Der Bucklige von Mossul

Roman
 
 
TWENTYSIX (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 14. April 2020
  • |
  • 340 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7407-4012-2 (ISBN)
 
Vier Frauen - vier Schicksale. Sie haben nicht die besten Startbedingungen gehabt. Das Leben fällt ihnen nicht in den Schoß. Die Täler sind tiefer als die Gipfel hoch. Schließlich findet jede das Gesetz ihres Handelns. Ob es ihr Glück wird, ist eine andere Frage.
Und es geht um die Geschichte eines Mannes.
In Pjöngjang verliert er fast den Verstand und in Mossul beinahe sein Leben. Er tastet sich an Grenzen entlang, er kann nicht anders. Eine geheimnisvolle Mission lässt ihn nicht los, selbst als er hinter ihren wahren Charakter kommt. Aber da entkommt er sich nicht mehr.
Am Ende spitzt sich jedenfalls alles in einem mörderischen Bruderkampf zu.
Weniger ein Abenteuer als eine Reise ins finstere Niemandsland der menschlichen Existenz.
Eine rasante Geschichte von Lust und Vergeblichkeit...
1. Auflage
  • Deutsch
  • 0,76 MB
978-3-7407-4012-2 (9783740740122)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Florian Hildebrand ist langjähriger Wissenschaftsautor für die ARD. Mit seinen Sendungen über Evolution und Astrophysik hat er Preise gewonnen. Er schreibt und hält Vorträge über die Gesetze von Leben und Kosmos. Für ihn sind Fragen wichtig wie: hat der Mensch je den aufrechten Gang gelernt? Warum nutzt er die evolutionäre Chance nicht - angesichts der globalen Gefahren? Ist der kollektive Selbstmord durch Krieg und Umweltzerstörung unausweichlich?
In seinem ersten Roman 'Der Bucklige von Mossul' sucht er nach Antworten.

1 Ein Restaurant


Es war einer dieser Tage. Der Ober trug einen Tisch vor dem Bauch aus dem Haus und stellte ihn mit Nachdruck vor Yul hin. Er breitete eine weiße Decke darauf aus, wischte sie kurz glatt und schob ihm einen Stuhl hin. Dann stützte er sich kurz darauf und sagte: »Der Chef bittet Sie nachher hinein.« Die Tonlage sah Widerspruch nicht vor. Er kannte das Restaurant nicht.

»Um was geht es«»Das sagt er Ihnen selbst.« Nach der obligatorischen Puttanesca und einem Glas Valpolicella ging er hinein. Der Ober wies knapp nach hinten, und vorbei an den Toiletten fand er eine halboffene Tür »Privat». Der Raum lag im Halbschatten und glich einer halb aufgeräumten Rumpelkammer; eine Säule Speisekartenmappen aus braunem Kunststoff suchte die Balance zu halten, Fakturierrollen obenauf. Das Licht des Fensters beschien knapp den Schreibtisch; ein Mann saß daran und kontrollierte Rechnungen. Über der Tür zitterte ein rotes LED-Licht, als registriere es das zunehmende Gewicht der Gäste. Nach einer kleinen Weile sah der Chef auf. Das Gesicht, mittelalt, zielgerichtet, sagte ihm nichts. »Schön.« »Sie spekulieren auf meine Neugierde.« »Zu Recht, wie ich sehe.« Der Zungenschlag verriet eine ausländische Herkunft nur wenig.

»Ich habe ein Angebot für Sie.« »Sie verwechseln mich nicht.« Er wurde taxiert, als habe er ein Dutzend Mal gekniffen, es diesmal aber nicht geschafft:

»Wir irren uns nicht.« Die Puttanesca entsandte ölige Blasen nach oben. Danach hatte das Restaurant ausgesehen. »Also« Yul stand immer noch vor dem Schreibtisch. Er sah sich nicht nach einem Stuhl um. Im Hinterhof beugten sich übereinander gestapelte Tomatensteigen zum vergitterten Fenster als hörten sie mit.

