LAND

 
 
Osburg Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 24. August 2021
  • |
  • 250 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-95510-264-7 (ISBN)
 
Sechs Sonderlinge aus der tiefsten Provinz erobern mit einem Einfall die größten Städte. In seinem neuen Roman entführt Andreas Hillger in ein Absurdistan, das überall liegen kann und uns gerade deshalb nur allzu bekannt vorkommt. Was im längst geschlossenen Dorfgasthaus am Rande des Kohleabgrunds entstand, war anfangs nur eine Schnapsidee. Hier im äußersten Osten stehen die Leben auf der Kippe, deswegen sind die meisten schon gegangen. Da aber verirrt sich ein Fremder in die Dorfkneipe, in der allnächtlich nach Sonnenuntergang die seltsamen Kerle beieinanderhocken: Liebig, der Major und die anderen. Der Fremde hat eine Idee, die alles verändern wird. Die Soleier, die in Berliner Kneipen im sogenannten Hungerturm auf dem Tresen standen, werden als Soul-Eye zum Hype der Hipster. Wie aber erreicht man das mit einem simplen Rezept aus Großmutters Küche? Indem man eine Geschichte zur Legende verklärt und die einfache Zubereitung zum komplizierten Ritual überhöht - multikulturelle und absurd aufwendige Varianten inklusive.
Der Roman spielt einen sagenhaften Erfolgszug durch, lässt Neider, Nachahmer und Nachtgestalten aufmarschieren, setzt seine Männerrunde vom Rande immer neuen Stresstests aus, bis sie in ihrer unverhofften Zukunft auch noch von der eigenen Vergangenheit eingeholt werden. "EI_LAND" ist ein funkensprühender Roman, der mit hintersinnigem Humor vom Fluch des Fortschritts und vom Segen des Stillstands erzählt.
  • Deutsch
  • Hamburg
  • |
  • Deutschland
  • 1,26 MB
978-3-95510-264-7 (9783955102647)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Andreas Hillger arbeitet nach langer journalistischer Tätigkeit als freier Autor und Dramaturg. Sein Hauptinteresse gilt dabei historischen Themen, die er oft auf dem Theater verhandelt - so u. a. zuletzt im mehrfach ausgezeichneten Fugger-Musical Herz aus Gold für das Staatstheater Augsburg oder im Melanchthon-Oratorium Got.alein/die.Ehr. Bei Osburg erschienen seine Romane "Gläserne Zeit" (2013) und "Ortolan" (2020).

I


»Du bist jetzt da draußen in der bunten Stadt,
Kritzelst wirre Träume auf ein leeres Blatt,
Faltest sie zusammen und schickst sie zu mir.
Ich kann dir nicht folgen. Hier ist mein Revier!«

Drei Schwestern, »Hart an der Kante«

Als das Schicksal in unsere gute Stube geweht wurde, hockte ich wie immer in meinem toten Winkel. Schräg links vor mir beugten sich Liebig und der Major am Stammtisch über ihr Schachbrett, in der entgegengelegenen Ecke des Schankraumes zerhackte Herbert mit dem monotonen Klacken seines Zigarettenstopfers die Zeit. Flüchtig streifte mein Blick den hageren Werner, der neben dem Kachelofen fette Lettern und körnige Beweisfotos aus alten Zeitungen schnitt und seine Beute sorgfältig zu kleinen Haufen ordnete, bevor er die untauglichen Überreste zerknüllte und in einem blauen Müllsack versenkte. Hinter dem Tresen polierte Joachim gleichmütig die Biertulpen, auf dem stummen Bildschirm über ihm schnappte eine hübsche Hiobsbotin wie ein Fisch hinter Glas.

Träge waberten Rauchschwaden um den Kronleuchter aus verkeilten Geweihen, der vergilbte Girlanden eines längst verflossenen Karnevals noch immer wie Tentakel zu den holzgetäfelten Wänden ausstreckte. Im Raum stand jenes einvernehmliche Schweigen, das sich nur einstellen will, wenn längst alles von allen gesagt worden ist und jeder sein Quantum Trost in greifbarer Nähe weiß. Einzig Krabat knurrte gelegentlich wohlig im Traum und rollte sich hinter Liebigs Stuhl in eine bessere Lage.

So hätte es bleiben dürfen, ja müssen, wenn nicht plötzlich die Wirklichkeit hereingestolpert wäre. Just in jenem Moment, als Liebig mit seiner schwarzen Dame den weißen Läufer auf halber Diagonale schlagen wollte, flog die Kneipentür auf, und der Wintersturm blies einen Unbekannten herein.

