Geburtshilfliche Notfälle

vermeiden - erkennen - behandeln
 
 
Hippokrates (Verlag)
  • 2. Auflage
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  • erschienen am 15. November 2017
  • |
  • 240 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Adobe DRM | Systemvoraussetzungen
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978-3-13-240035-1 (ISBN)
 
Völlig neu überarbeitet, wissenschaftlich fundiert und erweitert, das Kompendium von Prof. Dr. Sven Hildebrandt und Esther Göbel. Es liefert Hebammen und Geburtshelfern das Grundlagenwissen für eine besonnene und kompetente Geburtshilfe im Notfall und um Notfälle zu vermeiden. Neben konkreten Handlungsanweisungen bieten die Autoren eine völlig neue und umfassende Sicht auf Notfälle.
2. völlig überarbeitete Auflage
  • Deutsch
  • 50
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  • 50 Abbildungen
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  • 35 Abbildungen
  • 7,05 MB
978-3-13-240035-1 (9783132400351)
3132400351 (3132400351)
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1 Rolle der Intervention bei der Entstehung geburtshilflicher Notfälle


1.1 Geburt im Verständnis eines Naturwunders


Geburt ist ein Naturphänomen, kein medizinisches Ereignis.

Wesentliche Grundprinzipien aller biologischen Vorgänge sind Risikovermeidung, die Aufrechterhaltung der physiologischen Homöostase und die Kompensation von Störeinflüssen. Auf diese Weise wird die Arterhaltung selbst unter oft widrigen Bedingungen sichergestellt.

Die Geburt eines Menschen weist gegenüber Geburten anderer Primaten einige Besonderheiten auf, die auf den aufrechten Gang und die relativ große Hirnmasse zurückzuführen sind. Die Statik der menschlichen Beckenknochen und die Größe des kindlichen Schädels erfordern eine Vorverlegung des Geburtszeitpunktes auf eine für Traglinge unphysiologisch frühe Entwicklungsphase. Dieser Geburtszeitpunkt ist für das Menschenkind somit der Kompromiss aus dem letztmöglichen Moment einer reibungslosen Kopfpassage und dem frühestmöglichen Moment einer komplikationslosen Anpassung an das extrauterine Leben. Während andere Primaten es sich leisten können, das Leben im Mutterleib bis zum Flüggewerden zu genießen, um dann immer noch ausreichend weite Geburtswege vorzufinden, stellt unsere Geburt somit eine Art "höhere Kunst", eine "Geburt für Fortgeschrittene" dar. Wir halten es dennoch für falsch, aus dieser Tatsache ein "natürliches Geburtsrisiko des Menschen" abzuleiten und die Geburt zum "gefährlichsten Moment im menschlichen Leben" ? [129] zu erklären. Denn wir erheben ja gegenüber anderen Lebewesen den Anspruch der Fortgeschrittenen und dürfen zu Recht auf einige erstaunliche Errungenschaften unserer Biologie verweisen:

Die Geburt des Menschen ist ein grandioser Beleg für eine perfekt ausgeklügelte biologische Regulation, die uns Grund zur Zuversicht auf einen erfolgsorientierten Ausgang gibt.

Die folgenden Beispiele sind für unser geburtshilfliches Denken besonders relevant und sollen diese These belegen:

  • biologische Optimierung des Geburtszeitpunktes

  • Zusammenwirken von Mutter und Kind im Geburtsverlauf

  • Balance zwischen Belastung und Ruhe während der Geburt

  • "Survival-Kit" Plazenta

Alle vier Beispiele zeigen zugleich, dass die moderne Geburtshilfe zunehmend in grundlegende biologische Regulationsmechanismen eingreift. Wir sollten jede Begründung eines solchen Eingriffs nach streng wissenschaftlichen Kriterien hinterfragen, weil wir Mutter und Kind möglicherweise wichtiger Ressourcen für eine optimale Geburt berauben.

1.1.1 Geburtsbeginn


Wir wissen viel über die endokrinologischen, neurophysiologischen und biophysikalischen Faktoren der Auslösung einer Geburt und trotzdem sind uns die tieferen Zusammenhänge vom Wann, Wie und Warum oder besser vom Warum nicht des Geburtsbeginns weitgehend unbekannt. Dem aufmerksamen Beobachter wird das Prinzip der biologischen Optimierung des Geburtszeitpunktes nicht verborgen bleiben, das einen Kompromiss zwischen schwangerschaftsverlängernden und schwangerschaftsbegrenzenden Interessenlagen darstellt:

Schwangerschaftsverlängernde Interessenlagen:

  • physiologische Frühgeburtlichkeit: Eigentlich wollen wir Menschenkinder so lange im Mutterleib bleiben, bis wir die gleiche Reife und Mobilität wie andere Traglinge erreicht haben, was jedoch erst Monate später der Fall wäre. Eine Passage unseres hirnmassebedingt sowieso schon großen Kopfes durch das relativ enge mütterliche Becken wäre zu diesem Zeitpunkt trotz aller Flexibilität der Schädel- und Beckenknochen undenkbar.