»Sie haben gerade Zeit. Fahren Sie Richtung Tempelhof, Germaniastraße, Kreuzung Sachsenhauser Straße. Dort Sie werden abgeholt.« Dass man ihn wie selbstverständlich vereinnahmte, machte ihn unwirsch. Er suchte die Kreuzung auf und und kaum hatte er sich umgesehen, hielt ein Taxi neben ihm. Der Fahrer ließ das Fenster herunter: »Steigen Sie ein.«

Sie fuhren nach Klein-Kienitz in eine gesichtslose Siedlung. Freundlichkeit über den Zaun signalisierte hier Sorge um die richtigen Nachbarn. Einfamilienhäuser exakt gereiht, Gärten in strammer Zucht. Im Wohnzimmer eine große Sofalandschaft, gegenüber ein Bildschirmloch wie ein Tunneleingang, der Rest unauffälliger Durchschnitt, darin rosa gesichtig eine Zepterkrawatte und scharf manikürte Händen.

»Am Anfang glauben manche, das Ganze ist eine unverbindliche Verabredung, aus der sie aussteigen können wie aus einer Partie Poker. Das ist schade. Sie tricksen sich nur selbst aus. Aber Sie werden es machen.« Yuls Neugier wuchs; gleichzeitig ärgerte er sich weiter.

»Lassen Sie nur, Misstrauen hilft Ihnen.« »Was genau wollen Sie von mir« »Sie denken: warum ich Dabei wird Ihnen nur der Kopf schwer. Machen Sie einfach einen guten Job.« Basedow-Augen haben nicht viel Talent zur Aufmunterung. Was immer sie ausdrücken, es sieht fordernd aus. Der Mann saß in einem nachgemachten Stilsessel, die Bügelfalten stramm gezogen, grauer, leicht in sich karierter Anzug, weißes Hemd, die Krawatte mit Herrscheranspruch. Er sah wie ein Biedermann aus, der ihn für eine Drückerkolonne anwerben wollte.

»Ist das eine Einladung für eine Reportage« Sein Gegenüber zog noch nicht einmal die Brauen hoch. »Sie misstrauen sich Wenn es mal unerwartet kommt«»Schadet das« »Es ändert nichts, meistens jedenfalls. Sie haben es gerne weit weg. Das passt für uns.«

»Was ist, wenn mir am Abzug der Finger zittert« »Wen wollen Sie aufs Korn nehmen Schauen Sie mal raus.« Im Garten saß am Rand des Sandkastens eine hoch gewachsene Frau in dunklem Stretch, langgewelltem Haar, einige Jahre jünger als der Mann und spielte mit einem Kind.

»Ich kann sehr beharrlich und sehr wechselhaft sein,« suchte Yul zu drohen. »Deswegen sind Sie hier.« Jetzt lächelte die Szepterkrawatte andeutungsweise. Es war ihm unangenehm, dass sich der Mann anheischig machte, ihn besser zu kennen als es die Situation erlaubte.

»Draußen im Gang steht eine weiße Tüte. Bringen Sie sie nach Sevilla. Ticket und Spesen sind drin. An der Plaza de la Encarnation übergeben Sie sie und erhalten eine andere. Morgen mittag, vierzehn Uhr, in der Cocktailbar an der Plaza.« »Worum geht es« »Um den Tausch, nichts weiter.« Der Mann stand auf.

Er schaute zur Decke, als zeige sich im Krakelee des Verputzes der Plan. Unaufhörlich teilten sich größere und kleine Risse, wie Nervenbahnen im Gehirn eilten sie auseinander, verbanden sich wieder, liefen über die ganze Decke, manche versanken in vielfach übermalten Stuckwulsten, andere dünnten aus, verloren sich im weißen Nichts, bis die Augen wehtaten.

Früher hatte er geglaubt, eine Art Karma führe ihn von einer Beziehung zur nächsten. Aus dem Verlust einer Frau gehe die Aufgabe für die nächste hervor. Nach einigem Scheitern konnte er sich heute genau so gut fragen, warum die Evolution vor fünfzig Millionen Jahren kleine, laufschnelle Landtiere zurück ins Meer geschickt hatte. Als ob es sie Äonen davor nichts gekostet hätte, Tiktaalik, eine flossige Amphibie aus den Ozeanen ans Ufer zu locken, wo sie in endlosen Generationen lernte, die Erdenschwere auf sich zu nehmen, Luft einzusaugen und sich höchst aufwendig fortzupflanzen - um Millionen Jahren später fast alles wieder rückgängig zu machen, indem sie die Raoelliden, die wie eine Kreuzung aus Ratten und Hyänen ausgesehen haben mochten, erneut ins Wasser schickte. Was für ein Plan.