Der Fremde stemmte sich gegen das Gestöber und umklammerte die Klinke, bis er Wind und Flocken ausgesperrt hatte. Dann klopfte er sich die weißen Schulterstücke vom Mantel und schlug die Hacken zusammen, um seine Schuhe vom Schnee zu befreien. »Guten Abend!«

Liebig konnte den plötzlich hellwachen Krabat gerade noch am Halsband packen, Joachim zog den feuchten Putzlappen mit einem Ruck aus dem Glas: »Geschlossene Gesellschaft!« Der Eindringling wischte mit einem Ärmel über die Stirn: »Aber da draußen steht doch .!«

Kopfschüttelnd unterbrach ihn unser Wirt: »Zimmer frei? Schon lange nicht mehr. Und schon gar nicht bei diesem Wetter!« Herbert nickte verhalten, der Major bekräftigte zackig: »Genau!« Werner legte die Schere beiseite, ich drückte meine Kippe aus und lehnte mich zurück. Aller Augen waren auf den Störenfried gerichtet.

»Entschuldigen Sie, aber das ist ein Notfall«, sagte er, während er sich die Handschuhe von den Fingern zupfte und am Schal nestelte. »Ich habe mich verfahren, jetzt steckt mein Wagen in einer Wehe fest. Und Empfang kriegt man in dieser Einöde ja auch nicht. Also könnte ich bitte - Sie haben hier doch sicher Festnetz?«

Joachim blickte kurz in die Runde, dann griff er unter den Tresen. »Na gut. Wenn wir Sie so wieder loswerden.« Der alte Apparat klirrte empört, als er auf die Platte gewuchtet wurde.

»Das ist - oh, vielen Dank!« Irritiert betrachtete der zufällige Gast das Gerät, als handle es sich um einen seltenen archäologischen Fund. Dann zog er eine Karte aus seiner Brieftasche und pickte mit spitzem Finger in das untere Ende der Wählscheibe.

»Sie müssen schon den Hörer abnehmen, sonst wird das nichts.« Der Major grinste Joachim an, als sei ihm ein besonders guter Scherz geglückt.

»Ja, natürlich. Wie dumm von mir .«

Während der Fremde weiter mit dem Telefon kämpfte, das unter seinen ruckartigen Bewegungen auf dem feuchten Tresen immer wieder verrutschte, besah ich ihn mir näher. Der dunkelblaue Mantel war viel zu dünn, um den eiskalten Wind abzuhalten, seine schwarzen Slipper hatten gegen den hohen Schnee wohl wenig ausrichten können - und auch der zur Schlinge gewundene Schal wirkte eher modisch als nützlich. Seine rotgefrorenen Ohren hielten eine runde Hornbrille, deren Gläser in der Wärme beschlagen waren und die er deshalb über die Stirn auf die kurzgeschorenen blonden Haare geschoben hatte. Er war wohl tatsächlich weit vom Wege abgekommen und hatte sein Ziel meilenweit verfehlt. In unserer Gegend und Gemeinschaft würde er jedenfalls ganz sicher keinen Platz finden.

»Wolter! Konrad Wolter!« Die Verbindung stand, und seine Stimme klang plötzlich selbstsicher entschlossen. »Mitgliedsnummer?« Er las Ziffern von einer Scheckkarte ab, dann wartete er kurz. »Ich brauche dringend einen Abschleppwagen. Ich stecke im Schnee, ungefähr einen Kilometer von . Moment!« Herr Wolter legte seine Rechte auf die Sprechmuschel und sah Joachim fragend an. »Wie heißt das hier?«

»Corny Mlýn«, knurrte der Wirt, »Schwarzmühl. Ist aber schwer zu finden.«

Wolter wiederholte den deutschen Namen, die Antwort vom anderen Ende der Leitung erboste ihn hörbar: »Erst morgen? Alle Fahrzeuge im Einsatz? Wofür zahle ich denn dann? Hier kann ich unmöglich . also schön. Dann aber pünktlich um zehn. Keine Minute später! Ich warte am Wagen. Und die Nacht stelle ich Ihnen in Rechnung.« Er knallte den Hörer auf und wandte sich wieder an Joachim. »Sie haben es ja gehört, heute komme ich hier nicht mehr weg. Könnten Sie wohl eine Ausnahme . Sie müssen mir helfen!«

»Gar nichts muss ich. Hat ihr Auto keine Heizung? Und die Sitze lassen sich doch sicher umklappen?«

Jetzt war es Liebig, der dem Wirt mit heiserem Falsett in die Parade fuhr. »Das kannst du nicht machen! Bei dem Sturm jagt man doch keinen Hund auf die Straße. Nicht wahr, mein Großer?« Beruhigend tätschelte er das drahtige Fell des Riesenschnauzers.

»Willst du mir etwa sagen, was ich unter dem Dach meines Hauses zu tun oder zu lassen habe?« Joachim schnaubte verächtlich und stellte das Telefon wieder an seinen angestammten Ort.