  • kindliche Reife: Die Lungen des Kindes und sein Immunsystem reifen erst relativ spät. Wird das Kind zu früh geboren, stellen Atmungsprobleme und Infektionen die häufigsten Komplikationen dar.

  • mütterliche Interessen: Die Schwangerschaft ist für die Mutter eine der beglückenden und innigsten Erfahrungen ihres Lebens. Nie wieder wird sie solch eine vollkommene Nähe und ganzheitliche Verbindung zu ihrem Kind haben. Viele Schwangere erleben eine heilige Zeit voller einzigartiger Eindrücke, die wir nur mit "Mystik", "Spiritualität" und "Lebenswunder" umschreiben können. Die Geburt stellt somit für die Mutter eine Verlusterfahrung dar, die sie u.U. hinauszögern möchte.

  • äußere Faktoren: Jedes biologische Wesen sucht instinktiv optimale Geburtsbedingungen. Wir Menschen sind sehr wohl in der Lage, Geburten zu blockieren, weil der Partner zum Beispiel noch (oder noch nicht) auf Dienstreise oder die Lieblingshebamme im Urlaub ist.

Schwangerschaftsbegrenzende Interessenlagen:

  • fetomaternale Proportion: Der aufrechte Gang mit seinen Folgen für die Statik der Beckenknochen einerseits und die größere Hirnmasse andererseits stellen ein Schlüsselproblem für das Verständnis der menschlichen Geburtsphysiologie und der Verkürzung der Tragzeit dar.

  • Sauerstoffversorgung: Das Kind scheint in der Lage zu sein, im Falle einer Plazentainsuffizienz eine Art Notfallplan ablaufen zu lassen, zu dem neben einer Kreislaufzentralisation auch die Herbeiführung des Geburtsbeginns gehört.

  • mütterliche Interessen: Das Ende der Schwangerschaft wird von den meisten Frauen als beschwerlich und mühsam empfunden. Die zunehmenden Belastungen führen dazu, dass die Schwangere trotz der beschriebenen beglückenden Erfahrungen oft die Geburt herbeisehnt.

Somit scheint der Zeitpunkt, zu dem das biologische Programm "Schwangerschaft" auf das biologische Programm "Geburt" umschaltet, ein je nach plazentarer Versorgung, kindlicher Reife und anderen Variablen individuell optimierter Moment zu sein, den wir immer seltener bereit sind abzuwarten.

1.1.2 Zusammenwirken von Mutter und Kind im Geburtsverlauf


Die Geburt ist keine fremdgesteuerte Automatie, die nach einem standardisierten Fahrplan abläuft, sondern ein teils vegetativ, teils somatisch regulierter aktiver Akt des Gebärens und des Geborenwerdens. Insbesondere die Rolle des Kindes als ein den Geburtsverlauf mitgestaltender Faktor wird in der modernen Geburtshilfe oft unterschätzt: Wir haben gelernt, das Kind sei ein passives "Geburtsobjekt", das emotions- und gefühllos als "Geburtswalze" dank der austreibenden Wehenkraft durch den Geburtskanal geschraubt wird.

Das Gegenteil ist der Fall: Beide - Mutter und Kind - nehmen am Geburtsprozess aktiv und symbiotisch teil. Das Kind erlebt die Geburt, hat wie seine Mutter Ängste und Schmerzen. Es beteiligt sich mit Körperhaltung und Beckenarbeit direkt an seiner "Austreibung", die wir somit besser als Durchtritt im aktiven wie im passiven Sinne verstehen sollten. Eine harmonische Stabilität von Mutter und Kind und ein guter Kontakt zwischen beiden begünstigen die reibungslose Geburt. Angst, Schmerz, Störung und das Gefühl des Verlassenseins können die Geburt blockieren.

Die neueren Erkenntnisse der prä- und perinatalen Psychologie erfordern von Hebammen und Geburtshelfern einen konsequenten Prozess des Umdenkens: Die Aufrechterhaltung der während der Schwangerschaft gewachsenen Beziehung zwischen Mutter und Kind sowie die Stabilität ihrer emotionalen Bindung auch im für beide oft belastenden Moment der Geburt scheint für den Geburtsverlauf von größter Bedeutung zu sein. Ein an das Kind gerichtetes tröstendes Wort der Mutter vermag durchaus, ein auffälliges CTG zu stabilisieren. Umgekehrt kann ein Abbruch des Kontakts zwischen Mutter und Kind eine Einstellungsanomalie provozieren oder eine messbare Panikreaktion beim Kind auslösen.

Ähnlich bedeutsam dürfte übrigens auch der väterliche Einfluss sein: Die beruhigende Hand und der achtsame Zuspruch des Mannes können Mutter und Kind wieder in ein harmonisches Gleichgewicht bringen und wahre Wunder für den Geburtsverlauf bewirken.

Auch unsere Anschauungen zur Durchtrittsperiode verdienen...

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