Das Krakelee an der Decke verzweigte sich wie ein Netzwerk, ohne Richtung, ohne Ziel, ohne Zentrum.

Jeder Schritt eine Entscheidung. Ein Tier beschloss nichts; der Moment verlangte danach. Es hinterließ eine mäandernde Spur hierhin und dorthin, nichts von Bedeutung, aber alles mit Folgen. Jede Winzigkeit, kleine, kaum auffallende Wendungen, vielleicht nur der momentane Hunger, zwischen den Mangrovenwurzeln einem Fisch hinterher zu tauchen. Erst in der Rückschau fügte sich die Fülle der ahnungslosen Handlungen Schritt für Schritt zum großen Richtungswechsel des Tieres, vom Land ins Meer zurückzukehren. Die Beute am warmen Wasser lockte, die Raoelliden kümmerten sich nicht um langwierig erworbenes Erbe des einstigen Landgangs, Lungen, Warmblut, Bewegungsapparat, Brutaufzucht. Sie tauchten einfach zurück, hatten vergessen, wie warmes Wasser sie anfühlte, und blieben. Wurden zu Walen mit kompliziertem Sprechgesang. Artgenossen scheuten das Wasser unter den gepaarten Hufen und wurden zu Flusspferden, vielleicht. Die Evolution lehnte an sehnigen Mangrovenwurzeln und beobachtete sie gleichmütig.

Eine Tüte hierhin, eine andere dorthin, klang nicht nach einer großen Sache, solange nicht geheimdienstliche Paranoia dahintersteckte. Trotzdem hörte er sein Herz pochen, während er sich an der Decke im Gespinst der unendlichen Möglichkeiten verirrte. Er war innerlich eigentümlich erregt. Als handele er sich nicht rückgängig zu machende Verwicklungen ein, folgte er der Szepterkrawatte nicht.

Morgen nahm er das Flugzeug nach Sevilla. Es mulmte in seinem Magen, aber es war entschieden. Ruckartig setzte er sich auf und wies sich zurecht. Sie hatten ihn an der Neugier gepackt, dagegen war er gerne machtlos. Er stand auf. Zweckpessimisten geißelten sich mit Ahnungen, nicht mehr, Herrgott.

2 Sevilla


Das Flugzeug erreichte mit einem kaum spürbaren Senken der Schnauze seine Reisehöhe. Yul schnallte sich los und drückte die Arme am Vordersitz durch, bis vorne jemand murrte. Er schaute an den beiden Sitznachbarn vorbei aus dem Fenster. Unter ihnen eine geschlossene Wolkendecke. Ein Quirl hatte die Watte aufgebauscht, Fetzen zipfelten wie steifgeschlagener Rahm heraus. Jetzt rieselte es wieder warm durch seine Glieder. Verkrampft war er nach Sevilla geflogen. Inmitten der auffallend gleichförmigen Altstadt war er auf die Plaza de la Encarnation gestoßen, überragt von einem Schwarm riesenhafter Parasols. Ein gewaltiges hölzernes Raumschiff, das zwischen klassizistischen Hausfassaden nieder gegangen war. Noch keine zwei Minuten hatte er an den Tischen vor der Bar gewartet, als ein Mann auf ihn zusteuerte und sich ungefragt neben ihn setzte. Ein unauffälliger Typ von Mitte vierzig, im Straßenbild würde er kaum auffallen. Die Plastiktüte stellte er nachlässig neben sich und fing gruß- und umstandslos eine leichtfüßige Plauderei über die Feria de Abril in Sevilla an. Yul gab Hülsenworte zurück. Brachte er den Auftraggeber ins Spiel, redete der andere mit Belanglosem dazwischen. Schließlich erklärte ihm sein Gegenüber, genaue Instruktionen zum nächsten Transfer finde er in der Tüte, erhob sich, nahm ohne zu zögern die richtige Tüte und verschwand zwischen den Füßen des...

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