»Dann schläft er eben bei mir!« Alle starrten mich an, am meisten aber wunderte ich mich selbst über den spontanen Einfall. »Genügend Platz habe ich ja.« Vielleicht suchte ich meine Rolle als Friedensrichter im schwelenden Streit, vielleicht war mir auch nur die selbstherrliche Pose des Wirts peinlich. »Aber erst nach Ausschankschluss.« Ich hob mein leeres Glas prüfend gegen das Licht, schraubte den Verschluss von der Flasche und goss mir nach. Dann verschränkte ich die Arme vor der Brust, als hätte ich soeben ein schwerwiegendes Urteil gefällt, das keinen Widerspruch duldet.

Wolter trat an meinen Tisch: »Das ist sehr freundlich. Gestatten Sie, dass ich Ihnen so lange Gesellschaft leiste?«

Schlagartig änderte sich die Temperatur im Raum: Joachim grinste schief, Liebigs Dame schlug endlich den Läufer des Majors, Herbert stopfte neuen Tabak in leere Hülsen und Werner griff wieder zu seiner Schere. Alle stellten ihr äußerstes Desinteresse an unserem Zwiegespräch zur Schau und ließen mich so als Verräter erscheinen, der von ihnen zu Recht mit Verachtung gestraft wurde. Zwar war auch Liebig dem Wirt ins Wort gefallen, mit meinem unbedachten Angebot aber hatte ich den stillen Frieden nachhaltig in Gefahr gebracht.

Der Urheber der Unruhe schien diese Spannung nicht zu spüren: »Ich heiße .«

»Wolter, ich weiß. Das war ja nicht zu überhören.«

Er nickte. »Und wie ist Ihr Name, wenn ich das direkt fragen darf?«

Seine unerschütterliche Höflichkeit steigerte meine Wut auf mich selbst und nötigte mir zugleich eine Antwort ab: »Hagen Siegfried. Meine Eltern hatten einen eigenartigen Sinn für Humor.«

Wolter lächelte und streckte mir die Hand entgegen. »Angenehm! Sagen Sie, Herr Siegfried, kommt der Wirt hier an den Tisch - oder muss man sich selbst bedienen?«

Ich schüttelte den Kopf. »Das läuft anders. Joachim hat längst keine Schanklizenz mehr, streng genommen ist das gar kein Gasthaus. Hier sorgt jeder selbst für seine Ration, der Wirt schließt bloß die Tür auf und heizt den Ofen. Wir zahlen nur für den Tisch und die Gläser - eine Art Korkengeld, auch wenn keiner von uns Wein trinkt. Liebig hat seine Milch, Herbert und Werner bleiben bei Bier, der Major und ich bevorzugen Schnaps. Aber alles nur für den Eigenbedarf, verstehen Sie? Ich hätte da höchstens Wasser für Sie . aus der Leitung.«

Wolter hatte verwundert zugehört. »Und Speisen? Ich habe seit Stunden nichts gegessen!«

In meine Antwort mischte ich geheucheltes...

Dateiformat: ePUB
Kopierschutz: Wasserzeichen-DRM (Digital Rights Management)

Systemvoraussetzungen:

Computer (Windows; MacOS X; Linux): Verwenden Sie eine Lese-Software, die das Dateiformat EPUB verarbeiten kann: z.B. Adobe Digital Editions oder FBReader - beide kostenlos (siehe E-Book Hilfe).

Tablet/Smartphone (Android; iOS): Installieren Sie bereits vor dem Download die kostenlose App Adobe Digital Editions (siehe E-Book Hilfe).

E-Book-Reader: Bookeen, Kobo, Pocketbook, Sony, Tolino u.v.a.m. (nicht Kindle)

Das Dateiformat ePUB ist sehr gut für Romane und Sachbücher geeignet - also für "fließenden" Text ohne komplexes Layout. Bei E-Readern oder Smartphones passt sich der Zeilen- und Seitenumbruch automatisch den kleinen Displays an. Mit Wasserzeichen-DRM wird hier ein "weicher" Kopierschutz verwendet. Daher ist technisch zwar alles möglich - sogar eine unzulässige Weitergabe. Aber an sichtbaren und unsichtbaren Stellen wird der Käufer des E-Books als Wasserzeichen hinterlegt, sodass im Falle eines Missbrauchs die Spur zurückverfolgt werden kann.

Weitere Informationen finden Sie in unserer E-Book Hilfe.


Download (sofort verfügbar)

13,99 €
inkl. 7% MwSt.
Download / Einzel-Lizenz
ePUB mit Wasserzeichen-DRM
siehe Systemvoraussetzungen
E-Book bestellen